Ursymbol des Lebens

“Die Kunst ein Buch zu schreiben…
…die Kunst ein Buch zu lesen

Als Ur-​Symbol des Lebens spielen Bücher schon immer eine große Rolle in der Geschichte der Menschheit.
Für gewisse (radi­kale) Tendenzen ist einer immer gut, und das ist
Friedrich Nietzsche.

Er schreibt in den “Unzeitgemäßen Betrachtungen”:

Damit ein Ereignis Größe habe, muss zwei­erlei zusam­men­kommen, der große Sinn derer, die es voll­bringen und der große Sinn, die es erleben”

Dies zeigt vom oftmals umstrit­tenen Philosophen Nietzsche, dass es nicht nur eine Kunst ist, ein Buch zu schreiben, sondern auch eine Kunst ist, ein Buch zu lesen.
Und gut ist immer das, was man nicht sofort versteht und ein umstrit­tener Schöpfer ist immer besser, als ein vollauf aner­kannter.
Nach soviel Zitaten, Theorien und leit­satz­mä­ßigen Sprüchen beginnt nun die Darlegung, dass es nicht nur eine Kunst ist, ein Buch zu schreiben, sondern auch eine Kunst es zu lesen. 

Schon leicht lädiert

Struktur :

* Das Nachvollziehen eines Gefühls

* Schreiben – Lesen

* Der Worte Wahl und die Wahl der Worte

* Die Verfestigung des Lebens im Wort

* Die Ursymbolik Buch

* Wer schreibt, der bleibt


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Das Nachvollziehen eines Gefühls

Immer, wenn es darum geht, große Werke zu schaffen, egal ob in der Kunst, in der Literatur oder der Kompositionstechnik, geht es um mensch­liche Gefühle, denn große Werke kommen aus dem Herzen und nicht aus dem Kopf.

Der Schöpfer versucht seine Gefühle darzu­stellen in Noten, Farben und Worten.
Um so besser es nach­voll­ziehbar ist, um so besser ist es, …nein, besser, um so mehr spricht es den Rezipienten an, denn bei Werken kann man ja nicht sagen, dieses ist besser als das, es ist ja keine Sportart.

Wenn man nun ein Buch in der Hand hat und beginnt zu lesen, so versucht man es zu verstehen.
Wenn das Geschriebene gefühl­voll wird, setzt die eigene Gefühlswelt ein.

Wie (fast) jeder kennt, löst Melancholie Kreativität aus, während Enttäuschung Aggressionen auslösen
Wenn einen das Geschriebene nun emotional anspricht, ist es wie ein Wandeln in einer traum­haft schönen Naturlandschaft, man will immer weiter…
Genauso folgt eine Zeile der anderen, …viel­leicht kennen viele das Gefühl, das Buch abends nicht aus der Hand legen zu wollen, weil die (emotio­nale) Spannung nicht nach­lässt.

Es gibt halt Bücher, von denen nach dem Lesen so gut wie nichts hängen geblieben ist und man fragt sich, warum man es über­haupt gelesen hat.
Bei anderen hat man das Gefühl, dass in einer Zeile mehr steht, als in ganzen anderen Büchern nicht.
Bücher müssen die Gefühlswelt anspre­chen und sollten immer Fragen aufwerfen und nicht Fragen beant­worten und ein gutes Buch ist das, was man immer wieder lesen kann.


Schreiben – Lesen

Schreiben ist eine Art Lesen in Vollendung” (Stendhal)

Wer gute Bücher liest, kann nicht auch gleich­zeitig gut schreiben, aber wer schlechte Bücher liest, kann nur Schlechtes schreiben.
Wenn man nun einen Griffel in die Hand nimmt und schreiben will, greift man anfangs gerne auf bereits Gelesenes zurück.
Es bleibt aber nicht bei der Kunst des Kopierens (und Zitierens).
Wenn das Schreiben einen Fluss annimmt, kann man davon ausgehen, dass man es auch in einem Fluss lesen kann.
Das Sehen der Farben ist wie das Lesen der Worte.
Quasi eine in die Farbenlehre über­nom­mene Wortwahl….

Schopenhauers Handschrift war nicht gerade die Beste


Der Worte Wahl und die Wahl der Worte

…wie bei vielen anderen Dingen, macht immer der Ton die Musik.
Genauso ist es eine Kunst die rich­tigen Worte zum rich­tigen Zeitpunkt zu finden.

