Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig (1861/​2019)

…seit dieser Empfängnis”

Bei der Phantasie von manchen Künstlern und Schöpfern kommt man bei der Rezeption ihrer Werke oft schon ins Staunen, egal ob es nun Maler, Schriftsteller oder Komponisten sind.

Aber einer hat bei dem “In‐​Szene‐​stellen” seiner Ideenquellen viele und vieles in den Schatten gestellt, viele ins Staunen versetzt und sogar (Musik-)Wissenschaftler oftmals Kopfzerbrechen bereitet, und zwar wie öfter schon bespro­chen, Richard Wagner.

Fast zu jedem Werk hat Wagner etwas erfunden oder hinzu­ge­dichtet, was man eine soge­nannte “Inspirations‐​Legende” nennt.
Was ist dies ?

Der Schöpfer (in diesem Fall Wagner) nimmt sich prägnante Teile oder Passagen aus einem seiner Werke, die schon viele begeis­terte Hörer und Verehrer ins Staunen versetzt haben, und gibt einen Grund vor, wie und wo diese entstanden seien.
Jeder Rezipient vor allem von Wagners Werk, fragt sich, wo so ein genialer Schöpfer alle diese Ideen her hatte oder/​und was hat ihn zu so einer Ausdruckskraft hinge­führt und ange­regt (?)

Und da kann natür­lich nur einer eine Antwort geben, nämlich der Schöpfer des Werkes selbst.
Und hier war Wagner schon ein geschickter (und oft auch dreister) Fälscher und Selbst‐​Inszenator.

Dieses alles hat den Grund, die Genialität des Werkes noch stärker in Scenen zu stellen und aufzu­pu­schen (wie man heute sagen würde).
Es wird das “Objekt” suggestiv mit etwas anderem verknüpft, sodass die Frage, wo er die Idee her hatte, beant­wortet wird, und das von Künstler selbst.
Nur, dass es in den meisten Fällen bei Wagners Inspirationslegenden nicht stimmt, also gelogen oder zeit­lich versetzt worden ist.
Oft handelt es sich bei Wagner um soge­nannte “zeit­ver­setzte Überraschungs‐​Semantik”.
Was ist das ?

Wagner muss ja irgend­wann und irgendwo die Idee oder Inspiration gehabt haben, sonst würde es die jewei­lige Passage ja gar nicht geben.
Nun versetzt Wagner einfach den Zeitpunkt der “Eingebung” auf einen anderen Zeitpunkt, als sie wirk­lich war.
Und dem nicht genug – Wagner erkennt geschickt die Sensations‐​Geilheit seines wissenden Publikums und baut eine plötz­lich auftre­tende Überraschung ein (“…in dem Moment hatte ich die Idee!”).
Diese “Plötzlichkeits‐​Semantik” hat auch einen Grund und eine Bedeutung.
Wagner will seine Ideen in eine schon fast gött­liche Eingebung erhöhen, um das Publikum noch stärker ins Staunen zu versetzen, als es schon ist.

Im Falle von Wagner Inspirationslegenden sei aller­dings gesagt, dass er vieles aus dem Grund erfunden hat, um seinen Haupt‐​Sponsor Ludwig II. von Bayern zu verzau­bern, damit dieser ihn auch weiterhin (finan­ziell) unter­stützt – ganz schön dreist.
Auf Befehl Ludwigs sollte Wagner seine Autobiografie “Mein Leben” schreiben, was er dann auch tat, bzw. nicht tat, denn er diktierte sie seiner 2. Frau Cosima.

“Mein Leben”

Beim Abfassen dieses umfang­rei­chen Buches in 2 Bände musste er natür­lich bei der Version bleiben, die er dem König (per Brief) vormals auf die Nase zu binden versucht hatte, sonst wäre es ja aufge­fallen, dass er gelogen hatte, bzw. es erfunden hatte.

Hier nun eine kleine Auflistung von einigen Wagnerschen “Inspirationslegenden”:

*Die Karfreitags‐​Legende (Parsifal) – 1857
*Die Vision von La Spezia (Rheingold-Legende) – 1853
*Die Erleuchtung von Biebrich (Meistersinger-Vorspiel) – 1862
*Die Klageweise Tristans (Tristan u. Isolde) – 1858
*Das Assunta‐​Erlebnis (Meistersinger) – 1861

Die Jahreszahlen beziehen sich auf den Entstehungszeitpunkt der Inspirationslegende mit dem in Klammern dahin­ter­ste­henden Werknamen, für den die Legende erfunden worden ist.

