Pal. Contarini del Bovolo Venedig (Juli 2019)

Wer durch den Filter schaut, lernt neu zu sehen”

Der Palazzo Contarini del Bovolo gilt als histo­ri­sche Sehenswürdigkeit und ist ein goti­sche Palast im Stadtteil San Marco leicht unter­halb des Campo Manin in Venedig.

Schneckenform

Das Besondere an diesem leicht versteckt liegenden Palast ist eine Wendeltreppe (Scala Contarini del Bovolo), die alle Stockwerke erschließt und die so erscheint, als sei sie davor gebaut oder an einer Ecke des eher schmalen Gebäudes gesetzt worden.
Und wegen dieser Wendeltreppe ist er auch berühmt geworden und in die Kunstgeschichte einge­gangen.

Nur die Treppe machts…

Laut Literatur soll der Palazzo, außer der touris­tisch genutzten Treppe, insge­samt in keinem guten Zustand sein.

Der Palast als solches ist ein Gebäude des ausge­henden 15. Jahrhunderts der Familie Contarini.
In einem kleinen “Vorgarten” hat man als Ausstellungs‐​Relikte einige Reste von Brunnenfassungen (“vere di pozzo”) ausge­stellt, eine davon trägt auch das Wappen der Contarini.

Der mit einem Gitterzaun umge­bene Vorhof soll eben etwas mehr Historisches für den Besucher darstellen, da sind ja alte Relikte immer nütz­lich, auch schon, um den Blick des Besucher anzu­lo­cken.
Ein weiterer kleiner Innenhof ist von dieser Seite nicht einblickbar.

Zur Historie seien einige Fakten zu nennen :
Im Jahr 1499 hatte der dama­lige Hausherr (Pietro Contarini) die Idee diesen eher mager ausse­henden Innenhof mit einem wendel­för­migen Anbau in Form einer aufstei­genden Treppe zu verschö­nern.
Für dama­lige Zeiten eine eher unge­wöhn­liche Idee, die es auch zu dem Zeitpunkt in Venedig noch nicht gegeben hatte und als völlig neuartig anzu­sehen war.
Der Baumeister war ein gewisser Giovanni Candi (nach anderen Quellen Giorgio Spavento) zeigte sein Können hier eine Wendeltreppe im Stil der Renaissance errichten zu lassen, die eine eher unge­wöhn­liche Form haben sollte.
Es sollten eine Serie von Loggien sein, die sich anstei­gend durch Rundbögen öffnen.
Eine aufwän­dige Idee, aber große Werke in der Menschengeschichte waren ja immer nicht ganz so einfach.
Die Treppe endet in einer Art Kuppelraum, der einen hervor­ra­genden Blick über ganz Venedig (was ich aller­dings als etwas über­trieben ansehe) bietet.

Blick ist im Preis enthalten

Im 19. Jahrhundert diente der Palast eine Zeit lang als Hotel und beher­bergt ein pädago­gi­sches Institut.

Der Palazzo mit “Schneckenhaus”-Treppe (Bovolo - ital. Schneckenhaus) ist nicht ganz einfach zu finden (aber was ist in Venedig einfach zu finden?).
Als Haupt‐​Orientierungspunkt ist der nach Pomnik Daniele Manin benannten Platz Campo Manin leicht ober­halb ratsam.

Man muss sich am besten immer spontan durch die Gassen treiben lassen und hat dann oft mehr Erfolg etwas zu finden, als wenn man konzen­triert etwas sucht.

Bei meinen Venedig-Aufenthalten ist dies immer meine Devise gewesen, und somit habe ich auch das meiste gefunden ohne es zu suchen.
Denn Venedig ist ja als solches eher für den Wasserweg in dama­liger Zeit errichtet worden und nicht für Fußgänger, dadurch hat man es per pedes immer schwie­riger, als mit einem Boot.

So auch in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019), als ich durch eine kleine Seitengasse der Calle Locande auf die Wendeltreppe aufmerksam wurde.
Ein rich­tiger Aha‐​Effekt, denn der Palazzo ist ja eher unscheinbar, bzw. fällt hier, wo ja alles voll ist mit Palazzos, weniger auf.
Vielleicht war dies ja auch ein Grund des dama­ligen Hausherren eine derartig unge­wöhn­liche Wendeltreppe anbauen zu lassen, also seinen Palast etwas mehr heraus­zu­heben aus der Masse aller anderen.

Man entrichtet den Eintritt ja haupt­säch­lich, um durch die Schranke gehend diese schne­cken­ar­tige Wendeltreppe zu erklimmen, schon alleine des Ausblicks wegen.

Ausblicke

Allerdings ist auch eine kleine Kunstausstellung im Sala del Tintoretto im Eintrittspreis enthalten.

Zum Zeitpunkt meines 5. Venedig‐​Besuches lief ja die 58. Biennale di Venezia, die vom 11. Mai 2019 bis zum 24. Nov. 2019 die Stadt mit eher moder­nerer Kunst‐​Installationen berei­chert und viele Kirchen und Palazzos für den Besucher zur Betrachtung der Werke öffnet.

So auch der Palazzo Contarini del Bovolo, bzw. dessen Wendeltreppe.

Ich staunte nicht schlecht…
Denn bei der Erklimmung der Wendeltreppe fielen sofort farbig trans­pa­rente Folien ins Auge, die vor die rund­bo­gen­ar­tigen Fenster gespannt waren.

Trasformata in un faro multi­co­lore

Tja, da ist man über­rascht, denn hier hat (wie ich später erfuhr) eine Künstlerin ihre Hand ange­legt, nämlich die aus Armenien stam­mende Narine Arakelian leis­tete mit dieser fanta­sie­vollen Installation den Beitrag zur dies­jäh­rigen Biennale für das Land Armenien.

Pharos Flower

Die arme­ni­sche Schöpferin nannte ihre Installation “Pharos Flowers”.
Wenn man jetzt etwas Gesamtbildung hat, dann weiß man, dass bei der Insel Pharos vor Alexandria in der Antike der größte Leuchtturm der dama­ligen Zeit stand und dieser gehörte zu den 7 Weltwundern, nämlich der “Leuchtturm von Alexandria”.

Roter Aufstieg

Ohne tiefer in die Interpretation dieses Werkes einzu­dringen und die Schaffensgründe der Schöpferin zu ergründen, ist natür­lich die Idee diese aufstei­gende Wendeltreppe in einen Leuchtturm zu verwan­deln, schon wirk­lich erle­bens­wert, bei Tag und bei Nacht.
Warum jetzt “Flower”, kann ich nicht defi­nieren.

Lila Ausblick

Wenn man mit krea­tiver Ader und mit Goethes Farbenlehre im Kopf, mit der Kamera direkt durch die trans­pa­rente Folie foto­gra­fiert, ergeben sich von bekannten vene­zia­ni­schen Motiven doch fanta­sie­vollen Bilder, die an Farb‐​Filter für die Kameralinse erin­nern.

….mal in Rot….


…mal in Gelb…


…mal in Blau…


…mal in Lila…


…mal in Grün.


Hierbei fusio­nieren sich ja drei Ebenen.
Erst einmal die goti­sche Wendeltreppe und der goti­sche Palazzo aus dem 14. Jahrhundert, dann die Idee der Verwandlung dieser Wendeltreppe in einen Leuchtturm durch die arme­ni­sche Künstlerin, und dann die eigenen Interpretationen, die man sich selbst hinein­denkt.

Abschließend sei hier aus Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen“
zitiert :

Damit ein Ereignis Größe habe, muss zwei­erlei zusam­men­kommen :
der große Sinn derer, die es voll­bringen,und der große Sinn deren, die es erleben”

Doch hier in Venedig waren es sogar drei :
…der Schöpfer der Scala Contarini del Bovolo, die arme­ni­sche Künstlerin und derje­nige, der durch die einfar­bige Folie hindurch foto­gra­fiert.

Was lernen wir daraus ?

Große Werke entstehen immer erst im
Kopfe des Betrachters”



Palazzo Contarini del Bovolo
Corte Contarina, del Bovolo, 4303, 30124 Venezia VE, SM
täglich : Mo.–So.: 10–18 Uhr
Letzter Einlass 30 Minuten vor Schließung
Geschlossen : 1 Januar, 15 August, 1 November, 25 und 26 Dezember


*sh. auch meine Fotos Venedig 2019

*home­page der arme­ni­schen Künstlerin Narine Arakelyan

*Biennale di Venezia 2019

*Kunst‐​Magazin Midas Public Relations


(HerrRothBesucht)

Impressum

Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig (1861/​2019)

…seit dieser Empfängnis”

Bei der Phantasie von manchen Künstlern und Schöpfern kommt man bei der Rezeption ihrer Werke oft schon ins Staunen, egal ob es nun Maler, Schriftsteller oder Komponisten sind.

Aber einer hat bei dem “In‐​Szene‐​stellen” seiner Ideenquellen viele und vieles in den Schatten gestellt, viele ins Staunen versetzt und sogar (Musik-)Wissenschaftler oftmals Kopfzerbrechen bereitet, und zwar wie öfter schon bespro­chen, Richard Wagner.

Fast zu jedem Werk hat Wagner etwas erfunden oder hinzu­ge­dichtet, was man eine soge­nannte “Inspirations‐​Legende” nennt.
Was ist dies ?

Der Schöpfer (in diesem Fall Wagner) nimmt sich prägnante Teile oder Passagen aus einem seiner Werke, die schon viele begeis­terte Hörer und Verehrer ins Staunen versetzt haben, und gibt einen Grund vor, wie und wo diese entstanden seien.
Jeder Rezipient vor allem von Wagners Werk, fragt sich, wo so ein genialer Schöpfer alle diese Ideen her hatte oder/​und was hat ihn zu so einer Ausdruckskraft hinge­führt und ange­regt (?)

Und da kann natür­lich nur einer eine Antwort geben, nämlich der Schöpfer des Werkes selbst.
Und hier war Wagner schon ein geschickter (und oft auch dreister) Fälscher und Selbst‐​Inszenator.

Dieses alles hat den Grund, die Genialität des Werkes noch stärker in Scenen zu stellen und aufzu­pu­schen (wie man heute sagen würde).
Es wird das “Objekt” suggestiv mit etwas anderem verknüpft, sodass die Frage, wo er die Idee her hatte, beant­wortet wird, und das von Künstler selbst.
Nur, dass es in den meisten Fällen bei Wagners Inspirationslegenden nicht stimmt, also gelogen oder zeit­lich versetzt worden ist.
Oft handelt es sich bei Wagner um soge­nannte “zeit­ver­setzte Überraschungs‐​Semantik”.
Was ist das ?

Wagner muss ja irgend­wann und irgendwo die Idee oder Inspiration gehabt haben, sonst würde es die jewei­lige Passage ja gar nicht geben.
Nun versetzt Wagner einfach den Zeitpunkt der “Eingebung” auf einen anderen Zeitpunkt, als sie wirk­lich war.
Und dem nicht genug – Wagner erkennt geschickt die Sensations‐​Geilheit seines wissenden Publikums und baut eine plötz­lich auftre­tende Überraschung ein (“…in dem Moment hatte ich die Idee!”).
Diese “Plötzlichkeits‐​Semantik” hat auch einen Grund und eine Bedeutung.
Wagner will seine Ideen in eine schon fast gött­liche Eingebung erhöhen, um das Publikum noch stärker ins Staunen zu versetzen, als es schon ist.

Im Falle von Wagner Inspirationslegenden sei aller­dings gesagt, dass er vieles aus dem Grund erfunden hat, um seinen Haupt‐​Sponsor Ludwig II. von Bayern zu verzau­bern, damit dieser ihn auch weiterhin (finan­ziell) unter­stützt – ganz schön dreist.
Auf Befehl Ludwigs sollte Wagner seine Autobiografie “Mein Leben” schreiben, was er dann auch tat, bzw. nicht tat, denn er diktierte sie seiner 2. Frau Cosima.

“Mein Leben”

Beim Abfassen dieses umfang­rei­chen Buches in 2 Bände musste er natür­lich bei der Version bleiben, die er dem König (per Brief) vormals auf die Nase zu binden versucht hatte, sonst wäre es ja aufge­fallen, dass er gelogen hatte, bzw. es erfunden hatte.

Hier nun eine kleine Auflistung von einigen Wagnerschen “Inspirationslegenden”:

*Die Karfreitags‐​Legende (Parsifal) – 1857
*Die Vision von La Spezia (Rheingold-Legende) – 1853
*Die Erleuchtung von Biebrich (Meistersinger-Vorspiel) – 1862
*Die Klageweise Tristans (Tristan u. Isolde) – 1858
*Das Assunta‐​Erlebnis (Meistersinger) – 1861

Die Jahreszahlen beziehen sich auf den Entstehungszeitpunkt der Inspirationslegende mit dem in Klammern dahin­ter­ste­henden Werknamen, für den die Legende erfunden worden ist.

Um die es jetzt gehen soll, spielt in einer “Stadt”, die schon viele in Ihren Bann gerissen hat, nicht nur Wagner, nämlich VENEDIG.

Und hierbei geht es um das …

Assunta‐​Erlebnis von Venedig aus dem Jahre 1861

Ich erlaube mir hier, den Schöpfer in seiner Auto‐​Biografie selber zu Wort kommen zu lassen :

Bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits muss ich jedoch bekennen, daß Tizians Himmelfahrt der Maria im großes Dogensaale eine Wirkung von erha­benster Art auf mich ausübte, so daß ich seit dieser Empfängnis in mir meine alte Kraft fast wie urplötz­lich wieder belebt fühlte.”
“Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Soweit der Schöpfer selbst.

