Pal. Contarini del Bovolo Venedig (Juli 2019)

Wer durch den Filter schaut, lernt neu zu sehen”

Der Palazzo Contarini del Bovolo gilt als histo­ri­sche Sehenswürdigkeit und ist ein goti­sche Palast im Stadtteil San Marco leicht unter­halb des Campo Manin in Venedig.

Schneckenform

Das Besondere an diesem leicht versteckt liegenden Palast ist eine Wendeltreppe (Scala Contarini del Bovolo), die alle Stockwerke erschließt und die so erscheint, als sei sie davor gebaut oder an einer Ecke des eher schmalen Gebäudes gesetzt worden.
Und wegen dieser Wendeltreppe ist er auch berühmt geworden und in die Kunstgeschichte einge­gangen.

Nur die Treppe machts…

Laut Literatur soll der Palazzo, außer der touris­tisch genutzten Treppe, insge­samt in keinem guten Zustand sein.

Der Palast als solches ist ein Gebäude des ausge­henden 15. Jahrhunderts der Familie Contarini.
In einem kleinen “Vorgarten” hat man als Ausstellungs‐​Relikte einige Reste von Brunnenfassungen (“vere di pozzo”) ausge­stellt, eine davon trägt auch das Wappen der Contarini.

Der mit einem Gitterzaun umge­bene Vorhof soll eben etwas mehr Historisches für den Besucher darstellen, da sind ja alte Relikte immer nütz­lich, auch schon, um den Blick des Besucher anzu­lo­cken.
Ein weiterer kleiner Innenhof ist von dieser Seite nicht einblickbar.

Zur Historie seien einige Fakten zu nennen :
Im Jahr 1499 hatte der dama­lige Hausherr (Pietro Contarini) die Idee diesen eher mager ausse­henden Innenhof mit einem wendel­för­migen Anbau in Form einer aufstei­genden Treppe zu verschö­nern.
Für dama­lige Zeiten eine eher unge­wöhn­liche Idee, die es auch zu dem Zeitpunkt in Venedig noch nicht gegeben hatte und als völlig neuartig anzu­sehen war.
Der Baumeister war ein gewisser Giovanni Candi (nach anderen Quellen Giorgio Spavento) zeigte sein Können hier eine Wendeltreppe im Stil der Renaissance errichten zu lassen, die eine eher unge­wöhn­liche Form haben sollte.
Es sollten eine Serie von Loggien sein, die sich anstei­gend durch Rundbögen öffnen.
Eine aufwän­dige Idee, aber große Werke in der Menschengeschichte waren ja immer nicht ganz so einfach.
Die Treppe endet in einer Art Kuppelraum, der einen hervor­ra­genden Blick über ganz Venedig (was ich aller­dings als etwas über­trieben ansehe) bietet.

Blick ist im Preis enthalten

Im 19. Jahrhundert diente der Palast eine Zeit lang als Hotel und beher­bergt ein pädago­gi­sches Institut.

Der Palazzo mit “Schneckenhaus”-Treppe (Bovolo - ital. Schneckenhaus) ist nicht ganz einfach zu finden (aber was ist in Venedig einfach zu finden?).
Als Haupt‐​Orientierungspunkt ist der nach Pomnik Daniele Manin benannten Platz Campo Manin leicht ober­halb ratsam.

Man muss sich am besten immer spontan durch die Gassen treiben lassen und hat dann oft mehr Erfolg etwas zu finden, als wenn man konzen­triert etwas sucht.

Bei meinen Venedig-Aufenthalten ist dies immer meine Devise gewesen, und somit habe ich auch das meiste gefunden ohne es zu suchen.
Denn Venedig ist ja als solches eher für den Wasserweg in dama­liger Zeit errichtet worden und nicht für Fußgänger, dadurch hat man es per pedes immer schwie­riger, als mit einem Boot.

So auch in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019), als ich durch eine kleine Seitengasse der Calle Locande auf die Wendeltreppe aufmerksam wurde.
Ein rich­tiger Aha‐​Effekt, denn der Palazzo ist ja eher unscheinbar, bzw. fällt hier, wo ja alles voll ist mit Palazzos, weniger auf.
Vielleicht war dies ja auch ein Grund des dama­ligen Hausherren eine derartig unge­wöhn­liche Wendeltreppe anbauen zu lassen, also seinen Palast etwas mehr heraus­zu­heben aus der Masse aller anderen.

