Plakate oder Eye‐​Catcher

Wie man sich durch eine Idee viele Denkmäler setzen kann”


Wenn man durch die heutige Welt wandelt, kommen einem immer wieder Worte über den Weg, bei denen man erst einmal über­legen muss, was die Menschheit damit über­haupt meint.

Ob nun Flyer, Fast‐​Food, Dates, Up‐​Dates, Coaching etc.

Nun gibt es Gott sei Dank immer noch ein deut­sches Wort, was man zur Erläuterung heran­ziehen kann, doch mit der Zeit gewöhnt man sich an solche Wörter und über­nimmt sie auch in seinen Wortschatz.

Wenn “PatchWork‐​Familien” vor einigen Jahren jeden hätte dumm dastehen lassen, ist es mitt­ler­weile kein Fremdwort mehr, während die normale klassisch‐​deutsche Familie schon fast ein Fremdwort geworden ist.
Nun machte ja , wie so häufig in der Geschichte, ein schlauer Mann eine Erfindung, mit der er seinen Namen zu verknüpfen verstand und somit ging sein Name für seine Erfindung in den Sprachschatz über – kurz um, er setzte sich selbst nicht ein Denkmal, sondern viele.

Und dieser Mann hieß Ernst Litfaß (1816–1874).
Der Stiefvater Lifaß’ hatte im dama­ligen Berlin ein Druck‐ und Verlagshaus, was er nach dem Todes des Stiefvaters voll über­nahm.
Dieser Herr war nicht nur ein guter Geschäftsmann, sondern hatte auch erfin­de­ri­sches Talent.
Er führte nämlich Schnellpressen und den Buntdruck nach französiche‐​englischem Muster ein und druckte als erster groß­for­ma­tige Plakate
(Affichen).
Neben vielen Ehrungen und Honorationen am dama­ligen könig­li­chen Hofe, setzte er sich auch sozial für verwun­dete Soldaten und deren Angehörige ein.

Ernst Litfaß (1816–1874 /​ Wikipedia)

Nun hat dieser Herr Litfaß etwas erfunden, was ihn unsterb­lich gemacht hat, und zwar die soge­nannte Litfaß‐​Säule.
Angeblich war er empört über das wilde Plakatieren.
Bekanntmachungen und Werbung für Orchesteraufführungen, Theatervorstellungen oder für den Zirkus wurden wild an Mauern und Häuserwände geklebt (was man aus der heutigen Zeit auch gut nach­voll­ziehen kann).

Wildes Plakatieren

In abend­li­cher Stunde kam er auf die Idee und die Litfaß‐​Säule war
geboren.
Er stellte einen Antrag bei den Behörden (1854) und stellte im dama­ligen Berlin erst einmal 150 “Annoncier‐​Säulen” auf.
Zunächst dienten diese der unent­gelt­li­chen Plakatierung für öffent­liche Bekanntmachungen und gewerbs­mä­ßigen Veröffentlichungen von Privatanzeigen, quasi tradi­tio­nelle Reklameträger.

Der unge­heure Vorteil war und ist ja der, dass keine Wände von Häusern mehr verun­staltet wurden, sondern, dass man auf kleinem Platz eine große Anzahl von Plakaten anbringen kann und zudem brau­chen die Betrachter und Leser ja nur um diese Säule herum­zu­gehen und können damit alles sie Interessierende lesen und begut­achten.

Somit sollen in dama­liger Zeit viele inter­es­sierte Bürger immer um die Säulen gestanden haben, um die neusten Nachrichten zu lesen.
Da mag man in der heutigen voll‐​digitalisierte Welt drüber schmun­zeln, doch muss man bedenken, wie durch die Weitsicht dieses Herren ein kommendes Geschäft der Reklame vorge­dacht wurde.

In der heutigen Handy‐​Spielsucht‐​Zeit sieht man kaum noch jemanden vor einer Litfaß‐​Säule stehen und einen Text lesen, aber trotzdem hat sich diese Werbemethode bis heute gehalten (!)
Glückwunsch, Herr Litfaß.

Nach dem Tod des Erfinders, verbrei­tete sich diese Idee über ganz Deutschland aus.
Keinem hat man so viele “Denkmäler” gesetzt wie für Herrn Litfaß, denn heute gibt es noch 67.000 Litfaßsäulen in ganz Deutschland, wovon etwa 50.000 zur Werbung für kultu­relle Veranstaltungen genutzt werden.
So wird man auch für die Ewigkeit berühmt und setzt sich selbst ein Denkmal, bzw. sehr viele.

Nun ist die Zeit ja nicht stehen geblieben.
Oftmals geht man ja heute eher an solchen Säulen vorbei ohne ihnen einen Blick zu widmen, trotzdem bleibt es ein Geschäft, denn an so einer Säule Werbung anzu­bringen, kostet Geld und zwar oftmals viel Geld.
Hierbei haben aller­dings Veranstaltungen kultu­reller oder sport­li­cher Art den Vorrang, aber umsonst ist gar nichts mehr, also zudem eine Geldeinnahme‐​Quelle, die nicht viel Platz wegnimmt.
Tja, eine gute Idee ist besser als ein Leben lang Büroarbeit.

Nun ist, wie gesagt, die Zeit nicht stehen geblieben und man musste langsam ein neues Wort erfinden, was trotzdem das Denkmal von Herrn Litfaß nicht umstürzen kann.

Und dieses Wort ist “Eye‐​Catcher”.

Was ist datt denn, würde sich Herr Litfaß sicher fragen, viel­leicht etwas Versautes oder ein Begriff aus der Boxkunst oder Hühnerzüchtung (?)

Denn auch außer­halb von diesen Säulen stol­pert man immer wieder über Werbung ohne Ende, vor allem über Stand‐​Schilder vor Geschäften, sodass man oftmals auf die Straße auswei­chen muss und die bei Sturm sehr schnell wegfliegen können.
Und diese sollen von der Grundidee her, also verkaufs­tech­nisch suggestiv, den Vorbeieilenden dazu animieren herein­zu­gehen und etwas zu kaufen (außer, wenn sie wegge­flogen sind).
Man muss schon ein biss­chen Phantasie haben, hier zu erkennen, dass es sich um einen soge­nannten “Eye‐​Catcher” handelt, aber wenn man von der Grundschule Englisch gelernt hat, kann man es erahnen.


…Perugia

Außerhalb des werbe­ver­stopften Heimatlandes kam man im südli­chen Italien auf die Idee, Todesanzeigen von verstor­benen Mitbürgern auf extra dafür reser­vierten Flächen zu kleben, um den Mitbewohnern zu infor­mieren, wer von dannen gezogen ist.
Auch eine hervor­ra­gende Idee, die teure Todesanzeigen in Boulevardblätter über­flüssig machen.

Ade für alle Ewigkeit


…Verona

Was wirk­liche “Eye‐​Catcher” sind, erfährt man im noblen Verona, wo die Parfümwerbung das Herz (fast) jeden Mannes höher schlagen lässt.

Parfüme aus Oberitalien

Noch etwas intimer wird es in derselben Stadt (Verona) bei soge­nannter DUB, was soviel heißt wie Damenunterbekleidung, obwohl es ja ein Produkt für Frauen ist, werden sicher eher Männer dort ihr Auge drauf werfen – aber Männer müssen es ja meist auch bezahlen.

Eye‐​Catcher für Männer


… Avignon

Aber es gibt nicht nur “Eye‐​Catcher” für das männ­liche Auge, sondern auch für das weib­liche.
Dies erfuhr ich im südli­chen Avignon, denn hier zeigt sich ein unbe­klei­deter Herr ; er verdeckt als solches nur sein Gesicht, wahr­schein­lich, weil er nicht erkannt werden will.
Wie vormals erwähnt, kann man ja hier schon eher von “Eye‐​Catcher” spre­chen, was aller­dings ins Pornografische gehen würde.
Aber für eine Anti‐​Aids‐​Werbung wäre es nicht schlecht.

Eye‐​Catcher im wahrsten Sinne des Wortes

Wenn das natür­lich Herr Lifaß wüsste…


…Bologna

Im hoch­geis­tigen Bologna hat man an einem zentralen Punkt die Idee gehabt, nicht nur ein Plakat aufzu­hängen, sondern hat das Motiv gleich auf vier Plakate verteilt.
Denn in der Via delle Belle Arti, einer Stichstraße der Via Zamboni in der Altstadt von Bologna befindet sich nämlich die Pinacoteca Nazionale di Bologna, die das Herz eines jeden Kunstinteressierten höher schlagen lässt.
Und dafür braucht man einen guten Namen und einen “Eye‐​Catcher”.
“Das Haus der Giganten” (La dimora dei giganti) klingt zwar etwas über­heb­lich, aber Ehre, wem Ehre gebührt, und dafür wurden gleich vier Plakate zu einem Ganzen vereint.

Haus der Giganten

Etwas größere Nachforschungen würde es jetzt bedürfen, heraus­zu­finden, wen das Plakat zeigt, bzw. welcher Schöpfer dieses Werk geschaffen hat, diese Mühe hatte ich mir bisher trotz aller Bologna-Begeisterung aller­dings noch nicht gemacht.


…Sevilla

Ein wahrer “Eye‐​Catcher” lief mir im spani­schen Sevilla über den Weg, was zeigt, dass das Bundesland Bayern doch auch außer­halb des Heimatlandes bekannt und gefürchtet ist, denn beim Betrachten dieses Seppels mit Tiroler Hut bekommt man schon Angst vor Gewaltbereitschaft, obwohl es nur ein Werbeplakat für einen Deutschkurs ist (Herr Goethe kommt im Text auch vor!).

Ein Bayer in Sevilla

Bayern scheint ja der Inbegriff des Deutschen zu sein, kann man natür­lich sehen, wie man will, aber als Motiv eines “Eye‐​Catcher” gut geeignet.

Hier (Sevilla) springen einem natür­lich an jeder Ecke die reso­luten Damen ins Auge, die die Hauptsportart der Stadt verkör­pern, nämlich den Flamencotanz.

Rasante Weiber

In diesem Fall steht man “Face to face” (wieder so ein Begriff) der rasant blickenden und stark geschminkten Dame gegen­über, sodass man schon leicht Angst bekommen kann, obwohl hier ja nur für ihre Tanzkünste geworben wird.

Flamenco als Kunst

Aber das ganze kann sogar, wie das obere Foto belegt, schon leicht künst­le­risch genutzt werden, denn dieser “Eye‐​Catcher” zeigt dieselbe Sportart (Flamenco) als Gemälde.
Vielleicht ist in frühen Zeiten Herr Bizet durch die Gassen Sevillas gebum­melt und durch den unten zu sehenden “Eye‐​Catcher” auf die Idee zu seiner Oper “Carmen” gekommen, wer weiß…

…könnte von George Bizet sein

…Barbiere in Sevilla

Die Zeiten der Zünfte ist noch lange nicht vorbei und eine dieser Zünfte ist ja die Frisierkunst.
Allerdings müssen sich heute Frisöre (früher Barbiere) auch etwas werbe­tech­nisch einfallen lassen, um die Kunden bei ihrer großen Konkurrenz in ihr Frisier‐​Studio zu locken.

Barbier von Sevilla

Hierbei geht der Frisör schon richtig rasant zu Werke, ziel­si­cher steuert er sein Opfer, bzw. seinen Kunden, äh. Kundin an.
In sport­li­cher Stellung ergreift er eine Locke des Hauptes der mit geschlos­senen Augen auf das Kommende wartenden Dame, die hoffent­lich nachher, wenn sie die Augen öffnet, nicht einen Schock bekommt, wenn sie das Werk des Barbieres sieht.
Dieses dachte sicher auch ein gewisser Herr Rossini bei der Betrachtung dieses “Eye‐​Catchers” in den Straßen der anda­lu­si­schen Stadt und es wurde viel­leicht sogar der Auslöser seines Werkes “Der Barbier von Sevilla”.
Eine Vermutung, die ja eher gewagt ist…


…Venedig

Aber auch zur letzt­jäh­rigen Biennale in Venedig (2019) ließen die “Eye‐​Catcher” nicht lange auf sich warten.

Herr Dubuffet bei der Biennale in Venedig

Der fran­zö­si­sche Maler und Bildhauer Jean Dubuffet (1901 – 1985) zeigt hier seinen Humor auf einem Plakat des Palazzo Cavalli‐​Franchetti an der Accademia-Brücke in Dorsoduro.
Es ist sicher schon etwas her, dass Herr Dubuffet in Venedig ausge­stellt hat, aber ein Gespräch mit den einhei­mi­schen Gondoliere liess die Zeit eines Witzes zu.
Alte schwarz‐​weiß‐​Fotografien haben doch “Eye‐​Catcher”-Reiz, weil sie in unserer bunten Welt sofort ins Auge stechen und dies ist ja auch der Sinn dieser “Eye‐​Catcher”.