“Santa Maria Gloriosa dei Frari” – Tiziano Vecellio, 1516–1518

Hierzu sind einige Erläuterungen nötig.
Richard Wagner war nie ein Freund der italie­ni­schen Malerei und hatte hiervon auch nur wenig Ahnung – für ihn gab es eigent­lich nur ein Kunstwerk, und dies war und ist das seinige.
Die Hintergrund‐​Geschichte ist die, dass die befreun­dete Familie Wesendonk, die immer nach großen Werken strebte, Wagner schon fast genö­tigt haben muss, einmal mitzu­gehen, was ihn eigent­lich gar nicht inter­es­siert (“…bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits…”).
Er ging mürrisch mit.
Bei der Abfassung der Auto‐​Biografie setzt er den Ort des Geschehens in den Dogenpalast, wo das Bild angeb­lich gehangen haben soll.
Das ist der erste Fehler, denn das Bild hing zu diesem Zeitpunkt (1861) nicht im Dogenpalast, sondern in der Gallerie dell’Accademia in Dorsoduro an der Accademia‐​Brücke.
Später revi­diert er diesen Fehler mit dem Argument, dass er sich vertan hätte – na ja, Irren ist mensch­lich und das kann ja auch Wagner passieren.

Wagner hatte kurz vorher seinen Verleger (Schott) wie immer um Geld gebeten, um seine Arbeit an den “Meistersinger von Nürnberg” fort­setzen zu können.
Das heißt, dass das Thema “Meistersinger” brand­ak­tuell war, somit bot sich eine gute Gelegenheit an, das ganze Projekt durch eine innere Eingebung in ein helleres und glaub­haf­teres Licht zu stellen, quasi ein insze­nierter kreativ auslö­sender Moment, der sich dann ja in Venedig anbot.

Jetzt haben sich natür­lich unzäh­lige Wagner-Forscher und Musikwissenschaftler vieler Jahre Gedanken gemacht, was Tizians gran­dioses Bild mit der “Meistersinger”-Komposition und -Konzeption zu tun haben könnten (?)

Hier einige Versuche der Erläuterung :

… die erste und einzig wahre Liebe meines Lebens”

Wagners “Liebe” zu der jüngeren Frau des Schweizer Industriellen Otto Wesendonk war eher plato­ni­schen Charakters (oder Wunschdenken).
Er bezeichnet Mathilde als die “einzig wahre Liebe seines Lebens” – sie wird als auslö­sender Faktor für die “Tristan”-Komposition bezeichnet und ihr ist der erste Act der “Walküre” gewidmet.
Diese Person muss schon eine große Bedeutung gehabt haben, außerdem war sie wesent­lich jünger als Wagner (was Musen so an sich haben) und hatte ein zart geschnit­tenes Gesicht, kurz gesagt, eine Schönheit wie in einem Märchen.
Wenn man sich Tizians Gemälde einmal genauer ansieht, so könnten die Gesichtszüge auf Mathilde zu mindes­tens hinweisen (was aller­dings als gewagte These schnell wieder vom Tisch ist).

…bombas­ti­sche Werke”

Wagners “Meistersinger” sind ja ein bombas­ti­scher Werk von fast 5 Stunden mit den meisten Statisten auf der Bühne und was zu Lebzeit des Schöpfers neben dem “Rienzi” das popu­lärste war.
Genauso wird man vor Tizians Assunta stehend schon stumm über die immensen Maße des Bildes (6,90 m x 3,60 m) und man fragt sich, wie in dama­liger Zeit (1516) ein Künstler so ein Werk schaffen konnte (?)
Hat also die Bombastizität des Gemäldes Wagner an die Bombastizität seines Werkes erin­nert …?

…die Ausführung der Meistersinger”

Außerdem heißt es ja “…die Ausführung der Meistersinger”.
Wohlgemerkt “Ausführung” – nicht “Aufführung”.
Ausführung” bedeutet einen lang­le­bigen Plan, vorbe­rei­tende Gespräche etc. in die Realität umsetzen, also zu Papier bringen, letzt­end­lich fest­halten oder fest­legen.
Solche vorbe­rei­tende Gespräche könnten natür­lich auch mit Mathilde statt­ge­funden haben (was mir nicht bekannt ist).
Es kann alles, vor allem bei einem Schöpfer mit so einer Phantasie wie Richard Wagner.
Aufführung” hieße, das bereits Geschaffene auf die Bühne zu bringen.

…Aufenthalt in Marienbad”

Die nächste These ist folgende.
Wagner weilte 1845 im Kurbad Marienbad in Böhmen, wo er den Plan der “Meistersinger” entworfen haben soll.
Und der Name “Marienbad” blühte dann in Wagners Gedächtnis wieder auf, als er Tizians Maria in die Augen schaute (?)
Eine nicht halt­bare These, die nur auf der Namensgleichheit beruht.

Dies alles sind Vermutungen, die einiges Phantasievolles an sich haben, aber sie sind sehr allge­meiner Art und “Allgemeines” ist für so ein spezi­fi­sches Thema zu ungenau.

…heute in der Basilica dei Frari in S.Polo (2007)

Der Wahrheitsgehalt dieser “Tunnelforschung” lenkt sich eher zur Wahrheit, wenn man bedenkt, dass Wagner ein Meister der pathe­ti­schen Selbstinszenierung war.
Das heißt, etwas (oder sich selbst) geschickt in Scene setzen oder etwas so lenken, dass es noch immenser aussieht, als es schon ist.
Es bedarf schon etwas Überwindungskraft für einen nicht­lü­genden Menschen (wie mich) zu dem Ergebnis zu kommen, was immer verständ­li­cher wird.

Denn die Ausführung der “Meistersinger” haben mit Tizians Assunta rein gar nichts zu tun !

Denn nach seiner Schilderung des Besuches des Dogensaales (falsch) lässt Wagner einen Absatz.
Dann kommt wie in Stein gemei­ßelt :

Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Zu beachten ist der Absatz, der den Entschluss von der vorhe­rigen Handlung abtrennt.
Es ist hier die unge­heure Fähigkeit Wagners für thea­tra­li­sche Effekte zu berück­sich­tigen.
Ganz schlicht und einfach ist es ein schrift­stel­le­ri­scher Coup eines Ergusses, nämlich den Anblick der Maria als Auslösendes für die Umsetzung, bzw. die Weiterschaffung des bereits ange­fan­genen Werkes fort­zu­setzen.

Das “Ausführen” findet nämlich kurz danach bei der Rückfahrt Wagners von Venedig nach Wien statt.
Wieder zitiere ich den Meister aus seiner Biographie :

…verließ ich nach vier äußer­lich wahr­haft trüb­se­ligen Tagen zur Verwunderung meiner Freunde plötz­lich Venedig und trat, den Umwege zu Lande auf der Eisenbahnlinie folgend, meine lange graue Rückreise nach Wien an. Während der Fahrt gingen mir die “Meistersinger”, deren Dichtung ich nur noch nach meinem frühesten Konzepte im Sinne trug, zuerst musi­ka­lisch auf ; ich konzi­pierte sofort mit größter Deutlichkeit den Hauptteil der Ouvertüre in C‐​Dur.”

Bei dieser “Ausführung” muss man sich als Eingeweihter schon manchmal ein Lachen unter­drü­cken.
Dieser oben zu sehende Absatz aus “Mein Leben” (Seite 906) soll nämlich das bombas­ti­sche Ergebnis des Tizian-Ergusses sein – als solches ein biss­chen mager, so eine Eisenbahnfahrt als Endergebnis dieses schon dramatisch‐​liturgischen Erlebnisses in Venedig zu sehen.
Aber irgend­wann müssen solche Werke ja nun einmal im Kopfe des Schöpfers entstehen.

Wagner schreibt hier von der Konzeption der Ouvertüre, obwohl es gar keine Ouvertüre ist, sondern ein Vorspiel (!) – aber egal.
Nur wenn man nach vorne sieht, soll ja dieses Vorspiel ein Jahr später (1862) in Biebrich am Rhein entstanden sein.

An einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des goldenen Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklärter Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.”

Biebrich am Rhein

Also war nach dieser Beschreibung von 1862 der Erguss des Assunta-Erlebnisses hinfällig und wird in ein trübes Licht als fernes Luftbild gestellt.
Also doch nicht so toll mit Tizian - da fragt man sich als genauer Leser, wo Wagner denn nun wirk­lich die Idee hatte, denn hier hebt eine Inspirationslegende die andere auf (“mit größter Deutlichkeit” – “aus trüber Stimmung”).

Nach dieser langen Ausführung von Vermutungen, Thesen, Spekulationen zeigt sich aber abschlie­ßend etwas ganz anderes.

…seit dieser Empfängnis

Das Ungeheuerliche ist nämlich der Passus “…seit dieser Empfängnis”.
Empfängnisse gibt es in Wagners Werken als Erotiker der Weltüberwindung genug, da braucht man nur an die eroti­sche Kraft des “Tannhäuser” zu denken.
Erotisches Feeling hatte Wagner ja nun, was manchmal schon an Pornografie grenzt.
Letztendlich ist folgende These am glaub­haf­testen und logischsten, aber auch immer noch im Reich der Utopie.
Denn durch den Begriff “Empfängnis” gibt Wagners abgrün­dige Identifikation mit der Gottesmutter zu erkennen.
Nur das ihm (Wagner) nun vermit­telt über die Kunst die Empfängnis gött­li­cher Kraft zuteil kommt, und nur sein Werk es sein wird, was künftig eine Erlösung darstellen wird.
Das “Empfängnis” ist quasi die Einsetzung des Musikdramatikers als des neuen Mittlers zwischen der zu über­win­denden Welt und dem Absoluten.

Wenn man jetzt noch etwas weiter schaut, so halten Briefe und Cosimas Tagebücher fest, dass Wagner bei dem Besuch italie­ni­scher Museen auch in Venedig mit der kunst­in­ter­es­sierten Frau immer mürrisch draußen blieb oder fehlte.
Und als er 1880 diesmal von Cosima über­redet, wirk­lich in der Accademia vor dem Gemälde steht, soll er laut Literatur eher kritisch und abwei­send sich geäu­ßert haben, so als ob ihn das Bild von seiner Aussagekraft gar nicht inter­es­sieren würde.
Das wider­spricht sich aber nun extrem mit der Version des Assunta-Erlebnisses von 1861 (“…eine Wirkung von erha­benster Art”).

Hieran sieht man, dass Wagner das eigent­liche Ding an sich, in diesem Fall das Assunta-Gemälde, nur benutzt (man kann schon sagen miss­braucht), um einzig und alleine seine Kunst in den Mittelpunkt zu stellen, denn sein Werk stellt alle anderen (egal von wem) in den Schatten.

Wieder in der Gegenwart stehend, schlug ich 158 Jahre später, bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019) meinen Weg ein durch das Gewirr der Gassen und Kanäle von San Polo ober­halb von meinem Sitz an der Zattere von Dorsoduro.

Campo S. Toma (Sestiere S. Polo)

Denn das Gemälde Tizians hängt heute in der Basilica dei Frari, wo sich auch Tizians Grab befindet.
Geduld muss man in Venedig schon mitbringen.
Nur hatte ich bei den Aufenthalten in den Jahren 2007 und 2013 vor der Assunta stehend, nicht die Möglichkeit das Gemälde zu foto­gra­fieren.
In die Kirche hinein­drän­gend, stürmte ich sofort in Richtung Assunta.
Mein Gang wurde immer lang­samer, je näher ich dem Gemälde kam.
Denn vor der Absperrung ist ein Schild zu lesen, dass das impo­sante Werk zur Zeit von einer ameri­ka­ni­schen Fachfirma restau­riert würde…
Wenn man aber seinen Blick hoch­richtet, sah man es, aller­dings hyper­genau auf ein Laken gedruckt, als Überbrückung des Zeitraums der Restauration.
Wenn ich das Schild nicht gelesen hätte, hätte ich es gar nicht gemerkt, dass die wahre Assunta durch dieses Laken bedeckt war, damit man es restau­rieren konnte.
Tja, dachte ich, so wäre auch wahr­schein­lich Wagner dieses “Empfängnis” nicht geglückt.

Ich beschloss die Ausführung der Meistersinger”

*home­page Basilica dei Frari Venezia

Literatur :
- Peter Wapnewski – “Der trau­rige Gott” (Berlin‐​Verlag 2001)
- Richard Wagner – “Mein Leben”
- wagner­spec­trum Heft 1/​2010 (“Wagner und die ital. Malerei”)

Weitere Beiträge zum Thema “Inspirationslegenden” R.Wagners :
- “Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)
- “Liebethaler Grund – Sachsen (1846/​2005)
- “Villa Rufolo Ravello” (1880/​2012)
- “Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)


*sh. Fotos Venedig 2019

Hinweis :
Das Beitragsbild oben ist aus einer Zeitschrift von mir entnommen, deren Name mir entfallen ist.

(Sonstiges /​ HerrRothBesucht)


Impressum

Foto – Story (Teil 14)

Die Geschichte hinter dem Bild

Venedig – Dorsoduro (2019)

Die südliche Fondamenta Venedigs, die “Zattere” in Dorsoduro kann man schon als die schönste Fondamenta Venedigs bezeichnen.
Sie führt am soge­nannten “harten Rücken” (Dorsoduro) im Westen bis nach Osten auf die Spitze zur Santa Maria della Salute, wo der Canale Grande hinein­fließt und dort auch am brei­testen ist.
Ich sage immer, dass die Zattere die Liebes‐ und Todesmeile ist, gut für Phase 1 einer Liebe und gut für ein Ausscheiden aus dem Leben.
Ich wählte für meinen 5. Aufenthalt in Venedig ein Hotel direkt an der Zattere, dessen Lage man schon als inkom­men­surabel (lat. unüber­treffbar) bezeichnen kann.
Im ruhigen Stadtteil Dorsoduro, nahe der Accademia-Brücke, was gut ist für die Orientierung, in der Nähe eines Fährenanlegepunktes, nahe bei einem der wenigen Supermärkte…und eben an der Liebesmeile (bzw. Todesmeile).
Dieses Hotel hatte im Innenhof einen nachts beleuch­teten Brunnen (sh. Foto), “…nichts beson­deres”, denkt man da als erstes.
Nur der Clou kam dann in später Stunde, als ich mir diesen Innenhof einmal im Dunkeln ansehen wollte.
Ein kleiner Raum war ausge­stattet mit Polstermöbel und Sofas und dieser Raum war nach vorne zum Brunnen hin offen, man saß also nicht unter freiem Himmel, hatte aber einen unge­störten Blick zum beleuch­teten Brunnen.
Jetzt stelle man sich einmal vor, man liegt in diesen Sofas in abend­li­cher Stunde mit dem Blick zum Brunnen mit seiner großen Liebe in Phase 1 (!) – es wäre kaum mit Worten zu beschreiben…danach könnte man sich dann umbringen.
Ich glaube, ich muss doch einmal mit meiner großen Liebe nach Venedig, nur dass es diese nicht gibt, und um sich umzu­bringen, ist es einfach noch ein biss­chen zu früh.