Man entrichtet den Eintritt ja haupt­säch­lich, um durch die Schranke gehend diese schne­cken­ar­tige Wendeltreppe zu erklimmen, schon alleine des Ausblicks wegen.

Ausblicke

Allerdings ist auch eine kleine Kunstausstellung im Sala del Tintoretto im Eintrittspreis enthalten.

Zum Zeitpunkt meines 5. Venedig‐​Besuches lief ja die 58. Biennale di Venezia, die vom 11. Mai 2019 bis zum 24. Nov. 2019 die Stadt mit eher moder­nerer Kunst‐​Installationen berei­chert und viele Kirchen und Palazzos für den Besucher zur Betrachtung der Werke öffnet.

So auch der Palazzo Contarini del Bovolo, bzw. dessen Wendeltreppe.

Ich staunte nicht schlecht…
Denn bei der Erklimmung der Wendeltreppe fielen sofort farbig trans­pa­rente Folien ins Auge, die vor die rund­bo­gen­ar­tigen Fenster gespannt waren.

Trasformata in un faro multi­co­lore

Tja, da ist man über­rascht, denn hier hat (wie ich später erfuhr) eine Künstlerin ihre Hand ange­legt, nämlich die aus Armenien stam­mende Narine Arakelian leis­tete mit dieser fanta­sie­vollen Installation den Beitrag zur dies­jäh­rigen Biennale für das Land Armenien.

Pharos Flower

Die arme­ni­sche Schöpferin nannte ihre Installation “Pharos Flowers”.
Wenn man jetzt etwas Gesamtbildung hat, dann weiß man, dass bei der Insel Pharos vor Alexandria in der Antike der größte Leuchtturm der dama­ligen Zeit stand und dieser gehörte zu den 7 Weltwundern, nämlich der “Leuchtturm von Alexandria”.

Roter Aufstieg

Ohne tiefer in die Interpretation dieses Werkes einzu­dringen und die Schaffensgründe der Schöpferin zu ergründen, ist natür­lich die Idee diese aufstei­gende Wendeltreppe in einen Leuchtturm zu verwan­deln, schon wirk­lich erle­bens­wert, bei Tag und bei Nacht.
Warum jetzt “Flower”, kann ich nicht defi­nieren.

Lila Ausblick

Wenn man mit krea­tiver Ader und mit Goethes Farbenlehre im Kopf, mit der Kamera direkt durch die trans­pa­rente Folie foto­gra­fiert, ergeben sich von bekannten vene­zia­ni­schen Motiven doch fanta­sie­vollen Bilder, die an Farb‐​Filter für die Kameralinse erin­nern.

….mal in Rot….


…mal in Gelb…


…mal in Blau…


…mal in Lila…


…mal in Grün.


Hierbei fusio­nieren sich ja drei Ebenen.
Erst einmal die goti­sche Wendeltreppe und der goti­sche Palazzo aus dem 14. Jahrhundert, dann die Idee der Verwandlung dieser Wendeltreppe in einen Leuchtturm durch die arme­ni­sche Künstlerin, und dann die eigenen Interpretationen, die man sich selbst hinein­denkt.

Abschließend sei hier aus Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen“
zitiert :

Damit ein Ereignis Größe habe, muss zwei­erlei zusam­men­kommen :
der große Sinn derer, die es voll­bringen,und der große Sinn deren, die es erleben”

Doch hier in Venedig waren es sogar drei :
…der Schöpfer der Scala Contarini del Bovolo, die arme­ni­sche Künstlerin und derje­nige, der durch die einfar­bige Folie hindurch foto­gra­fiert.

Was lernen wir daraus ?

Große Werke entstehen immer erst im
Kopfe des Betrachters”



Palazzo Contarini del Bovolo
Corte Contarina, del Bovolo, 4303, 30124 Venezia VE, SM
täglich : Mo.–So.: 10–18 Uhr
Letzter Einlass 30 Minuten vor Schließung
Geschlossen : 1 Januar, 15 August, 1 November, 25 und 26 Dezember


*sh. auch meine Fotos Venedig 2019

*home­page der arme­ni­schen Künstlerin Narine Arakelyan

*Biennale di Venezia 2019

*Kunst‐​Magazin Midas Public Relations


(HerrRothBesucht)

Impressum

Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig (1861/​2019)

…seit dieser Empfängnis”

Bei der Phantasie von manchen Künstlern und Schöpfern kommt man bei der Rezeption ihrer Werke oft schon ins Staunen, egal ob es nun Maler, Schriftsteller oder Komponisten sind.