…Aix‐​en‐​Provence

Zurück im geis­tigen Zentrum der Provence zeigte sich ein werbe­tech­nisch geglückter Trick, dem man auch in unseren Gefilden immer wieder begegnet.
Man nimmt einfach Werbung aus längst vergan­genen Zeiten und möbelt sie neu auf.

Waschtag

Vor der Erfindung der Waschmaschine, hatten es Frauen ja nicht so einfach mit der Säuberung der Wäsche, es war harte Knochenarbeit mit einem Waschbrett in einem Topf mit heißem Wasser zu versu­chen, die nicht mehr ganz weißen Westen wieder weiß zu bekommen.
Das Waschpulver im unten zu sehenden “Eye‐​Catcher” in Aix‐​en‐​Provence scheint aus Marseille zu stammen und im Hintergrund erkennt man ja die Küste des rauschenden Meeres.
Die Dame scheint aller­dings doch noch Spaß an der Sache zu haben, auch wenn der Spaß bei einem Waschtag sicher schnell nach­ge­lassen haben muss.


…Florenz

Im mondänen Florenz zeigte sich aber auf den ersten Blick, dass zu viele “Eye‐​Catcher” nicht gut für die Augen sind, weil man dann nämlich gar nichts mehr lesen kann (also doch Boxer‐​Sprache).

Weniger wäre mehr

Ein ähnli­ches Bild bot sich sicher auch dem Anfangs erwähnten Herrn Litfaß, als er durch die dama­ligen Prunkstraßen Berlins bummelte und er dann die Idee einer Säule hatte, die diesem unschönen Anblick ein Ende schaffen sollte.
Das hat er dann ja auch geschafft, …aber anschei­nend nicht im teuren Florenz.


…Kotor

Eine wahr­liche Steigerung des Effektes der Parfümwerbung Veronas, fand ich in der Festungsstadt Kotor in Montenegro.
Dass es bei so einer geschichts­träch­tigen Stadt bzw. Festung wie Kotor, über­haupt Werbeflächen für “Eye‐​Catcher” gibt (?) – sicher­lich war es im Schaufenster einer Parfümerie, denn weib­liche Besucher hat Kotor ja auch zu verzeichnen.

Der Duft der weiten Welt

Ohne am heimi­schen Herd, bzw. LapTop am Foto herum­zu­ver­fäl­schen, zeigt hier der Designer dieses “Eye‐​Catcher” sehr viel Geschick, den Duft dieses Parfüm optisch in die Nase steigen zu lassen, denn die leicht beklei­dete Dame umschwebt ein rötli­cher Duft, der sie zum Nachdenken anregt.
“Soll ich es kaufen oder nicht ?” Im Hintergrund verschwimmt alles, aber ableh­nend scheint sie nicht zu sein, eher berauscht und das soll ja ein gutes Parfüm, bzw. ein guter “Eye‐​Catcher” sein.


…Tallinn

Der Litfaß-Säule alle Ehre machte ein Plakat, was schon wesent­lich mehr ist, als nur ein Plakat im nörd­li­chen Tallinn.
Denn diese Glitzer‐​Party wird nicht nur in Worten ange­priesen, sondern durch einen “Eye‐​Catcher”, der es in sich hat und das Auge jedes Vorbeigehenden anzieht.
“The Ultimate Glitter Party” – was immer dies sein soll, zeigt die schwarz geschminkte Dame auf dem Plakat, was die ganze Säule (!) umgibt, in einem Glanz, der sich sehen lassen kann und an einzelnen Stellen schon herun­ter­gleitet.
Na, wer da nicht hingeht, ist selber Schuld – jeder wird dann am Abend merken, wie die glit­zernden Eintrittspreise sind, laut dem Plakat muss es sich ja lohnen.

Glanz und Glitter

Zum Abschluss eine wirk­lich gelun­gene Bild‐​Kreation.
Wie man dem abschlie­ßenden Foto entnehmen kann, schwebt meine Person in den Hauch dieser Dame mit Rose über.
Es erin­nert ein biss­chen an die Ergüsse der 60er‐​Jahre.
Auch wenn ich noch nie Glück bei Frauen hatte, eine gelun­gene Fusion des Verfassers dieses Beitrages mit einer erotisch anmu­tenden Dame im Rosenduft.
Dies hätte Herrn Litfaß sicher auch ange­spro­chen…

Im Rausch der Rose

Was lernen wir daraus :


Eine gute Idee ist besser, als ein Leben lang Büroarbeit”



*Pinacoteca Nazionale di Bologna

*Jean Dubuffet artnet



(Sonstiges)

Impressum

Bücher für die Insel

Wie man dem Foto unten entnehmen kann, war ich schon immer ein Buchfreund.
Mein Vater war schon in den 60er‐​Jahren in einem Buchclub, was damals nicht so häufig vorkam.
Und wenn man dann, so wie ich, noch gelernter Schriftsetzer ist, spielen natür­lich Bücher gene­rell ein große Rolle, noch mehr als das Internet.

Mit Buch geboren

Wenn man also seit Jahr und Tag liest (ich wüsste kaum eine Ära, in der ich in den letzten 25 Jahren nicht gelesen habe), entwi­ckelt man sich ja auch als wissender Rezipient.

Gute Bücher sind die, die man immer wieder lesen kann.

Es gab sogar Bücher, die mich so begeis­tert haben, dass ich sie nach der Beendigung sofort wieder von vorne begonnen habe.

Viele Bücher habe ich nach einer gewissen Zeit noch einmal gelesen.
Es kann dann aller­dings auch vorkommen, dass einen das Buch nicht mehr so begeis­tert, wie beim ersten Mal und man fragt sich, wie kommt denn das???
Dann erkennt man, wie man sich in dieser Zeit entwi­ckelt hat und wenn es einen dann wieder begeis­tern …

…dann ist es das rich­tige Buch.

Unser Jöte darf nicht fehlen

Und um so “rich­tige Bücher” soll es jetzt gehen, nämlich die soge­nannten Bücher für die Insel.

Die Anzahl habe ich (erst einmal) auf fünf begrenzt.

*J.W.v.Goethe – “Italienische Reise” (1786–88)
*Friedrich Nietzsche – “Also sprach Zarathustra” (1883)
*Edward Buwer‐​Lytton – “Rienzi, der letzte der Tribunen” (1835)
*Daphne du Maurier – “Ein Tropfen Zeit” (1969)
*Anne Chaplet – “Die Fotografin” (2002)

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*Johann Wolfgang von Goethe – “Italienische Reise”

Goethe war und ist ja nicht nur der größte deut­sche Dichter, war bewan­dert in Farbenlehre, Botanik und Flora, hat nebenbei Jura studiert und war aktiv in der Politik tätig, sondern er war auch einer der ersten Deutschen, die das dama­lige noch nicht ergrün­dete “Sehnsuchtsland” Italien in einer 18monatigen Reise durchzog und dann die Reise auch noch schrift­lich fest­hielt.
Goethes “Italienische Reise” ist quasi das Italien‐​Buch in der Geschichte, wo man als reise­freu­diger Italienfreund nicht herum kommt.
Das Standardwerk für alle kommenden Reiseberichte und -bücher über Italien.
Seine Reise ging durch ganz Italien begin­nend im deut­schen Karlsbad bis durch ganz Sizilien und zurück über Mailand und dem Comer See.
Wenn man jetzt schon öfter in Italien war, ist es natür­lich inter­es­sant, an die Städten zu kommen, wo Goethe war und diese in diesem Buch verewigt hat.

Goethe und Italien

Zum Werk an sich sei zu sagen, dass Goethe seine 18monatige Reise als eine Art “Wiedergeburt” ange­sehen hat – seine eupho­ri­schen Schilderungen aller Kunstdenkmäler, Bauwerke, Kunstwerke und der Landschaft fallen begeis­tert aus – das Kritische fällt eher unter den Tisch.
Wie mir auffiel, hat Goethe den Fehler (zu mindes­tens auf der Hinreise) gemacht, einige bedeu­tende Städte wie Verona, Padua, Venedig, Bologna, Perugia zu schnell zu durch­reisen, weil es ihn magne­tisch einzig und allein nach Rom zog, dadurch bleiben einzelne (auch bedeu­tende) Städte mit eher kurzen Aufenthalten auf der Strecke.
Der erste Teil vor dem 1. Rom-Aufenthalt fällt demgemäß vom Umfang her dünner aus, als die beiden Rom-Aufenthalten (inkl. dem Kapitel über den Römischen Karneval).

Trotzdem ist Goethes Italienische Reise” das Standardwerk und wird es immer bleiben.
Meine Ausgabe (Beck‐​Verlag München) ist auch noch mit einer größeren Anzahl von Skizzen und Lithografien von Baudenkmäler und Kunstwerken geschmückt, die alles noch ein biss­chen anschau­li­cher machen, in einer Zeit, als es vieles ja noch nicht gab.
Wenn man bedenkt, dass Goethe die Reise ja machte, als es außer der Kutsche oder Schiffe, noch keine anderen Verkehrsmittel (neben den eigenen Beinen) gab, ist es aus der heutigen Sicht schon fast unvor­stellbar so eine Strecke auf diese Art und Weise zurück­zu­legen.

Das Werk liest sich flie­ßend, ist sehr aben­teu­er­lich und hat einen großen Anhang mit Erläuterungen, Korrespondenz und einen Bericht über den Römischen Karneval.

Da kann man nur sagen :

Nur wo man zu Fuß war, war man wirk­lich”

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*Friedrich Nietzsche – “Also sprach Zarathustra”

Friedrich Nietzsches Werk “Also sprach Zarathustra” wird öfter als sein Hauptwerk bezeichnet.
Bei großen Schöpfern ist es als solches gesehen Unsinn von “Hauptwerk” zu spre­chen, nur wenn das Werk das bekann­teste oder meist­ver­kauf­teste ist.
Das bedeutet natür­lich noch lange nicht, dass es auch das beste ist.
Man sollte also mit dem Begriff “Hauptwerk” vorsichtig umgehen.
Aber warum wird der “Zarathustra” oftmals als Nietzsches Hauptwerk bezeichnet ?

Nietzsches Schatten

Nietzsche hat ja seine Werke zum größten Teil nicht durch­ge­schrieben, es sind Anthologien.
Dies bedeutet eine Sammlung ausge­wählter Texte oder Textauszüge in Buchform oder im weiteren Sinne eine themen­be­zo­gene Zusammenstellungen aus lite­ra­ri­schen, musi­ka­li­schen oder grafi­schen Werken (Definition).
Im Falle Nietzsche sind es oftmals durch­num­me­rierte Aphorismen.

Also selbst­stän­dige einzelner Gedanken, ein Urteil oder eine Lebensweisheit, welche aus nur einem Satz oder wenigen Sätzen bestehen kann.
Oft formu­liert er eine beson­dere Einsicht rheto­risch kunst­reich als allge­meinen Sinnspruch (Definition).

Ich versuche in einer Zeile mehr auszu­drü­cken, als manche in einem ganzen Buch nicht” 

Dieses Zitat von Nietzsche zeigt schon die Aussagekraft seiner Sprachkunst als unend­liche Quelle der Erkenntnis.
Es gab Jahre (2003‐​08), als ich immer Nietzsche auf Reisen dabei hatte und es gibt kaum ein Werk von ihm, was ich nur einmal gelesen habe, vom “Tragödienbuch” bis zum “Ecce Homo” habe ich alles bis zu
viermal gelesen.
Wenn man nun alle Werke kennt, scheint sich dieser Schreibstil (Anthologien) zu perfek­tio­nieren und sich im “Zarathustra” zur Krönung zu führen.

Alles und noch viel mehr…

Zarathustra wird als eine Art wandernde Erlösungsfigur darge­stellt, die der Passion Jesu sehr nahe kommt – poin­tierte Zwischenüberschriften oftmals nur aus zwei oder drei Worte bestehend, leiten ein neues “Kapitel” ein, dieses besteht aller­dings aus gezielten Aphorismen.

Schreibe mit Blut und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist…”

Dieses Zitat zeigt, dass Nietzsche es mit seinem “Zarathustra
ernst meinte.

…wer in Blut und Sprüche schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden”

Blut und Geist

Es zeigt, dass es Nietzsche nicht auf Durchfluss ankam, sondern er sah seine Stärke in pion­ten­haften Zitaten, um den Kern der Sache besser treffen zu können, als durch lange, oftmals auch ausschwei­fende Texte.
Wenn man nun den “Zarathustra” durch­ge­hend liest, fügt sich alles zu einem einheit­li­chen Weltbild zusammen.

Dieses einheit­li­chen Weltbild, was sich einem immer mehr einprägt, ist einer der Gründe, warum der “Zarathustra” eines der Bücher ist, die man immer wieder lesen kann…

….oder besser um mit einem Zitat Nietzsches zu enden :

Meine Werke sind nicht zum Lesen oder Vorlesen, sie sind
zum Aufschlagen”


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*Edward Buwer‐​Lytton – “Rienzi, der letzte der Tribunen”

Als drittes ein wahrer Klassiker der Literaturgeschichte.