Die Geschichte hinter dem Bild

Tintorettos Werkstadt – Cannaregio (Venedig 2019)

Nachdem “Attentäter” der Richard‐​Wagner-Büste und der Verdi-Büste in Castello im Osten Venedigs bei einer Nacht‐ und Nebel‐​Aktion die Nasen abge­schlagen haben, machte man (?) auch vor Tintorettos Werkstatt im südli­chen Cannaregio keinen Halt.
Dieses Gebäude an einer Fondamenta ist ohne Anmeldung nicht zu besu­chen, ob es sich über­haupt lohnt dieses zu besu­chen, ist eine andere Frage.
Wahrscheinlich als Schmuck hat man an der Fassade des rötli­chen Gebäudes von außen einzelne Figuren in die Fassade inte­griert – diese sehen aus wie turban­tra­gende Weise aus dem Morgenland.
Bei meinem Besuch in Venedig im Jahre 2016 hatte ich ganz in der Nähe mein Hotel und kannte das Gebäude vom Sehen her.
In diesem Jahr (2019) zog es mich bei sommer­li­chen Temperaturen wieder nach Cannaregio, doch diesmal staunte ich nicht schlecht über eine “Nasen‐​Korrektur” (sh. Foto) an der von Attentätern geschän­deten Figur, denn man hatte ihr die Attrappe einer Nase aufge­setzt.
Da kann man ja geteilter Meinung sein, aber wie eine Nase sieht dies eher weniger aus.


Die Geschichte hinter dem Bild

“Dies ist kein Arschloch”

An vielen Stellen fand ich in Venedig in diesem Jahr (2019) ein auffäl­liges kleines “Gemälde”.
Es wirkt schon etwas reli­giös – ein Herr, der in eine Kutte gekleidet ist und leicht abhe­bend in den Lüften schwebt…(?)
Rechts oben eine Art runde Scheibe, wie die Scheibe eines Baumes oder eine Sonne (?).
Ich habe es etwas erstaunt erst einmal foto­gra­fiert.
Daheim habe ich den Spruch, der darunter steht, versucht zu über­setzen, obwohl meine Französisch‐​Kenntnisse eher mager sind, aber als Französisch habe ich es noch defi­nieren können.
Beziehungsweise es ist eine Kombination von Französisch mit Englisch (“Asshole”) und nach meiner Recherche heißt es : “Dies ist kein Arschloch”.
Schwer zu defi­nieren, was der schon fast flie­gende Herr mit diesem Spruch zu tun hat (?).
Wenn man jetzt noch etwas genauer hinsieht, erkennt man rechts unten in gekippter Schrift das deut­sche (!) Wort “Maluntergrund” – hä, was soll das denn bedeuten ?
Gut, nun denn – denn gut ist immer das, was man nicht sofort versteht, aber den Sinn dieses “Gemäldes” habe ich bis heute nicht ganz verstanden…

* sh. Foto‐​Story Vorwort


(Foto – Story)

Impressum

Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners anhand choraler Scenen des “Tannhäusers” und deren Realisierung im Festsaal der Wartburg bei Eisenach

Teil 3

(D.) Chorale Stellen im “Tannhäuser” mit der Realisierung vor Ort

Der Festsaal der Wartburg bei Eisenach zeigt nicht nur eine hervor­ra­gende Akustik, sondern auch gute Platzierungsmöglichkeiten.
Ohne auf nähere Details einzu­gehen, bringt die trapez­förmig ange­legte Decke des Saales ein über­ra­schendes Klangerlebnis – der Klang des im vorderen Bereich plat­zierten Orchesters scheint in die Höhe zu steigen und verteilt sich nach hinten über die Köpfe der “Zuschauer” hinweg.

“Dich teure Halle grüß ich wieder…”

Dieses Phänomen fällt einem geübten Hörer am besten auf, wenn er das erste Mal dieses erlebt.
Hierbei ist auch die Platzwahl zu beachten.
Platzierungstechnisch gibt es die Möglichkeit den Chor außer­halb der Scene (z.B. im Foyer) zu loka­li­sieren, was für den Rezipienten eine Erweiterung der Vision zur Folge hat.
Genauso ist ein Aufstellen auf dem seit­lich des Saales verlau­fenden Balkons möglich, was das Stimmvolumen des Chores über die Köpfe hinweg führt.
Letztendlich schreitet der im “Tannhäuser” oftmals bewe­gende Chor von hinten durch das Spalier in den Saal, was die Implikation in das Werk immens stei­gert.

Sitzplan Festsaal

Der oben zu sehende Sitzplan des Festsaals der Wartburg zeigt rechts einen Erweiterungsbau Podium, was man als “Bühne” annehmen kann.
Dieses ist aller­dings nur ein fiktiv fixiertes Zentrum, da das Werk im kompletten Saal spielt.

Plätze an der Fensterfront oben haben den Vorteil, dass man den ganzen Saal über­bli­cken kann.
Die Balkonseite (unten) zeigt einen spalier­för­migen Ausgang Richtung Foyer, auf diesem ist ober­halb der Balkon, der zur Platzierung von Chöre gut verwendbar ist. Die mit rot markierten Plätze zeigen die Plätze, die ich bisher in den Jahren hatte.
Im hinterer Bereich rechts (vom Podium aus gesehen) herrscht die beste Akustik und Optik (nach meiner Erfahrung).

Platzierung einer Podiumsbühne


E.) Umsetzung choraler Scenen im Festsaal der Wartburg

Im Folgenden fünf ausge­wählte chorale Stellen im “Tannhäuser”, und deren Realisierung im Wartburg‐​Festsaal, die weit über die Bedeutung eines normalen Chores hinaus­gehen und somit hier nennens­wert sind.
Der 1. und 3. Act beher­bergt auch einen soge­nannten A‐​Capella‐​Chor, also chorale Stellen ohne konzer­tante Begleitung, was zeigt, dass hier der Chor das einzige Mittel der Darstellung sein kann.

*******

Naht Euch dem Lande, naht Euch dem Strande…”

(Gesang der Sirenen und Nymphen, 1.Act, 1. Scene)

Das soge­nannte “Sirenenbad” in der Pariser Fassung im Eröffnungs‐​Bacchanal im Venusberg zeigt, dass es sich hier (auf Wartburg) um eine Mischfassung handelt.
Vor Ort wird durch die außer‐​scenische Platzierung des Chores im Foyer (außer­halb des Festsaales) die räum­li­chen Erweiterung der Vision gestei­gert.
Das rest­liche Bacchanal fällt weg und der 1. Act beginnt mit der 1. Scene der Dresdener Fassung im Venusberg (“Geliebter, sag’, wo weilt dein Sinn?”)

******


Zu Dir wall’ ich, mein Jesus Christ…” 

(Pilgerchor, Gesang älterer Pilger, 1. Act, 3. Scene) *

Nach der Rückkehr Tannhäusers in die Welt, spielt ein Hirte auf einer Schalmei. Ein auf‐ und abtre­tender A‐​Capella‐​Chor der älteren Pilger zeigt ein optisch und akus­tisch multi­me­diales Geschick der Visionserweiterung.
Im 1. Act wird eine Strophe des Chores (“Ach, schwer drückt mich der Sünde Last…”) von dem nach Reue rufenden Tannhäuser wieder­holt.
Es geschieht ein Übergang aus der Scheinwelt des Venusberges in die geord­nete Wartburg-Gesellschaft mit dem Wunsch nach Vergebung.

******


Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen…”

(Pilgerchor kehrt aus Rom zurück, 3. Act, 1. Scene) *

Nach einigen Minuten A‐​Capella setzt das Orchester mit peit­schenden Streichern langsam ein.
Es gewinnt immer mehr an Stärke, bis an einem Punkt, als die vorher getrennten Frauen‐ und Männerchöre sich vereinen und alles stei­gert in ein ziem­li­ches Klangvolumen unter­malt mit Orchester.
Die Ouvertüre der Dresdener Fassung nimmt schon viel Stimmung für die Melodik des Pilgerchores vorweg.
(Hörbeispiel der Rückkehr des Chores aus Rom – sh. unten)

Pilgerchor 3. Aufzug, 1. Scene

Heil ! Heil ! Der Gnade Wunder Heil!”

(Pilgerchor – Verkündung d. Stabwunders, 3. Act, 3. Scene) *

Rückkehr des Pilgerchores aus Rom im Finale mit jüngeren Pilgern.
Wiederaufnahme und Fortführung des Pilgerchors aus der 1. Scene des 3. Actes.
Die letzte Strophe wird vom gesamten Chor getragen (Alle in höchster Ergriffenheit - Regieanweisung).
Es entsteht eine starke Steigerung des Stimm‐​Volumens als finaler Effekt. Vor Ort wird der Zuschauers in die Scene mit einge­bettet und impli­ziert, es geschieht eine Aufhebung der Rolle des Zuschauers in die Rolle des mitwis­senden Statisten durch den von hinten einschrei­tenden Chor (bei der Aufführung 2019 schritt der Chor aller­dings seit­lich ein, was den Effekt sinken ließ).

******

Freudig begrüßen wir die edle Halle…”

(Einzug der Gäste des Sängerstreits in den Festsaal, 2. Act, 4. Scene)

Unter Trompetenklängen beginnt der Einzug der Gäste in die Sangeshalle, der den Beginn des Sängerwettstreites markiert und von der Masse‐​Volk‐​Gäste gehul­digt wird.
Vor Ort wird der Chor (bzw. die Chöre) auf dem seit­li­chen Balkon posi­tio­niert, oben Frauen – unten Männer…(wie es sich gehört).
Es wech­selt mehr­fach die Ebene von Frauen zu Männer(-Chor).
Eine drei­fache Anhebung und Wiederholung der Strophe lässt die Huldigung ins Unermessliche steigen.
Vor der letzten wieder­ho­lenden Steigerung glaubt man als geübter Hörer ein chorales Ende, was aller­dings nicht der Fall ist – es lässt die Einzigartigkeit dieses Ereignisses (Sängerwettstreit) symbo­lisch hervor­treten.


*Anmerkung :
Der Pilgerchor der älteren und jüngeren Pilger (nach Rom – von Rom zurück) ist immer in Bewegung.
Langsam einher­schrei­tend, in die Scene hinein und aus der Scene heraus (…dem Zuge der Pilger), bewegt sich der Pilgerchor.
Somit entsteht ein an‐ und abschwel­lendes Klangvolumen durch Auftauchen und Ausschreiten des Chores mit einer räum­li­chen Erweiterung durch Kommen und Gehen.

Als Folge ergibt sich eine opti­sche und akus­ti­sche Erweiterung durch die Platzierung und Abfolge der choralen Scenen.



(***) Resümee

Erst einmal sei als Resümee zu sagen, dass Chöre ein gelun­genes Instrument bis zurück ins antike Griechenland waren und sind.
Neben dem Einsatz von Chören bei vielen Komponisten sieht man Wagners Aufgreifen des Chores als Mittel die Präsenz seines Gesamtkunstwerkes besser in Scenen zu stellen.
Das wagner­sche “Gesamtkunstwerk” sollte alle Kunstformen, also auch Chöre, fusio­nieren.
Man sieht, dass die Platzierung eines Chores im Werk eine bedeu­tende Rolle spielt, genau wie der Unterschied von einem bewe­gendem Chor zu einem stehenden Chor.
Der “antwor­tende” Chor in einzel­nene Werken Richard Wagners ist als inte­grierter Statist zu sehen, der auch choreo­gra­fisch einge­setzt wird, ähnlich den Chören in Bellinis Werken, die auch als Brücke zu einer neuen Scene anzu­sehen sind.
Des Weiteren erkennt man unwei­ger­lich die Nähe der halb‐​szenischen Inszenierung des “Tannhäusers” im Festsaal der Wartburg zu dem Idealbild der multi‐​medialen wagner­schen Idee.


Wenn man das Werk Richard Wagners verstanden hat, merkt man, dass sich einem ganz andere Welten öffnen, und diese Welten gilt es zu ergründen…”

(herr­ro­thwan­dert­wieder)


*sh. auch Teil 1 und Teil 2

*sh. Fotos Wartburg

*sh. auch meinen Beitrag “Der Fluch des Eros

*sh. Wartburg Eisenach (https://www.wartburg.de/)



*Hörbeispiele :

Pilgerchor 3. Act, 1. Scene + Abschlusschor 3. Act, 3. Scene
https://www.youtube.com/watch?v=lBqwAGj5fDA
https://www.youtube.com/watch?v=S1jzSQhcXvM

Bei den Hör‐​Beispielen hat man den Pilgerchor, der an zwei Stellen im 3. Act auftaucht (1. und 3. Scene) fusio­niert und für konzer­tante Aufführungen vereint.


(Sonstiges)

Impressum



Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners mit einem Vergleich der Chöre Vincenzo Bellinis

Teil 2

(B.) Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners

Richard Wagner nahm erst Abstand vom klas­si­schen Chor als Integrations‐​Element in seinen Werken.
In seiner umfang­rei­chen Schrift “Oper und Drama” erteilt er dem Chor in der Oper eine Absage.
Dies sollte aber nicht so bleiben, denn rück­bli­ckend kann man sagen, dass in (fast) jedem Werk chorale Stellen sind, und zwar sehr geschickt plat­zierte, und wohl‐​dimensionierte und demgemäß sehr wirkungs­volle.
Der Chor wird hierbei von Wagner oftmals als einzelne Singstimme verwendet, das heißt, dass der Chor nicht einzeln steht, sondern direkt in die Handlung inte­griert ist (wie ein weiterer Statist).
Da die Komposition bei Wagner immer einen Bezug zum Handelnden auf der Bühne hat, hat der Chor eine weit bedeu­ten­dere Rolle in der Handlung, als norma­ler­weise ein Chor allein stehend hat.

