Lohengrin in Bologna (01.11.1871)

Wagner in der roten Stadt”

BOLOGNA hat ja nicht nur die älteste Universität der west­li­chen Welt (seit dem Jahre 1088 n. Chr.), sie hat auch ein Kunst- und Kulturwerk, was auf so engem Raum schon einzig­artig ist.
Als Besucher fällt einem schnell auf, dass die unzäh­ligen Museen Eintrittspreise haben, die eher einem kleinen Obolus oder Spende gleich­kommt, denn ausge­nommen privaten Sammlungen, wird hier das Meiste durch die Universität getragen.
Des Weiteren besitzt Bologna eine der best erhal­tendsten zusam­men­hän­genden (!) Altstädte Italiens und sie zählt zu den roten Städten (Marrakesch, Toulouse).
Die Fassaden und deren verschie­denen Rot-​Gelb-​Schattierungen geben viele Ideen für foto­gra­fi­sche Tätigkeiten.

Rot-​Gelb-​Schattierungen

Neben den Kunstschätzen, der Universität und der Altstadt, hat aller­dings Bologna noch eine immense Bedeutung durch etwas anderes.

Denn hier fand am 01.11.1871 zum ersten Mal auf italie­ni­schen Boden eine Aufführung eines Werkes von RICHARD WAGNER statt.
Gegen heftige Proteste der heimi­schen Presse hatte der Gemeinderat der Stadt mit seinem dama­ligen Bürgermeister Camillo Casarini ( und dem Verleger Franceso Lucca) eine Aufführung des “Lohengrin” im Teatro Communale di Bologna durch­ge­setzt, was in dama­liger Zeit eine Sensation war.

Zum ersten Mal auf italie­ni­schen Boden

Hierzu sind ein paar Worte nötig.

In dama­liger Zeit hatte die Oper gene­rell einen wesent­lich höheren Stellenwert als heute.
Dort spielte das öffent­liche Leben und die Aufführungen waren ein Spiegel der Kultur der jewei­ligen Stadt oder des jewei­ligen Landes.

Italien gilt ja als das Mutterland der Oper und des Belcanto mit seiner ersten Garde,allen voran natür­lich VERDI, der schon als Volksheld gefeiert wird, direkt gefolgt von ROSSINI, den eher nicht so bekannten Gaetano DONIZETTI und dem sizi­lia­ni­schen Dramatiker Vincenzo BELLINI.

Die zwei Giganten

Man kann sich vorstellen, dass das revo­lu­tio­näre wagner­sche Werk es in Italien nicht einfach hatte.
Die Aufführung des “Lohengrin” in Bologna war aller­dings der Beginn des Siegeszuges von Wagners Werk durch ganz Italien.

Unter Wagnerianer gilt Bologna als die “heilige Stadt” des italie­ni­schen Wagnerismus.
Diese denk­wür­dige Aufführung am Abend des 01. Nov. 1871 bedeu­tete neben dem künstlerisch/​kulturellen nicht zu messenden Wert, mate­riell die jemals höchst einge­spielte Summe des seit dem 17. Jahrhundert exis­tie­rende Hauses bis zu dem Zeitpunkt.


Hier erlaube ich mir eine Notiz von einem gewissen Herren A. Fano in der dama­ligen Musik-​Zeitschrift “Il mondo ArtisticoMailand 1871 zu zitieren :

An dem Abend des 01. Nov. 1871 über­schwemmte eine riesige Menschenmenge das Teatro Communale in Bologna. Man drängte sich in den Logen, jeder kleinste Zwischenraum im Parkett war besetzt, und nicht alleine an der Tür sondern auch im Eingangssaale standen die Zuhörer dicht gedrängt. Die wenigen Schreie >Viva Verdi, Viva Rossini< tauchten unter in dem Applaus eines intel­li­genten und aufmerk­samen Publikums, dem viel­leicht wegen der Auserlesenheit des musi­ka­li­schen Empfindens der erste Rang in Italien gebührte…”

Ein weiterer Musikkritiker mit dem Namen Monaldi schreibt zu demselben Ereignis.