Edward George Bulwer‐​Lytton (* 25. Mai 1803 in London ; † 18. Januar 1873 in Torquay) war/​ist ein engli­scher Romanautor und Politiker, der es geschickt verstand, geschicht­liche Ereignisse und Vorfälle in Romanform umge­formt für seine Werke zu nutzen.
In späteren Werken tendiert Bulwer (wie man ihn in einer Abkürzung nannte) schon zu okkulten und auf die Science‐​Fiktion‐​Literatur hinwei­senden Schreibstil und Inhalte.

…anti­quare Ausgabe in Fraktur

Bei dem bekann­testen Werk “Die letzten Tage von Pompeji” greift er nicht etwas Überirdisches auf, sondern er nimmt sich ein geschicht­li­ches Ereignis, den Ausbruch des Vesuvs 79 n.Chr. und schafft damit einen Roman mit fiktiver Geschichte.

Bei dem Werk, um das es hier gehen soll, handelt es sich nicht um etwas Fiktives, sondern um einen Person, die Geschichte gemacht hat, und diese Personen gab es ja schon viele – Luther, Jesus, Hitler, Napoleon
Diese Personen reizen ja immer wieder die Geister großer Schöpfer, ihre Werke daraus zu schaffen, weil die meisten Menschen ja diese Personen kennen, also die Zahl der Interessierten für den Roman oder das Werk somit höher ist, als wenn er einer unbe­kann­teren Person gewidmet ist.

Poetisch ausfor­mu­liert

Und diese Person ist der römi­scher Volks‐​Tribun RIENZI, der dem Volk Befreiung vom Joch des Adels verspricht, Wohlstand und Einigkeit, vom Volk beju­belt, sich selbst zum Volkstribun erhebt, gefeiert wird und eine große Macht erlangt.
Seine Gegner schmieden bereits einen Plan, um den Volksführer zu
stürzen.
Nach allem Jubel wendet sich aber wie so häufig in der Geschichte das Blatt und dersel­bige Tribun wird vom selben Volk hinge­richtet und gehen­kert.
Die Geschichte spielt im mittel­al­ter­li­chen ROM.
Es geht wie immer um Machtkampf, Verschwörung, Rache und Wahn.

Als nämlich die Steuer wieder mal erhöht wird, wird das Volk rebel­lisch, es greift zu den Waffen und stürzt den einst Hochgejubelten, der im bren­nenden Kapitol unter den zusam­men­stür­zendem Gebäude, eine Art Scheiterhaufen, umkommt.

Der Aufbau dieses histo­ri­schen Romans hat etwas (für mich) Faszinierendes, der Autor schiebt nämlich zwischen die fiktiven Kapitel, einzelne sach­lich erläu­ternde Kapitel, um den Leser eine Art Erklärung der Sachlage unter­stüt­zend zu geben.
Eine hervor­ra­gende Struktur so einen umfang­rei­chen Roman (628 Seiten) etwas aufzu­lo­ckern und zwar nicht mit Lückenfüllern, sondern eher mit histo­ri­schen Fakten.
Wenn das sach­liche Kapitel vorbei ist, wird die Handlung wieder aufge­griffen.
Ich habe den “Rienzi”-Roman in Fraktur aus einem Antiquariat aus dem Internet und bereits viermal gelesen.

Kein gerin­gerer als Richard Wagner nahm sich, wie einige andere (z.B. Fr. Engels) des Stoffes an, da er den Roman in seiner Rigaer Zeit als Kapellmeister (1837–39) in die Hand bekam und schuf daraus sein “Durchbruchswerk”, eine 5aktige Große Tragische Oper “Rienzi, der letzte der Tribunen”, womit er zum dama­ligen Zeitpunkt alles in den Schatten stellen wollte , was es auf der Opernbühne gab (was er auch geschafft hat!).
Dieses in späteren Jahren versto­ßene Frühwerk mit seinen 5 Stunden Spielzeit, war zu Wagners Lebzeit das popu­lärste seiner Werke, was ihm später schon etwas pein­lich war, wenn man an da Kommendes denkt.

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Jetzt kommt etwas mehr leich­tere Kost aus dem Bereich der Belletristik.


*Daphne du Maurier – “Ein Tropfen Zeit”

1969 war ja die Hochblüte der Hippie‐​Bewegung, wer erin­nert sich aus unserer Generation nicht daran (?), aller­dings auch die Hoch‐​Blüte der Rauschmittel.
Diese gab es zwar schon immer, aber zu diesem Zeitpunkt (60er Jahre) wurden die “Räusche” mit einge­bunden in Werke, ob nun kommer­ziell oder eher krea­tiver Natur.

Wie ich am Anfang schon erwähnte, war mein Vater in den 60er Jahren im Frankfurter Buchclub, was damals nichts Alltägliches war.
So bekam ich als 13jähriger das Buch Anfang der 70er Jahre in die Hand.
Ob ich es damals gelesen habe, ist mir nicht mehr bekannt, aber eins hat mich damals (wie heute) begeis­tert, und das ist das Cover der Ausgabe von 1969.

Ekstatisch futu­ris­tisch

Ein Bild, was man viel­seitig auslegen und inter­pre­tieren kann, aber auf alle Fälle Fantasie anre­gend.
Schon alleine der Titel “Ein Tropfen Zeit” lässt das Herz eines jeden mit Fantasie behaf­teten Menschen höher schlagen.
Die Droge Zeit, die einen in eine andere, längst vergan­gene Zeit, versetzen kann ; wer hat als Kind (oder auch als Erwachsener) davon nicht einmal geträumt (?).



Ein Professor macht es möglich, in dem Keller seines Hauses in Cornwall (Wales) eine neue flüs­sige Droge zu erfindet. Ein enger Freund und Mitwissender stellt sich zur Verfügung die Droge zu testen, als der Professor für ein paar Wochen außer Landes ist. Er gerät in eine andere Welt, in längst vergan­gene Zeiten und kehrt immer wieder zurück ins Jetzt.
Beide planen einen gemein­samen Trip, doch dazu kommt es nicht mehr.
Die Sucht wird immer stärker und zeigt böse Folgen.

Das väter­liche Buch ist verloren gegangen, aller­dings besorgte ich es mir vor ca. 2 Jahren und lass es mit Begeisterung in einem Strich durch, span­nend von der ersten bis zur letzten Zeile.

Daphne du Maurier (* 13. Mai 1907 in London ; † 19. April 1989 in Par, Cornwall) war eine briti­sche Schriftstellerin, deren Romane auch teil­weise verfilmt worden sind.
Ihre Geschichten spielen haupt­säch­lich an der engli­schen Küste, wo sie sich nieder­ließ.
Ihre Romane und Erzählungen zeichnen sich durch Spannung und psycho­lo­gi­sche Tiefe aus.

Der Roman hat mich begeis­tert und ist es auf alle Fälle wert, mehr­fach gelesen zu werden, nicht unbe­dingt als Lückenfüller.

Entnommen bei bei : https://www.azquotes.com


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Das fünfte Buch für die Insel ist wiederum ein belle­tris­ti­sches.


*Anne Chaplet – “Die Fotografin”

Kurze Vorgeschichte.
In den Wintermonaten des Jahres 2004 hatte ich mich in der städ­ti­schen Bücherei mit besseren Krimis einge­deckt, um die dunkle Jahreszeit zu über­brü­cken.
Viele habe ich gar nicht zu Ende gelesen oder schon nach 20 Seiten abge­bro­chen.
Doch eines hatte mich dann doch gefes­selt, sodass ich es genauer unter die Lupe nahm.

Es war “Die Fotografin” von einer gewissen Anne Chaplet.
Nach einer kurzen Recherche fand ich heraus, dass die Autorin gar nicht Anne Chaplet heißt, sondern ein (schrift­stel­le­ri­sches) Doppelleben führt.
Unter ihren wahren Namen Cora Stephan arbei­tete sie schon als Lektorin, Übersetzerin, und Verfasserin von Wirtschaftsliteratur und stammt aus Hessen.

Schon inter­es­sant und zeigt einige Fantasie.
Mit diesem Eindruck deckte ich mich im besagten Winter (und auch danach) mit Büchern von Frau Chaplet/​Stephan ein, wovon sie schon über ein Dutzend geschrieben hat.
Jetzt war ich aller­dings enttäuscht, denn keines der anderen Bücher kam an die Qualität der “Fotografin” heran.
Frau Stephan verzeihe mir diese Erkenntnis.
Ich weiß auch nicht warum, nur dass ich “Die Fotografin” mitt­ler­weile viermal gelesen habe.

Ohne in eine lange Rezension zu verfallen, ist das Faszinierende daran nicht, dass es ein besserer Krimi ist, den man flie­ßend herunter lesen kann, sondern der gefühl­volle Schreibstil, den die Autorin bei gewissen Szenen an den Tag legt.

Wechselnde Handlungsstränge verteilen sich auf verschie­dene Orten :
Frankfurt a.M. und das Nest Beaulieu in der Provence – ein Ort, der wirk­lich exis­tiert (eine Gemeinde mit 1676 Einwohnern im Département Hérault in der Region Okzitanien rund 20 km nord‐​östlich von Montpellier in Süd‐​Frankreich).
Vor allem die Handlungsstränge in der Provence, wo sich mehrere Menschen, die sich als solches gar nicht kennen, aber eine gemein­same Vergangenheit haben, nach langen Jahren wieder begegnen (keine schlechte Idee).

Die Zusammenhänge werden oft verschleiert, die Handlungsorte wech­seln, es kommt zu unge­wöhn­li­chen Begegnungen nach langen Jahren, alles wird immer verknüpfter und fixiert sich immer mehr in das Nest Beaulieu in der Provence, was eher fried­lich erscheint (im Roman), dann aber zum Zentrum der bis ans Ende span­nenden Handlung wird.

Die Person, die bei Chaplet immer wieder auftaucht, auch in den anderen Romanen, ist die Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark, die ein gutes Gespür für kompli­ziert ausse­hende Fälle hat, vor allem, wenn man ihr einen Fall einfach aus der Hand nehmen will, um ihn vor der Aufklärung zu bewahren.

Sehr gut, Frau Chaplet…äh… Frau Stephan, nur verstehe ich nicht ganz, warum mir die anderen Romane, die auch eine ähnliche Struktur haben, nicht zuge­sagt haben (?)

Das Buch hat mich zu meinen Provence-Aufenthalten der Jahre 2014/​15 mitani­miert. Auch das Foto auf dem Schutz‐​Umschlag sprach mich an, Fotos von ähnli­chem Bildaufbau habe ich auch unzäh­lige gemacht…auch in der Provence.

…alle Fünf

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Gut mal wieder ein Zitat aus meiner Zitatenkiste zu zaubern :

Wer schreibt, der bleibt”


Ergänzende Beiträge :

*Goethes “Italienische Reise”
(https://herrrothwandertwieder.de/italienreisende-des-18–19-jh/)

*Fr. Nietzsche
(https://herrrothwandertwieder.de/friedrich-nietzsche-in-weimar/)

*Daphne du Maurier
(https://herrrothwandertwieder.de/ein-tropfen-zeit/)

*Anne Chaplet
(https://herrrothwandertwieder.de/beleuchtung-ist-alles/)


Allgemein :

*J.W.v.Goethe (http://www.goethezeitportal.de/home.html)

*Fr. Nietzsche (https://www.klassik-stiftung.de/nietzsche-archiv/)

*Daphne du Maurier (http://www.dumaurier.org/)

*Anne Chaplet (https://www.cora-stephan.de/home/)


(Sonstiges /​ Tipps)


Impressum

Quattro Canti – Palermo (Weihnachten 2008)

Ein Kreis mit vier Ecken”

Mein erster Beitrag des neuen Jahres verla­gert sich einmal wieder in die Vergangenheit, und zwar an die Weihnachtstage 2008, als ich nämlich vor 11 Jahren wieder einmal meine “Weihnachtsflucht‐​Residenz” in den Süden verla­gerte, diesmal nach Sizilien, um genauer zu sein, nach
PALERMO.

… 3.000jährige Altstadt

Die 3.000jährige Altstadt ist nicht so schach­brett­artig aufge­baut, wie z.B. das “Spanische Viertel” in Neapel, trotzdem gibt es Hauptachsen, die die ganze Altstadt schnur­ge­rade durch­ziehen, wenn man am Anfang des Corsos sich auf die Straße setzt, kann man durch ganz Palermo bis zum Ende der Straße sehen.
Man sollte hierbei aber wegen des Verkehrsaufkommen vorsichtig sein, sich auf die Straße zu setzen.
Oftmals ist es so, dass diese Hauptachsen am Anfang und am Ende ein Tor haben, bzw. was davon übrig geblieben ist, aller­dings zeigen diese Jahrhunderte alten Stadt‐​Tore auch den Prunk und die dama­lige Macht dieser Sizilien‐​Metropole.