Bei der Zuschauer‐​Werk‐​Fusion in Wagners Idealbild, hebt sich der Zuschauer auf und begibt sich in eine Rolle, nämlich die Rolle des “mitwis­senden Statisten”.

Der Zuschauer in der Masse ist schnell im Chor zu erkennen, da die Zuschauer ja (meis­tens) eine größere Anzahl von Personen sind und der Chor auch, und somit lässt sich das Stimm‐​Volumen stei­gern.
In einzelnen sehr umfang­rei­chen Werken, wie zum Beispiel im “Ring des Nibelungen” gibt es komi­scher­weise nur eine chorale Stelle, nämlich den Chor der “Gibichungen‐​Mannen” in der “Götterdämmerung” im 2. Act.
Im “Ungetüm” der Frühwerke “Rienzi, der letzte der Tribunen” steht der “Chor der Friedensboten” isoliert als eine der sehr wenigen Chorstellen in diesem 5 Stunden Werk.
Anders sieht das im “Lohengrin” aus, mit dem Wagner seinen ange­strebten Kompositionsstil erreicht hatte.

Lohengrin – Chöre

Hier ist es nämlich eine beson­dere Art von Chor (“Lohengrin”) im Werk mit dem größten Choranteil aller Werke, da hier der Chor fast ständig auf der Bühne präsent ist.
Das Besondere ist aller­dings auch das Fehlen großer ausge­dehnter Chorsätze – man hat beim Hören das Gefühl, dass Wagner großen Chorsätzen gera­dezu aus dem Weg geht – es fehlt eine Selbstdarstellung des Chores, der reser­viert und passiv dasteht.

Partitur Lohengrin im Lohengrinhaus Graupa

Genauso fehlt ein chorales Tableau, was viele andere Komponisten im Übermaß verwendet haben.
Die eher kurzen Chorstellen (im “Lohengrin”) sind eher Reaktionen auf das jewei­lige Geschehen.
Das Wirkungsvolle ist in diesem Werk die Platzierung und die Reaktivität des Chores (oder Teilchores).
Als Partner im Werk steht er hier sehr passiv da – eine Äußerung erscheint immer als Reaktion, nie als Aktion und stellt eine Unterordnung unter dem Orchester dar.

Entstehungsort des Lohengrin

Er (der Chor) ist immer nur zur Reaktion fähig, nicht zur Aktion und ist der Melodik des Orchesters ange­passt, er ordnet sich unter und agiert, wenn er zur Stellungnahme aufge­for­dert wird.
Hierdurch wird der Chor zum mitspie­lenden und mithan­delnden Instrument des Werkes.
In der Orchestersprache der wagner­schen Komposition nimmt der Chor im “Lohengrin” nicht nur die Rolle einer handelnden Person ein, sondern auch die Rolle einzelnen Instrumente.


(C.) Wagner – Bellini

Vorbilder für seine Kunst hat Wagner immer viel­fach verleugnet, weil er nicht als Kopierer des Werkes eines anderen Komponisten hinge­stellt werden wollte.
Als Ausnahmen kann man Wagners eupho­ri­sche Verehrung für Beethoven und Carl. M. v. Weber, als Schöpfer der deut­schen Oper, ansehen.

Bei den Italienern gibt es eigent­lich nur einen, den Wagner (zwar nur hinter vorge­hal­tener Hand) aner­kannt und verehrt hat, und das ist Vincenzo Bellini(von Spontini einmal abge­sehen, den Wagner persön­lich in Dresden kennen­ge­lernt hatte).
Bellini ist ja nicht der Schöpfer der Werke, er hat sie “nur” vertont.
Sie stammen (fast) alle von Felice Romani.

Zwei Paradebespiele sind die Werke “Norma” und “I Capuleti e i Montecchi”.
Beide sind lyri­sche Tragödien in 2 Acten mit einer Aufteilung nach Bildern oder Scenen mit Arien, Kavatinen, Romanzen und Chöre.
Was Wagner aller­dings eher gereizt haben muss, ist das reine Belcanto bei Bellini, sodass er Bellini sogar einen Text in seinen gesam­melten Schriften widmete (* “Bellini – Ein Wort zu seiner Zeit”).

Gesammelte Schriften

Der soge­nannte Wagner‐​Gesang ist absolut kein Belcanto mit Arien und Kavatinen, sondern eine beson­dere Form eines Rezitativs, es erscheint eine teil­weise Opferung der Gesangslinie zugunsten der Deklamation.
Wie viel­fach in der Literatur zu finden ist, stand Wagner aller­dings nicht ganz ableh­nend dem Balcanto-Gesang gegen­über, er hat sich oftmals dessen sogar für sein Schaffen bedient.
Somit sind die Chöre bei Bellini nennens­wert und sicher ein Vorbild für Wagner gewesen.
Sie sind bei Bellini öfter als Verbindungsglied von einer Scene in die andere benutzt worden (Brücken‐​Effekt).

Der Chor (“I Capuleti e i Montecchi”) wird als “Antwortender Chor” verwendet und von Bellini in den Dialog der Darsteller inte­griert (1. Act, 1. Bild), was wiederum Parallelen zu den Chören im “Lohengrin” erkennen lässt.
Als Resümee kann man sagen, dass Wagner das Bellinische Belcanto über­windet und seine eigene Gesangsart (Wagner‐​Gesang) entwi­ckelt, ohne Gesang, Arien etc., nur mit Dialogen und ohne Monologe.
Der vormals erwähnte “Antwortende Chor” und der Chor als Bindeglied in Bellinis Werken hat aller­dings ohne Zweifel Wagner Fantasie seiner choralen Konstruktion ange­regt.

*Zu den sehr umfang­rei­chen Schriften Wagners ist zu sagen, dass sie keinen Schlüssel zum Verständnis des Werkes darstellen, sondern die Werke eher ein Schlüssel zum Verständnis der Schriften.
Dadurch ist ein Heranziehen der Gesammelten Schriften schwierig und sie sollen hier im Hintergrund bleiben.


“Musik ist nicht die Darstellung einer Idee,
Musik ist die Idee selbst

(Richard Wagner)


*sh. auch Teil 1 und Teil 3
*sh. auch meinen Beitrag “Liebethaler Grund Sachsen


*zur Anschauung und Anhörung hier das Vorspiel zum 3. Act des
“Lohengrin” mit dem Brautzug


*Literatur :
“Wagner und keine Ende
Betrachtungen und Studien
Atlantis Musikbuch Verlag 1996


(Sonstiges)

Impressum

Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners und der grie­chi­schen Tragödie anhand von exem­pla­ri­schen Beispielen

Teil 1

Vorwort

Der Chor an sich war schon immer ein wirkungs­volles “Instrument” für Einleitungen, Überbrückungen, Interludes in einem kompo­si­to­ri­schen Werk.
Aber nicht nur Komponisten haben sich über dieses Symptom Gedanken gemacht, neben Philosophen gibt es auch Schriftsteller, für die das Symptom des Chores von Interesse war/​ist.
Neben Fr. Schiller, allen voran natür­lich Fr. Nietzsche, der in einem seiner frühen Werke den Chor sogar als Auslöser der grie­chi­schen Tragödie hinstellt.
Wenn man sich nun dem Werk Wagners nähert, wird man als Uneingeweihter nicht annehmen, welche immense Rolle die Chöre im Gesamtkunstwerk Wagners haben.
Hierbei geht es neben den mensch­li­chen Stimmen und Stimmvolumen schon um einen Teil der Gesamtkomposition und der Choreografie durch die geschickte Platzierung, Bewegung und Dichte.
Hier sei neben soviel Theorie die Praxis anhand der alljähr­lich statt­fin­denden halb‐​szenischen Inszenierung von Wagners Tannhäuser” im Festsaal der Wartburg bei Eisenach als exem­pla­ri­sches Beispiel zu betrachten.
Denn diese Inszenierung bringt neben der hervor­ra­genden Akustik, vieles, was eine normale Opernaufführung nicht erreicht und errei­chen kann. Daher wird diese von mir als Musterbeispiel in Teil 3 verwendet.


Struktur : Vorwort
(*) Chorale Scenen in den Werken Richard Wagners
(**) Voranstellung
A.) Bedeutung des Chores in der grie­chi­schen Tragödie
B.) Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners
C.) Chöre Wagner - Bellini
D.) Chorale Scenen in Wagners Tannhäuser” (5 Beispiele)
E.) Umsetzung choraler Scenen in der halbsze­ni­schen
Inszenierung im Festsaal der Wartburg Eisenach
(***) Resümee


(*) Chorale Scenen in den Werken Richard Wagners (8 Beispiele):

a) Rienzi der letzte der Tribunen : Chor der Friedensboten (2. Act)
b) Der Fliegende Holländer : Chor der Seeleute (1./3. Act)
c) Tannhäuser : Pilgerchor (1./3. Act)
d) Lohengrin : Brautzug (3. Act)
e) Tristan und Isolde : Chor der Seeleute (1. Act)
f) Die Meistersinger von Nürnberg : Huldigungsgesang Finale (3. Act)
g) Götterdämmerung : Chor der Gibichungen‐​Mannen (2. Act)
h) Parsifal : Chor der Knappen und Gralsritter (1. Act)


(**) Voranstellung

Im Vorfeld sei gesagt, dass in (fast) jedem Werk Richard Wagners chorale Scenen auftau­chen, sich plat­zieren und in die Handlung eintreten.
Hierbei handelt es sich aller­dings nicht um fest stehende Chöre als Einzelteil, sondern um geschickt plat­zierte und kompo­si­to­risch verwen­dete chorale Scenen.
Der Vollständigkeit halber seien hier einige genannt.

Schon im krie­ge­ri­schen Frühwerk “Rienzi, der letzte der Tribunen” wird der soge­nannte Chor der Friedensboten im 2. Act noch einzeln hinge­stellt, während in den Folge‐​Werken eine Einzelstellung selten wird.
Der Chor der Seeleute im “Fliegenden Holländer” im 1. und 3. Act symbo­li­siert das Tosen des Ozeans und die Verfluchtheit des Meeres, wobei einem der Wind schon ins Gesicht bläst und dieses im Chor auf seine Weise erscheint.
Im Problem‐ und Umbruchswerk “Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg” wird das weihe‐ und würde­volle im Pilgerchor gezeigt, der immer in Bewegung (!) in verschie­denen Acten auftritt.
Der “Lohengrin” zeigt gebün­delt, wie ein Chor als einzelner Statist von Wagner geschickt einge­setzt wird, aber dem nicht genug, die beson­deren Chöre in diesem frühen Werk agieren immer reaktiv und reagie­rend, sie treten antwor­tend ein, es wird eine Frage gestellt und der Chor antwortet und wird, wenn man es ernst nimmt, der Rolle eines Chores enthoben.
In “Tristan und Isolde” ist der Chor der Seeleute im 1. Act auch als einzelner mitspie­lender Statist zu sehen, es dreht sich alles um die Hauptfiguren (Tristan und Isolde) , aber die Außergewöhnlichkeit des Tristan ist, dass die Handlung in den Hintergrund tritt und der Hauptstatist auf der Bühne das Orchester wird.
Es wird die Beziehung kompo­si­to­ri­scher Elemente zu außer­mu­si­ka­li­schen Verhältnissen von Wagner auf die Spitze getrieben.
Somit passt der Chor des 1. Actes auch sehr gut in die Gesamt‐​Struktur, da er ja ein Teil der Komposition ist, aber gleich­zeitig als Handelnder auf der Bühne erscheint.
Die “Meistersinger von Nürnberg” ist das Werk, bei dem die meisten Statisten auf der Bühne sind, somit ist der Chor oftmals präsent, vor allem im Finale wo Hans Sachs die deut­sche Kunst preist (“Huldigungsgesang”).
Die Bandbreite eines Genies zeigt sich ja immer durch Überraschungen und Gegensätze gegen­über den eigenen Regeln.
Denn die “Meistersinger” sind die einzige “Komische Oper” Wagners.
Komischerweise präsen­tiert der komplette “Ring des Nibelungen” mit seinen vier Werken und insge­samt über 16 Stunden reine Laufzeit, nur eine (!) chorale Scene, und die ist der “Chor der Gibichungenmannen” unter Hagen im 2. Act der “Götterdämmerung”.
Hier wächst der Chor inner­halb dieser choralen Stelle und nimmt an Personen ständig zu, sodass er immer mehr Volumen und (männ­liche) Macht symbo­li­siert.
Das dies die einzige Chor‐​Stelle ist, kann man darauf schieben, dass Wagner in der “Götterdämmerung” noch einmal mit dem gesamten kompo­si­to­ri­schen Material, was sich in den 3 voran­ge­henden Werken ange­sam­melt hat, arbeitet und sogar eine Terzett‐​Stelle (“Rache‐​Terzett” im 2. Act) einsetzt, was außer­ge­wöhn­lich ist – es ist die einzige Terzett‐​Stelle in allen Werk (ausge­nommen der Frühwerke).
Aber woran es wirk­lich liegen mag, weiß nur der Schöpfer selbst – es ist halt künst­le­ri­sche Freiheit, die die Logik außer Kraft setzt.
Abschließend symbo­li­siert sich im Weltüberwindungswerk “Parsifal” das Weihevolle und Liturgische im Chor der Knappen und Gralsritter, der im Werk, vor allem in der Scenerie inner­halb des Gralstempels, fast immer zugegen ist.
Hier werden sogar junge Frauen einge­setzt, um die “Jungheit” der Knappen besser akus­tisch darzu­stellen.
Soweit ein kurzer Querschnitt choraler Scenen in Wagners Werken, der sicher noch weit ausbaubar ist.