Um die es jetzt gehen soll, spielt in einer “Stadt”, die schon viele in Ihren Bann gerissen hat, nicht nur Wagner, nämlich VENEDIG.

Und hierbei geht es um das …

Assunta‐​Erlebnis von Venedig aus dem Jahre 1861

Ich erlaube mir hier, den Schöpfer in seiner Auto‐​Biografie selber zu Wort kommen zu lassen :

Bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits muss ich jedoch bekennen, daß Tizians Himmelfahrt der Maria im großes Dogensaale eine Wirkung von erha­benster Art auf mich ausübte, so daß ich seit dieser Empfängnis in mir meine alte Kraft fast wie urplötz­lich wieder belebt fühlte.”
“Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Soweit der Schöpfer selbst.

“Santa Maria Gloriosa dei Frari” – Tiziano Vecellio, 1516–1518

Hierzu sind einige Erläuterungen nötig.
Richard Wagner war nie ein Freund der italie­ni­schen Malerei und hatte hiervon auch nur wenig Ahnung – für ihn gab es eigent­lich nur ein Kunstwerk, und dies war und ist das seinige.
Die Hintergrund‐​Geschichte ist die, dass die befreun­dete Familie Wesendonk, die immer nach großen Werken strebte, Wagner schon fast genö­tigt haben muss, einmal mitzu­gehen, was ihn eigent­lich gar nicht inter­es­siert (“…bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits…”).
Er ging mürrisch mit.
Bei der Abfassung der Auto‐​Biografie setzt er den Ort des Geschehens in den Dogenpalast, wo das Bild angeb­lich gehangen haben soll.
Das ist der erste Fehler, denn das Bild hing zu diesem Zeitpunkt (1861) nicht im Dogenpalast, sondern in der Gallerie dell’Accademia in Dorsoduro an der Accademia‐​Brücke.
Später revi­diert er diesen Fehler mit dem Argument, dass er sich vertan hätte – na ja, Irren ist mensch­lich und das kann ja auch Wagner passieren.

Wagner hatte kurz vorher seinen Verleger (Schott) wie immer um Geld gebeten, um seine Arbeit an den “Meistersinger von Nürnberg” fort­setzen zu können.
Das heißt, dass das Thema “Meistersinger” brand­ak­tuell war, somit bot sich eine gute Gelegenheit an, das ganze Projekt durch eine innere Eingebung in ein helleres und glaub­haf­teres Licht zu stellen, quasi ein insze­nierter kreativ auslö­sender Moment, der sich dann ja in Venedig anbot.

Jetzt haben sich natür­lich unzäh­lige Wagner-Forscher und Musikwissenschaftler vieler Jahre Gedanken gemacht, was Tizians gran­dioses Bild mit der “Meistersinger”-Komposition und -Konzeption zu tun haben könnten (?)

Hier einige Versuche der Erläuterung :

… die erste und einzig wahre Liebe meines Lebens”

Wagners “Liebe” zu der jüngeren Frau des Schweizer Industriellen Otto Wesendonk war eher plato­ni­schen Charakters (oder Wunschdenken).
Er bezeichnet Mathilde als die “einzig wahre Liebe seines Lebens” – sie wird als auslö­sender Faktor für die “Tristan”-Komposition bezeichnet und ihr ist der erste Act der “Walküre” gewidmet.
Diese Person muss schon eine große Bedeutung gehabt haben, außerdem war sie wesent­lich jünger als Wagner (was Musen so an sich haben) und hatte ein zart geschnit­tenes Gesicht, kurz gesagt, eine Schönheit wie in einem Märchen.
Wenn man sich Tizians Gemälde einmal genauer ansieht, so könnten die Gesichtszüge auf Mathilde zu mindes­tens hinweisen (was aller­dings als gewagte These schnell wieder vom Tisch ist).