Bei dem Ablauf der Handlung ist es die Kunst diesen mit der rich­tigen Wortwahl am Fließen zu halten in der Art einer unend­li­chen Melodie.
Wenn man jetzt die Gegenseite betrachtet, ist das Lesen wie das Hören einer Komposition aus Worten und da ist die Wahl natür­lich ein entschei­dender Faktor
.
Große Werke haben eine Notwendigkeit von Kontrasten, das heißt, dass die Steigerungen erst dadurch kommt, wenn sie aus dem Unterem heraus­steigt, dadurch zeigt sich die Notwendigkeit des eher “Leichteren”, des Burlesken.
Wiederholungen sind meis­tens ein Zeichen von Schwäche.
Es gibt Schöpfer, die schreiben ein Buch, was gewissen Erfolg hat und kopieren dieses dann konti­nu­ier­lich, um an dem Erfolg anzu­knüpfen.
Hierbei kann man das erste lesen und alle anderen wegschmeißen
.
Große Schöpfer erkennt man daran, was nach deren Ableben noch Geltung hat.

Die Verfestigung des Lebens im Wort

Wer schreibt, der bleibt, wie es so schön heißt, aber warum das ?


Es hat schon immer Personen gegeben
, die es nicht weit gebracht haben (wie man so sagt), also nicht unbe­dingt Erfolg im Beruf, bei Frauen etc.
Doch einzelne haben sich dann schlau­er­weise gar nichts daraus gemacht und haben begonnen zu schreiben und sind somit bis heute bekannt geblieben auch ohne erfolg­reiche beruf­liche Karriere.

Auch wenn es nicht immer so einfach ist, zu verstehen, was ein gewisser Herr Marie-​Henri Beyle alias Stendhal in seinen sehr umfangs­rei­chen Romanen auszu­drü­cken versucht, hat er mit seinen über 7.000 Seiten (!), die er der Nachwelt über­lassen hat, sich doch ein eigenes Denkmal gesetzt, auch wenn das Wort “enttäuscht” beim Autor oftmals vorkommt (wenn es um Frauen geht, bin ich aller­dings auch immer enttäuscht worden).
Auch wenn er schon 180 Jahre tot ist, werden die Bücher bis heute gelesen. Und er ist ja vom Namen her nicht so bekannt wie Karl May.

Stendhal hat es also als gutes Beispiel geschafft seine eigenen mate­ri­ellen Probleme und Nöte hinter sich zu werfen und durch seine großen Romane seine Gefühlswelt, die durch Liebe, Italien und Rossini geprägt war, für kommende Generationen frei­zu­legen.
Wenn Herr Beyle nicht geschrieben hätte, würde heute kein Mensch mehr seinen Namen kennen.
Und dies nennt man “Die Verfestigung des Lebens im Wort”.

Nach diesem exem­pla­ri­schen Beispiel wieder zum Symbolischen, denn das Symbolische erkennt man nur mit Fantasie und dann, wenn man es will…

Die Feder ist stärker als das Schwert


Die Ursymbolik Buch

Es gibt gewisse Ursymbole des Lebens : der Weg, der Bach, die Brücke, der Baum und letzt­end­lich das Buch.
Denn wir leben in Symbolen, denn Symbole spie­geln die Sache mit einem einzigen Zeichen wieder und geben mehr Auskunft, als lange schrift­stel­le­ri­sche Ausführungen.

Außerdem denkt und fühlt man mit zuneh­menden Alter plas­ti­scher, man sieht nicht mehr dasje­nige, sondern nur seine Symbolkraft – die Wände des Ego-​Tunnels verhärten sich und wenn man z.B. über 50 Jahre alt ist, hat man einen ganz anderen Blick aufs Leben, auch auf sein eigenes Leben.
Man inter­pre­tiert das Gesehene und verla­gert dies auf das zu Sehende, bevor man etwas wahr nimmt, inter­pre­tiert man es erst und dabei spielt Symbolik und Fantasie eine große Rolle.

Materiell einge­stellte Menschen können zwar eine Prüfung bestehen, aber niemals ein Gedicht schreiben, wenn jemand eine poeti­sche Ader hat, heißt dies nicht, dass er keine Prüfung bestehen kann. 