(A.) Bedeutung des Chores in der grie­chi­schen Tragödie

Die Geschichte des antiken Griechenlands, das die Entwicklung der euro­päi­schen Zivilisation maßgeb­lich mitge­prägt hat, umfasst etwa den Zeitraum vom 16. Jahrhundert v. Chr. bis 146 v. Chr.
Die unzäh­ligen Reste und Ruinen von grie­chi­schen Amphitheatern zeigen, dass in früher Vorzeit hier das geis­tige Leben gespielt haben muss (im wahrsten Sinne des Wortes).
Durch fehlende Instrumente, die zu dieser Zeit noch nicht erfunden waren, gab es nur ein Instrument, nämlich die mensch­liche Stimme, das Ur‐​Instrument des Menschen.
Eine Fusion im Volk und im Geist ließ auch eine Fusion aller Stimmen ans Tageslicht treten, was die urei­genste Geburt des klas­si­schen Chores als gebün­delte mensch­liche Stimme war.
Auch wenn diese (meine) Hypothese etwas gewagt klingen mag, zeigt sie aller­dings, ohne viel Fachwissen, eine logi­sche Erklärung der Erkennung der Wirkung eines Chores mit mehr Stimmvolumen.
Eine weitere These (die aller­dings bewiesen ist) ist ja die Frage, warum gerade in einer (damals) so blühenden Hochkultur eher (oftmals trau­rige) Tragödien aufge­führt wurden (?), die sich bis heute (!) als Kunstform gehalten haben.
Der Grund ist psycho­lo­gi­schen Charakters (oder auch massen‐​suggestiven), denn man wollte dem Volk (durch diese Werke) zeigen, wie gut es Ihnen noch geht im Vergleich mit den Menschen anderer Kulturen oder anderer Zeiten.
Eine gute Idee, die heute auch Anwendung finden könnte.

Nietzsches Huldigungsschrift auf die Tragödie

Nietzsche stellt im “Tragödien‐​Buch” die These in den Raum, dass die grie­chi­sche Tragödie einst nur Chor war und aus dem Chor hervor­ge­gangen ist.

Diese Überlieferung sagt uns mit voller Entschiedenheit, daß die Tragödie aus tragi­schen Chore entstanden ist und ursprüng­lich nur Chor und nichts als Chor war…” (“Geburt der Tragödie” 1871)

Hiermit stellt Nietzsche (wie schon öfter) eine gewagte These auf.
Nietzsche bezieht sich in dieser Passage aber eher auf das Publikum, und zwar ein ästhe­ti­sches Publikum, welches sich darüber bewusst ist oder sein sollte, ein Kunstwerk vor sich zu haben und nicht die auf Erfahrung beru­hende Realität.
Somit sollte im antiken Griechenland und in deren Kultur der mitwis­senden Zuschauer geschaffen und geformt werden, der in seiner Anzahl sich im Chore wieder­ent­de­cken sollte.
Nietzsche bezeichnet dieses als höchste und reinste Art des Zuschauers.
Nach dieser These ist Nietzsches Idee, dass erst der Chor da war und dann aus diesem die Tragödie entstanden ist, gar nicht so abwegig und entfernt sich von einer gewagten These zu einer verstan­des­mä­ßigen Erklärung.
Nietzsches Wagnernähe mani­fes­tiert sich in diesem Frühwerk, in dem er unaus­weich­lich Richard Wagner als Neubegründer einer grie­chi­schen vergleich­baren Kunst und Kultur sah, bzw. zu sehen glaubte.
Eine Idee, die er später verwarf.

Das Werk Richard Wagners ist nicht irgendein Werk,
es ist das Werk an sich”


*zur Weiterführung bitte weiter­lesen in Teil 2 und Teil 3

*Fr. Nietzsche – “Die Geburt der Tragödie” (Insel Taschenbuch 2679)


(Sonstiges)

Impressum

Drachenschlucht bei Eisenach

Wandrer schreite ruhig und still,
weil der Drachen nicht geweckt sein will!”

Wer hat sich als Kind nicht für Drachen, Hexen, Geister und Ungeheuer inter­es­siert, der stehe jetzt auf (?).
Es bleiben alle sitzen, was zeigt, dass die Jugend in jedem noch lange Jahre später schlum­mert.
Ich habe mich eher für Burgen begeis­tert, aber da kann es ja auch Geister geben.

Aber nicht jeder, der nicht aufge­standen ist, weiß, dass es doch noch Orte gibt, an denen Drachen leben oder gelebt haben – sie dürfen aller­dings nicht geweckt werden.

Und einer dieser Ort ist …

…die Drachenschlucht bei Eisenach

Denn unter­halb der Wartburg, leicht südlich, liegt ein “Naturwunder”, was man in unseren Gefilden nicht so häufig zu sehen bekommt.

Der Weg zur Drachenschlucht

Wenn man von der Wartburg Richtung Süden in das Tal hinab­steigt, kommt man als erstes zu der soge­nannten “Sängerwiese”.
Hier sollen in frühen Jahren die Sänger um die Hand der Frauen in einer Art Kampf und Streit geworben haben – heute ist dies hier nicht mehr der Fall, denn dieses findet etwas weiter oben alljähr­lich im Festsaal der Wartburg statt.

Ein Tipp für den schlei­chenden Wanderer sei noch ausge­spro­chen – hier gibt es nämlich Waldmeisterbrause und dies findet man auch nicht so häufig – ich nehme mir einen großen Krug zur Brust.

“Wohl bekomms…”

Schon im Mittelalter soll die Schlucht erwähnt worden sein, als Begegnungsort mit der Natur für Jäger, Sammler und Wanderer.
Die Erschließung der Schlucht sollte nun nutzbar gemacht werden, heute würde man sagen, für die Öffentlichkeit zugäng­lich.
Allerdings gab es in dama­ligen Jahren noch nicht so viele, die sich dort hin trauten, viel­leicht hatte man das Bildnis eines Drachen vor Augen…
…wie dies ?

Der Drachentöter

Wenn man durch die Altstadt von Eisenach bummelt, erkennt man unschwer auf dem Marktplatz den Georgsbrunnen, in der Mitte leicht erhöht, sieht man den Eisenacher Stadtpatron “Der heilige Georg” am Werk, und dieses Werk ist die Tötung eines Drachen.
Dieser Drachen sieht aller­dings eher aus wie ein Wurm, aber ein Wurm ist ja für so eine enge Schlucht wie die Drachenschlucht eher geeignet, als ein großer Drachen.
Aber schon oftmals haben sich ja Würmer in Drachen verwan­delt, um erst einmal den Herannahenden zu täuschen.
Verwandlungen sind ja in Sagen und Märchen sehr beliebt, um die Spannung zu erhöhen.

Der Öffentlichkeit zugäng­lich

Mit zuneh­mender Zeit erkannte man schnell, dass hier mehr draus zu machen sei.
Wege wurden sogar ange­legt und Bohlen und Eisengestänge gelegt, um die Schlucht begehbar zu machen und unter einem fließt der Quellbach.

Wecket mir den Drachen nicht !

Wenn man durch die Enge der oftmals über einem zusam­men­ge­henden Felsen kriecht, wird einem schon Angst und Bange, zudem hört man tröp­felndes Wasser, sieht moos­über­wu­cherte Felspartie, umge­stürzte Bäume und kleine Wasserfälle.
Worte können dies nur schwer fest­halten, auch Bilder nicht, denn vor Ort wirkt es natür­lich auf jeden anders.

Wirkt bedroh­lich eng

Jeden” bedeutet, dass man hier eher auf weitere Menschen(mengen) stoßen kann, als auf Drachen, die schlum­mern ja, der Zulauf der Besucher aber nicht.
Da kann es schon einmal sehr eng werden, wenn einem jemand entgegen kommt.

Moosüberwuchert

Wenn man sich die anderen Menschen einmal wegdenkt und die Sache mit dem Drachen verdrängt, werden hier viele Sinne ange­spro­chen, die Geräusche des Quellbachs, das Grün der moos­über­wach­senen Wände und der Duft der Natur.

Der Duft der Natur

Die eigent­liche Drachenschlucht hat eine unge­fähre Länge von ca. 200 Metern, auch wenn man dies bei dem verschlun­genen Weg nicht genau sagen kann.

Schwer zu berechnen

Nach ca. 200 bis 300 Metern soll sie sich wieder auflösen und in einen normalen Wanderweg über­gehen, soll… – …Sie haben richtig gelesen, denn bis dorthin bin ich nämlich bei meinen 3 oder 4 Besuchen der Drachenschlucht noch nicht gekommen, nicht unbe­dingt aus Angst vor dem Drachen, sondern eher, weil es mich in das leicht unter­halb im Mariental liegende kroa­ti­sche Restaurant zog, wenn der Drachen schon seinen Hunger nicht stillen kann, so brauche ich zu mindes­tens etwas Essbares nach so einem beein­dru­ckenden Erlebnis.

*sh. meine Fotos Drachenschlucht
*sh. meine Fotos Eisenach

(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

Impressum

Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)

Die Erleuchtung von Biebrich”

Gibt es über­haupt noch Punkte auf der Wagner‐​Europakarte, wo ich noch nicht war ?
Ja, es gibt sie, denn kaum einer schafft es an alle Stätten zu kommen, wo Richard Wagner geschaffen und gelebt hat, seine Ideen hatte oder vorge­geben hat, diese gehabt zu haben.

Und so ein (jetzt geschlos­sener) Punkt ist die…

Villa Wagner in Biebrich am Rhein

Die eins­tige “Villa Annica” liegt damals wie heute in der Rheingaustr. 137 direkt an der Promenade am Rhein nahe dem Biebricher Schloss.

Wiesbaden – Biebrich

Zur Geschichte dieser mondänen Villa, die jeden Vorbeischreitenden stoppen lässt, sei folgendes gesagt.

Dieses Anwesen wurde 1862 von einem Architekten mit dem Namen Wilhelm Frickhofen fertig­ge­stellt.
Diese impo­sante Villa weist auf der Südseite zum Rhein hin drei Risalite (Fassadengliedernde hervor­sprin­gender Gebäudeteil in ganzer Höhe des Gebäudes zur Fassadengestaltung) auf – dieser archi­tek­to­ni­sche Trick gibt der Villa etwas Verspieltes.
Zudem wird die Fassade durch rote Backsteinbänder geglie­dert.
Architektur war schon immer eine Kunst auch fürs Auge.
Nun wurde das Gebäude nebst einem umfang­rei­chen Garten an einen türki­schen Gesandten mit dem Namen Aristarchi Bey und dessen Frau Anna verkauft und bekam den Namen “Villa Annika”.

Villa Wagner – einst Villa Annika

Allerdings hielt sich dieser Name nicht lange, denn kurz nach der Fertigstellung zog hier im Jahre 1862 eine (heute) wesent­lich bedeu­ten­dere Persönlichkeit ein.

RICHARD WAGNER mietete nämlich zwei Zimmer, nachdem er die vertrag­li­chen Verpflichtungen gegen­über dem Mainzer Verleger Franz Schott über­nommen hatte, um hier seine “Meistersinger von Nürnberg” zu kompo­nieren.
Die Lage der Villa war für Wagner ideal, weil er die Theater von Wiesbaden und Mainz gut errei­chen konnte, genau wie die unmit­tel­bare Nachbarschaft zum Biebricher Schloss, dessen reizender Park zu erqui­ckenden Spaziergängen damals, wie heute einlädt.

Unmittelbare Nachbarschaft

Allerdings muss man der Vollständigkeit halber sagen, dass hier, wie so oft nur Teile der “Meistersinger” voll­endet wurden.
Die Versdichtung und Teile der Komposition wurden hier reali­siert.

Und um das ganze zu heroi­sieren erfand Wagner, wie fast zu jedem Werk auch hier eine Inspirationslegende, nämlich die soge­nannte
Erleuchtung von Biebrich”.

Das pompöse und majes­tä­ti­sche Vorspiel des Werkes war, wie man heute weiß, schon lange vorher in Wagners Kopf entstanden, was er auch in seiner Autobiographie “Mein Leben” zugibt.

Ideal zur Legendenbildung

Dieses ist es Wert von der heroi­sie­renden Struktur her, einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Aber zuvor möchte ich Wagner (als Schriftsteller) selber zu Wort kommen lassen.

“Beim Herannahmen der schönen Jahreszeit kam mir unter derart­higen gemüth­li­chen Eindrücken, zu denen die häufigen Promenaden in dem schönen Parke des Biebrichen Schlosses das Ihrige beitrugen, endlich auch die Arbeitslaune wieder an.
Bei einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des “goldenen” Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklä­render Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.
Ich ging daran, das Vorspiel aufzu­zeichnen, und zwar ganz so, wie es heute in der Partitur steht, demnach die Hauptmotive des ganzen Dramas mit größter Bestimmtheit in sich fassend.”
(Mein Leben Seite 924)

Richard Wagner – Mein Leben

Soweit der kurze Ausschnitt in Wagners (diktierter) Auto‐​Biografie.

Dieses ist ein exem­pla­ri­sches Beispiel einer Legendenbildung mit zeit­ver­setzter Überraschungssemantik. Wieso ?

Wagner gibt in diesen Zeilen selber zu, dass das Vorspiel schon längst vorher von ihm geschrieben worden ist (“…wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte…”).
Sehr geschickt – denn Wagner setzt die vorhe­rige Schaffung dieses sympho­ni­schen Vorspiels stark abwer­tend herunter, es war also (angeb­lich) in trüber Stimmung nur als Luftbild ihm erschienen, also voll­kommen unbe­deu­tend und noch kaum Form habend.
(sh. hierzu mein Beitrag “Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig”)

Reizende Lage – reiz­volle Stimmung – reiz­volles Schaffen

Dass dieses Prachtstück einer Künstler‐​Residenz mit so einer Lage und so einem Ausblick jeden begeis­tert, kann man nicht leugnen, auch wenn man wie ich bei Traumwetter Ende Mai nur auf der darun­ter­lie­genden Promenade wandelt.
Wie mag erst der Blick vom Balkon sein und dann in abend­li­cher Stunde… (?), dachte ich, insge­heim immer mit dem Blicke hoch zum Balkon.

Und hier zeigt Wagner sein Geschick, etwas in ein anderes Licht (im wahrsten Sinne des Wortes) zu stellen, um es höher und bedeu­tender zu machen.
Denn diese Art “Erleuchtung” kam ja nicht am Tage, sondern bei einem schönen Sonnenuntergange… und damit nicht genug, denn alles war in verklärter (?) Beleuchtung.
Beleuchtungstechnisch ist kaum noch eine Steigerung möglich.