Porta Felice – Blick zum Porta Nuova

Allerdings habe ich 2008 bei leicht trüben Wetter (wie das Foto zeigt) es doch geschafft mit dem “auf die Straße setzen”, zu mindes­tens zeigt sich bei dem Blick durch das Porta Felice ein Blick bis ans andere Ende zum Stadttor Porta Nuova.
Man sieht, dass zu diesem Zeitpunkt der Andrang eher gering war, denn auf der Hauptachse Via Vittorio Emanuele ist an diesem Spätnachmittag kein Auto weit und breit zu sehen, wenn man genau hinsieht, nur eine Person, der gemäch­lich über die Straße schreitet.

Porta Nuova Palermo

Der Durchgang oder die Durchfahrt durch das Stadttor auf der anderen Seite (Porta Nuova), weist gerade einmal schät­zungs­weise vier Meter Breite auf, was zeigt, dass es zu dessen Bauzeit noch keine Autos oder LKWs gab, sondern nur Kutschen.

…Goethe in Palermo

Zum Thema Straßen von Palermo hält Goethe in seiner “Italienischen Reise” eine kleine Anekdote fest, die ihm nach seiner Ankunft in Palermo passiert ist.

…schon von Goethe kriti­siert

Goethes Aufenthalt fiel auf Anfang April 1787, das Wetter war noch etwas launisch.
Dem Dichter fiel aller­dings auf den Straßen Palermos auf, dass sie mit einer dicken Schicht von Unrat, Fäkalien und Schmutz bedeckt waren, der bei Hitze schnell sich in einen dreckigen Staub verwan­delte und bei Wind durch die Corsos geblasen wurde, dass man kaum noch Luft kriegte.

Goethe in Palermo

Er sprach daraufhin einen Kaufmann an, warum man die Gassen, Corsos und Straßen nicht einmal säubere (?)
Dieser erklärte Goethe ausge­dehnt und mit viel Humor, dass man durch die dicke Schicht des Morastes wenigs­tens nicht sehen könnte, wie schlecht die Qualität des Pflasters von Palermo sei, was wieder Gelder für die Instandhaltung frei werden lassen müsste, wo die Entscheider aller­dings nicht beson­ders glück­lich drüber wären.
Außerdem würde sich der Boden, auf denen die Karossen der Reichen einher­fahren, dann doch wesent­lich weicher anfühlen und even­tu­elle Schlaglöcher nicht auffallen.
Hier (in Sizilien) hätte der Mensch immer noch genug Humor sich über das Unabwendbare lustig zu machen.
(“Italienische Reise”, 5. April 1787, Seite 236).

Hauptachse Via Vittorio Emanuele

Um in die Gegenwart, bzw. zum Jahr 2008, zurück­zu­kehren, geht es bei der erwähnten Hauptachse um die Via Vittorio Emanuele, die die 3.000jährige Altstadt von Palermo vom Porta Felice im Nord‐​Osten am Hafen bis zum Porta Nouva im Süd‐​Westen in der Nähe der Kathedrale schnur­ge­rade durch­schneidet.

Corso Vittorio Emanuele und Via Maqueda

Der oben abge­bil­deten Karte aus frühen Zeiten ist zu entnehmen, was Goethe in seiner “Italienischen Reise unter dem Datum 3. April 1787 verzeichnet :

“Unser erstes war, die Stadt näher zu betrachten, die sehr leicht zu über­schauen und schwer zu kennen ist, leicht, weil eine meilen­weite Straße vom untern zum obern Tor, vom Meer bis gegen das Gebirg’ sie durch­schneidet und diese unge­fähr in der Mitte von einer anderen aber­mals durch­schnitten wird : was auf diesen Linien liegt, ist bequem zu finden ; das Innere der Stadt hingegen verwirrt den Fremden, und er entwirrt sich nur mit Hülfe eines Führers in diesem Labyrinthe.”
(“Ital. Reise”, Seite 229/​30)

…Hauptachsen

Hier sieht man, dass Goethe die Struktur der Stadt schnell erkannte, was ja auch für einen Fremden nicht schwer ist – denn neben der erwähnten Via Vittorio Emanuele gibt es eine zweite Hauptachse, nämlich die Via Marqueda, und diese beginnt am Teatro Massimo im Norden und endet am Stadttor Porta di Vicari im Süden.
Hierbei ist zu bedenken, dass Palermo zur Zeit Goethes (1787) wesent­lich kleiner war, als heute.
Die dama­ligen Stadttore sind heute mitten in der Stadt, damals standen sie an den Rändern der Stadt, die heute die Altstadt ist.
Was früher am Rande, ist heute mitten drin, bedingt des steten Wachsens und Ausdehnens der Metropole.

Quattro Canti Palermo

Was Goethe bei seiner Darstellung der Stadt aller­dings vergessen hatte, ist die Tatsache, dass sich an dem mittigen Schnittpunkt dieser beiden Hauptachsen ein Platz befindet.

…Quattro Canti

Um genau zu sein, heißt dieser Platz Quattro Canti di città, was so viel heißt, wie “Stadtplatz der vier Ecken”.

Blick nach Süden

Der in baro­cker Architektur einge­rahmter Platz zählt zu den heraus­ra­genden Werken baro­cker Architektur in Palermo.
Offiziell heißt er Piazza Vigliena nach dem spani­schen Vizekönig Juan Fernandez Pacheco de Villena, der das Architektur‐​Ensemble erbauen ließ.
Der Platz wird auch Teatro del Sole genannt, weil den ganzen Tag über das Sonnenlicht auf eine der Eckfassaden fällt, an jeder Ecke zeigt sich eine Palast‐​Fassade, von denen jede der vier anders ist, obwohl sie auf den ersten Blick gleich erscheinen.

…der Sonne entgegen

Jede der vier bewun­derns­werten Teil‐​Fassaden steht irgend­wann am Tag in der Sonne, egal wieviel Uhr es ist und wo die Sonne gerade steht.
Oftmals erkennt ein geübtes Auge italie­ni­scher Baukunst, vor allem in Venedig, dass die prunk­vollen Fassaden oft nur davor gesetzt worden sind, hier am Quattro Canti merkt man, außer kleine Abweichungen, dass die Gebäude dahinter dazu gehören, quasi ein Abrundung einer Ecke dieses jewei­ligen Gebäudes ist.
Die südliche “Ecke” ist sogar ein Teil einer Kirche (Chiesa di San Giuseppe deiPadri Teatini), von der die beiden Ecken rechts und links neben dem Eingang von der Via Vittorio Emanuele aus rund­lich (nach innen) gebogen sind.

Die Entstehungsgeschichte dieses Platzes beruht auf einer Stadterweiterung nach Osten im 17. Jahrhundert – die Hauptstraße Cassaro (Via Vittorio Emanuele) sollte bis ans Wasser, dem heutigen Hafen (La Cala) nach Osten erwei­tert werden.
1608 ließ der spani­sche Vizekönig Maqueda im rechten Winkel dazu eine weitere große Straße die Via Nuova (heute Via Maqueda), bauen.

Diese beiden schnur­ge­rade corso­ar­tigen Hauptachsen teilen die Altstadt in vier Stadtteile : Albergheria, Seralcadio, La Loggia und Kalsa.
Die Stadtteile tragen heute die Namen manda­menti Palazzo Reale, Monte di Pietà, Castellammare und Tribunali.

Der daraus entstan­dene acht­eckige Platz mit geschwun­genen Fassaden wurde damals Piazza Vigliena genannt.
An vier Ecken der Kreuzung wurde von einem floren­tiner Architekt je ein Palast errichtet.

Weihnachtliches Palermo 2008

Die vier konkav geschwun­genen, von der Struktur her glei­chen, aber bei näheren Betrachten leicht abwei­chenden Fassaden, sind nach oben hin drei­ge­teilt und mit Säulen und antiken Skulpturen geschmückt, die jeden Besucher erst einmal ins Staunen versetzen, da man so schnell gar nicht alle vier aufnehmen kann, sowohl im Kopf, als auch mit der Kamera nicht. In den Sockelnischen befindet sich je ein Brunnen.

Das beste ist, dass jede Eck‐​Fassade noch einen anderen Schutzpatron hat, sicher ist sicher.
Genauso ist jede Ecke einem Herrscher und einer Jahreszeit gewidmet, was sich in den Skulpturen und den jewei­ligen Wappen erkennen lässt.

Wein‐​Göttin oder Venus

Auch die Erotik kommt im südli­chen Sizilien nicht zu kurz.
An den Ecken stehen nämlich je zwei fanta­sie­voll gestal­tete Laternen mit je vier Lampen.
Hier ließ es sich meine Kamera (trotz eher düsterem Wetter) nicht nehmen, eine der Damen zu foto­gra­fieren, die die Füße der Laternensäulen zieren.

… der Film

Um wieder in die Gegenwart des Jahres 2008 zurück­zu­kehren, erschien in den Kinos genau einen Monat (Kinostart 20.11.2008) vor meinem Besuch in Palermo der Film “Palermo Shooting” von Wim Wenders mit Campino in der Hauptrolle (*sh. Anhang).

Er spielt den erfolg­rei­chen Mode‐
Fotografen Finn, der sich auf die
Suche nach dem Sinn des Lebens
nach Palermo begibt, dort begegnet
er der perso­ni­fi­zierten Person des
Todes, genau wie einer Italienerin,
in die er sich verliebt.
Er gewinnt in Traum‐​Sequenzen
eine neue Perspektive fürs Leben
und schwebt zwischen Erinnerung
und Gegenwart hin und her.


Ein Zitat habe ich mir aus dem Film gemerkt :

Man merkt, dass man tot ist daran,
dass man nicht mehr träumt”



*Anhang :
In jenem Jahr (2008) sah es beruf­lich bei mir nicht gut aus und
nachdem ich den Film zum zweiten Mal in einem tradi­tio­nellen Kino
in Essen gesehen hatte, kam folgender Eintrag in mein Tagebuch vom
26. November 2008 :

…die Sehnsucht nach Italien wächst, weg von der ganzen Scheiße hier!”

Es zeigt, dass der Film mich doch berührt haben muss und, dass es zu dem Zeitpunkt nicht gerade gut bei mir ausge­sehen haben muss.


*******************

*Trailer zum Film “Palermo Shooting”

*sh. meine Fotos Palermo 2008

*sh. auch den Beitrag “Palermo bei Nacht”


(HerrRothBesucht /​ Sonstiges)

Impressum

Problem Mensch

Wie man sich das Leben ein biss­chen erleich­tern kann”

Viele Probleme gibt es als solches gar nicht, sie werden gemacht.
Und von wem werden sie gemacht ?
Vom Probleme Mensch.

Viele Sachen werden zur Erleichterung erfunden und werden zur Erschwerung” (Schopenhauer).

Man sieht hier, welchen zeit­losen Wert Schopenhauers Schriften haben, obwohl es damals viele Dinge noch gar nicht gab, erkannte Schopenhauer sie schon und seine Erkenntnisse haben bis heute Gültigkeit.

Man denke nur an das leidige Thema Geld.
Wer kennt das nicht ?
Geld ist ja eigent­lich erfunden worden zur Erleichterung, kann aber schnell zum Problem werden, und zwar zu einem immensen Problem, vor allem, wenn man es braucht (das Geld).
Geld ist nur solange gut, wie man es nicht braucht.

Thema Cannabis

Ein weiteres leidiges Thema ist die Heilpflanze Cannabis.
Von Grund auf ist es ja eine Heilpflanze, die zu unzäh­ligen Dingen für den Menschen gut, förder­lich und heilsam ist – wenn natür­lich der soge­nannte THC‐​Anteil hoch ist, kann es schnell zur Sucht werden.
Aber was kann nicht zur Sucht werden ?

Auf der Lieblingsinsel der Deutschen, Mallorca, gibt es soge­nannte “Social Clubs”, wie ich unlängst las.
Diese liegen alle leicht außer­halb der Orte.
Eine Art Hazienda für Kiffer – warum nicht ?
Wenn man Mitglied ist, kann man in deren Räumlichkeiten legal kiffen oder besser gesagt Cannabis genießen.

Eigenanbau ist in Spanien erlaubt (soweit ich weiß), und was man hinter seinen eigenen vier Wänden macht, geht keinen etwas an.
Es soll ja nur den eigenen Bedarf abde­cken.
In Deutschland wäre dies wie so vieles undenkbar, man denke ja nur an die endlosen Streitereien um die neue E‐​Cigarette.

Allerdings kann man mitt­ler­weile schon in deut­schen (!) Apotheken Cannabis-Produkte zur Schmerzlinderung kaufen, was zeigt, dass alles doch in die Richtung Legalisierung geht, was ja auch gut ist.

Was gängige Meinung ist und was gleich­ge­schal­tete Mainstream‐​Medien in Deutschland über gewisse Themen zu verbreiten versu­chen, ist mir so oder so egal…

Tee‐​Genuss…

Meine Leidenschaft ist der Tee‐​Genuss.
Ich zele­briere Abend für Abend eine Art “Tee‐​Zeremoniell” mit einer Kanne guten, rich­tigen Tee (keinen Beutel‐​Tee), und zwar mit meinem kompletten Winterling‐​Teeservice (auf dem Foto ist nur ein Teil davon zu sehen).