Bei den oben ange­ge­benen 5 Ursymbolen kann man jedes auslegen :
Der Weg zeigt die Möglichkeit aus einer bösen Situation heraus­zu­kommen, also ein Hoffnungsträger … die Brücke steht für Vereinigung, wenn Brücken abge­bro­chen werden, fällt hinter einem alles zusammen … der Baum steht für Stabilität und Festigkeit … der Bach für das ewig Dahinfließende des Lebens … und wofür steht das Buch ?

Ein Buch ist wie ein Paradies, was sich vor einem öffnet, wenn man es öffnet.
Dies hört sich ein biss­chen über­trieben an, aller­dings kommt hier der Faktor der Kunst ein Buch zu lesen ins Spiel.
Es kommt natür­lich auf die Fantasiewelt des Lesenden an, manche Bücher sind so, dass man sie von vorne bis hinten lesen kann, man kann sie quasi gar nicht aus der Hand legen, andere kann man immer wieder lesen (soge­nannte “Gute Bücher”) und andere, wo man sich hinterher fragt, warum man sie über­haupt gelesen hat, wo also nichts hängen geblieben ist. 

Notebook versus Buch


Wenn man einmal von den “Guten Büchern” ausgeht, ist es immer gut, die Ideen, Gedanken und Gefühle des Autors empa­thisch nach­zu­voll­ziehen (sh. oben).
Und um so besser man sie nach­voll­ziehen kann, um so mehr spre­chen sie einen an.
Die Symbolik ist quasi der Lernprozess, was man daraus lernt, ableitet oder über­nimmt, es soll das Denken anregen.

Gute Bücher beant­worten keine Fragen, sondern werfen Fragen auf.


Wer schreibt, der bleibt


Ein Zitat, was einem sofort über die Lippen kommt, wenn man ans Schreiben denkt.

Es ist schon die Sache mit den Tagebüchern, denn wer Tagebuch schreibt, der schreibt es ja nicht, sondern er führt es, er schreibt Tag für Tag auf, was ihn bewegt und was passiert ist, legt es also fest, das knüpft an den vorletzten Absatz an (Die Verfestigung des Lebens im Wort).
Viele große Schöpfer (oder bedeu­tende Personen) legen nach langen Jahren ihre Tagebücher offen, es ist die beste Basis um eine Art Lebens-​Resümee zu schreiben (oder eine Auto-​Biographie), hierbei muss man aber vorsichtig sein, denn wenn man sie selber schreibt, ist es eher so, wie man sein Leben gerne gesehen hätte und nicht, wie es war. 

Wenn das Goethe wüsste

Ein Tagebuch entwi­ckelt sich ja, quasi ein Lauf des Lebens und den kann man natür­lich im Nachhinein auch geschickt verän­dern oder lenken.

Große Komponisten zum Beispiel sind irgend­wann des Kämpfens auch müde und denken, dass sie das Ziel ihres krea­tiven Schaffens erreicht haben, aber um nicht tatenlos dazu­sitzen, nehmen sie den Griffel in die Hand und verfassen Schriften über ihr Leben und über ihre Werke, was für einen Verehrer sicher auch inter­es­sant ist etwas aus der Hand des Schöpfers über seine eigenen Werke zu lesen, es kann auch ein ganz anderes Herangehen an das Werk für den Rezipienten bieten, quasi ein Schlüssel zum Verständnis der Werke.

Es ist aller­dings schade, dass so ein genialer Belcanto-​Komponist wie Vincenzo Bellini im frühen Alter von gerade mal 34 Jahren verschied – nach seinen 10 Werken hätte er sich im zuneh­menden Alter ans Schreiben begeben und hätte sein Schaffen und seine Schöpfungen mit Worten fest­ge­halten – da dies aber durch den frühen Tod Bellinis nicht reali­siert werden konnte, gibt es kaum Literatur von und auch über Bellini und man hat Schwierigkeiten, etwas Lesbares über die Werke von ihm oder von einem anderen über die Bellinischen Werke zu finden.
Hierbei sei gesagt, dass die Werke (Melodramen und Lyrische Tragödien) von Bellini natür­lich wich­tiger sind und Priorität haben. 

Das Geschriebene fehlt – Vincenzo Bellini

Aber auch, wenn die Schriften nicht einher­gehen mit anderen Werken, ist ein Festlegen in Worten immer gut für Nachfolgende und natür­lich für einen selbst.