Aber Wagner hebt die ganze Szenerie noch höher, denn sein Blick rich­tete sich (wie er vorgibt) zum goldenen (!) Mainz und dem davor majes­tä­tisch (!) dahin­strö­menden Rhein, und alles noch in einem pracht­vollen Anblick…
…und dann kommt die Überraschung, denn plötz­lich trat das Vorspiel wieder klar und deut­lich vor seine Seele.
Also nicht vor die Augen, sondern vor die Seele (!)
Die verwen­deten symbol­haften Worte zeigen den Fluss der Musik an.

Eine geniale zeit­ver­setze Überraschungssemantik, wie ich immer zu sagen pflege.

Und als Beweis heißt es weiter, dass es (das Vorspiel) genauso war, wie es heute in der Partitur steht, da gibt es nichts dran zu rütteln und zu zwei­feln, aus basta…!

…in diesem Hause

Wenn man nun die Wirkung des Vorspiels des “Meistersinger” kennt, was ja schon ein bombas­ti­sches sympho­ni­sches Werk ist und auch für Konzerte als Einzelstück mit einem kompo­nierten Abschluss vom Schöpfer auto­ri­siert ist, merkt man, wie geschickt Wagner es versteht, die musi­ka­li­schen Themen so bild­haft darzu­stellen, als wären sie durch den opti­schen Eindruck entstanden.
Also eine Inspirationsquelle für ein Umsetzung in Töne, wie sie nicht besser sein kann.

Soweit Wagners schrift­stel­le­ri­sche Geschicktheit, seine Ideen auch durch Worte noch besser plas­tisch in Scene zu setzen, um alles noch stärker ins Göttliche zu erheben.

Für alle Ewigkeit mani­fes­tiert

Von der Kompositions‐​Struktur her setzt dieses Vorspiel (was noch die Form eine Ouvertüre hat) strah­lend ein, was den Stolz der Zunft der Meistersinger symbo­li­siert.
Festlich bewegt und majes­tä­tisch dahin­schrei­tend, löst es sich zöger­lich und weich auf, die Trompeten schmet­tern dann eine Art wuch­tigen Marsch, was den finalen Aufzug der Meistersinger auf der Festwiese symbo­li­sieren und anti­zi­pieren soll (?).
Ausdrucksvoll, fast sehn­süchtig, so hat es Wagner selbst gefor­dert.
Eine weiter­ge­hende Analyse dieses oft bespro­chenen Vorspiels will ich mir sparen – es ist, und das lässt sich nicht leugnen, ein poly­phones (mehr­stim­miges) Kunststück ersten Ranges.
Im Anhang ein Hörbeispiel dieses Wunderwerkes der Musik.

Und welche Szenerie hätte als Inspirationsquelle besser gepasst, als der Blick von dem Balkon dieses “Zukunftsschlösschens” in abend­li­cher Stunde bei einem Sonnenuntergang mit dem Blick über den Rhein…(?)

Zukunfts‐​Schlösschen

Geschichtlich ging es dann 1889 nach Wagners Tod so weiter, dass ein Zementforscher mit dem Namen Rudolf Dyckerhoff die Villa erwarb und sich hier mit Familie nieder­ließ.
Der nach Osten sich stre­ckende Garten ist noch so erhalten, wie er damals war, der sich nach Westen stre­ckende Teil des Gartens wurde aller­dings nach für nach in den letzten Jahren mit Villen bebaut.
Man kann somit die ganze Pracht des Anwesens, wie es bei Wagners Aufenthalt dort ausge­sehen haben muss, nur erahnen.
Man sieht, dass Künstler und Schöpfer immer eine geeig­nete Kulisse brau­chen, um ihre Werke richtig nieder­zu­legen.

Nach Osten hin erhalten – nach Westen zuge­baut (Google‐​Maps)

An diesem lauwarmen Nachmittag Ende Mai diesen Jahres, ging ich wie verklärt die unter der Villa her führende Promenade auf und ab und hatte immer die Motive des berühmten und majes­tä­ti­schen Vorspiels im Ohr.
Der Weg zurück ins würde­volle Wiesbaden führte an blühenden Rosenhecken und pracht­vollen Villen vorbei.
Wieder im Hotel ange­kommen, setzte ich mich sofort an eine Tisch und wie urplötz­lich kam es aus mir heraus – ich verfasste diesen Beitrag wie ich ihn in trüben Tagen schon vor meinem geis­tigen Auge hatte und zwar so, wie Sie ihn jetzt in diesen holden Zeilen auf meinen Blog lesen können und zwar für immer und für alle Ewigkeit … Amen.

Verachtet mir die Meister nicht
und ehret mir die Kunst
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reich­lich Euch zur Gunst!”
(3. Act, 5. Scene)


*zum Thema Inspirationslegenden‐​Bildung sh. auch meine Beiträge
“Villa Rufolo Ravello”
Assunta‐​Erlebnis Venedig

*sh. Fotos Wiesbaden/​Biebrich


*Zur akus­ti­schen Darstellung hier das berühmte Vorspiel unter dem
Dirigat von Christian Thielemann :

https://www.youtube.com/watch?v=ZVO5s9zAqAQ


(Sonstiges/​HerrRothBesucht)


Impressum

Friedrich Nietzsche in Weimar

Der Gekreuzigte”

Als die Sommermonate in diesem Jahr nahten, machte ich mich auf den Weg zum Musensitz Weimar, die Stadt mit der langen Tradition, die die Kultur unzäh­liger Jahre geprägt hat.
Doch es gab auch etwas eher Trauriges hier in Weimar.

Leicht ober­halb des Alten Friedhofes stellte ich den Wagen am Anfang der Humboldt‐​Straße ab – denn zu bedeu­tenden Orten hinauf­zu­gehen ist immer besser, als hinauf­zu­fahren.

Villa Silberblick

Die Temperaturen konnte man schon als leichte Hitze bezeichnen und nach einer Viertelstunde zeigte sich von der Straße her auf der rechten Seite ein Zaun.
Wenn man näher heran­kommt, kann man vorher schon erahnen, dass hier etwas Überraschendes kommen wird.

Ich hatte im Vorfeld gelesen, dass dieses Villa “Villa Silberblick” genannt wird. Man kann also vermuten oder erahnen, dass hier ein guter Blick über Weimar zu genießen ist.
Und den wollte ich erst einmal erbli­cken.

…die Villa ist herr­schaft­lich und archa­isch

Die Villa ist herr­schaft­lich und archa­isch, ganz im Stil einer Künstlervilla, die man oft bei bedeu­tenden Personen aus der Kultur und bei Schöpfern anfindet.

…herr­schaft­liche Künstlervilla

Somit ging ich über den mit Kieselsteinen belegten Vorhof herein und umrun­dete seit­lich die Villa und kam in eine leicht am Hang liegende Gartenanlage.
Ein Gärtner war bei der Arbeit und mähte den Rasen.
Ich sagte zu ihm, dass schon das Umfeld zu der Villa wirk­lich sehens­wert sei, aber er reagierte nicht.

Sinn für Natur

Einen Sinn für Natur musste die Herrin des Hauses schon haben.
Ich wusste, dass der Philosoph nach seinem geis­tigen Zusammenbruch durch seine Schwester gepflegt wurde, mehr nicht.

…ich hatte alles von Nietzsche gelesen

Ich hatte alles von Nietzsche gelesen, manches bis zu viermal.
Meine eins­tige Begeisterung hatte aller­dings nach­ge­lassen, das Radikale und sich selbst Widersprechende nimmt zu schnell die Überhand und es gibt eine Grundregel : um so mehr Schopenhauer, um so weniger Nietzsche.

Ich winkte dem Gärtner noch einmal kurz zu und kam wieder zu dem kiesel­be­deckten Vorhof.
Die hölzerne mäch­tige Eingangstür löste bei mir Erinnerungen an Jugendstil‐​Architektur aus.


Ein Pfleger kam mir entgegen und ich fragte nach der Herrin des Hauses, doch da stand sie mir schon im Innenbereich gegen­über und ich grüßte mit etwas Verlegenheit.
“Frau Förster‐​Nietzsche”, sagte ich, “…meine Hochachtung Sie hier anzu­treffen.”

…sie war klein von Statur

Sie war klein von Statur und ich hatte nach­ge­lesen, dass sie schon einiges erlebt hatte und sehr aktiv in der Vergangenheit war.
“Kommen Sie doch herein…”, erwi­derte sie.

Ich stellte mich kurz und anständig vor und sagte ihr, dass ich sehr viel von ihrem Bruder gelesen habe, meine kriti­schen Anmerkungen ließ ich aller­dings zur Seite.

Dafür, dass sich ihr Mann in einer Siedlungskolonie in Paraguay das Leben genommen hatte und sie hier die Arbeit mit dem hilfs­be­dürf­tigen Bruder erle­digen musste, machte sie einen durchaus stabilen und reso­luten Eindruck.
Ich musste zurück­denken, einige sehr reso­lute Frauen haben schon viel bewegen können, und da gehört Frau Förster‐​Nietzsche dazu.

…ich wollte nicht in Komplimente ausufern

Ich wollte nicht in Komplimente ausufern, sprach ihr aber meine Hochachtung für ihre Mühen bei der Vollzeit‐​Pflege an ihrem Bruder aus – Ehre wem Ehre gebührt.

N wie Nietzsche

Nun kam ich zum eigent­li­chen Grund meines Besuches…

…kann ich ihn sehen ?

… kann ich ihn sehen?”

Sie sagte, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte, was öfter vorkommen würde und sie habe mit dem Blick zum Garten eine Art Wintergarten einrichten lassen, wo er sich nach­mit­tags befinden würde.

Nun kam mir ins Gedächtnis, dass dieses herr­schaft­liche Gebäude eigent­lich gar keine Künstlervilla im herkömm­li­chen Sinne ist, wo ein Künstler seiner Tätigkeit nach­geht, sondern eher die “Pflegestation” eines Krankenhauses.

So wie ich wusste, hatte man Nietzsche nach einer Anzahl von wirren Briefen und nach einem Zusammenbruch in Turin in eine Irrenanstalt nach Basel verwiesen.
Sämtliche Heilungsversuche schei­terten, sodass man ihn erst zu seiner Mutter nach Naumburg brachte.
Da müssen, wie schon oft, die Mütter wieder einspringen.

Die Schwester machte sich damals auf den Weg nach Deutschland und nahm der bereits betagten Mutter die Arbeit ab … lobens­wert.
Allerdings wusste ich auch, dass sie die Kontrolle seiner Werke in Form einer Gesamt‐​Ausgabe hatte, bzw. immer mehr in ihrer Hand vereinte.
Dieses ließ ich aber bei der Fortführung der Unterhaltung weg.

…sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer

Sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer und sagte mir sehr offen, dass sie vor habe, hier eine Art Archiv der Werke ihres Bruders einzu­richten, sie wollte es “Nietzsche‐​Archiv” nennen und es solle das Werk der Nachwelt erhalten.
Ich wurde schon leicht stumm und war begeis­tert von der Idee.

In einer Ecke stand eine große, bestimmt fast 1,50 Meter hohe Büste aus einem Block weißem Marmor ange­fer­tigt, die am oberen Ende das Haupt Nietzsches zeigte.

Massiv‐​Marmor

Noch mit einiger Ehrfurcht blieb ich davor stehen, sehr beein­druckt, egal wie man dem Werk gegen­über­stehen mag.
“Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle”, zitierte ich mich mal wieder selbst.
Sie lachte und sagte, dass ein guter Freund es sich nicht hätte nehmen lassen, schon vor dem Tod ihres Bruders ihn in Marmor zu verewigen.
“Passt aber sehr gut zum Ambiente…”, erwi­derte ich.

…es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt

Es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt, in denen man Dokumente aus dem Leben ihres Bruders sehen konnte – ich hatte das Gefühl, dass er schon lange tot sei.
Da dieses ja nicht der Fall war, drängte ich leicht auf einen persön­li­chen Anblick Nietzsches.

Platz im Wintergarten

Der Wintergarten mit dem Blick in den traum­haft schönen Garten, war fast leer.

…in einem Lehnstuhl saß Nietzsche

In einen Lehnstuhl saß Nietzsche mit einer Wolldecke umwi­ckelt.
Er zeigte keinerlei Regung, als ob er unser Hereinkommen gar nicht gemerkt hätte.

“Schau mal Fritzchen, du hast wieder Besuch…!”, sagte die Herrin.
Ich neigte mich leicht herunter, um Nietzsche ins Gesicht sehen zu können. Er reagierte über­haupt nicht und ich hatte das Gefühl, dass ihm auch gewisse Lähmungen zu schaffen machten.

In dem Moment dachte ich, was aus so einem großen Geist doch werden kann und dass der Geist und der Körper doch zwei voll­kommen unter­schied­liche Dinge sind.

…Nietzsche versuchte seine Hand zu heben

Nietzsche versuchte seine Hand zu heben, ich gab ihm kurz die Hand, seine schien gar keine Kraft mehr zu haben.

Er ist ziem­lich geschwächt…”, sagte die Schwester.
“Es ist immer eine ziem­liche Tortur, bis wir ihn aus dem Schlafzimmer im ersten Stock hier herunter geschafft haben…
“Ja, das glaube ich…”, sagte ich zustim­mend.
“Es ist ja schon einmal gut, dass sie gewisse Helfer und Unterstützer haben…”

…ich hatte mich leicht von Nietzsche abge­wandt

Ich hatte mich leicht von Nietzsche abge­wandt und schaute durch die Fenster in den Garten.
Tja…”, dachte ich, “…Leben ist Leiden – nur die einen trifft es mehr, die anderen weniger.”

Frau Förster‐​Nietzsche meinte, dass es besser wäre, wenn wir ihn nicht weiter anstrengen sollten, da Gesprächsversuche immer für ihn sehr kräf­te­rau­bend seien.