…bombas­ti­sche Werke”

Wagners “Meistersinger” sind ja ein bombas­ti­scher Werk von fast 5 Stunden mit den meisten Statisten auf der Bühne und was zu Lebzeit des Schöpfers neben dem “Rienzi” das popu­lärste war.
Genauso wird man vor Tizians Assunta stehend schon stumm über die immensen Maße des Bildes (6,90 m x 3,60 m) und man fragt sich, wie in dama­liger Zeit (1516) ein Künstler so ein Werk schaffen konnte (?)
Hat also die Bombastizität des Gemäldes Wagner an die Bombastizität seines Werkes erin­nert …?

…die Ausführung der Meistersinger”

Außerdem heißt es ja “…die Ausführung der Meistersinger”.
Wohlgemerkt “Ausführung” – nicht “Aufführung”.
Ausführung” bedeutet einen lang­le­bigen Plan, vorbe­rei­tende Gespräche etc. in die Realität umsetzen, also zu Papier bringen, letzt­end­lich fest­halten oder fest­legen.
Solche vorbe­rei­tende Gespräche könnten natür­lich auch mit Mathilde statt­ge­funden haben (was mir nicht bekannt ist).
Es kann alles, vor allem bei einem Schöpfer mit so einer Phantasie wie Richard Wagner.
Aufführung” hieße, das bereits Geschaffene auf die Bühne zu bringen.

…Aufenthalt in Marienbad”

Die nächste These ist folgende.
Wagner weilte 1845 im Kurbad Marienbad in Böhmen, wo er den Plan der “Meistersinger” entworfen haben soll.
Und der Name “Marienbad” blühte dann in Wagners Gedächtnis wieder auf, als er Tizians Maria in die Augen schaute (?)
Eine nicht halt­bare These, die nur auf der Namensgleichheit beruht.

Dies alles sind Vermutungen, die einiges Phantasievolles an sich haben, aber sie sind sehr allge­meiner Art und “Allgemeines” ist für so ein spezi­fi­sches Thema zu ungenau.

…heute in der Basilica dei Frari in S.Polo (2007)

Der Wahrheitsgehalt dieser “Tunnelforschung” lenkt sich eher zur Wahrheit, wenn man bedenkt, dass Wagner ein Meister der pathe­ti­schen Selbstinszenierung war.
Das heißt, etwas (oder sich selbst) geschickt in Scene setzen oder etwas so lenken, dass es noch immenser aussieht, als es schon ist.
Es bedarf schon etwas Überwindungskraft für einen nicht­lü­genden Menschen (wie mich) zu dem Ergebnis zu kommen, was immer verständ­li­cher wird.

Denn die Ausführung der “Meistersinger” haben mit Tizians Assunta rein gar nichts zu tun !

Denn nach seiner Schilderung des Besuches des Dogensaales (falsch) lässt Wagner einen Absatz.
Dann kommt wie in Stein gemei­ßelt :

Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Zu beachten ist der Absatz, der den Entschluss von der vorhe­rigen Handlung abtrennt.
Es ist hier die unge­heure Fähigkeit Wagners für thea­tra­li­sche Effekte zu berück­sich­tigen.
Ganz schlicht und einfach ist es ein schrift­stel­le­ri­scher Coup eines Ergusses, nämlich den Anblick der Maria als Auslösendes für die Umsetzung, bzw. die Weiterschaffung des bereits ange­fan­genen Werkes fort­zu­setzen.

Das “Ausführen” findet nämlich kurz danach bei der Rückfahrt Wagners von Venedig nach Wien statt.
Wieder zitiere ich den Meister aus seiner Biographie :

…verließ ich nach vier äußer­lich wahr­haft trüb­se­ligen Tagen zur Verwunderung meiner Freunde plötz­lich Venedig und trat, den Umwege zu Lande auf der Eisenbahnlinie folgend, meine lange graue Rückreise nach Wien an. Während der Fahrt gingen mir die “Meistersinger”, deren Dichtung ich nur noch nach meinem frühesten Konzepte im Sinne trug, zuerst musi­ka­lisch auf ; ich konzi­pierte sofort mit größter Deutlichkeit den Hauptteil der Ouvertüre in C‐​Dur.”