An jenem ersten Abend des LOHENGRIN hatten die mehr als 2.000 Personen, die den schönen und weiten Saal des Teatro Communale betraten, niemals vermutet, daß sie ihn mit der inneren Überzeugung einem musi­ka­li­schen Meisterwerk beigewohnt zu haben, wieder verlassen würden.”

Ein weiterer wagner­treuer Beiwohner, der Wiener Musiker Ernst Frank verzeichnet zu dieser Lohengrin-Aufführung :

Das Vorspiel begann, eine in Italien noch nicht da gewe­senen Ruhe im Zuschauerraum war die sofor­tige Wirkung dieses merk­wür­digen Tonstückes ; langsam stieg das Gralsmotiv aus seiner über­ir­di­schen Geigenhöhe herab in die realeren Bläserexistenzen, immer wach­send, immer neue Farben spie­lend, und als endlich das ganze wohl­tö­nende Orchester einstimmte, da wollte schon der erste Jubel losdonnern…”

Diese drei gekürzten Zitate sind entnommen einer sehr zu empfeh­lenden Studie zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts Band 35 von Ute Jung aus dem Jahre 1974 (“Die Rezeption der Kunst Richard Wagners in Italien”, Bosse-​Verlag Regensburg 1974).

Die Zitate zeigen, dass das Publikum dama­liger Zeit in Bologna fach­wis­send gewesen sein muss, genauso brauchte man erst einmal etwas Gewöhnung, um den neuen Klängen Gefallen zu schenken.
Aber in weiteren Beschreibungen schien die Begeisterung von Aufführung von Aufführung zu Aufführung stetig zu steigen, der Ruf Wagners, seiner Musik und seinem Werk ist in Italien die Bahn gebro­chen worden, und dies nicht nur in Italien

Der Gottgesandte

Dieser berühmte Aufführung folgten weitere, sodass am 19.11.1871 auch Guiseppe Verdi dem nicht wider­stehen konnte und aus Busseto ange­reist kam.
Hierüber ist viel geschrieben worden.
Verdi soll versucht haben sich inko­gnito in der 23. Loge zu plat­ziert, dem Werk zu folgen, trotz Huldigungsrufen des Publikums, erschien er nicht an der Brüstung.
Er soll sich in der mitge­brachten Partitur einige Notizen gemacht haben und verschwand wieder unauf­fällig und kehrte nachts nach Busseto ober­halb von Parma zurück.

Verdi soll sich über dieses “Erlebnis” eher negativ und abwer­tend geäu­ßert haben, viel­leicht merkte er aber, dass die wagner­sche Kunst langsam im Heimatlande Italien nieder­sinkt und Bologna diesem Werk den Weg ebnete durch ganz Italien seinen Siegeszug zu feiern.
Nach meiner Interpretation merkte der große Meister (Verdi), dass die Zeiten seiner allei­nigen Herrschaft auf der italie­ni­schen Opernbühne langsam dem Ende zugingen.
Allerdings kann man immer wieder lesen, dass zu dem Zeitpunkt bei Verdi doch auch gewisser Neid aufkam und sein Verhältnis zu dem Dirigenten Angelo Mariani, der die Aufführung leitete, war nicht (mehr) das beste.
Dieses kann man aller­dings nur erahnen, denn die Wege, Gedanken und Ideen großer Schöpfer sind ja oftmals nicht leicht nachzuvollziehen.

Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, diese bedeu­tende Aufführung als einen Wagner-​Verdi-Kampfplatz zu miss-​interpretieren.
Denn durch viele Schriften und Briefe scheint Verdi im Laufe der Zeit Wagners Werk immer mehr positiv beein­flusst zu haben, sodass ihn Wagners Tod am 13.02.1883 getroffen hat.

Wenn Verdi natür­lich glaubte, dass es bei den Lohengrin-Aufführungen des Jahres 1871 bleiben würde, so hatte er sich getäuscht.
Im Mai 1894, also 23 Jahre nach der Uraufführung im Teatro Communale, konnte man die Aufführung des Werkes in diesem Hause verzeichnen und zwar mit einem Publikum, was genauso enthu­si­as­tisch und ehrfurchts­voll den Klängen des Werkes folgte, wie bei seiner ersten Aufführung.
Die später aufge­führten anderen Werke Wagners schafften nicht diesen enormen Erfolg des Lohengrin zu errei­chen.
Die 100. Aufführung des Lohengrin stand symbo­lisch für die Vertiefung der freund­schaft­li­chen Bande und Ehrung des wagner­schem Werk in einer der geist­vollsten Städte Europas. 