Man kam einfach nicht herum bei der Einrichtung der Räume und den Utensilien, die Nietzsches Lebensweg symbo­li­sierten, zu erahnen, dass hier einmal eine rich­tige Begegnungsstätte und ein zentrales Archiv aller Nietzsche-Verehrer entstehen sollte.
Aber noch lebte er ja.

Als wir uns wieder in den Ess‐​Saal begeben hatten, brannte mir eine Frage auf der Zunge, die ich der reso­luten Dame noch stellen wollte.
“Ihr Bruder ist ja in seinen Werken gegen manches ganz schön ange­gangen, man denke da nur an seine Haltung zur Kirche”, sagte ich und zeigte gewisse Fachkenntnisse.

“Aber, was wird denn nun aus dem umfang­rei­chen Nachlass und allge­mein aus seinen Schriften, wie wollen Sie das ganze archi­vieren und publi­zieren?”

Wir haben uns bereits zusam­men­ge­setzt”, sagte sie konternd, “und wollen nach Fritzchens Tod eine allge­mein­gül­tige Gesamtausgabe heraus­bringen, ich habe schon andere Versuche des Publikmachens unter­bunden.”
“Es soll alles von hier ausgehen, auch der Nachlass, er soll nicht unter den Tisch fallen, wir wollen ihn in einer größeren Anzahl von Büchern auch zugäng­lich machen.”

…ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen

Ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen, vor allem das Tragödienbuch und den Zarathustra”, erwi­derte ich schon ein biss­chen mit Stolz.
“Ihr Bruder hat ein breites Spektrum, vor allem für die Jugend geeignet, wenn man noch auf der Suche ist !”, sagte ich mit einem Lächeln.

Wir planen hier ein Zentrum für alt und jung”, meinte sie, “alle sollen hier Zugang zum Werk haben und Erfahrungen austau­schen können, es haben sich schon einige bekannte Freunde und Förderer gefunden…”

Es war bereits Spätnachmittag und sie führte mich gemäch­lich zurück in den Eingangsbereich.

“Meine Verehrung und Hochachtung vor Ihrer Arbeit…”, sagte ich schon ein biss­chen unter­würfig.
“Ich werde die Werke Ihres Bruders immer in meinem Regal, bzw. in meinem Kopf haben.”

Seien Sie gespannt auf die neue Gesamt‐​Ausgabe, die wir demnächst planen auf den Markt zu bringen”, sagte sie im Abschied begriffen.

Gesamtausgabe

Als ich die Humboldtstraße wieder am lauen Abend herunter Richtung Auto ging, dachte ich, ob so eine Gesamt‐​Ausgabe wirk­lich dem entspricht, was Nietzsche geschrieben und gemeint hat (?), aber da sind ja bis heute die Geister geschieden.

Der Mensch ist etwas, was über­wunden werden muss”

(Nietzsche)



*sh. auch die Beiträge “Wagner in Verona” /​ “Schopenhauer in Frankfurt”

* sh. Beitrag “Torquato Tasso Sorrent”
* sh. Beitrag “Blutwunder Neapel

* sh. Fotos Weimar

* Weimarer Klassik (Nietzsche‐​Archiv)

* Literatur‐​Tipp :

“Das Nietzsche‐​Archiv in Weimar”
Stiftung Weimarer Klassik bei Hanser
Carl Hanser Verlag München Wien 2000
ISBN : 3–446-19953–5



(HerrRothBesucht /​ Sonstiges)


Impresssum

Schopenhauer in Frankfurt

Eine Pilgerfahrt zu Arthur Schopenhauer nach Frankfurt a. M.”

Wie häufig bin ich schon daran vorbei gefahren auf meiner Strecke nach Mannheim ? Immer habe ich sie links liegen lassen und nur eines kurzen Blickes gewür­digt.
Als ich mich nun wieder auf der Strecke der Skyline von Frankfurt näherte, dachte ich, dass ich die Chance endlich nutzen sollte und ich verließ die Autobahn am Westhafen und fuhr die Gutleutestraße am oberen Mainufer entlang.
Der Name der sich lang hinzie­hende Straße klingt schon gut und hinter der Alten Brücke beginnt die Schöne Aussicht, eine Straße, die ihrem Namen alle Ehre macht, denn der Blick über den Main ist nicht der Schlechteste.

…ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße

Ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße und strebte sofort zur Schönen Aussicht Haus‐​Nummer 17.
An der Schelle stand auch der Name und nachdem ich geschellt hatte, öffnete mir eine Magd.
“Ist Herr Schopenhauer zu Hause, ich hätte ihn gerne einmal gespro­chen…” (?), sagte ich etwas verlegen - “…nein, er ist gerade mit dem Hund draußen, aber kommen Sie doch herein – Herr Schopenhauer wird gleich sicher wieder da sein”, sagte die Magd einla­dend.
So viel Gastfreundschaft hatte ich gar nicht erwartet.

…seine Wohnung war spar­ta­nisch einge­richtet

Seine Wohnung war spar­ta­nisch einge­richtet, ein großer Schreibtisch mit allerlei Manuskripten und Büchern, mehrere Regale mit Literatur, ein altes ausge­ses­senes Sofa, ein schon leicht müffig riechender Teppich auf der Erde – aber ein herr­li­cher Blick über den Fluss aus einem großen Fenster nach Norden hin.
“Tja…”, dachte ich, “…die Wohnung als Spiegel des inneren Ichs…”, dies hatte ich auch schon in Goethes Haus am Frauenplan in Weimar erkannt.
Schon leicht angetan stand ich vor dem Panoramafenster und genoss den Blick auf den Main und die Alte Brücke.

…auf einmal hörte ich Schritte

Auf einmal hörte ich Schritte und drehte mich schnell um – der Pudel war am kläffen, als er mich sah.
“Sie wollten mich spre­chen…?”, sagte Schopenhauer, “…was kann ich für Sie tun?”

In dem Moment war ich schon etwas über­rascht und ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell dem großen Philosophen einmal gegen­über stehen würde.
Seine Körpergröße maß aller­dings knapp über 1,60 Meter, aber die Kleinsten haben immer die meiste Energie.

…auf der Durchreise nach Mannheim

Ja…”, sagte ich etwas verlegen und zöger­lich, “…ich bin auf der Durchreise nach Mannheim und ich dachte…”
“Herr Schopenhauer, ich habe alle Ihre Schriften gelesen, Ihr Hauptwerk alleine dreimal…”

…alleine dreimal gelesen

Ja und…”, sagte er schon leicht abwer­tend.
Die Magd brachte uns einen Kaffee und Schopenhauer setzte sich an seinen großen Schreibtisch, ich ließ mich auf dem ausge­ses­senen Sofa nieder.
“Sie haben ja hier einen tollen Blick…”, sagte ich schon leicht ablen­kend, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen.

Durch viel Ärger mit meinen ehema­ligen Nachbarn, habe ich mich seit einem halben Jahr hier in der Schönen Aussicht nieder­ge­lassen, der Blick bringt auch etwas Anregendes für mein Schaffen!“
Da war das entschei­dende Wort gefallen, was ich irgend­wann hätte anspre­chen müssen.
“Ja, ich habe, wie gesagt, viel von Ihnen gelesen und einiges hat mich so begeis­tert, dass ich es mehr­fach gelesen habe, aber…”

Die Bibel der Weltenverneinung

Aber, was…(?)”, wieder­holte er.
“Tja, es ist alles sehr gut geschrieben, aber eines kann ich einfach nicht verstehen.“
Langsam erhob er sein Haupt.
Nun musste ich endlich zur eigent­li­chen Kernfrage kommen, die ich mir vor dem Besuch auf die Fahne geschrieben hatte.

…was haben Sie gegen Hegel ?

Was haben Sie eigent­lich gegen Hegel, dem großen deut­schen Philosophen, der hat Ihnen doch gar nichts getan?”

Schopenhauer wurde leicht rot im Gesicht und erschien etwas verkrampft.
“Hegel, Hegel, wie kommen Sie auf Hegel…?”

Na ja, wenn man Ihre Werke ließt, kommt man ja nicht um diesen Namen herum !”, sagte ich schon etwas vorsichtig.
“Sie haben nichts verstanden, Hegel ist ein nichts­nüt­ziger, dreckiger Schmierfink und Scharlatan…”, sagte er stark erregt.

Einen wider­li­chen, geist­losen Scharlatan und beispiel­losen Unsinnschmierer…

Aber Herr Schopenhauer, sie können doch nicht so unan­ständig über diesen großen Philosophen reden!”, sagte ich ziem­lich geschockt.

Plötzlich sprang Schopenhauer wie von einem Blitz getroffen auf, “…Hegel ist ein Miststück und elender Tintenklekser mit langem Bart, mit einem kastrierten Denken, der nur mit hohlem Wortkram um sich wirft…”,
schrie er stark erregt.
Die Magd kam herein, um zu sehen, was passiert war – verließ uns aber wieder – sie schien derar­tige wutent­brannte Monologe bereits zu kennen.

Schopenhauer rannte zu einem seiner über­füllten Regale und zog ziel­si­cher ein schon stark zerfled­dertes Buch heraus.
Ich kam schon leicht in Verlegenheit, weil ich ja Schopenhauer nur einen fried­li­chen Besuch abstatten wollte.

…in seiner Hand hielt er das Hauptwerk Hegels

In seiner Hand hielt er das Hauptwerk Hegels, “Die Phänomenologie des Geistes”, und ich war über­rascht, dass er es über­haupt in seiner Wohnung duldete.
Er blät­terte wild darin herum, zitierte ein paar Stellen, “…sehen Sie – alles nur Schmierereien von diesem elenden Gelehrten mit seinem impo­tenten Gehabe.”
“Fichte und Schelling haben der Welt gezeigt, wie man es nicht machen sollte, aber Hegel hat mit seinen Schmierereien die deut­sche Sprache verhunzt, er macht sich daraus ein Gewerbe die Sprache zu demo­lieren und einen verrenkten Jargon daraus zu machen…aber das Schlimmste bei der Sache ist, dass nun eine ganze junge Generation heran­wächst, die dieses Geschmiere ernst nimmt und Hegel als seinen Heiligen kürt”, schrie er völlig unge­halten und schon chole­risch.

…ich wurde immer ruhiger

Ich wurde immer ruhiger, es blieb mir auch nichts anderes übrig.

In wider­wär­tigster Art und Weise schafft dieser Flachkopf seine Adepten in sein sinn­loses Geschmiere hinein­zu­ziehen, Worte, die man nur in Tollhäusern zu hören bekommen hat!”

Ich kam leicht in Verlegenheit, und hatte nicht gedacht, dass ich so eine Welle der Empörung auslösen konnte.

Aber Herr Schopenhauer…”, sagte ich, um ihn leicht zu beru­higen, “bedenken Sie, dass Richard Wagner Ihre Schriften hoch schätzt und Nietzsche Sie als sein Erzieher huldigt!”
“Und beide haben nichts gegen Hegel…”

Ach lassen Sie diesen Verrückten mit seinen revo­lu­tio­nären Ideen und der andere soll in seiner Klappsmühle bleiben..”, sagte er wutent­brannt.

…die Magd brachte uns noch einen Kaffee herein

Die Magd brachte uns noch einen Kaffee herein und ich blickte sie schon leicht hilflos an.
Er nahm das Buch Hegels und schleu­derte es in die Ecke, dies hatte er sicher schon mehr­fach damit gemacht, denn so sah es mitt­ler­weile aus.
Der Pudel fing an zu bellen und sprang aus seinem Korb heraus.

…den Pudel immer dabei

Ich musste erst einmal tief Luft holen, wollte aber die Diskussion nicht ganz abbre­chen.
Um etwas abzu­lenken, fragte ich Schopenhauer nach seiner jetzigen Schöpfung und an was er denn zur Zeit arbeite (?).

Gedanken im Alter

Er zeigte mir einen Ausschnitt aus einem Manuskript, an dem er gerade arbeiten würde und was noch ziem­lich wirr aussah, “Senilia – Gedanken im Alter”, so solle es heißen, wie er mich aufklärte und was zur Zeit nur frag­men­ta­risch vorliegen würde.

…er hatte sich mitt­ler­weile leicht beru­higt

Er hatte sich mitt­ler­weile leicht beru­higt.
“Aber darin kommt doch sicher auch Hegel vor…” – ich biss mir auf die Zunge, wieder den Namen genannt zu haben.

Dieser frech hinge­schmierte Unsinn dieses Nichtnutzes unter­bindet redli­ches Bemühen um die Wahrheit ehrli­cher Philosophen, und alles von so einem Schmierfinken wie Hegel…da kann man auch nicht herum­kommen!”, sagte er wiederum stark empört.

Mit alle dem haben Sie aber erst aufge­tischt, als Hegel unter der Erde war…”, sagte ich schon leicht gewagt, “…warum haben Sie es ihm nicht zu Lebzeiten ins Gesicht gesagt?”

…Schopenhauer wurde knallrot

Schopenhauer wurde knallrot, beru­higte sich aber schnell wieder.

“Verzeihen Sie, aber ich wollte Sie nicht angreifen!”, sagte ich verlegen.

“Wenn etwas der deut­schen Sprache und der ganzen Philosophie geschadet hat, dann ist es das dumme Geschwätz eines Hegels, wo nur Strohköpfe ihr Gefallen daran haben, der landauf und landab als die größte Philosophie der Deutschen ange­pran­gert wird, obwohl es nur ein dreckiger, hohler Unfug ist, der im wirren Kopfe eines geis­tes­kranken Heiligen entstanden ist, der die Universität verschan­delt.”

…langsam bekam ich Hunger

Langsam bekam ich Hunger, wollte aber nicht einfach Schopenhauers beschei­dendes Quartier so verlassen.
Ich schaute mir noch einzelne schon fertig gestellte Fragmente seines nächsten Werkes an, nachdem ich ihn um Erlaubnis gefragt hatte, denn die Schöpfungen vieler Künstler sind demje­nigen am heiligsten, der sie selbst geschaffen hat.

Schopenhauer lächelte ein biss­chen und sein Pudel knurrte in seinem Körbchen in der Ecke.

Ich hoffe, dass ich Ihre Fragen zur Genüge beant­wortet habe, junger Mann”, sagte er schon leicht unge­duldig.