Bei dieser “Ausführung” muss man sich als Eingeweihter schon manchmal ein Lachen unter­drü­cken.
Dieser oben zu sehende Absatz aus “Mein Leben” (Seite 906) soll nämlich das bombas­ti­sche Ergebnis des Tizian-Ergusses sein – als solches ein biss­chen mager, so eine Eisenbahnfahrt als Endergebnis dieses schon dramatisch‐​liturgischen Erlebnisses in Venedig zu sehen.
Aber irgend­wann müssen solche Werke ja nun einmal im Kopfe des Schöpfers entstehen.

Wagner schreibt hier von der Konzeption der Ouvertüre, obwohl es gar keine Ouvertüre ist, sondern ein Vorspiel (!) – aber egal.
Nur wenn man nach vorne sieht, soll ja dieses Vorspiel ein Jahr später (1862) in Biebrich am Rhein entstanden sein.

An einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des goldenen Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklärter Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.”

Biebrich am Rhein

Also war nach dieser Beschreibung von 1862 der Erguss des Assunta-Erlebnisses hinfällig und wird in ein trübes Licht als fernes Luftbild gestellt.
Also doch nicht so toll mit Tizian - da fragt man sich als genauer Leser, wo Wagner denn nun wirk­lich die Idee hatte, denn hier hebt eine Inspirationslegende die andere auf (“mit größter Deutlichkeit” – “aus trüber Stimmung”).

Nach dieser langen Ausführung von Vermutungen, Thesen, Spekulationen zeigt sich aber abschlie­ßend etwas ganz anderes.

…seit dieser Empfängnis

Das Ungeheuerliche ist nämlich der Passus “…seit dieser Empfängnis”.
Empfängnisse gibt es in Wagners Werken als Erotiker der Weltüberwindung genug, da braucht man nur an die eroti­sche Kraft des “Tannhäuser” zu denken.
Erotisches Feeling hatte Wagner ja nun, was manchmal schon an Pornografie grenzt.
Letztendlich ist folgende These am glaub­haf­testen und logischsten, aber auch immer noch im Reich der Utopie.
Denn durch den Begriff “Empfängnis” gibt Wagners abgrün­dige Identifikation mit der Gottesmutter zu erkennen.
Nur das ihm (Wagner) nun vermit­telt über die Kunst die Empfängnis gött­li­cher Kraft zuteil kommt, und nur sein Werk es sein wird, was künftig eine Erlösung darstellen wird.
Das “Empfängnis” ist quasi die Einsetzung des Musikdramatikers als des neuen Mittlers zwischen der zu über­win­denden Welt und dem Absoluten.

Wenn man jetzt noch etwas weiter schaut, so halten Briefe und Cosimas Tagebücher fest, dass Wagner bei dem Besuch italie­ni­scher Museen auch in Venedig mit der kunst­in­ter­es­sierten Frau immer mürrisch draußen blieb oder fehlte.
Und als er 1880 diesmal von Cosima über­redet, wirk­lich in der Accademia vor dem Gemälde steht, soll er laut Literatur eher kritisch und abwei­send sich geäu­ßert haben, so als ob ihn das Bild von seiner Aussagekraft gar nicht inter­es­sieren würde.
Das wider­spricht sich aber nun extrem mit der Version des Assunta-Erlebnisses von 1861 (“…eine Wirkung von erha­benster Art”).

Hieran sieht man, dass Wagner das eigent­liche Ding an sich, in diesem Fall das Assunta-Gemälde, nur benutzt (man kann schon sagen miss­braucht), um einzig und alleine seine Kunst in den Mittelpunkt zu stellen, denn sein Werk stellt alle anderen (egal von wem) in den Schatten.

Wieder in der Gegenwart stehend, schlug ich 158 Jahre später, bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019) meinen Weg ein durch das Gewirr der Gassen und Kanäle von San Polo ober­halb von meinem Sitz an der Zattere von Dorsoduro.