Die Schriften großer Philosophen sind ja in ihrer Zeit oftmals miss­ver­standen worden (sie sind Vorausverkünder) und kommen erst in späteren Jahren zur Geltung und dies ist immer ein Zeichen der Stabilität, denn wer zu Lebzeit bekannt, ist schnell vergessen. 

Als abschlie­ßendes Resümee kann man sagen, dass es Bücher schon immer gegeben hat und auch immer geben wird, es ist ja keine Modeerscheinung, sondern Symbolik und Fantasieanregung, sie werfen eben Fragen auf und beant­worten keine.

Schreiben ist eine Art Lesen in Vollendung
(Stendhal)


*sh. auch folgenden Beitrag : Bücher für die Insel”

*Empfehlung : Lesestunden (Buchblog)

*Topliste Buch-​Blogger


Sonstiges

Impressum

Goethe in Weimar

Ein Besuch beim Dichterfürst in Weimar”

Warum willst Du Dich von uns Allen
Und unsere Meinung entfernen ?
Ich schreibe nicht euch zu gefallen
Ihr sollt was lernen”.
GOETHE

Als Samstags in der Früh das Telefon schellte, rech­nete ich mit allem, aber damit nicht. Es meldete sich ein gewisser John aus Weimar, was mich leicht verdutzt machte.

Wie kann ich Ihnen helfen Herr John…?”, antwor­tete ich leicht verwirrt.

Er wäre der Schreiber und Freund von Goethe.

Ich glaubte erst, dass es ein Witz sei, aber der 1. April war ja schon längst vorbei. 

Herr Goethe hätte meine Texte gelesen und ihn stört immens meine Darlegung der beiden schiefen Türme von Bologna, wo ich versuche, seine These des “Schiefen” zu widerlegen. 

Tja”, sagte ich leicht stolz, “es ist kein Versuch, sondern ein Beweis!”.

Und genau darüber wolle der Herr des Hauses mit mir reden und mich aus diesem Grunde zu sich in sein Gartenhaus nach Weimar einladen.

Ich war doch leicht geschockt, holte aber intuitiv meinen Kalender aus der Schublade.

“Geben Sie etwas vor…”

“Was halten Sie von Pfingsten ?”, meinte John und ich willigte ein.

Als sich nun die Pfingsttage näherten, machte ich mich bei strah­lendem Sonnenschein mit meinem neuen Volvo auf den Weg nach Weimar, schon fünf Mal war ich dort und hatte mein Lieblingshotel am Park an der Ilm für 2 Nächte gebucht.
Für Sonntag Nachmittag um 14 Uhr war ich zum Tee eingeladen.

Goethes Gartenhaus gehört ja zu den meist foto­gra­fierten Häusers Deutschlands und auch ich habe es bei meinen zahl­rei­chen Besuchen mehr­fach festgehalten. 

“…schon von weit her erkennbar”

Noch leicht zu früh, ging ich an diesem lauen Pfingst-​Sonntag sieges­be­wusst durch das weiße Tor in Goethes Garten.

An der rück­sei­tigen Tür war keine Schelle zu erkennen, deshalb benutzte ich den Türklopfer, aller­dings war es gar nicht nötig, denn ich wurde ja erwartet, und John machte mir sofort die Tür auf.
“Schön, dass Sie gekommen sind, Herr Goethe erwartet Sie bereits.”

Die Möbel, das Stehpult, der Sitzbock und die Farben der Wände zeigten, dass es eine Art Rückzugsstätte des viel beschäf­tigten Goethe war … aber warum nimmt er sich die Zeit gerade mich zu empfangen ?

“Rückzugsstätte für geplagte Geister”

John führte mich in die erste Etage in ein privates Zimmer des Hausherren.

…als ich doch leicht nervös das Zimmer betrat

Als ich doch leicht nervös das Zimmer betrat, saß Goethe mit dem Rücken zu mir und schaute aus dem Fenster hinaus in den Park. 

…Herr Goethe”, ich traute mich gar nicht laut zu spre­chen, “Sie wünschten mich zu spre­chen”.
Goethe drehte sich schnell auf seinem Hocker herum.
Er sah aus…tja, wie ein normaler Mensch, im Morgenrock mit einer schwarzen Hose und Lackschuhe, ein hoher weißer Kragen ließ seinen Kopf schon leicht versinken. 