Nun blieb es aller­dings nicht bei den Aufführungen, denn Wagner wurde 1872 durch das Magistrat der Stadt die Ehre eines Ehrenbürgers von Bologna zuteil.

Der umfang­rei­chen Dankesbrief (1872) an den dama­ligen Bürgermeister der Stadt Bologna Camillo Casarini liegt in einer Panzerglasschublade beleuchtet im Museo inter­na­zio­nale e biblio­teca della musica in der Strada Maggiore (Palazzo Sanguinetti) in Bologna.
Bei meinem 3. Aufenthalt 2016 habe ich ihn im fast leeren Museum laut vorge­lesen, denn die Handschrift Wagners ist gut und deut­lich lesbar.

Ich erlaube mir den Anfang und eine Passage zum Ende hin zu zitieren :

Hochzuverehrender Herr Bürgermeister !

Es wird mir schwer fallen, in der nötigen Kürze die Worte für die Gefühl zu finden, welche die durch Ihre herr­liche Vaterstadt mir erwie­sene Ehre in mir erweckt hat.
Durfte ich vor einiger Zeit den italie­ni­schen Freunden meiner Kunst die unver­gleich­liche Freude ausdrü­cken, welche ich über den so viel sagenden Erfolg der Aufführung meines Lohengrin in Bologna empfand, so habe ich nun mein inniges Erstaunen darüber kund­zu­geben, daß diesem Erfolge selbst von den bürger­li­chen Behörden Ihrer Stadt die wich­tige Bedeutung zuge­messen wird, welche ich in dem Beschlusse derselben, mich zu ihrem Ehrenbürger zu erwählen, zu erkennen habe…”


———————————

”…ein Erfolg, wie der meines “Lohengrins” in Bologna, ist in keiner Stadt Frankreichs denkbar.
Unter dem Zeichen der “Libertas” war es einzig möglich, daß ein Werk, welches zunächst allen Gewohnheiten eines Publikums so gänz­lich fremd gegen­über­stand, wie das meinige, dem der Bologneser, sofort als ein innig vertrauter Gast begrüßt werden konnte.
Hiermit bekun­dete der Italiener, daß seine eigene produk­tive Kraft noch uner­schöpft ist, daß der Mutterschoß, aus welchem der italie­ni­sche Geist die Welt des Schönen wieder­gebar, noch jeder edlen Befruchtung fähig ist :
…denn nur wer selbst schaffen kann, fühlt sich frei und jeder Schranke ledig, um die fremden Schöpfungen willig in sich aufzunehmen.”

In dem noch wesent­lich umfang­rei­cheren Brief erkennt man erst einmal Wagners eroti­sche Rhetorik und dass er seine Werke als eine gott­ge­sandte Zeugung ansah.
Seinen Hass und seine Verachtung gegen­über dem ableh­nenden Frankreichs lässt er nicht aus. Der letzte Satz geht nur schwer aus dem Kopf und entspricht voll der Realität. 

Unter dem Zeichen der Libertas

Nun hatte ich bereits bei meinen zahl­rei­chen Italien-Aufenthalten der letzten 20 Jahre immer wieder bemerkt, dass (auch heute noch) die Opernhäuser für die Italiener heilig sind und in so ein Heiligtum kommt man als Besucher nicht herein.
Somit auch in Bologna, wo ich es höchs­tens bis ins Foyer schaffte, bevor ich vor verschlos­sener Tür stand.
Die Büste Wagners ist links an der Wand und die Verdis rechts an der Wand neben der Eingangstür zu finden.

…weiter kommt man nicht.

Gut, dass Wagners Werk es weiter geschafft hat als bis ins Foyer.