Aber einer hat bei dem “In‐​Szene‐​stellen” seiner Ideenquellen viele und vieles in den Schatten gestellt, viele ins Staunen versetzt und sogar (Musik-)Wissenschaftler oftmals Kopfzerbrechen bereitet, und zwar wie öfter schon bespro­chen, Richard Wagner.

Fast zu jedem Werk hat Wagner etwas erfunden oder hinzu­ge­dichtet, was man eine soge­nannte “Inspirations‐​Legende” nennt.
Was ist dies ?

Der Schöpfer (in diesem Fall Wagner) nimmt sich prägnante Teile oder Passagen aus einem seiner Werke, die schon viele begeis­terte Hörer und Verehrer ins Staunen versetzt haben, und gibt einen Grund vor, wie und wo diese entstanden seien.
Jeder Rezipient vor allem von Wagners Werk, fragt sich, wo so ein genialer Schöpfer alle diese Ideen her hatte oder/​und was hat ihn zu so einer Ausdruckskraft hinge­führt und ange­regt (?)

Und da kann natür­lich nur einer eine Antwort geben, nämlich der Schöpfer des Werkes selbst.
Und hier war Wagner schon ein geschickter (und oft auch dreister) Fälscher und Selbst‐​Inszenator.

Dieses alles hat den Grund, die Genialität des Werkes noch stärker in Scenen zu stellen und aufzu­pu­schen (wie man heute sagen würde).
Es wird das “Objekt” suggestiv mit etwas anderem verknüpft, sodass die Frage, wo er die Idee her hatte, beant­wortet wird, und das von Künstler selbst.
Nur, dass es in den meisten Fällen bei Wagners Inspirationslegenden nicht stimmt, also gelogen oder zeit­lich versetzt worden ist.
Oft handelt es sich bei Wagner um soge­nannte “zeit­ver­setzte Überraschungs‐​Semantik”.
Was ist das ?

Wagner muss ja irgend­wann und irgendwo die Idee oder Inspiration gehabt haben, sonst würde es die jewei­lige Passage ja gar nicht geben.
Nun versetzt Wagner einfach den Zeitpunkt der “Eingebung” auf einen anderen Zeitpunkt, als sie wirk­lich war.
Und dem nicht genug – Wagner erkennt geschickt die Sensations‐​Geilheit seines wissenden Publikums und baut eine plötz­lich auftre­tende Überraschung ein (“…in dem Moment hatte ich die Idee!”).
Diese “Plötzlichkeits‐​Semantik” hat auch einen Grund und eine Bedeutung.
Wagner will seine Ideen in eine schon fast gött­liche Eingebung erhöhen, um das Publikum noch stärker ins Staunen zu versetzen, als es schon ist.

Im Falle von Wagner Inspirationslegenden sei aller­dings gesagt, dass er vieles aus dem Grund erfunden hat, um seinen Haupt‐​Sponsor Ludwig II. von Bayern zu verzau­bern, damit dieser ihn auch weiterhin (finan­ziell) unter­stützt – ganz schön dreist.
Auf Befehl Ludwigs sollte Wagner seine Autobiografie “Mein Leben” schreiben, was er dann auch tat, bzw. nicht tat, denn er diktierte sie seiner 2. Frau Cosima.

“Mein Leben”

Beim Abfassen dieses umfang­rei­chen Buches in 2 Bände musste er natür­lich bei der Version bleiben, die er dem König (per Brief) vormals auf die Nase zu binden versucht hatte, sonst wäre es ja aufge­fallen, dass er gelogen hatte, bzw. es erfunden hatte.

Hier nun eine kleine Auflistung von einigen Wagnerschen “Inspirationslegenden”:

*Die Karfreitags‐​Legende (Parsifal) – 1857
*Die Vision von La Spezia (Rheingold-Legende) – 1853
*Die Erleuchtung von Biebrich (Meistersinger-Vorspiel) – 1862
*Die Klageweise Tristans (Tristan u. Isolde) – 1858
*Das Assunta‐​Erlebnis (Meistersinger) – 1861

Die Jahreszahlen beziehen sich auf den Entstehungszeitpunkt der Inspirationslegende mit dem in Klammern dahin­ter­ste­henden Werknamen, für den die Legende erfunden worden ist.