“…wie ein normaler Mensch”

Es ist mir eine Ehre Herr Goethe, dass Sie mir die Freude machen…”, stot­terte ich – Goethe lachte leicht zynisch.

Erst einmal bestellte er bei der Magd einen Tee und bot mir einen Stuhl an.
“Ich wusste gar nicht, dass Sie Teefreund sind…”, sagte ich etwas verlegen. 

…kommen wir zur Sache

Na ja”, sagte Goethe, “kommen wir zur Sache…


“Die zwei schiefen Türme” 

Meine Zeit ist knapp…Sie behaupten, dass meine These zu den beiden schiefen Türmen von Bologna nicht stimmen würde, Sie erlauben sich dieses zu behaupten”, sagte Goethe schon leicht erregt und angriffs­lustig.

Ich holte erst einmal Luft, behielt aber die Fassung und konterte.

“Ich war dreimal in Bologna und habe dort Einiges erforscht, auch den mittel­al­ter­li­chen Turmbau…” 

Goethe hatte meinen Bericht über die beiden Türme vor sich auf dem Tisch liegen.

“Sie müssen immer bedenken Herr Goethe, auch große Geister können einmal irren.”

Nachdem wir einen Tee genossen hatten, legte ich sieges­be­wusst los…

“nicht nur von Goethe erklommen” 

Der Torre Asinelli hat wie jeder weiß, eine ziem­liche Neigung und Sie glauben, dass er schräg gebaut worden wäre, und da liegen Sie falsch…“

Goethe schaute ziem­lich aggressiv und gries­grä­misch aus dem Fenster.

Und Sie meinen dies besser wissen zu müssen…?”, konterte er.

“Sie müssen immer bedenken, wie viele Jahre die Türme schon stehen, durch das lang­same Neigen der Schale des Turmes hat sich ja auch sein Innenleben, also sein Treppenaufgang und seine Stufen geneigt und wenn man hoch­steigt, steht man ja im geneigten Turm geneigt.
Man merkt dies aber kaum…eine Art opti­sche Täuschung..”

…Goethe fing immer mehr an zu grübeln 

Goethe fing immer mehr an zu grübeln und ich merkte, dass seine Gehirnzellen arbei­teten, er schwieg einen Moment.

Sie behaupten in Ihrem Buch, die Backsteinschichten liegen hori­zontal, natür­lich liegen sie hori­zontal, aber dies ist ja kein Beweis, dass der Turm schräg gebaut worden ist.”

Hiermit holte ich voll gegen Goethe aus.

Der Bau eines solchen Turmes war ja in der dama­ligen Zeit ein ziem­lich mühe­volles Unterfangen und zeit­auf­wendig, aber ihn dann auch noch schräg zu bauen, das war kaum möglich, da liegen bzw. stehen Sie komplett schief Herr Goethe…”

Goethe sagte kein Wort mehr und merkte, dass ich ihn in die Enge treiben wollte. 

Aber es war doch klar”, konterte Goethe, “dass damals alles mit Türmen zuge­baut war in Bologna, da musste ja etwas her, was auffiel…”

Schön und gut, aber das beweist ja nicht, dass der Turm schräg gebaut worden ist”, erwi­derte ich.

Wenn Sie nämlich den Nachbarturm, den Torre Garisenda, betrachten, so sieht man, dass dieser wesent­lich kleiner ist, nur er ist auch geneigt, er war damals nämlich schon fast fertig, als man mit Erschütterung sah, wie er sich immer mehr neigte und damit er nicht einstürzte, hat man ihn bis auf eine gewisse Höhe abge­tragen, dadurch steht er heute noch.
Er steht ja direkt neben dem hohen Turm, was zeigt, dass das Fundament nicht nur unter dem kleinen schlecht war und ist, sondern auch unter dem großen…”

Halt…”, rief Goethe und unter­brach mich in meinen umfang­rei­chen Ausführungen. 

…er machte einen merk­wür­digen Eindruck 

Goethe machte einen merk­wür­digen Eindruck, er merkte, dass ich ihn mit Fachwissen in die Enge getrieben hatte, er konnte und wollte aber von seiner These nicht abgehen, sonst hätte er ja die Stelle in seinem Buch revi­dieren müssen, er war in einer Zwickmühle.
Wahrscheinlich hat sich noch kaum jemand getraut, ihm zu wider­spre­chen und er merkte, dass dieses doch möglich ist.