Die großen Ideen kommen immer aus dem Herzen
nicht aus dem Kopf”

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*sh. auch folgende Beiträge :

Liebethaler Grund Sachsen” (1846/​2005)

“Bewegte und antwor­tende Chöre” (Teil 2)


*sh. Fotos BOLOGNA

*Museo inter­na­zio­nale e biblio­teca della musica di Bologna

*Teatro Comunale di Bologna

*sh. auch Beitrag auf der Seite Associazione Wagneriana Milano

*hier eine gefühl­volle Einspielung des “Brautchores” aus dem 2. Act.
4. Scene (zur akus­ti­schen Demonstration)


Literatur :

Die Rezeption der Kunst Richard Wagners in Italien”, Bosse-​Verlag
Regensburg 1974 (Studien zur Musikgeschichte des 19. Jh., Band 35)
Ute Jung


Sonstiges


Impressum

Goethe in Weimar

Ein Besuch beim Dichterfürst in Weimar”

Warum willst Du Dich von uns Allen
Und unsere Meinung entfernen ?
Ich schreibe nicht euch zu gefallen
Ihr sollt was lernen”.
GOETHE

Als Samstags in der Früh das Telefon schellte, rech­nete ich mit allem, aber damit nicht. Es meldete sich ein gewisser John aus Weimar, was mich leicht verdutzt machte.

Wie kann ich Ihnen helfen Herr John…?”, antwor­tete ich leicht verwirrt.

Er wäre der Schreiber und Freund von Goethe.

Ich glaubte erst, dass es ein Witz sei, aber der 1. April war ja schon längst vorbei. 

Herr Goethe hätte meine Texte gelesen und ihn stört immens meine Darlegung der beiden schiefen Türme von Bologna, wo ich versuche, seine These des “Schiefen” zu widerlegen. 

Tja”, sagte ich leicht stolz, “es ist kein Versuch, sondern ein Beweis!”.

Und genau darüber wolle der Herr des Hauses mit mir reden und mich aus diesem Grunde zu sich in sein Gartenhaus nach Weimar einladen.

Ich war doch leicht geschockt, holte aber intuitiv meinen Kalender aus der Schublade.

“Geben Sie etwas vor…”

“Was halten Sie von Pfingsten ?”, meinte John und ich willigte ein.

Als sich nun die Pfingsttage näherten, machte ich mich bei strah­lendem Sonnenschein mit meinem neuen Volvo auf den Weg nach Weimar, schon fünf Mal war ich dort und hatte mein Lieblingshotel am Park an der Ilm für 2 Nächte gebucht.
Für Sonntag Nachmittag um 14 Uhr war ich zum Tee eingeladen.

Goethes Gartenhaus gehört ja zu den meist foto­gra­fierten Häusers Deutschlands und auch ich habe es bei meinen zahl­rei­chen Besuchen mehr­fach festgehalten. 

“…schon von weit her erkennbar”

Noch leicht zu früh, ging ich an diesem lauen Pfingst-​Sonntag sieges­be­wusst durch das weiße Tor in Goethes Garten.

An der rück­sei­tigen Tür war keine Schelle zu erkennen, deshalb benutzte ich den Türklopfer, aller­dings war es gar nicht nötig, denn ich wurde ja erwartet, und John machte mir sofort die Tür auf.
“Schön, dass Sie gekommen sind, Herr Goethe erwartet Sie bereits.”

Die Möbel, das Stehpult, der Sitzbock und die Farben der Wände zeigten, dass es eine Art Rückzugsstätte des viel beschäf­tigten Goethe war … aber warum nimmt er sich die Zeit gerade mich zu empfangen ?

“Rückzugsstätte für geplagte Geister”

John führte mich in die erste Etage in ein privates Zimmer des Hausherren.

…als ich doch leicht nervös das Zimmer betrat

Als ich doch leicht nervös das Zimmer betrat, saß Goethe mit dem Rücken zu mir und schaute aus dem Fenster hinaus in den Park. 

…Herr Goethe”, ich traute mich gar nicht laut zu spre­chen, “Sie wünschten mich zu spre­chen”.
Goethe drehte sich schnell auf seinem Hocker herum.
Er sah aus…tja, wie ein normaler Mensch, im Morgenrock mit einer schwarzen Hose und Lackschuhe, ein hoher weißer Kragen ließ seinen Kopf schon leicht versinken. 