Campo S. Toma (Sestiere S. Polo)

Denn das Gemälde Tizians hängt heute in der Basilica dei Frari, wo sich auch Tizians Grab befindet.
Geduld muss man in Venedig schon mitbringen.
Nur hatte ich bei den Aufenthalten in den Jahren 2007 und 2013 vor der Assunta stehend, nicht die Möglichkeit das Gemälde zu foto­gra­fieren.
In die Kirche hinein­drän­gend, stürmte ich sofort in Richtung Assunta.
Mein Gang wurde immer lang­samer, je näher ich dem Gemälde kam.
Denn vor der Absperrung ist ein Schild zu lesen, dass das impo­sante Werk zur Zeit von einer ameri­ka­ni­schen Fachfirma restau­riert würde…
Wenn man aber seinen Blick hoch­richtet, sah man es, aller­dings hyper­genau auf ein Laken gedruckt, als Überbrückung des Zeitraums der Restauration.
Wenn ich das Schild nicht gelesen hätte, hätte ich es gar nicht gemerkt, dass die wahre Assunta durch dieses Laken bedeckt war, damit man es restau­rieren konnte.
Tja, dachte ich, so wäre auch wahr­schein­lich Wagner dieses “Empfängnis” nicht geglückt.

Ich beschloss die Ausführung der Meistersinger”

*home­page Basilica dei Frari Venezia

Literatur :
- Peter Wapnewski – “Der trau­rige Gott” (Berlin‐​Verlag 2001)
- Richard Wagner – “Mein Leben”
- wagner­spec­trum Heft 1/​2010 (“Wagner und die ital. Malerei”)

Weitere Beiträge zum Thema “Inspirationslegenden” R.Wagners :
- “Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)
- “Liebethaler Grund – Sachsen (1846/​2005)
- “Villa Rufolo Ravello” (1880/​2012)
- “Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)


*sh. Fotos Venedig 2019

Hinweis :
Das Beitragsbild oben ist aus einer Zeitschrift von mir entnommen, deren Name mir entfallen ist.

(Sonstiges /​ HerrRothBesucht)


Impressum

Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)

Die Erleuchtung von Biebrich”

Gibt es über­haupt noch Punkte auf der Wagner‐​Europakarte, wo ich noch nicht war ?
Ja, es gibt sie, denn kaum einer schafft es an alle Stätten zu kommen, wo Richard Wagner geschaffen und gelebt hat, seine Ideen hatte oder vorge­geben hat, diese gehabt zu haben.

Und so ein (jetzt geschlos­sener) Punkt ist die…

Villa Wagner in Biebrich am Rhein

Die eins­tige “Villa Annica” liegt damals wie heute in der Rheingaustr. 137 direkt an der Promenade am Rhein nahe dem Biebricher Schloss.

Wiesbaden – Biebrich

Zur Geschichte dieser mondänen Villa, die jeden Vorbeischreitenden stoppen lässt, sei folgendes gesagt.

Dieses Anwesen wurde 1862 von einem Architekten mit dem Namen Wilhelm Frickhofen fertig­ge­stellt.
Diese impo­sante Villa weist auf der Südseite zum Rhein hin drei Risalite (Fassadengliedernde hervor­sprin­gender Gebäudeteil in ganzer Höhe des Gebäudes zur Fassadengestaltung) auf – dieser archi­tek­to­ni­sche Trick gibt der Villa etwas Verspieltes.
Zudem wird die Fassade durch rote Backsteinbänder geglie­dert.
Architektur war schon immer eine Kunst auch fürs Auge.
Nun wurde das Gebäude nebst einem umfang­rei­chen Garten an einen türki­schen Gesandten mit dem Namen Aristarchi Bey und dessen Frau Anna verkauft und bekam den Namen “Villa Annika”.

Villa Wagner – einst Villa Annika

Allerdings hielt sich dieser Name nicht lange, denn kurz nach der Fertigstellung zog hier im Jahre 1862 eine (heute) wesent­lich bedeu­ten­dere Persönlichkeit ein.

RICHARD WAGNER mietete nämlich zwei Zimmer, nachdem er die vertrag­li­chen Verpflichtungen gegen­über dem Mainzer Verleger Franz Schott über­nommen hatte, um hier seine “Meistersinger von Nürnberg” zu kompo­nieren.
Die Lage der Villa war für Wagner ideal, weil er die Theater von Wiesbaden und Mainz gut errei­chen konnte, genau wie die unmit­tel­bare Nachbarschaft zum Biebricher Schloss, dessen reizender Park zu erqui­ckenden Spaziergängen damals, wie heute einlädt.