Um die es jetzt gehen soll, spielt in einer “Stadt”, die schon viele in Ihren Bann gerissen hat, nicht nur Wagner, nämlich VENEDIG.

Und hierbei geht es um das …

Assunta‐​Erlebnis von Venedig aus dem Jahre 1861

Ich erlaube mir hier, den Schöpfer in seiner Auto‐​Biografie selber zu Wort kommen zu lassen :

Bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits muss ich jedoch bekennen, daß Tizians Himmelfahrt der Maria im großes Dogensaale eine Wirkung von erha­benster Art auf mich ausübte, so daß ich seit dieser Empfängnis in mir meine alte Kraft fast wie urplötz­lich wieder belebt fühlte.”
“Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Soweit der Schöpfer selbst.

“Santa Maria Gloriosa dei Frari” – Tiziano Vecellio, 1516–1518

Hierzu sind einige Erläuterungen nötig.
Richard Wagner war nie ein Freund der italie­ni­schen Malerei und hatte hiervon auch nur wenig Ahnung – für ihn gab es eigent­lich nur ein Kunstwerk, und dies war und ist das seinige.
Die Hintergrund‐​Geschichte ist die, dass die befreun­dete Familie Wesendonk, die immer nach großen Werken strebte, Wagner schon fast genö­tigt haben muss, einmal mitzu­gehen, was ihn eigent­lich gar nicht inter­es­siert (“…bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits…”).
Er ging mürrisch mit.
Bei der Abfassung der Auto‐​Biografie setzt er den Ort des Geschehens in den Dogenpalast, wo das Bild angeb­lich gehangen haben soll.
Das ist der erste Fehler, denn das Bild hing zu diesem Zeitpunkt (1861) nicht im Dogenpalast, sondern in der Gallerie dell’Accademia in Dorsoduro an der Accademia‐​Brücke.
Später revi­diert er diesen Fehler mit dem Argument, dass er sich vertan hätte – na ja, Irren ist mensch­lich und das kann ja auch Wagner passieren.

Wagner hatte kurz vorher seinen Verleger (Schott) wie immer um Geld gebeten, um seine Arbeit an den “Meistersinger von Nürnberg” fort­setzen zu können.
Das heißt, dass das Thema “Meistersinger” brand­ak­tuell war, somit bot sich eine gute Gelegenheit an, das ganze Projekt durch eine innere Eingebung in ein helleres und glaub­haf­teres Licht zu stellen, quasi ein insze­nierter kreativ auslö­sender Moment, der sich dann ja in Venedig anbot.

Jetzt haben sich natür­lich unzäh­lige Wagner-Forscher und Musikwissenschaftler vieler Jahre Gedanken gemacht, was Tizians gran­dioses Bild mit der “Meistersinger”-Komposition und -Konzeption zu tun haben könnten (?)

Hier einige Versuche der Erläuterung :

… die erste und einzig wahre Liebe meines Lebens”

Wagners “Liebe” zu der jüngeren Frau des Schweizer Industriellen Otto Wesendonk war eher plato­ni­schen Charakters (oder Wunschdenken).
Er bezeichnet Mathilde als die “einzig wahre Liebe seines Lebens” – sie wird als auslö­sender Faktor für die “Tristan”-Komposition bezeichnet und ihr ist der erste Act der “Walküre” gewidmet.
Diese Person muss schon eine große Bedeutung gehabt haben, außerdem war sie wesent­lich jünger als Wagner (was Musen so an sich haben) und hatte ein zart geschnit­tenes Gesicht, kurz gesagt, eine Schönheit wie in einem Märchen.
Wenn man sich Tizians Gemälde einmal genauer ansieht, so könnten die Gesichtszüge auf Mathilde zu mindes­tens hinweisen (was aller­dings als gewagte These schnell wieder vom Tisch ist).