Was nun ? Keiner sagte mehr ein Wort.
Goethe merkte, dass er sich geirrt hatte und ich wollte nicht noch mehr Beweise und Belege auf den Tisch bringen. 

…wir tranken noch einen Tee 

Wir tranken noch einen Tee und nach ein paar Minuten stand Goethe auf und machte eine Geste des Abschieds.
Tja, dachte ich, auch die Stärksten haben ihre müden Stunden. 

Er geleitet mich persön­lich bis zum weißen Eingangstor und ich verab­schie­dete mich dankend für seine Einladung.

“Wir können es dabei belassen”, sagte er mir zum Abschied.

Als ich am nächsten Morgen Weimar verließ, dachte ich, er soll bei seinem Glauben bleiben und ich bei meinem. 

Was lernen wir daraus : 

Auch die Stärksten haben ihre müden Stunden”


Nachtrag :

Goethes These, dass die hori­zon­tale Schichtung der Backsteinschichten der Beweis dafür wäre, dass der Torre degli Asinelli, der größere der zwei Türme, schief gebaut worden ist, ist nicht tragbar.
Genauso ist es nicht 100prozentig beweisbar, dass durch die Schrägung des “Innenleben” und die schräge Stellung des Hinaufsteigenden, der Turm schräg geworden ist.
Trotzdem deuten fast alle anderen Argumente darauf hin, dass es kaum möglich war, so einen Turm schief zu bauen und dass die Chance, dass er schräg geworden ist, so gut wie sicher ist.
Aber große Geister können sich eben auch einmal irren, sowohl Goethe, wie auch ich. 

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*sh. auch meine Beiträge :

Wagner in Verona

Friedrich Nietzsche in Weimar

Schopenhauer in Frankfurt

               

*sh. Beitrag (Torre degli Asinelli Bologna)


*sh. Fotos :

Goethe Gartenhaus Weimar

Goethe-​Haus am Frauenplan Weimar

Bilder­ga­lerie Italien Bologna


(Sonstiges)


Impressum

Fürstengruft Weimar (2003/​04)

           “Über den Verbleib von Schillers Schädel”
                                Eine Tragödie in 4 Akten

In der Geschichte der Menschheit gab es schon immer unge­löste Rätsel, die zu viel Nachdenken, Rätseln, zu Legenden und Mythen geführt haben.
Das verschwun­dene Bernsteinzimmer, die verschol­lene Original-​Partitur von Richard Wagners Frühwerk “Rienzi” nach 1945, die Frage nach der Echtheit des Blutes in den beiden Ampullen des Stadtpatrons Neapels San Gennaro , das angeb­lich im Alatsee bei Füssen versenkte Nazi-​Gold und vieles mehr.

Fürstengruft Weimar (2003/​​04) weiterlesen

Musée Louis Vouland Avignon (Okt. 2014)

                                “Kunst und Garten”

Was ja immer wieder auffällt, ist die Fusion von Garten und Kunst, die einem an vielen Orten großer Schöpfungen begegnet.
Ob dies nun der Garten von Paul Cezanne in Aix-​en-​Provence ist, der Jardin Majorelle in Marrakesch, Monets Garten in Giverny, nörd­lich von Paris oder der Garten von Goethes Wohnhaus “Am Frauenplan in Weimar, wo unser Goethe seinen bota­ni­schen Studie freien Lauf lassen konnte.
(Das Beitragsbild oben zeigt den Garten Goethes in Weimar)

Musée Louis Vouland Avignon (Okt. 2014) weiterlesen

Giardino Giusti Verona (Okt. 2017)

                           “Goethes Garten”

Auf GoethesItalienische Reise” kann man ja bei einem Italienbesuch  sehr gut zurückgreifen.
Goethe hatte auf dem Hinweg aller­dings nur eins im Kopf, nach Rom, nach Rom, nach Rom
Dadurch sind einige andere bedeu­tende Städte ausge­nommen Venedig (28.09.–14.10.1786), auf der Strecke geblieben, wo es sicher auch in dama­liger Zeit einiges zu sehen gab und wofür ein Tag nicht ausreicht.
Giardino Giusti Verona (Okt. 2017) weiterlesen