“…wie ein normaler Mensch”

Es ist mir eine Ehre Herr Goethe, dass Sie mir die Freude machen…”, stot­terte ich – Goethe lachte leicht zynisch.

Erst einmal bestellte er bei der Magd einen Tee und bot mir einen Stuhl an.
“Ich wusste gar nicht, dass Sie Teefreund sind…”, sagte ich etwas verlegen. 

…kommen wir zur Sache

Na ja”, sagte Goethe, “kommen wir zur Sache…


“Die zwei schiefen Türme” 

Meine Zeit ist knapp…Sie behaupten, dass meine These zu den beiden schiefen Türmen von Bologna nicht stimmen würde, Sie erlauben sich dieses zu behaupten”, sagte Goethe schon leicht erregt und angriffs­lustig.

Ich holte erst einmal Luft, behielt aber die Fassung und konterte.

“Ich war dreimal in Bologna und habe dort Einiges erforscht, auch den mittel­al­ter­li­chen Turmbau…” 

Goethe hatte meinen Bericht über die beiden Türme vor sich auf dem Tisch liegen.

“Sie müssen immer bedenken Herr Goethe, auch große Geister können einmal irren.”

Nachdem wir einen Tee genossen hatten, legte ich sieges­be­wusst los…

“nicht nur von Goethe erklommen” 

Der Torre Asinelli hat wie jeder weiß, eine ziem­liche Neigung und Sie glauben, dass er schräg gebaut worden wäre, und da liegen Sie falsch…“

Goethe schaute ziem­lich aggressiv und gries­grä­misch aus dem Fenster.

Und Sie meinen dies besser wissen zu müssen…?”, konterte er.

“Sie müssen immer bedenken, wie viele Jahre die Türme schon stehen, durch das lang­same Neigen der Schale des Turmes hat sich ja auch sein Innenleben, also sein Treppenaufgang und seine Stufen geneigt und wenn man hoch­steigt, steht man ja im geneigten Turm geneigt.
Man merkt dies aber kaum…eine Art opti­sche Täuschung..”

…Goethe fing immer mehr an zu grübeln 

Goethe fing immer mehr an zu grübeln und ich merkte, dass seine Gehirnzellen arbei­teten, er schwieg einen Moment.

Sie behaupten in Ihrem Buch, die Backsteinschichten liegen hori­zontal, natür­lich liegen sie hori­zontal, aber dies ist ja kein Beweis, dass der Turm schräg gebaut worden ist.”

Hiermit holte ich voll gegen Goethe aus.

Der Bau eines solchen Turmes war ja in der dama­ligen Zeit ein ziem­lich mühe­volles Unterfangen und zeit­auf­wendig, aber ihn dann auch noch schräg zu bauen, das war kaum möglich, da liegen bzw. stehen Sie komplett schief Herr Goethe…”

Goethe sagte kein Wort mehr und merkte, dass ich ihn in die Enge treiben wollte. 

Aber es war doch klar”, konterte Goethe, “dass damals alles mit Türmen zuge­baut war in Bologna, da musste ja etwas her, was auffiel…”

Schön und gut, aber das beweist ja nicht, dass der Turm schräg gebaut worden ist”, erwi­derte ich.

Wenn Sie nämlich den Nachbarturm, den Torre Garisenda, betrachten, so sieht man, dass dieser wesent­lich kleiner ist, nur er ist auch geneigt, er war damals nämlich schon fast fertig, als man mit Erschütterung sah, wie er sich immer mehr neigte und damit er nicht einstürzte, hat man ihn bis auf eine gewisse Höhe abge­tragen, dadurch steht er heute noch.
Er steht ja direkt neben dem hohen Turm, was zeigt, dass das Fundament nicht nur unter dem kleinen schlecht war und ist, sondern auch unter dem großen…”

Halt…”, rief Goethe und unter­brach mich in meinen umfang­rei­chen Ausführungen. 