Abendliches Tee‐​Zeremoniell

Wie man dem Foto entnehmen kann, brennt auf dem flach­lie­genden Tisch eine Kerze, ein gutes Buch liegt zum Lesen unter dem Tisch bereit, der Raum wird in eine sanfte Beleuchtung gelegt und wenn dann bei der hervor­ra­genden Akustik meiner ELAC‐​Boxen die Klänge von Wagners zauber­vollen Werken erklingt, dann ist (fast) alles perfekt.
Da fehlt nur eins, und das ist der Cannabis‐​Tee

Djemaa el‐​Fna – Marrakesch

Aus dem fernen Marrakesch brachte ich mir vor einigen Jahren den Tee “Marokkanische Minze” mit, diesen kann man auch in heimi­schen Gefilden erstehen, aber nicht den, den man in Marokko bekommt.
Die Wirkung dieses Tees hielt nach dem abend­li­chen “Tee‐​Zeremoniell” bis zum Abend des folgenden Tages an, was zeigt, dass es etwas anderes ist, diesen Tee im Ursprungsland zu erstehen, als bei einem Tee‐​Händler in Dortmund oder Essen zu kaufen.

Genauso ist es mit dem Cannabis‐​Tee.

Bei meinem ersten Sevilla-Aufenthalt 2014 hatte ich mir versuchs­weise aus der Altstadt von Sevilla (Santa Cruz) aus einer Art “Reformhaus” Rooibusch‐​Cannabistee mitge­bracht und dieser wirkte damals enorm.
Bei meinem dies­jäh­rigen Aufenthalt in Santa Cruz stürmte ich sofort suchend nach dem Reformhaus, was auf der Straße den Tee anbietet.

…direkt auf der Straße

Wer einmal in Sevilla (Santa Cruz) war, der weiß, dass man hier schnell die Orientierung verlieren kann. Somit fand ich erst am zweiten Tag das “Reformhaus”, was ca. 50 Sorten Tee anbot.
Diesmal schlug ich zu und nahm mir gleich ein halbes Kilo mit (Kilopreis : 50,00 €).

Rooibusch‐​Tee Cannabis

Als ich nach 5 Tagen wieder leicht erschöpft in meinen 4 Wänden war, probierte ich natür­lich als erstes meinen ergat­terten Tee aus.
Ich wurde weder high noch stoned, aber als ich nach ca. 3 Stunden mein Bett aufsuchte, und am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich ca. 12 Stunden geschlafen.
Ob dies an dem Tee oder an den Anstrengungen der Reise lag, ist frag­würdig.
Nur am zweiten Abend schlief ich nach wieder­holtem Genuss des Tees wiederum bestimmt 10 Stunden.

…lang ist es her

In frühen Jahren meiner Jazz‐​Begeisterung weilte ich oft in einem der besten Jazz‐​Clubs der Region in Dortmund.
Dort wurde auch häufig (im Vorraum) Cannabis gepafft.
Es ist ein lasziv‐​süßlicher Geruch, der mir in Erinnerung geblieben ist.

Wenn man nur die Nase in den anda­lu­si­schen Tee steckt, riecht er auch leicht danach.
Obwohl Rooibusch‐​Tee ja meis­tens leicht süßlich riecht.
Ob das Süßliche nun von der Rooibos-Pflanze stammt, oder der Cannabis-Mischung, ist schwer zu sagen.

…face­book oder nicht

Auf face­book schreibt man, dass der Tee keinen THC‐​Anteil hätte.
Meines Erachtens wird dies nur geschrieben, um das Suchtmittel‐​Gesetz zu umgehen.
Wie streng oder nicht streng dies in Spanien ist, ist mir nicht bekannt.

Nun ist zu sagen, dass es kein reiner Cannabis-Tee ist, sondern eine Mischung.
Nämlich eine Art Kräutermischung der Rooibusch-Pflanze, die früher nur in süd‐​afrikanischen Gebieten vorkam.

Rooibos‐​Strauch

Rooibusch hat neben der Eindeutschung viele Namen bekommen :
Afrikanns Rotbusch, Redbush, Rooibos, Koopmans‐​Tea (Kaufmanns‐​Tee).
Eine Art gins­ter­ar­tiges Gewächs der Schmetterlingsblütler, der in frühen Jahren wild im sandigen Boden Südafrikas wuchs.
Als man die Vermarktung (und ein Geschäft) witterte, baute man ihn gezielt an.
Der weiche und aroma­ti­sche Geschmack entsteht aber (angeb­lich) am besten bei Rooibos-Tee aus den genannten Regionen, was durch das Klima und den Boden bedingt ist.
Schon um 1770 berich­teten mutige Reisende, dass die Ur‐​Einwohner regel­mäßig diesen rötli­chen Tee tranken, aller­dings verbrei­tete sich dieses wohl­schme­ckende und gesunde Getränk erst im 20. Jahrhundert.

Ein anderer face­book-Leser schrieb auf meinen Kommentar hin, dass in besagtem Reformhaus, welches dreimal in Sevilla vertreten ist, es noch eine andere Mischung eines Cannabis-Tees geben würde (“…try a more rational mix next time, e.g. passiflora/​cannabis, and you’ll sleep even longer!”), durch dessen Genuss man noch länger schlafen könnte (?).

Ich hatte aller­dings nur diesen ROOIBOS CANABIS (man schrieb es dort mit einem N) entdeckt, einen anderen nicht, sonst hätte ich sicher diesen auch einmal getestet.

Aber mal ganz ehrlich, was soll ich mit Tee, wo ich noch länger schlafe.
10 bis 12 Stunden sind ja nun genug, ich muss ja schließ­lich auch noch arbeiten, um mein Geld für einen Sevilla-Aufenthalt zu verdienen…

Zu soge­nannte Regeln, Gesetze, die ja immer der Machthaber fest­legt, kann man nur wieder Nietzsche zitieren :

Der Mensch ist etwas, was über­wunden werden muss!”

(Fr. Nietzsche)


*siehe zu diesem Thema :

https://cannabis-special.com/thc-haltiger-cannabis-tee-heilsames-high-genussvoll-zelebriert/

https://cannabis-rausch.de/social-club-mallorca-so-kauft-man-gras-auf-der-insel/

https://www.thc.guide.de

*Dass Cannabis auch Potenzproblemen entge­gen­wirken kann, ist mir bis vor kurzem auch nicht bewusst gewesen

https://cannabis-rausch.de/cannabis-und-sex/


*siehe Fotos Sevilla 2019

*oben zu sehendes Poster entnommen : https://cannabis-rausch.de


(Tipps /​ Sonstiges)

Impressum
 

Keramikkunst in Sevilla

Eingedenk .….….….….……”

Immer wieder passiert es einem reisenden Menschen in gewissen Städten an Häusern soge­nannte “Erinnerungstafeln” zu erbli­cken.
Natürlich nur, wenn man ein Auge dafür hat…
Dieses bedeutet, dass in diesem Haus einmal vor langer Zeit eine bekannte Persönlichkeit gewohnt oder gewirkt haben muss.

Oftmals wird auch der Name einer “Berühmtheit” aus kommer­zi­ellen Gründen benutzt, um z.B. ein Hotel heraus­zu­heben aus der Menge aller anderer Hotels in der jewei­ligen Stadt.
Denn in diesem Hotel, weilte ja einmal in grauer Vorzeit diese berühmte Person und nicht in einem anderen…

“Ruskins House” – Venedig 1850/​2019

Bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt im Juli weilte ich auch in so einem Hotel.
Welches ist eigent­lich egal – aber hier hatte um 1850 der briti­sche Schriftsteller John Ruskin geweilt und vor allem, gewirkt.
Auch ein Venedig-Begeisterter (wer ist das nicht?), der sich aber auch Gedanken um den Erhalt der Stadt im stei­genden Meer machte.
Er verfasste nach seinen Eindrücken ein mehr­tei­liges sehr umfang­rei­ches Werk (“The stones of venice”).
Dieses ist meines Wissens (fast) nur auf Englisch erschienen, eine Ausnahme bildet eine 3 bändige Taschenbuchausgabe von 1994 (Harenberg‐​Verlag), die man in Deutsch genießen kann.

Inwieweit Ruskin nun wirk­lich in diesem Hotel weilte und vor allem, wie lange, bleibt dahin­ge­stellt. Hierbei geht es natür­lich nur darum, das Hotel durch den Namen des eher unbe­kannten Autors (ich kannte ihn bis zu dem Zeitpunkt auch nicht) herauszuheben…warum nicht ?

Modiglianis Haus (Venedig 2019)

Nicht weit entfernt im südli­chen Stadtteil Venedigs Dorsoduro traf ich in einer Seitengasse der Zattere auf eine weitere “Berühmtheit” und ein Mensch mit einer kultu­rellen Bildung wie ich, erkannte diese Person sogar an seiner Handschrift.
Und zwar ist dies der italie­ni­sche Maler Amedeo Modigliani, der aus der Toskana stammt.
Aus früheren Jahren meiner inten­si­veren künst­le­ri­schen Aktivitäten hatte ich aller­dings Modiglianis Werke nicht unbe­dingt als bewun­derns­wert in Erinnerung.
Wie man erfahren kann, hatte er ein eher trau­riges Leben mit Krankheiten, Drogen und frühem Tod.
Auch bitterarm soll er gewesen sein, aber dann ein Haus in Venedig (?), wider­spricht sich aber gewaltig.
Dass er hier in Venedig ein Haus hatte, war mir neu und ich erfuhr es auch erst durch Recherchen nach meiner Rückkehr aus Venedig.

…auch Peter Tschaikowski war hier (Florenz 2014)

Nun hat eine weitere Stadt, die auch in der Toskana liegt, einiges an großen Geistern ange­zogen.
Im südli­chen Stadtteil Santo Spirito von Florenz trifft man auch auf einige Tafeln mit den Namen berühmter Persönlichkeiten, bekann­tere oder auch unbe­kann­tere.
Wie man dem obigen Foto entnehmen kann, weilte in diesem Haus der russi­sche Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski (Pëtr Il’ič Čajkovskij).

…eher unbe­kannt (Florenz 2014)

Genau wie der aus Florenz stam­mende Bildhauer Pasquale Romanelli,
der ja eher unbe­kannt ist (auch mir), hier Tage seines Daseins verbracht haben muss.

Ein weiterer Name ließ wieder im sommer­lich warmen Florenz des Jahres 2014 mein Gedächtnis arbeiten, nämlich Louis Aragon.
Ich brauchte schon eine kurze Zeit, bis mir einfiel, dass dies ein surrea­lis­ti­scher Schriftsteller aus Frankreich war/​ist, der hier im Süden sicher mehr Ruhe fand für seine Arbeit, als im lauten Paris.

…der heiße Hauch des Südens

Im zweiten September‐​Teil diesen Jahres zeigte sich mir das südlich Sevilla eher mit bedeckter Wolkendecke.

Sevilla ist ja nicht nur die Stadt der Opern und des Flamencos, sondern auch die Stadt einer ausge­dehnten Keramik‐​Kunst.

Die Stadt des Keramik

Man kommt an kaum einem Haus vorbei, an dem nicht irgend­etwas (egal was) mit Keramik verziert ist.
Straßenschilder, Türklinken, Hausnummern, Handläufe von Treppen, Arztschilder, Hausklingeln mit Namensschild, Eingangstüren, Fensterrahmungen, und somit auch “Erinnerungs‐​Schilder” an Personen, die einen Bezug zu dieser jewei­ligen Wohnstätte haben.

…sogar gerundet für Säulen

Ob rund, gerade, eckig, um die Ecke, von unten nach oben, von oben nach unten … egal, man hat das Gefühl, dass man versucht diese Kunst überall zu präsen­tieren.

…Erinnerungen an Marokko

Der marok­ka­ni­sche Einzugsbereich erstreckte sich in früheren Jahren (soweit ich weiß) ja bis hoch in spani­sche Gefilde.
Die marok­ka­ni­schen Mosaikkunst Zellig lässt ja jeden Marokko-Besucher vor Staunen stumm werden, da er nicht nur hand­werk­li­ches Geschick aufweist, sondern auch viel Fantasie.

Marokkanisch‐​orientalischer Touch

Somit ist es natür­lich denkbar, dass diese Mosaikkunst hier in der Torero‐​Stadt aus dem afri­ka­ni­schen Marokko stammt und dort seine Wurzeln hat.

Schuster bleib bei deinen Leisten

Um nun zum Ausgangsthema zurück­zu­kehren, gibt es auch hier in Sevilla eine große Anzahl dieser “Erinnerungstafeln” an den Häuserwänden, die von der Aufmachung gleich aussehen, alle recht­eckig mit denselben Maßen und in blauer Schrift auf weißem Hintergrund.