…bombas­ti­sche Werke”

Wagners “Meistersinger” sind ja ein bombas­ti­scher Werk von fast 5 Stunden mit den meisten Statisten auf der Bühne und was zu Lebzeit des Schöpfers neben dem “Rienzi” das popu­lärste war.
Genauso wird man vor Tizians Assunta stehend schon stumm über die immensen Maße des Bildes (6,90 m x 3,60 m) und man fragt sich, wie in dama­liger Zeit (1516) ein Künstler so ein Werk schaffen konnte (?)
Hat also die Bombastizität des Gemäldes Wagner an die Bombastizität seines Werkes erin­nert …?

…die Ausführung der Meistersinger”

Außerdem heißt es ja “…die Ausführung der Meistersinger”.
Wohlgemerkt “Ausführung” – nicht “Aufführung”.
Ausführung” bedeutet einen lang­le­bigen Plan, vorbe­rei­tende Gespräche etc. in die Realität umsetzen, also zu Papier bringen, letzt­end­lich fest­halten oder fest­legen.
Solche vorbe­rei­tende Gespräche könnten natür­lich auch mit Mathilde statt­ge­funden haben (was mir nicht bekannt ist).
Es kann alles, vor allem bei einem Schöpfer mit so einer Phantasie wie Richard Wagner.
Aufführung” hieße, das bereits Geschaffene auf die Bühne zu bringen.

…Aufenthalt in Marienbad”

Die nächste These ist folgende.
Wagner weilte 1845 im Kurbad Marienbad in Böhmen, wo er den Plan der “Meistersinger” entworfen haben soll.
Und der Name “Marienbad” blühte dann in Wagners Gedächtnis wieder auf, als er Tizians Maria in die Augen schaute (?)
Eine nicht halt­bare These, die nur auf der Namensgleichheit beruht.

Dies alles sind Vermutungen, die einiges Phantasievolles an sich haben, aber sie sind sehr allge­meiner Art und “Allgemeines” ist für so ein spezi­fi­sches Thema zu ungenau.

…heute in der Basilica dei Frari in S.Polo (2007)

Der Wahrheitsgehalt dieser “Tunnelforschung” lenkt sich eher zur Wahrheit, wenn man bedenkt, dass Wagner ein Meister der pathe­ti­schen Selbstinszenierung war.
Das heißt, etwas (oder sich selbst) geschickt in Scene setzen oder etwas so lenken, dass es noch immenser aussieht, als es schon ist.
Es bedarf schon etwas Überwindungskraft für einen nicht­lü­genden Menschen (wie mich) zu dem Ergebnis zu kommen, was immer verständ­li­cher wird.

Denn die Ausführung der “Meistersinger” haben mit Tizians Assunta rein gar nichts zu tun !

Denn nach seiner Schilderung des Besuches des Dogensaales (falsch) lässt Wagner einen Absatz.
Dann kommt wie in Stein gemei­ßelt :

Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Zu beachten ist der Absatz, der den Entschluss von der vorhe­rigen Handlung abtrennt.
Es ist hier die unge­heure Fähigkeit Wagners für thea­tra­li­sche Effekte zu berück­sich­tigen.
Ganz schlicht und einfach ist es ein schrift­stel­le­ri­scher Coup eines Ergusses, nämlich den Anblick der Maria als Auslösendes für die Umsetzung, bzw. die Weiterschaffung des bereits ange­fan­genen Werkes fort­zu­setzen.

Das “Ausführen” findet nämlich kurz danach bei der Rückfahrt Wagners von Venedig nach Wien statt.
Wieder zitiere ich den Meister aus seiner Biographie :

…verließ ich nach vier äußer­lich wahr­haft trüb­se­ligen Tagen zur Verwunderung meiner Freunde plötz­lich Venedig und trat, den Umwege zu Lande auf der Eisenbahnlinie folgend, meine lange graue Rückreise nach Wien an. Während der Fahrt gingen mir die “Meistersinger”, deren Dichtung ich nur noch nach meinem frühesten Konzepte im Sinne trug, zuerst musi­ka­lisch auf ; ich konzi­pierte sofort mit größter Deutlichkeit den Hauptteil der Ouvertüre in C‐​Dur.”

Bei dieser “Ausführung” muss man sich als Eingeweihter schon manchmal ein Lachen unter­drü­cken.
Dieser oben zu sehende Absatz aus “Mein Leben” (Seite 906) soll nämlich das bombas­ti­sche Ergebnis des Tizian-Ergusses sein – als solches ein biss­chen mager, so eine Eisenbahnfahrt als Endergebnis dieses schon dramatisch‐​liturgischen Erlebnisses in Venedig zu sehen.
Aber irgend­wann müssen solche Werke ja nun einmal im Kopfe des Schöpfers entstehen.