…er machte einen merk­wür­digen Eindruck 

Goethe machte einen merk­wür­digen Eindruck, er merkte, dass ich ihn mit Fachwissen in die Enge getrieben hatte, er konnte und wollte aber von seiner These nicht abgehen, sonst hätte er ja die Stelle in seinem Buch revi­dieren müssen, er war in einer Zwickmühle.
Wahrscheinlich hat sich noch kaum jemand getraut, ihm zu wider­spre­chen und er merkte, dass dieses doch möglich ist.

Was nun ? Keiner sagte mehr ein Wort.
Goethe merkte, dass er sich geirrt hatte und ich wollte nicht noch mehr Beweise und Belege auf den Tisch bringen. 

…wir tranken noch einen Tee 

Wir tranken noch einen Tee und nach ein paar Minuten stand Goethe auf und machte eine Geste des Abschieds.
Tja, dachte ich, auch die Stärksten haben ihre müden Stunden. 

Er geleitet mich persön­lich bis zum weißen Eingangstor und ich verab­schie­dete mich dankend für seine Einladung.

“Wir können es dabei belassen”, sagte er mir zum Abschied.

Als ich am nächsten Morgen Weimar verließ, dachte ich, er soll bei seinem Glauben bleiben und ich bei meinem. 

Was lernen wir daraus : 

Auch die Stärksten haben ihre müden Stunden”


Nachtrag :

Goethes These, dass die hori­zon­tale Schichtung der Backsteinschichten der Beweis dafür wäre, dass der Torre degli Asinelli, der größere der zwei Türme, schief gebaut worden ist, ist nicht tragbar.
Genauso ist es nicht 100prozentig beweisbar, dass durch die Schrägung des “Innenleben” und die schräge Stellung des Hinaufsteigenden, der Turm schräg geworden ist.
Trotzdem deuten fast alle anderen Argumente darauf hin, dass es kaum möglich war, so einen Turm schief zu bauen und dass die Chance, dass er schräg geworden ist, so gut wie sicher ist.
Aber große Geister können sich eben auch einmal irren, sowohl Goethe, wie auch ich. 

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*sh. auch meine Beiträge :

Wagner in Verona

Friedrich Nietzsche in Weimar

Schopenhauer in Frankfurt

               

*sh. Beitrag (Torre degli Asinelli Bologna)


*sh. Fotos :

Goethe Gartenhaus Weimar

Goethe-​Haus am Frauenplan Weimar

Bildergalerie Italien Bologna


(Sonstiges)


Impressum

Bologna bei Nacht (Aug. 2011)

                   “Am Tage rot und in der Nacht gold” 

Bei der Lösung von Wohnraumproblemen  ging es ja um drei exem­pla­ri­sche Beispiele, nämlich die Städte NEAPEL, VENEDIG und BOLOGNA.

In jeder dieser Städte gibt es ein abso­lutes Muss…
…man muss sie in der Nacht erlebt haben.

Dies bedeutet, die Atmosphäre der Stadt in nächt­li­cher Stunde zu erleben, wenn die Stadt nicht die ist, die sie am Tag ist – quasi das andere Gesicht der Stadt erkennen… Bologna bei Nacht (Aug. 2011) weiterlesen

Torre degli Asinelli Bologna (Aug. 2016)

                          “In Goethes Namen”

BOLOGNA besaß ja im frühen Mittelalter nicht nur ein ausge­klü­geltes, modernes Kanalssystem, was nicht nur zur Fortbewegung, sondern vor allem zur Energiegewinnung zum Antreiben von Mühlen dienten, sondern auch einen “Wald” von Wehrtürmen. Torre degli Asinelli Bologna (Aug. 2016) weiterlesen

Das Bild als Schein der Wirklichkeit

                            “Schau in den Spiegel Baby”

Schopenhauer war der festen Überzeugung, dass die Welt als solches gar nicht exis­tiert, sondern, dass es diese nur im Kopf des Menschen gibt. 
(“Die Welt als Wille und Vorstellung” – Arthur Schopenhauer)

Jeder Mensch ist anders, weil sich jeder anders entwi­ckelt und um einen herum entwi­ckelt sich auch alles – man entwi­ckelt sich quasi in einer Entwicklung. Das Bild als Schein der Wirklichkeit weiterlesen

Canale di Reno Bologna (2011)