“…hier lebte Armado Gutierrez”

Man hat hierbei sogar noch ein biss­chen mehr Fantasie aufge­bracht, als bei anderen Tafeln.
Denn man gibt dieser recht­eckigen Tafel erst einmal einen schönen Rahmen, der sogar oft heraus­ge­ar­beitet ist.
Des Weiteren erscheint die besagte Person links oben in der Ecke der Tafel mit einem Bild, sogar oftmals bei der Arbeit oder in seiner Berufskleidung.

Torero Antonio Montes

Man erkennt also auf einen Blick, ob es sich um eine Privatperson handelt oder einen Gewerbetreibenden.

…in eheli­cher Verbundenheit

Manchmal erscheint sogar ein Ehepaar – wenn schon immer Zank und Streit war, dann soll man für die Nachwelt wenigs­tens hier fried­lich vereint erscheinen.

Der künst­le­ri­sche Effekt wird noch gestei­gert, indem man das Bild der Person durch Kränze und Rahmungen heraus­hebt, Ehre wem Ehre gebührt, ob es stimmt oder nicht.

…ein strah­lendes Gesicht

Die oben zu sehende Dame zeigt ja mit ihrem strah­lenden Lächeln eine gewisse mütter­liche Ausdruckskraft.
Dieses wird durch einen Rahmen um ihr Gesicht noch hervor­ge­hoben.
Wenn man bei dieser Tafel in die untere Zeile schaut, erkennt man links das Wort “TUS Vecinos” – ob es sich hierbei um einen Fußballverein handelt, ist frag­lich (?)

Auch die Wahl der Schriftart weicht von Tafel zu Tafel ab, es ist also jede Tafel einzig­artig, auch wenn sie auf den ersten Blick gleich erscheinen.
Jeder Mensch ist ja auch einzig­artig, dadurch muss ja auch jede Tafel anders sein.

…alles in Versalien

Dem Gesicht dieser strah­lenden Dame ist der ganze linke Teil der Tafel gewidmet, der Text beschränkt sich nur auf den rechten Teil.
Hierbei ist der ganze Text in Versalien (Großbuchstaben) geschrieben, was einen Schriftsetzer wie mich eher abschreckt, da man Fließtext niemals in reinen Großbuchstaben setzen sollte, höchs­tens Überschriften, oder heraus­ge­ho­bene einzelne Worte.
Dies ist aller­dings “Fach‐​Latein”.

…das südliche Triana

Wenn man genau hinge­sehen hat, konnte man fest­stellen, dass auf vielen dieser Platten als Fußzeile vor dem Datum das Wort TRIANA erscheint.
Dieses ist ein südlich vom Kanal (Canal de Alfonso XIII.) gele­gener Stadtteil, der für mich, auch bei einem früheren Besuch dieser Metropole, einen ruhi­geren Eindruck machte.
Nicht so viel Verkehr, klei­nere Geschäfte, schöne Gassen…und eben sehr viele dieser Gedenktafeln.

Das ruhige Triana


Wie man der Fahne entnehmen kann, scheint hier das Wasser nicht weit entfernt zu sein, was auch stimmt, die Anzahl der Fisch‐​Restaurant ist auch auffal­lend hoch.
Die erste Häuserzeile am Kanal genießt sicher einen schönen Ausblick, nicht nur auf den Kanal, sondern auch auf das ober­halb liegende Santa Cruz.

Tanzmeister Manolo Marin

Der Herr auf der oben zu sehenden Tafel scheint die Kunst des Flamenco‐​Tanzes gut beherrscht zu haben, denn er wird hier als “maestro de baile” direkt unter seinem Namen titu­liert.
Wenn man nach­sieht, bedeutet dies soviel wie “Tanzlehrer, Ballettmeister etc. “
Dass er die Musik im Blut hat, zeigt schon die Körperhaltung auf dem Bild. Das Bild braucht gar keine Rahmung, da seine Gestikulation eine Rahmung unnötig macht.

Mutterherzen

Auch die Mütter bekannter Persönlichkeiten kommen nicht zu kurz.
Die oben zu sehende, etwas schlichter gestal­tete Tafel, ist nämlich nicht dem eigent­li­chen “Helden” gewidmet, sondern dessen Mutter (!), wie man sehen kann, handelt es sich hier um die Mutter des Poeten (“madre de los poetas”) Manuel Y Antonio Machado.

Und somit zeigen sich dem Besucher der Stadt nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern auch normale Handwerker, Toreros, Poeten und stadt­be­kannte Personen oder sogar deren Mütter (!).

Abschließend sei zu sagen, dass man diese fanta­sie­volle Keramik‐​Kunst also nicht nur als “Eye‐​Catcher” (wie man heute sagen würde) zum Anlocken von Besuchern und Kunden benutzt, sondern auch eher unkom­mer­ziell benutzen kann.

Als Werbung für meinen Blog würde dies an meinem Hotel in Sevilla sich auch gut machen.

…in Memoriam herr­ro­thwan­dert­wieder


“Wenn alle Toten aufer­stehen, dann werde ich in Nichts vergehen!”
(“Fliegender Holländer”, 1. Act)


*sh. Fotos Sevilla Keramik
*sh. Beitrag “Santo Spirito Florenz”

*sh. John Ruskin in Venedig
*sh. WHO is WHO (Amedeo Modigliani)



(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

Impressum

Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig (1861/​2019)

…seit dieser Empfängnis”

Bei der Phantasie von manchen Künstlern und Schöpfern kommt man bei der Rezeption ihrer Werke oft schon ins Staunen, egal ob es nun Maler, Schriftsteller oder Komponisten sind.

Aber einer hat bei dem “In‐​Szene‐​stellen” seiner Ideenquellen viele und vieles in den Schatten gestellt, viele ins Staunen versetzt und sogar (Musik-)Wissenschaftler oftmals Kopfzerbrechen bereitet, und zwar wie öfter schon bespro­chen, Richard Wagner.

Fast zu jedem Werk hat Wagner etwas erfunden oder hinzu­ge­dichtet, was man eine soge­nannte “Inspirations‐​Legende” nennt.
Was ist dies ?

Der Schöpfer (in diesem Fall Wagner) nimmt sich prägnante Teile oder Passagen aus einem seiner Werke, die schon viele begeis­terte Hörer und Verehrer ins Staunen versetzt haben, und gibt einen Grund vor, wie und wo diese entstanden seien.
Jeder Rezipient, vor allem von Wagners Werk, fragt sich, wo so ein genialer Schöpfer alle diese Ideen her hatte oder/​und was hat ihn zu so einer Ausdruckskraft hinge­führt und ange­regt (?)

Und da kann natür­lich nur einer eine Antwort geben, nämlich der Schöpfer des Werkes selbst.
Und hier war Wagner schon ein geschickter (und oft auch dreister) Fälscher und Selbst‐​Inszenator.

Dieses alles hat den Grund, die Genialität des Werkes noch stärker in Scenen zu stellen und aufzu­pu­schen (wie man heute sagen würde).
Es wird das “Objekt” suggestiv mit etwas anderem verknüpft, sodass die Frage, wo er die Idee her hatte, beant­wortet wird, und das von Künstler selbst.
Nur, dass es in den meisten Fällen bei Wagners Inspirationslegenden nicht stimmt, also gelogen oder zeit­lich versetzt worden ist.
Oft handelt es sich bei Wagner um soge­nannte “zeit­ver­setzte Überraschungs‐​Semantik”.
Was ist das ?

Wagner muss ja irgend­wann und irgendwo die Idee oder Inspiration gehabt haben, sonst würde es die jewei­lige Passage ja gar nicht geben.
Nun versetzt Wagner einfach den Zeitpunkt der “Eingebung” auf einen anderen Zeitpunkt, als sie wirk­lich war.
Und dem nicht genug – Wagner erkennt geschickt die Sensations‐​Geilheit seines wissenden Publikums und baut eine plötz­lich auftre­tende Überraschung ein (“…in dem Moment hatte ich die Idee!”).
Diese “Plötzlichkeits‐​Semantik” hat auch einen Grund und eine Bedeutung.
Wagner will seine Ideen in eine schon fast gött­liche Eingebung erhöhen, um das Publikum noch stärker ins Staunen zu versetzen, als es schon ist.

Im Falle von Wagner Inspirationslegenden sei aller­dings gesagt, dass er vieles aus dem Grund erfunden hat, um seinen Haupt‐​Sponsor Ludwig II. von Bayern zu verzau­bern, damit dieser ihn auch weiterhin (finan­ziell) unter­stützt – ganz schön dreist.
Auf Befehl Ludwigs sollte Wagner seine Autobiografie “Mein Leben” schreiben, was er dann auch tat, bzw. nicht tat, denn er diktierte sie seiner zweiten Frau Cosima.

“Mein Leben”

Beim Abfassen dieses umfang­rei­chen Buches in 2 Bände musste er natür­lich bei der Version bleiben, die er dem König (per Brief) vormals auf die Nase zu binden versucht hatte, sonst wäre es ja aufge­fallen, dass er gelogen hatte, bzw. es erfunden hatte.

Hier nun eine kleine Auflistung von einigen Wagnerschen “Inspirationslegenden”:

*Die Karfreitags‐​Legende (Parsifal) – 1857
*Die Vision von La Spezia (Rheingold-Legende) – 1853
*Die Erleuchtung von Biebrich (Meistersinger-Vorspiel) – 1862
*Die Klageweise Tristans (Tristan u. Isolde) – 1858
*Das Assunta‐​Erlebnis (Meistersinger) – 1861

Die Jahreszahlen beziehen sich auf den Entstehungszeitpunkt der Inspirationslegende mit dem in Klammern dahin­ter­ste­henden Werknamen, für den die Legende erfunden worden ist.

Um die es jetzt gehen soll, spielt in einer “Stadt”, die schon viele in Ihren Bann gerissen hat, nicht nur Wagner, nämlich VENEDIG.

Und hierbei geht es um das …

Assunta‐​Erlebnis von Venedig aus dem Jahre 1861

Ich erlaube mir hier, den Schöpfer in seiner Auto‐​Biografie selber zu Wort kommen zu lassen :

Bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits muss ich jedoch bekennen, daß Tizians Himmelfahrt der Maria im großes Dogensaale eine Wirkung von erha­benster Art auf mich ausübte, so daß ich seit dieser Empfängnis in mir meine alte Kraft fast wie urplötz­lich wieder belebt fühlte.”
“Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Soweit der Schöpfer selbst.

“Santa Maria Gloriosa dei Frari” – Tiziano Vecellio, 1516–1518

Hierzu sind einige Erläuterungen nötig.
Richard Wagner war nie ein Freund der italie­ni­schen Malerei und hatte hiervon auch nur wenig Ahnung – für ihn gab es eigent­lich nur ein Kunstwerk, und dies war und ist das seinige.
Die Hintergrund‐​Geschichte ist die, dass die befreun­dete Familie Wesendonk, die immer nach großen Werken strebte, Wagner schon fast genö­tigt haben muss, einmal mitzu­gehen, was ihn eigent­lich gar nicht inter­es­siert (“…bei aller Teilnahmslosigkeit meiner­seits…”).
Er ging mürrisch mit.
Bei der Abfassung der Auto‐​Biografie setzt er den Ort des Geschehens in den Dogenpalast, wo das Bild angeb­lich gehangen haben soll.
Das ist der erste Fehler, denn das Bild hing zu diesem Zeitpunkt (1861) nicht im Dogenpalast, sondern in der Gallerie dell’Accademia in Dorsoduro an der Accademia‐​Brücke.
Später revi­diert er diesen Fehler mit dem Argument, dass er sich vertan hätte – na ja, Irren ist mensch­lich und das kann ja auch Wagner passieren.

Wagner hatte kurz vorher seinen Verleger (Schott) wie immer um Geld gebeten, um seine Arbeit an den “Meistersinger von Nürnberg” fort­setzen zu können.
Das heißt, dass das Thema “Meistersinger” brand­ak­tuell war, somit bot sich eine gute Gelegenheit an, das ganze Projekt durch eine innere Eingebung in ein helleres und glaub­haf­teres Licht zu stellen, quasi ein insze­nierter kreativ auslö­sender Moment, der sich dann ja in Venedig anbot.

Jetzt haben sich natür­lich unzäh­lige Wagner-Forscher und Musikwissenschaftler vieler Jahre Gedanken gemacht, was Tizians gran­dioses Bild mit der “Meistersinger”-Komposition und -Konzeption zu tun haben könnten (?)

Hier einige Versuche der Erläuterung :

… die erste und einzig wahre Liebe meines Lebens”

Wagners “Liebe” zu der jüngeren Frau des Schweizer Industriellen Otto Wesendonk war eher plato­ni­schen Charakters (oder Wunschdenken).
Er bezeichnet Mathilde als die “einzig wahre Liebe seines Lebens” – sie wird als auslö­sender Faktor für die “Tristan”-Komposition bezeichnet und ihr ist der erste Act der “Walküre” gewidmet.
Diese Person muss schon eine große Bedeutung gehabt haben, außerdem war sie wesent­lich jünger als Wagner (was Musen so an sich haben) und hatte ein zart geschnit­tenes Gesicht, kurz gesagt, eine Schönheit wie in einem Märchen.
Wenn man sich Tizians Gemälde einmal genauer ansieht, so könnten die Gesichtszüge auf Mathilde zu mindes­tens hinweisen (was aller­dings als gewagte These schnell wieder vom Tisch ist).