Wagner schreibt hier von der Konzeption der Ouvertüre, obwohl es gar keine Ouvertüre ist, sondern ein Vorspiel (!) – aber egal.
Nur wenn man nach vorne sieht, soll ja dieses Vorspiel ein Jahr später (1862) in Biebrich am Rhein entstanden sein.

An einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des goldenen Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklärter Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.”

Biebrich am Rhein

Also war nach dieser Beschreibung von 1862 der Erguss des Assunta-Erlebnisses hinfällig und wird in ein trübes Licht als fernes Luftbild gestellt.
Also doch nicht so toll mit Tizian - da fragt man sich als genauer Leser, wo Wagner denn nun wirk­lich die Idee hatte, denn hier hebt eine Inspirationslegende die andere auf (“mit größter Deutlichkeit” – “aus trüber Stimmung”).

Nach dieser langen Ausführung von Vermutungen, Thesen, Spekulationen zeigt sich aber abschlie­ßend etwas ganz anderes.

…seit dieser Empfängnis

Das Ungeheuerliche ist nämlich der Passus “…seit dieser Empfängnis”.
Empfängnisse gibt es in Wagners Werken als Erotiker der Weltüberwindung genug, da braucht man nur an die eroti­sche Kraft des “Tannhäuser” zu denken.
Erotisches Feeling hatte Wagner ja nun, was manchmal schon an Pornografie grenzt.
Letztendlich ist folgende These am glaub­haf­testen und logischsten, aber auch immer noch im Reich der Utopie.
Denn durch den Begriff “Empfängnis” gibt Wagners abgrün­dige Identifikation mit der Gottesmutter zu erkennen.
Nur das ihm (Wagner) nun vermit­telt über die Kunst die Empfängnis gött­li­cher Kraft zuteil kommt, und nur sein Werk es sein wird, was künftig eine Erlösung darstellen wird.
Das “Empfängnis” ist quasi die Einsetzung des Musikdramatikers als des neuen Mittlers zwischen der zu über­win­denden Welt und dem Absoluten.

Wenn man jetzt noch etwas weiter schaut, so halten Briefe und Cosimas Tagebücher fest, dass Wagner bei dem Besuch italie­ni­scher Museen auch in Venedig mit der kunst­in­ter­es­sierten Frau immer mürrisch draußen blieb oder fehlte.
Und als er 1880 diesmal von Cosima über­redet, wirk­lich in der Accademia vor dem Gemälde steht, soll er laut Literatur eher kritisch und abwei­send sich geäu­ßert haben, so als ob ihn das Bild von seiner Aussagekraft gar nicht inter­es­sieren würde.
Das wider­spricht sich aber nun extrem mit der Version des Assunta-Erlebnisses von 1861 (“…eine Wirkung von erha­benster Art”).

Hieran sieht man, dass Wagner das eigent­liche Ding an sich, in diesem Fall das Assunta-Gemälde, nur benutzt (man kann schon sagen miss­braucht), um einzig und alleine seine Kunst in den Mittelpunkt zu stellen, denn sein Werk stellt alle anderen (egal von wem) in den Schatten.

Wieder in der Gegenwart stehend, schlug ich 158 Jahre später, bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019) meinen Weg ein durch das Gewirr der Gassen und Kanäle von San Polo ober­halb von meinem Sitz an der Zattere von Dorsoduro.

Campo S. Toma (Sestiere S. Polo)

Denn das Gemälde Tizians hängt heute in der Basilica dei Frari, wo sich auch Tizians Grab befindet.
Geduld muss man in Venedig schon mitbringen.
Nur hatte ich bei den Aufenthalten in den Jahren 2007 und 2013 vor der Assunta stehend, nicht die Möglichkeit das Gemälde zu foto­gra­fieren.
In die Kirche hinein­drän­gend, stürmte ich sofort in Richtung Assunta.
Mein Gang wurde immer lang­samer, je näher ich dem Gemälde kam.
Denn vor der Absperrung ist ein Schild zu lesen, dass das impo­sante Werk zur Zeit von einer ameri­ka­ni­schen Fachfirma restau­riert würde…
Wenn man aber seinen Blick hoch­richtet, sah man es, aller­dings hyper­genau auf ein Laken gedruckt, als Überbrückung des Zeitraums der Restauration.
Wenn ich das Schild nicht gelesen hätte, hätte ich es gar nicht gemerkt, dass die wahre Assunta durch dieses Laken bedeckt war, damit man es restau­rieren konnte.
Tja, dachte ich, so wäre auch wahr­schein­lich Wagner dieses “Empfängnis” nicht geglückt.