                 “Die verschwie­genen Kanäle von Bologna”

BOLOGNA
besaß in seiner Blüte im Mittelalter des 13. Jahrhunderts mehrere Dinge, die nicht jede Stadt zu dieser Zeit besaß.
Sie war nicht nur die fünft­größte Stadt Europas, sie beher­bergte außerdem eine Universität, die heute als die älteste Universität der west­li­chen Welt aus dem Jahre 1088 n.Chr. gilt.
Canale di Reno Bologna (2011) weiterlesen

Beschilderungen Italien (1)

                             “Wer suchet, der findet”

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, da konnte man auch ohne Navigator alles finden.
Vielleicht erin­nern sich noch einige daran – jedes Haus hatte ein kleines, recht­eckiges, blaues Schild mit der Hausnummer in weißer Schrift darauf und dementspre­chend gab, bzw. es gibt sie ja noch, Straßenschilder in demselben Blauton, auf denen gut lesbar der Name der Straße stand/​steht.
Die letz­teren gibt es ja noch, doch die Hausnummern sind so gut wie verschwunden, weil nämlich ab einem gewissen Zeitpunkt jeder meinte, die Hausnummer seines Heimes indi­vi­duell, so wie er lustig ist, zu gestalten.
Der Haken an der Sache ist der, dass man kaum noch ein Haus in einer fremden Stadt finden kann.
Und so kam es zur Erfindung des Navigators, denn ohne diesen würde man ja umher­irren ohne Ende. Beschilderungen Italien (1) weiterlesen

Der Baptistery von Parma (Aug. 2011)

…mate­ri­elle Abbilder sind Teil der Scheinwelt, dagegen mani­fes­tiert sich in den Urbildern, die nur einem poten­zierten Blick zugäng­lich sind, das wahre Sein.” (PLATON)

Der Aufenthalt in der EMILIA ROMAGNA  im August 2011 brachte ein Gefühl zu Tage, was ich nicht häufig bei meinen Reisen hatte, und das ist, wie sich einem die Welt gibt, wenn man eine starke Grippe bei Temperaturen von 45°C Grad hat. Der Baptistery von Parma (Aug. 2011) weiterlesen

Wohnraum italienischer Städte

Wie macht man aus Wenig mehr?”

Wer kennt das nicht ?
Nun hat man schon seine eigene Wohnung und trotzdem passt nicht alles rein. Nun ist die Partnerin endlich ausge­zogen und trotzdem hat man Probleme, die eigenen Sachen unterzubringen.
Was fehlt ? Natürlich der Platz.
Dieses ist aller­dings relativ, denn man kann aus jeder kleinen Wohnung eine große machen und aus jeder großen, ein kleine.
Es kommt nur auf die Verteilung an.
Nur gibt es bestimmte Städte, da ist das Ganze nicht so einfach.
Wohnraum italie­ni­scher Städte weiterlesen

Doorknocker (Bologna 2011)

       “Deutsches und italie­ni­sches Denken

Ein Phänomen, was mir in vielen Städten in Italien (und sicher­lich auch anderswo) aufge­fallen ist, sind soge­nannte Doorknocker.

Was sind Doorknocker ?
Bei einer einfa­chen Übersetzung sind es Türschlösser oder Türklopfer.
Kennt jeder aus alten Krimifilmen, wenn der Butler, der ja immer der Mörder war, an die massiven Holztüren anklopfte.
Doorknocker (Bologna 2011) weiterlesen

Emilia Romagna (Aug. 2011)

           Castell’ Arquato bei 45° Grad”

Meine erste größere Wanderung hatte noch seine jung­fräu­li­chen Schwächen, das muss ich zum jetzigen Zeitpunkt zurück­bli­ckend zugeben.

Zwei Dinge, die in der folgenden Zeit von hoher Bedeutung werden sollten, fehlten noch, und zwar meine Wanderschuhe und mein Schrittzähler.                                                                                                                             Mein erster Aufenthalt in   BOLOGNA im Jahre 2011 war leider durch eine Grippe geprägt, die ich mir aller­dings vorher in Deutschland zuge­zogen hatte. Emilia Romagna (Aug. 2011) weiterlesen