…bombas­ti­sche Werke”

Wagners “Meistersinger” sind ja ein bombas­ti­scher Werk von fast 5 Stunden mit den meisten Statisten auf der Bühne und was zu Lebzeit des Schöpfers neben dem “Rienzi” das popu­lärste war.
Genauso wird man vor Tizians Assunta stehend schon stumm über die immensen Maße des Bildes (6,90 m x 3,60 m) und man fragt sich, wie in dama­liger Zeit (1516) ein Künstler so ein Werk schaffen konnte (?)
Hat also die Bombastizität des Gemäldes Wagner an die Bombastizität seines Werkes erin­nert …?

…die Ausführung der Meistersinger”

Außerdem heißt es ja “…die Ausführung der Meistersinger”.
Wohlgemerkt “Ausführung” – nicht “Aufführung”.
Ausführung” bedeutet einen lang­le­bigen Plan, vorbe­rei­tende Gespräche etc. in die Realität umsetzen, also zu Papier bringen, letzt­end­lich fest­halten oder fest­legen.
Solche vorbe­rei­tende Gespräche könnten natür­lich auch mit Mathilde statt­ge­funden haben (was mir nicht bekannt ist).
Es kann alles, vor allem bei einem Schöpfer mit so einer Phantasie wie Richard Wagner.
Aufführung” hieße, das bereits Geschaffene auf die Bühne zu bringen.

…Aufenthalt in Marienbad”

Die nächste These ist folgende.
Wagner weilte 1845 im Kurbad Marienbad in Böhmen, wo er den Plan der “Meistersinger” entworfen haben soll.
Und der Name “Marienbad” blühte dann in Wagners Gedächtnis wieder auf, als er Tizians Maria in die Augen schaute (?)
Eine nicht halt­bare These, die nur auf der Namensgleichheit beruht.

Dies alles sind Vermutungen, die einiges Phantasievolles an sich haben, aber sie sind sehr allge­meiner Art und “Allgemeines” ist für so ein spezi­fi­sches Thema zu ungenau.

…heute in der Basilica dei Frari in S.Polo (2007)

Der Wahrheitsgehalt dieser “Tunnelforschung” lenkt sich eher zur Wahrheit, wenn man bedenkt, dass Wagner ein Meister der pathe­ti­schen Selbstinszenierung war.
Das heißt, etwas (oder sich selbst) geschickt in Scene setzen oder etwas so lenken, dass es noch immenser aussieht, als es schon ist.
Es bedarf schon etwas Überwindungskraft für einen nicht­lü­genden Menschen (wie mich) zu dem Ergebnis zu kommen, was immer verständ­li­cher wird.

Denn die Ausführung der “Meistersinger” haben mit Tizians Assunta rein gar nichts zu tun !

Denn nach seiner Schilderung des Besuches des Dogensaales (falsch) lässt Wagner einen Absatz.
Dann kommt wie in Stein gemei­ßelt :

Ich beschloß die Ausführung der Meistersinger.”

Zu beachten ist der Absatz, der den Entschluss von der vorhe­rigen Handlung abtrennt.
Es ist hier die unge­heure Fähigkeit Wagners für thea­tra­li­sche Effekte zu berück­sich­tigen.
Ganz schlicht und einfach ist es ein schrift­stel­le­ri­scher Coup eines Ergusses, nämlich den Anblick der Maria als Auslösendes für die Umsetzung, bzw. die Weiterschaffung des bereits ange­fan­genen Werkes fort­zu­setzen.

Das “Ausführen” findet nämlich kurz danach bei der Rückfahrt Wagners von Venedig nach Wien statt.
Wieder zitiere ich den Meister aus seiner Biographie :

…verließ ich nach vier äußer­lich wahr­haft trüb­se­ligen Tagen zur Verwunderung meiner Freunde plötz­lich Venedig und trat, den Umwege zu Lande auf der Eisenbahnlinie folgend, meine lange graue Rückreise nach Wien an. Während der Fahrt gingen mir die “Meistersinger”, deren Dichtung ich nur noch nach meinem frühesten Konzepte im Sinne trug, zuerst musi­ka­lisch auf ; ich konzi­pierte sofort mit größter Deutlichkeit den Hauptteil der Ouvertüre in C‐​Dur.”

Bei dieser “Ausführung” muss man sich als Eingeweihter schon manchmal ein Lachen unter­drü­cken.
Dieser oben zu sehende Absatz aus “Mein Leben” (Seite 906) soll nämlich das bombas­ti­sche Ergebnis des Tizian-Ergusses sein – als solches ein biss­chen mager, so eine Eisenbahnfahrt als Endergebnis dieses schon dramatisch‐​liturgischen Erlebnisses in Venedig zu sehen.
Aber irgend­wann müssen solche Werke ja nun einmal im Kopfe des Schöpfers entstehen.

Wagner schreibt hier von der Konzeption der Ouvertüre, obwohl es gar keine Ouvertüre ist, sondern ein Vorspiel (!) – aber egal.
Nur wenn man nach vorne sieht, soll ja dieses Vorspiel ein Jahr später (1862) in Biebrich am Rhein entstanden sein.

An einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des goldenen Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklärter Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.”

Biebrich am Rhein

Also war nach dieser Beschreibung von 1862 der Erguss des Assunta-Erlebnisses hinfällig und wird in ein trübes Licht als fernes Luftbild gestellt.
Also doch nicht so toll mit Tizian - da fragt man sich als genauer Leser, wo Wagner denn nun wirk­lich die Idee hatte, denn hier hebt eine Inspirationslegende die andere auf (“mit größter Deutlichkeit” – “aus trüber Stimmung”).

Nach dieser langen Ausführung von Vermutungen, Thesen, Spekulationen zeigt sich aber abschlie­ßend etwas ganz anderes.

…seit dieser Empfängnis

Das Ungeheuerliche ist nämlich der Passus “…seit dieser Empfängnis”.
Empfängnisse gibt es in Wagners Werken als Erotiker der Weltüberwindung genug, da braucht man nur an die eroti­sche Kraft des “Tannhäuser” zu denken.
Erotisches Feeling hatte Wagner ja nun, was manchmal schon an Pornografie grenzt.
Letztendlich ist folgende These am glaub­haf­testen und logischsten, aber auch immer noch im Reich der Utopie.
Denn durch den Begriff “Empfängnis” gibt Wagners abgrün­dige Identifikation mit der Gottesmutter zu erkennen.
Nur das ihm (Wagner) nun vermit­telt über die Kunst die Empfängnis gött­li­cher Kraft zuteil kommt, und nur sein Werk es sein wird, was künftig eine Erlösung darstellen wird.
Das “Empfängnis” ist quasi die Einsetzung des Musikdramatikers als des neuen Mittlers zwischen der zu über­win­denden Welt und dem Absoluten.

Wenn man jetzt noch etwas weiter schaut, so halten Briefe und Cosimas Tagebücher fest, dass Wagner bei dem Besuch italie­ni­scher Museen auch in Venedig mit der kunst­in­ter­es­sierten Frau immer mürrisch draußen blieb oder fehlte.
Und als er 1880 diesmal von Cosima über­redet, wirk­lich in der Accademia vor dem Gemälde steht, soll er laut Literatur eher kritisch und abwei­send sich geäu­ßert haben, so als ob ihn das Bild von seiner Aussagekraft gar nicht inter­es­sieren würde.
Das wider­spricht sich aber nun extrem mit der Version des Assunta-Erlebnisses von 1861 (“…eine Wirkung von erha­benster Art”).

Hieran sieht man, dass Wagner das eigent­liche Ding an sich, in diesem Fall das Assunta-Gemälde, nur benutzt (man kann schon sagen miss­braucht), um einzig und alleine seine Kunst in den Mittelpunkt zu stellen, denn sein Werk stellt alle anderen (egal von wem) in den Schatten.

Wieder in der Gegenwart stehend, schlug ich 158 Jahre später, bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt in der zweiten Juli‐​Woche diesen Jahres (2019) meinen Weg ein durch das Gewirr der Gassen und Kanäle von San Polo ober­halb von meinem Sitz an der Zattere von Dorsoduro.

Campo S. Toma (Sestiere S. Polo)

Denn das Gemälde Tizians hängt heute in der Basilica dei Frari, wo sich auch Tizians Grab befindet.
Geduld muss man in Venedig schon mitbringen.
Nur hatte ich bei den Aufenthalten in den Jahren 2007 und 2013 vor der Assunta stehend, nicht die Möglichkeit das Gemälde zu foto­gra­fieren.
In die Kirche hinein­drän­gend, stürmte ich sofort in Richtung Assunta.
Mein Gang wurde immer lang­samer, je näher ich dem Gemälde kam.
Denn vor der Absperrung ist ein Schild zu lesen, dass das impo­sante Werk zur Zeit von einer ameri­ka­ni­schen Fachfirma restau­riert würde…
Wenn man aber seinen Blick hoch­richtet, sah man es, aller­dings hyper­genau auf ein Laken gedruckt, als Überbrückung des Zeitraums der Restaurierung.
Wenn ich das Schild nicht gelesen hätte, hätte ich es gar nicht gemerkt, dass die wahre Assunta durch dieses Laken bedeckt war, damit man sie restau­rieren konnte.
Tja, dachte ich, so wäre auch wahr­schein­lich Wagner dieses “Empfängnis” nicht geglückt.

Ich beschloss die Ausführung der Meistersinger”

*home­page Basilica dei Frari Venezia

Literatur :
- Peter Wapnewski – “Der trau­rige Gott” (Berlin‐​Verlag 2001)
- Richard Wagner – “Mein Leben”
- wagner­spec­trum Heft 1/​2010 (“Wagner und die ital. Malerei”)

Weitere Beiträge zum Thema “Inspirationslegenden” R.Wagners :
- “Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)
- “Liebethaler Grund – Sachsen (1846/​2005)
- “Villa Rufolo Ravello” (1880/​2012)
- “Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)


*sh. Fotos Venedig 2019

Hinweis :
Das Beitragsbild oben ist aus einer Zeitschrift von mir entnommen, deren Name mir entfallen ist.

(Sonstiges /​ HerrRothBesucht)


Impressum

Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners anhand choraler Scenen des “Tannhäusers” und deren Realisierung im Festsaal der Wartburg bei Eisenach

Teil 3

(D.) Chorale Stellen im “Tannhäuser” mit der Realisierung vor Ort

Der Festsaal der Wartburg bei Eisenach zeigt nicht nur eine hervor­ra­gende Akustik, sondern auch gute Platzierungsmöglichkeiten.
Ohne auf nähere Details einzu­gehen, bringt die trapez­förmig ange­legte Decke des Saales ein über­ra­schendes Klangerlebnis – der Klang des im vorderen Bereich plat­zierten Orchesters scheint in die Höhe zu steigen und verteilt sich nach hinten über die Köpfe der “Zuschauer” hinweg.

“Dich teure Halle grüß ich wieder…”

Dieses Phänomen fällt einem geübten Hörer am besten auf, wenn er das erste Mal dieses erlebt.
Hierbei ist auch die Platzwahl zu beachten.
Platzierungstechnisch gibt es die Möglichkeit den Chor außer­halb der Scene (z.B. im Foyer) zu loka­li­sieren, was für den Rezipienten eine Erweiterung der Vision zur Folge hat.
Genauso ist ein Aufstellen auf dem seit­lich des Saales verlau­fenden Balkons möglich, was das Stimmvolumen des Chores über die Köpfe hinweg führt.
Letztendlich schreitet der im “Tannhäuser” oftmals sich bewe­gende Chor von hinten durch das Spalier in den Saal, was die Implikation in das Werk immens stei­gert.

Sitzplan Festsaal

Der oben zu sehende Sitzplan des Festsaals der Wartburg zeigt rechts einen Erweiterungsbau Podium, was man als “Bühne” annehmen kann.
Dieses ist aller­dings nur ein fiktiv fixiertes Zentrum, da das Werk im kompletten Saal spielt.

Plätze an der Fensterfront oben haben den Vorteil, dass man den ganzen Saal über­bli­cken kann.
Die Balkonseite (unten) zeigt einen spalier­för­migen Ausgang Richtung Foyer, auf diesem ist ober­halb der Balkon, der zur Platzierung von Chöre gut verwendbar ist. Die mit rot markierten Plätze zeigen die Plätze, die ich bisher in den Jahren hatte.
Im hinterer Bereich rechts (vom Podium aus gesehen) herrscht die beste Akustik und Optik (nach meiner Erfahrung).