Ich beschloss die Ausführung der Meistersinger”

*home­page Basilica dei Frari Venezia

Literatur :
- Peter Wapnewski – “Der trau­rige Gott” (Berlin‐​Verlag 2001)
- Richard Wagner – “Mein Leben”
- wagner­spec­trum Heft 1/​2010 (“Wagner und die ital. Malerei”)

Weitere Beiträge zum Thema “Inspirationslegenden” R.Wagners :
- “Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)
- “Liebethaler Grund – Sachsen (1846/​2005)
- “Villa Rufolo Ravello” (1880/​2012)
- “Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)


*sh. Fotos Venedig 2019

Hinweis :
Das Beitragsbild oben ist aus einer Zeitschrift von mir entnommen, deren Name mir entfallen ist.

(Sonstiges /​ HerrRothBesucht)


Impressum

Wandeln unter Wäscheleinen

Tipps und Trick der Wäsche‐​Trocknung
in hitze­ge­plagten Städten”

Wer einmal im Mutterland des schönen und warmen Wetters durch die Gassen einer Stadt gebum­melt ist, dem ist aufge­fallen, dass hier über­mäßig viel Waschpulver verbraucht wird. Dieses erkennt man haupt­säch­lich am Geruch.

In vielen italie­ni­schen Städten geht einem  ab 30° C ein beson­derer Geruch in die Nase, wobei Neapel als erstes zu nennen ist, und  dieser Geruch hat immer einen gewissen Anteil Waschpulver.

Wandeln unter Wäscheleinen weiter­lesen

Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)

            “Hier wird der Tristan voll­endet – 
                                  allem Wüthen der Welt zum Trotz…”
                       
      (Richard Wagner an Mathilde Wesendonk, 3. Sept. 1858)

Nach seiner Flucht aus der Schweiz bezieht Richard Wagner am 30. August 1858 den Palazzo Giustiniani  (Giustinian dalle Zogie) auf der linken Kanalseite (von Osten kommend) im ersten “Knie” des Canale Grande in Venedig.

Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​​2013) weiter­lesen

Beleuchtung ist alles

                        “Wenn einem ein Licht aufgeht”

Jetzt fragt man sich, wie kommen manche Leute dazu, Straßenlaternen zu foto­gra­fieren ?

Tja, foto­gra­fieren kann man natür­lich alles, aber was macht den Reiz aus, eine Straßenlaterne zu foto­gra­fieren ?
Bei Türen kann man das ja noch verstehen, denn eine Tür ist ja ein Ursymbol des Lebens, Ein‐ und Ausgänge, drin – draußen, Verbindungen von draußen nach drinnen…
Straßenlaternen dienen ja eher der Beleuchtung, damit man im Dunkeln den Weg findet.
Tja, das ist aber nur die ober­fläch­liche Bedeutung… Beleuchtung ist alles weiter­lesen

Carnevale di Venezia (2)

                          “Zaubermasken – Maskenzauber”

Es gibt gewisse Tricks, um die jewei­lige Maske ohne störende Touristen zu foto­gra­fieren.

Erst einmal der Trick mit den frühen Morgenstunde (“Morgenstund hat Gold im Mund”).
Hierbei sollte man natür­lich nicht vor großen Hotels warten, sondern einfach spontan durch die Gassen und auch einsam liegende Plätze streifen, um fündig zu werden – denn wer suchet, der findet.

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Carnevale di Venezia (1)

Wer ist die holde Schöne hinter der erstarrten Maske,
die in Venedig durch die Gassen wandelt?”