Unmittelbare Nachbarschaft

Allerdings muss man der Vollständigkeit halber sagen, dass hier, wie so oft nur Teile der “Meistersinger” voll­endet wurden.
Die Versdichtung und Teile der Komposition wurden hier reali­siert.

Und um das ganze zu heroi­sieren erfand Wagner, wie fast zu jedem Werk auch hier eine Inspirationslegende, nämlich die soge­nannte
Erleuchtung von Biebrich”.

Das pompöse und majes­tä­ti­sche Vorspiel des Werkes war, wie man heute weiß, schon lange vorher in Wagners Kopf entstanden, was er auch in seiner Autobiographie “Mein Leben” zugibt.

Ideal zur Legendenbildung

Dieses ist es Wert von der heroi­sie­renden Struktur her, einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Aber zuvor möchte ich Wagner (als Schriftsteller) selber zu Wort kommen lassen.

“Beim Herannahmen der schönen Jahreszeit kam mir unter derart­higen gemüth­li­chen Eindrücken, zu denen die häufigen Promenaden in dem schönen Parke des Biebrichen Schlosses das Ihrige beitrugen, endlich auch die Arbeitslaune wieder an.
Bei einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des “goldenen” Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklä­render Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.
Ich ging daran, das Vorspiel aufzu­zeichnen, und zwar ganz so, wie es heute in der Partitur steht, demnach die Hauptmotive des ganzen Dramas mit größter Bestimmtheit in sich fassend.”
(Mein Leben Seite 924)

Richard Wagner – Mein Leben

Soweit der kurze Ausschnitt in Wagners (diktierter) Auto‐​Biografie.

Dieses ist ein exem­pla­ri­sches Beispiel einer Legendenbildung mit zeit­ver­setzter Überraschungssemantik. Wieso ?

Wagner gibt in diesen Zeilen selber zu, dass das Vorspiel schon längst vorher von ihm geschrieben worden ist (“…wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte…”).
Sehr geschickt – denn Wagner setzt die vorhe­rige Schaffung dieses sympho­ni­schen Vorspiels stark abwer­tend herunter, es war also (angeb­lich) in trüber Stimmung nur als Luftbild ihm erschienen, also voll­kommen unbe­deu­tend und noch kaum Form habend.
(sh. hierzu mein Beitrag “Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig”)

Reizende Lage – reiz­volle Stimmung – reiz­volles Schaffen

Dass dieses Prachtstück einer Künstler‐​Residenz mit so einer Lage und so einem Ausblick jeden begeis­tert, kann man nicht leugnen, auch wenn man wie ich bei Traumwetter Ende Mai nur auf der darun­ter­lie­genden Promenade wandelt.
Wie mag erst der Blick vom Balkon sein und dann in abend­li­cher Stunde… (?), dachte ich, insge­heim immer mit dem Blicke hoch zum Balkon.

Und hier zeigt Wagner sein Geschick, etwas in ein anderes Licht (im wahrsten Sinne des Wortes) zu stellen, um es höher und bedeu­tender zu machen.
Denn diese Art “Erleuchtung” kam ja nicht am Tage, sondern bei einem schönen Sonnenuntergange… und damit nicht genug, denn alles war in verklärter (?) Beleuchtung.
Beleuchtungstechnisch ist kaum noch eine Steigerung möglich.

Aber Wagner hebt die ganze Szenerie noch höher, denn sein Blick rich­tete sich (wie er vorgibt) zum goldenen (!) Mainz und dem davor majes­tä­tisch (!) dahin­strö­menden Rhein, und alles noch in einem pracht­vollen Anblick…
…und dann kommt die Überraschung, denn plötz­lich trat das Vorspiel wieder klar und deut­lich vor seine Seele.
Also nicht vor die Augen, sondern vor die Seele (!)
Die verwen­deten symbol­haften Worte zeigen den Fluss der Musik an.

Eine geniale zeit­ver­setze Überraschungssemantik, wie ich immer zu sagen pflege.

Und als Beweis heißt es weiter, dass es (das Vorspiel) genauso war, wie es heute in der Partitur steht, da gibt es nichts dran zu rütteln und zu zwei­feln, aus basta…!