Ja, bezie­hungs­weise fast, aber gewisse Fragen müssen immer offen bleiben, sonst verliert alles ja seinen Reiz”, sagte ich schon im Aufbruch befin­dend.

Ihre Wohnung ist wirk­lich sehr schön, vor allem der Ausblick…”, sagte ich noch­mals eher ablen­kend, um Schopenhauer in Ruhe zu halten.

Nach einer kurzen Verabschiedung, erreichte ich doch noch leicht erregt und außer Atem meinen Wagen in der Seitenstraße der Schönen Aussicht und ich musste tief Luft holen, bevor ich meine Fahrt Richtung Mannheim fort­setzte.

…dass Schopenhauer gestorben sei

Zwei Wochen später lass ich daheim in der Zeitung, dass Schopenhauer gestorben sei und die Magd ihn beim Schreiben an seinem Tisch tot gefunden hätte.
Ich musste schlu­cken, aber bei seinen Aufregungen über Hegel hat wahr­schein­lich das Herz nicht mehr mitge­spielt.

Wenn ich nun jeden Sonntag durch die Uni am Hegel‐​Archiv vorbei jogge, denke ich, was man hier wohl sagen würde, wenn man wüsste, dass ich begeis­terter Leser Arthur Schopenhauers bin und ihn sogar noch persön­lich kennen­ge­lernt habe.
Man würde mich wahr­schein­lich heraus­schmeißen und verjagen.

Wenn dann auch noch ein Gewitter aufzieht, merke ich doch, wie Hegel im Himmel schimpft…
…aber die Frage, warum Schopenhauer Hegel so gehasst hat, ist bis heute für mich nicht beant­wortet worden.

“Die Welt hat etwas von mir gelernt,
das sie nicht wieder vergessen wird”

(Schopenhauer)



*sh. auch meinen Beitrag “Wagner in Verona
*sh. auch meinen Beitrag “Nietzsche in Weimar”


*Schopenhauer‐​Gesellschaft Frankfurt a. Main


*Zitate und Fotos teil­weise entnommen der folgenden Ausgabe :

Sämtliche Werke nach den Ausgaben letzter Hand”
Haffmans Verlag Zürich bei Zweitausendeins, 2006

1. Auflage der Neuausgabe Herbst 2006
Limitierte Ausgabe in 5 Bänden


(Sonstiges)



Impressum

Foto – Story (Teil 13)

Die Geschichte hinter dem Bild

Via Mazzini Verona

Die schon oftmals lasziv aufdring­lich wirkenden Werbung für DUB (Damen‐​Unterbekleidung) und Parfüme auf der Prunkmeile Via Mazzini im ober­ita­lie­ni­schen Verona im Zentrum der Liebe, sticht einem an jeder Ecke gerade zu in die Augen – man würde heute sagen “Eye‐​Catcher”.
Ich foto­gra­fierte im August 2017 dort bestimmt 5 oder 6 dieser aufgei­lenden Werbeplakate und Eier‐​Catcher, quatsch … Eye‐​Catcher.
Doch hier wurden sie abge­nommen (sh. Foto), die Werbewand hat gewiss ein Gewicht, sodass eine Person die Dame gar nicht stemmen kann, um die verfüh­re­risch drein­bli­ckende Person von der Fassade zu nehmen.
Dieses wurde aller­dings aus einem einzigen Grunde ange­gangen, nicht um des Jugendschutzes willen, sondern, um eine weitere neue Dame an dieser Stelle aufzu­hängen und zwar nicht in Rückenlage, sondern stehend.
Wie die aussah, habe ich dann nicht mehr gesehen – ich hatte nicht die Geduld zu warten – es hätte ja auch eine biss­chen komisch ausge­sehen, wenn ich mich mit Kamera posi­tio­niert hätte, um die neue Damen‐​Unterbekleidung foto­gra­fisch fest­zu­halten…



Die Geschichte hinter dem Bild

Franz‐​Liszt‐​Museum Bayreuth

Bei meiner ersten Pilgertour im Jahre 2003, die als Hauptziel das Zentrum der geis­tigen Welt hatte, nämlich Villa Wahnfried in Bayreuth und das Grab Richard Wagners, besuchte ich auch die Villa dessen Schwiegervaters und Gönners Franz Liszt, einem der größten Klavier‐​Virtuosen seiner Zeit, Komponist und Dirigent.
Die herr­schaft­liche Künstlervilla gibt schon viel her und neben einer umfang­rei­chen Sammlung steht dort auch das Klavier Liszt, an dem Wagner und Liszt saßen und spielten.
Nun sagte mir die Dame am Empfang, dass hier sogar Verehrer aus Japan kommen und den Boden küssen würden – ich wollte es nicht über­treiben und bat sie, von mir ein Foto am Klavier stehend zu machen – ich durfte sogar die Hand darauf legen.
Ein Moment, der nicht so oft in diesem Leben wieder­kommen wird – hört sich zwar blöd an, ist aber so, ob man aus Japan kommt oder aus dem Ruhrpott.
So ganz licht­tech­nisch gut ist das Foto mit der alten Minolta‐​Kamera nicht geworden.
Nun zeigte ich ca. 10 Jahre später das Foto voller Begeisterung einer (ehema­lige) Arbeitskollegin und versuchte ihr die Einzigartigkeit dieses Momentes klar zu machen.
Sie schaute mich mit ihren Kugelaugen fragend an…
………es war mir in dem Moment schon etwas pein­lich, aber ich hatte ganz vergessen, dass nicht jeder Franz Liszt kennt.

Die Geschichte hinter dem Bild

Dante‐​Pizza (Verona)

Wenn man in Italien um jemanden nicht herum kommt und zwar in keiner Stadt und an keinem Ort, dann ist dies Dante.
Besser gesagt, Dante Alighieri, der große italie­ni­schen Dichter und Schöpfer des Werkes “Die Göttliche Tragödie”, der damit nicht nur ein epochales Werk schuf, sondern im 13. Jahrhundert (angeb­lich) auch das domi­nie­rende Latein über­wunden haben soll und das soge­nannte Italienisch zur Literatursprache einge­führt haben soll.
Es gibt fast keinen Ort, in dem der Name des Dichters nicht irgendwo verwendet wird – Straßen, Parks, Häuser, Brücken…fast mit unserem Goethe vergleichbar.
In Dantes Geburtsstadt Florenz hatte ich im Jahre 2014 auch sein (angeb­li­ches) Geburtshaus aufge­sucht und u.a. seine Totenmaske bewun­dert.
Im heimat­li­chen Florenz gibt es ja fast keinen Stein und keine Toilette, die nicht entweder nach Michelangelo oder Dante benannt ist.
Denkmäler und Büsten ohne Ende, Skulpturen, Plastiken säumen die Gassen, Wege und Plätze.
Auch in Verona kann man auf dem Piazza dei Signori ein Dante-Denkmal bewun­dern, wo Dante auf einem hohen Sockel mit einer Kutte bekleidet und seiner markanten Kopfbedeckung grübelnd und nach­sin­nend steht.
Fast uner­reichbar für den normalen Besucher der Etsch‐​Stadt.
Als ich nun doch ergriffen im Oktober 2017 und voll Ehrfurcht vor dem großen Genie von dem genannten Platze wech­selte auf den nahe liegenden Piazza delle Erbe, dachte ich…“na, wann läuft er dir wieder über den Weg, der große Dichter (?)” – dieses dauerte dann auch nicht sehr lange (sh. Foto), denn zum Verkauf von italie­ni­schen Pizzas (ob nun auf Lateinisch oder auf Italienisch) ist werbe­wirksam Dante mit seinem sturen Blick auch gut geeignet…man muss halt gute Ideen haben.
Man sollte eigent­lich im werbe­über­flu­teten Deutschland eine Pizza mit dem Namen Goethes auf den Markt bringen, eine Idee, auf die noch keiner gekommen ist…

* sh. Foto‐​Story Vorwort

* sh. Fotos Verona

(Foto – Story)

Impressum

Vom Dachboden zum Paradies

“Ein Idyll der Kinderzeit”

Wer kennt aus unserer Generation der 60er‐​Jahre sie nicht – die Mietshäuser der Arbeiterklasse, die grund­sätz­lich einen Dachboden hatten.
Hier wurde die Wäsche zum Trocknen aufge­hängt, die Kartoffeln und die Kohle waren meis­tens im Keller im Dunkeln unter­ge­bracht.
Nur als Kind hatte man meist ein Verbot den Dachboden zu betreten, warum auch immer. Den Schlüssel hatten die Eltern meist gut versteckt.

Und diese Dachböden waren ja oftmals vom Platz her nicht gerade klein – es reizte uns als Kinder immer dort zu spielen, unter dem Dach, wo sich im Sommer die Hitze staute – es herrschte ein leicht muffiger Geruch, der durch das Waschpulver ange­rei­chert wurde.
Fast so gut, wie ein Heuboden auf einem Bauernhof.

Wenn man nun die obere Etage, wo andere glaubten, hier sei Schluss, erreicht hatte, führte noch eine klei­nere Treppe leicht spiral­förmig weiter in die Höhe, was erfor­schungs­wil­lige Kinder ja noch mehr reizt – wo mag das wohl hinführen ?
Wenn man diese spiral­för­mige Treppe auch noch erklommen hatte, stand man meist vor einer verschlos­senen Tür, die nicht gerade einla­dend aussah und die die letzte Hürde zum “Paradies” bedeu­tete.
Wenn nun eine Nachbarin die Wäsche aufge­hangen hatte, konnte es vorkommen, dass sie vergessen hatte, die Tür abzu­schließen – das war die Chance endlich dahin zu gelangen, wo man immer hin wollte, aber nicht durfte…auf den unheim­lich zauber­vollen Dachboden…

Nach dieser einstim­menden Vorbereitung nun zum Eigentlichen.
Mein Hotel in der Altstadt von Sevilla (Santa Cruz) in der Weihnachtszeit des Jahres 2014 zeigte in der Vor‐​Recherche im Internet eine Art Dach‐​Terrasse als ihr Eigen.

Das weiß getünchte Paradies

Nun glaubte ich, dass diese im Winter geschlossen sei, es war auch im Foyer des Hotels kein Schild mit einem Hinweis zu finden, dass auf die Existenz einer Dach‐​Terrasse hinwies.
Noch nicht einmal an den Wänden des in Weinrot gehal­tenen Hotels konnte man einen Hinweis in Form eines Schildes finden.
Als ich durch das Treppenhaus die oberste Etage erreicht hatte, kamen bei mir die oben geschil­derten Erinnerungen an meine Kindheit hoch.
Schon ein biss­chen dreist ging ich die letzten Stufen in die Höhe und stand wie in die Kindheit zurück­ver­setzt vor so einer Tür, die ja fast immer abge­schlossen war.
Nun hielt ich den Atem an und ergriff die Türklinke … und die Tür ging auf …
Als ich durch die Tür nach draußen ging, stand ich wie gebannt in einem “Paradies”, aber diesmal nicht auf dem Dachboden eines Mietshauses der 50er und 60er Jahre in der Heimat, sondern auf einer mit Palmen und Kakteen gezierten Dach‐​Terrasse mit weiß getünchten Wänden, an denen Blumentöpfe hingen, die lange Schatten warfen.

Mit Palmen geschmückter Paradiesgarten

Erst einmal wurde ich stumm, wie immer wenn etwas kommt, wo man nicht mit gerechnet hat und was einem die Sprache verschlägt.
Auf den gefliesten Mauern standen Töpfe mit fanta­sie­vollen Kakteen‐​Sammlungen, kleine Bilder an den Wänden, Kerzen für die Abendstunden auf einer Art Theke, Korbstühle luden zum Hinsetzen ein … ich fiel vor Überwältigung rück­wärts in so einen Stuhl und sah nun die abso­lute Krönung des Ganzen – der Blick zum schon leicht erleuch­teten La Giralda, dem Glockenturm der Catedral de Sevilla, der schon an ein Minarett einer Moschee erin­nert.

Fast wie in einem orien­ta­li­schen Traum

Wie in einem Traum saß ich über eine halbe Stunde ohne mich von der Stelle rühren zu können.
Nun hatte die Dämmerung bereits begonnen und die “Blaue Stunde” neigte sich ihrem Ende und das alles bei 18° Grad Ende Dezember.

Kakteen‐​Zauber

Kein Mensch war außer mir hier oben, viel­leicht war vielen nicht bewusst, welches Juwel das wein­rote Hotel auf seinem Dache beher­bergte.
Gegen 22:00 Uhr erhob ich mich dann doch, denn es war schon empfind­lich abge­kühlt in diesen Wintermonaten, wo man die Kühle erst des Nachts spürte.

Stacheliger Blick

Ich hatte etwas Schwierigkeiten die kleine Tür wieder zu finden und hatte schon Bedenken, dass sie mitt­ler­weile abge­schlossen worden wär, was aller­dings nicht der Fall war.
Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Zimmer im Bett auf und ich wusste nicht, ob ich es geträumt hatte oder ob es Realität war.
Somit machte ich mich vor dem Frühstück erst einmal wieder die Treppe hoch … war es Realität oder Traum ?

Träume in Grün

Die Dachterrasse war in ihrem Zauber noch da, diesmal im strah­lenden Sonnenschein über den Dächern von Sevilla
Ich dachte, dass es besser wäre, erst einmal zu früh­stü­cken, bevor ich mich wieder vom Zauber des “Dach‐​Paradieses” in den Bann reißen lasse. In den Nachmittagsstunden konnte ich dem aller­dings nicht wider­stehen.

Man sieht, wie nah Realität und Traum beiein­ander liegen…
Vielleicht haben die anderen Gäste des Hotels nicht die Zeit der 60er‐​Jahre in Deutschland mit 8 bis 10 Parteien‐​Mietshäuser und ihre Dachböden miter­lebt, sonst wären ja oben auf der Dachterrasse mehr Menschen gewesen außer mir.

Was lernen wir daraus :

Die Eindrücke der Jugend
bestimmen den Geist des Lebens”


*  sh. auch meinen Beitrag “Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte

* sh. auch meine Fotos Sevilla


(Sonstiges)

Impressum