Der vene­zia­ni­sche Karneval hat ja eine lange Tradition bis zurück in die Zeit der Serenissima – in dieser Zeit wurde auf eine Art gefeiert, die den Carnevale di Venezia von heute weit in den Schatten stellt.
Darstellungen mit exoti­schen Tieren, Zauberkünstler, Wettkämpfe, Feuerwerke, mensch­liche Pyramiden, Theater‐​Aufführungen, das Schlachten von Tieren, Marionetten‐​Theater, Astrologen … die Vielfalt kannte keine Grenzen.

Carnevale di Venezia (1) weiter­lesen

Goldene Regeln Venedig

Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche,
so finde ich immer nur eins, nämlich Venedig!”
(Fr.Nietzsche)

Es gibt eine “Stadt”, wo alle Regeln, die woan­ders gelten, außer Kraft gesetzt sind, weil sie keine Stadt ist … und das ist natür­lich VENEDIG.

Es gibt zwei Arten von Städte, Venedig und alle anderen…”

Demgemäß gelten in Venedig Regeln, die woan­ders nicht gelten, nämlich keine…
Aber halt…gewisse Regeln gelten schon, nur gibt es gewisse Grundsätze, die sollte man wissen, bevor man das erste Mal nach Venedig reist. Goldene Regeln Venedig weiter­lesen

Das Bild als Schein der Wirklichkeit

                            “Schau in den Spiegel Baby”

Schopenhauer war der festen Überzeugung, dass die Welt als solches gar nicht exis­tiert, sondern, dass es diese nur im Kopf des Menschen gibt.
(“Die Welt als Wille und Vorstellung” – Arthur Schopenhauer)

Jeder Mensch ist anders, weil sich jeder anders entwi­ckelt und um einen herum entwi­ckelt sich auch alles – man entwi­ckelt sich quasi in einer Entwicklung. Das Bild als Schein der Wirklichkeit weiter­lesen

Beschilderungen Italien (1)

                             “Wer suchet, der findet”

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, da konnte man auch ohne Navigator alles finden.
Vielleicht erin­nern sich noch einige daran – jedes Haus hatte ein kleines, recht­eckiges, blaues Schild mit der Hausnummer in weißer Schrift darauf und dementspre­chend gab, bzw. es gibt sie ja noch, Straßenschilder in demselben Blauton, auf denen gut lesbar der Name der Straße stand/​steht.
Die letz­teren gibt es ja noch, doch die Hausnummern sind so gut wie verschwunden, weil nämlich ab einem gewissen Zeitpunkt jeder meinte, die Hausnummer seines Heimes indi­vi­duell, so wie er lustig ist, zu gestalten.
Der Haken an der Sache ist der, dass man kaum noch ein Haus in einer fremden Stadt finden kann.
Und so kam es zur Erfindung des Navigators, denn ohne diesen würde man ja umher­irren ohne Ende. Beschilderungen Italien (1) weiter­lesen

Richard‐​Wagner‐​Büste Castello (2010/​13)

…ernste Stimmung, Größe, Schönheit und Verfall
dicht neben­ein­ander.”

(Richard Wagner an Mathilde Wesendonck, 1858)


Die Bedeutung VENEDIGS für das Schaffen vieler Künstler und Schöpfer ist oftmals schwer einzu­schätzen, aber eins ist klar – es gibt kaum eine “Stadt”, die so viele große Geister zum Schaffen ihrer Werke inspi­riert hat, wie Venedig.
Richard‐​​Wagner‐​​Büste Castello (2010/​​13) weiter­lesen

Zattere Dorsoduro (2007/​13)

   “Wer als Verliebter nach Venedig, verliebt sich in Venedig”

VENEDIG besteht aus 6  “Stadtteilen”, auch wenn der Begriff  “Stadtteil” ja nun für eine Stadt wie Venedig kaum zutrifft.
Jeder, der schon einmal da war, weiß, wie schwierig die Orientierung in dieser “Stadt” ist.
Viele der kleinen Gassen (Calle) gibt es vom Namen her mehr­fach, dadurch steht in einer Adresse immer nur der “Stadtteil” und die Hausnummer, beispiels­weise Dorsoduro 938.
In Venedig muss man immer ein paar Tricks parat haben – ein guter Trick zu erkennen, in welchem “Stadtteil” man sich gerade befindet, ist der, auf eine der unzäh­ligen Lampen zu schauen, denn dort sind (fast) immer die Abkürzungen des jewei­ligen Teiles von Venedig ange­bracht.
Zattere Dorsoduro (2007/​​13) weiter­lesen