…in diesem Hause

Wenn man nun die Wirkung des Vorspiels des “Meistersinger” kennt, was ja schon ein bombas­ti­sches sympho­ni­sches Werk ist und auch für Konzerte als Einzelstück mit einem kompo­nierten Abschluss vom Schöpfer auto­ri­siert ist, merkt man, wie geschickt Wagner es versteht, die musi­ka­li­schen Themen so bild­haft darzu­stellen, als wären sie durch den opti­schen Eindruck entstanden.
Also eine Inspirationsquelle für ein Umsetzung in Töne, wie sie nicht besser sein kann.

Soweit Wagners schrift­stel­le­ri­sche Geschicktheit, seine Ideen auch durch Worte noch besser plas­tisch in Scene zu setzen, um alles noch stärker ins Göttliche zu erheben.

Für alle Ewigkeit mani­fes­tiert

Von der Kompositions‐​Struktur her setzt dieses Vorspiel (was noch die Form eine Ouvertüre hat) strah­lend ein, was den Stolz der Zunft der Meistersinger symbo­li­siert.
Festlich bewegt und majes­tä­tisch dahin­schrei­tend, löst es sich zöger­lich und weich auf, die Trompeten schmet­tern dann eine Art wuch­tigen Marsch, was den finalen Aufzug der Meistersinger auf der Festwiese symbo­li­sieren und anti­zi­pieren soll (?).
Ausdrucksvoll, fast sehn­süchtig, so hat es Wagner selbst gefor­dert.
Eine weiter­ge­hende Analyse dieses oft bespro­chenen Vorspiels will ich mir sparen – es ist, und das lässt sich nicht leugnen, ein poly­phones (mehr­stim­miges) Kunststück ersten Ranges.
Im Anhang ein Hörbeispiel dieses Wunderwerkes der Musik.

Und welche Szenerie hätte als Inspirationsquelle besser gepasst, als der Blick von dem Balkon dieses “Zukunftsschlösschens” in abend­li­cher Stunde bei einem Sonnenuntergang mit dem Blick über den Rhein…(?)

Zukunfts‐​Schlösschen

Geschichtlich ging es dann 1889 nach Wagners Tod so weiter, dass ein Zementforscher mit dem Namen Rudolf Dyckerhoff die Villa erwarb und sich hier mit Familie nieder­ließ.
Der nach Osten sich stre­ckende Garten ist noch so erhalten, wie er damals war, der sich nach Westen stre­ckende Teil des Gartens wurde aller­dings nach für nach in den letzten Jahren mit Villen bebaut.
Man kann somit die ganze Pracht des Anwesens, wie es bei Wagners Aufenthalt dort ausge­sehen haben muss, nur erahnen.
Man sieht, dass Künstler und Schöpfer immer eine geeig­nete Kulisse brau­chen, um ihre Werke richtig nieder­zu­legen.

Nach Osten hin erhalten – nach Westen zuge­baut (Google‐​Maps)

An diesem lauwarmen Nachmittag Ende Mai diesen Jahres, ging ich wie verklärt die unter der Villa her führende Promenade auf und ab und hatte immer die Motive des berühmten und majes­tä­ti­schen Vorspiels im Ohr.
Der Weg zurück ins würde­volle Wiesbaden führte an blühenden Rosenhecken und pracht­vollen Villen vorbei.
Wieder im Hotel ange­kommen, setzte ich mich sofort an eine Tisch und wie urplötz­lich kam es aus mir heraus – ich verfasste diesen Beitrag wie ich ihn in trüben Tagen schon vor meinem geis­tigen Auge hatte und zwar so, wie Sie ihn jetzt in diesen holden Zeilen auf meinen Blog lesen können und zwar für immer und für alle Ewigkeit … Amen.

Verachtet mir die Meister nicht
und ehret mir die Kunst
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reich­lich Euch zur Gunst!”
(3. Act, 5. Scene)


*zum Thema Inspirationslegenden‐​Bildung sh. auch meine Beiträge
“Villa Rufolo Ravello”
Assunta‐​Erlebnis Venedig

*sh. Fotos Wiesbaden/​Biebrich


*Zur akus­ti­schen Darstellung hier das berühmte Vorspiel unter dem
Dirigat von Christian Thielemann :

https://www.youtube.com/watch?v=ZVO5s9zAqAQ


(Sonstiges/​HerrRothBesucht)


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