Platzierung einer Podiumsbühne


E.) Umsetzung choraler Scenen im Festsaal der Wartburg

Im Folgenden fünf ausge­wählte chorale Stellen im “Tannhäuser”, und deren Realisierung im Wartburg‐​Festsaal, die weit über die Bedeutung eines normalen Chores hinaus­gehen und somit hier nennens­wert sind.
Der 1. und 3. Act beher­bergt auch einen soge­nannten A‐​Capella‐​Chor, also chorale Stellen ohne konzer­tante Begleitung, was zeigt, dass hier der Chor auch das einzige Mittel der Darstellung sein kann.

*******

Naht Euch dem Lande, naht Euch dem Strande…”

(Gesang der Sirenen und Nymphen, 1.Act, 1. Scene)

Das soge­nannte “Sirenenbad” in der Pariser Fassung im Eröffnungs‐​Bacchanal im Venusberg zeigt, dass es sich hier (auf Wartburg) um eine Mischfassung handelt.
Vor Ort wird durch die außer‐​scenische Platzierung des Chores im Foyer (außer­halb des Festsaales) die räum­li­chen Erweiterung der Vision gestei­gert.
Das rest­liche Bacchanal fällt weg und der 1. Act beginnt mit der 1. Scene der Dresdener Fassung im Venusberg (“Geliebter, sag’, wo weilt dein Sinn?”)

******


Zu Dir wall’ ich, mein Jesus Christ…” 

(Pilgerchor, Gesang älterer Pilger, 1. Act, 3. Scene) *

Nach der Rückkehr Tannhäusers in die Welt, spielt ein Hirte auf einer Schalmei. Ein auf‐ und abtre­tender A‐​Capella‐​Chor der älteren Pilger zeigt ein optisch und akus­tisch multi­me­diales Geschick der Visionserweiterung.
Im 1. Act wird eine Strophe des Chores (“Ach, schwer drückt mich der Sünde Last…”) von dem nach Reue rufenden Tannhäuser wieder­holt.
Es geschieht ein Übergang aus der Scheinwelt des Venusberges in die geord­nete Wartburg-Gesellschaft mit dem Wunsch nach Vergebung.

******


Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen…”

(Pilgerchor kehrt aus Rom zurück, 3. Act, 1. Scene) *

Nach einigen Minuten A‐​Capella setzt das Orchester mit peit­schenden Streichern langsam ein.
Es gewinnt immer mehr an Stärke, bis an einem Punkt, als die vorher getrennten Frauen‐ und Männerchöre sich vereinen und alles stei­gert in ein ziem­li­ches Klangvolumen unter­malt mit Orchester.
Die Ouvertüre der Dresdener Fassung nimmt schon viel Stimmung für die Melodik des Pilgerchores vorweg.
(Hörbeispiel der Rückkehr des Chores aus Rom – sh. unten)

Pilgerchor 3. Aufzug, 1. Scene

Heil ! Heil ! Der Gnade Wunder Heil!”

(Pilgerchor – Verkündung d. Stabwunders, 3. Act, 3. Scene) *

Rückkehr des Pilgerchores aus Rom im Finale mit jüngeren Pilgern.
Wiederaufnahme und Fortführung des Pilgerchors aus der 1. Scene des 3. Actes.
Die letzte Strophe wird vom gesamten Chor getragen (Alle in höchster Ergriffenheit - Regieanweisung).
Es entsteht eine starke Steigerung des Stimm‐​Volumens als finaler Effekt. Vor Ort wird der Zuschauers in die Scene mit einge­bettet und impli­ziert, es geschieht eine Aufhebung der Rolle des Zuschauers in die Rolle des mitwis­senden Statisten durch den von hinten einschrei­tenden Chor (bei der Aufführung 2019 schritt der Chor aller­dings seit­lich ein, was den Effekt sinken ließ).

******

Freudig begrüßen wir die edle Halle…”

(Einzug der Gäste des Sängerstreits in den Festsaal, 2. Act, 4. Scene)

Unter Trompetenklängen beginnt der Einzug der Gäste in die Sangeshalle, der den Beginn des Sängerwettstreites markiert und von der Masse‐​Volk‐​Gäste gehul­digt wird.
Vor Ort wird der Chor (bzw. die Chöre) auf dem seit­li­chen Balkon posi­tio­niert, oben Frauen – unten Männer…(wie es sich gehört).
Es wech­selt mehr­fach die Ebene von Frauen zu Männer(-Chor).
Eine drei­fache Anhebung und Wiederholung der Strophe lässt die Huldigung ins Unermessliche steigen.
Vor der letzten wieder­ho­lenden Steigerung glaubt man als geübter Hörer ein chorales Ende, was aller­dings nicht der Fall ist – es lässt die Einzigartigkeit dieses Ereignisses (Sängerwettstreit) symbo­lisch hervor­treten.


*Anmerkung :
Der Pilgerchor der älteren und jüngeren Pilger (nach Rom – von Rom zurück) ist immer in Bewegung.
Langsam einher­schrei­tend, in die Scene hinein und aus der Scene heraus (…dem Zuge der Pilger), bewegt sich der Pilgerchor.
Somit entsteht ein an‐ und abschwel­lendes Klangvolumen durch Auftauchen und Ausschreiten des Chores mit einer räum­li­chen Erweiterung durch Kommen und Gehen.

Als Folge ergibt sich eine opti­sche und akus­ti­sche Erweiterung durch die Platzierung und Abfolge der choralen Scenen.



(***) Resümee

Erst einmal sei als Resümee zu sagen, dass Chöre ein gelun­genes Instrument bis zurück ins antike Griechenland waren und sind.
Neben dem Einsatz von Chören bei vielen Komponisten sieht man Wagners Aufgreifen des Chores als Mittel die Präsenz seines Gesamtkunstwerkes besser in Scenen zu stellen.
Das wagner­sche “Gesamtkunstwerk” sollte alle Kunstformen, also auch Chöre, fusio­nieren.
Man sieht, dass die Platzierung eines Chores im Werk eine bedeu­tende Rolle spielt, genau wie der Unterschied von einem bewe­gendem Chor zu einem stehenden Chor.
Der “antwor­tende” Chor in einzel­nene Werken Richard Wagners ist als inte­grierter Statist zu sehen, der auch choreo­gra­fisch einge­setzt wird, ähnlich den Chören in Bellinis Werken, die auch als Brücke zu einer neuen Scene anzu­sehen sind.
Des Weiteren erkennt man unwei­ger­lich die Nähe der halb‐​szenischen Inszenierung des “Tannhäusers” im Festsaal der Wartburg zu dem Idealbild der multi‐​medialen wagner­schen Idee.


Wenn man das Werk Richard Wagners verstanden hat, merkt man, dass sich einem ganz andere Welten öffnen, und diese Welten gilt es zu ergründen…”

(herr­ro­thwan­dert­wieder)


*sh. auch Teil 1 und Teil 2

*sh. Fotos Wartburg

*sh. auch meinen Beitrag “Der Fluch des Eros

*sh. Wartburg Eisenach (https://www.wartburg.de/)



*Hörbeispiele :

Pilgerchor 3. Act, 1. Scene + Abschlusschor 3. Act, 3. Scene
https://www.youtube.com/watch?v=lBqwAGj5fDA
https://www.youtube.com/watch?v=S1jzSQhcXvM

Bei den Hör‐​Beispielen hat man den Pilgerchor, der an zwei Stellen im 3. Act auftaucht (1. und 3. Scene) fusio­niert und für konzer­tante Aufführungen vereint.


(Sonstiges)

Impressum



Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners mit einem Vergleich der Chöre Vincenzo Bellinis

Teil 2

(B.) Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners

Richard Wagner nahm erst Abstand vom klas­si­schen Chor als Integrations‐​Element in seinen Werken.
In seiner umfang­rei­chen Schrift “Oper und Drama” erteilt er dem Chor in der Oper eine Absage.
Dies sollte aber nicht so bleiben, denn rück­bli­ckend kann man sagen, dass in (fast) jedem Werk chorale Stellen sind, und zwar sehr geschickt plat­zierte, und wohl‐​dimensionierte und demgemäß sehr wirkungs­volle.
Der Chor wird hierbei von Wagner oftmals als einzelne Singstimme verwendet, das heißt, dass der Chor nicht einzeln steht, sondern direkt in die Handlung inte­griert ist (wie ein weiterer Statist).
Da die Komposition bei Wagner immer einen Bezug zum Handelnden auf der Bühne hat, hat der Chor eine weit bedeu­ten­dere Rolle in der Handlung, als norma­ler­weise ein Chor allein stehend hat.

Bei der Zuschauer‐​Werk‐​Fusion in Wagners Idealbild, hebt sich der Zuschauer auf und begibt sich in eine Rolle, nämlich die Rolle des “mitwis­senden Statisten”.

Der Zuschauer in der Masse ist schnell im Chor zu erkennen, da die Zuschauer ja (meis­tens) eine größere Anzahl von Personen sind und der Chor auch, und somit lässt sich das Stimm‐​Volumen stei­gern.
In einzelnen sehr umfang­rei­chen Werken, wie zum Beispiel im “Ring des Nibelungen” gibt es komi­scher­weise nur eine chorale Stelle, nämlich den Chor der “Gibichungen‐​Mannen” in der “Götterdämmerung” im 2. Act.
Im “Ungetüm” der Frühwerke “Rienzi, der letzte der Tribunen” steht der “Chor der Friedensboten” isoliert als eine der sehr wenigen Chorstellen in diesem 5 Stunden Werk.
Anders sieht das im “Lohengrin” aus, mit dem Wagner seinen ange­strebten Kompositionsstil erreicht hatte.

Lohengrin – Chöre

Hier ist es nämlich eine beson­dere Art von Chor (“Lohengrin”) im Werk mit dem größten Choranteil aller Werke, da hier der Chor fast ständig auf der Bühne präsent ist.
Das Besondere ist aller­dings auch das Fehlen großer ausge­dehnter Chorsätze – man hat beim Hören das Gefühl, dass Wagner großen Chorsätzen gera­dezu aus dem Weg geht – es fehlt eine Selbstdarstellung des Chores, der reser­viert und passiv dasteht.

Partitur Lohengrin im Lohengrinhaus Graupa

Genauso fehlt ein chorales Tableau, was viele andere Komponisten im Übermaß verwendet haben.
Die eher kurzen Chorstellen (im “Lohengrin”) sind eher Reaktionen auf das jewei­lige Geschehen.
Das Wirkungsvolle ist in diesem Werk die Platzierung und die Reaktivität des Chores (oder Teilchores).
Als Partner im Werk steht er hier sehr passiv da – eine Äußerung erscheint immer als Reaktion, nie als Aktion und stellt eine Unterordnung unter dem Orchester dar.

Entstehungsort des Lohengrin

Er (der Chor) ist immer nur zur Reaktion fähig, nicht zur Aktion und ist der Melodik des Orchesters ange­passt, er ordnet sich unter und agiert, wenn er zur Stellungnahme aufge­for­dert wird.
Hierdurch wird der Chor zum mitspie­lenden und mithan­delnden Instrument des Werkes.
In der Orchestersprache der wagner­schen Komposition nimmt der Chor im “Lohengrin” nicht nur die Rolle einer handelnden Person ein, sondern auch die Rolle einzelnen Instrumente.


(C.) Wagner – Bellini

Vorbilder für seine Kunst hat Wagner immer viel­fach verleugnet, weil er nicht als Kopierer des Werkes eines anderen Komponisten hinge­stellt werden wollte.
Als Ausnahmen kann man Wagners eupho­ri­sche Verehrung für Beethoven und Carl. M. v. Weber, als Schöpfer der deut­schen Oper, ansehen.

Bei den Italienern gibt es eigent­lich nur einen, den Wagner (zwar nur hinter vorge­hal­tener Hand) aner­kannt und verehrt hat, und das ist Vincenzo Bellini(von Spontini einmal abge­sehen, den Wagner persön­lich in Dresden kennen­ge­lernt hatte).
Bellini ist ja nicht der Schöpfer der Werke, er hat sie “nur” vertont.
Sie stammen (fast) alle von Felice Romani.

Zwei Paradebespiele sind die Werke “Norma” und “I Capuleti e i Montecchi”.
Beide sind lyri­sche Tragödien in 2 Acten mit einer Aufteilung nach Bildern oder Scenen mit Arien, Kavatinen, Romanzen und Chöre.
Was Wagner aller­dings eher gereizt haben muss, ist das reine Belcanto bei Bellini, sodass er Bellini sogar einen Text in seinen gesam­melten Schriften widmete (* “Bellini – Ein Wort zu seiner Zeit”).

Gesammelte Schriften

Der soge­nannte Wagner‐​Gesang ist absolut kein Belcanto mit Arien und Kavatinen, sondern eine beson­dere Form eines Rezitativs, es erscheint eine teil­weise Opferung der Gesangslinie zugunsten der Deklamation.
Wie viel­fach in der Literatur zu finden ist, stand Wagner aller­dings nicht ganz ableh­nend dem Balcanto-Gesang gegen­über, er hat sich oftmals dessen sogar für sein Schaffen bedient.
Somit sind die Chöre bei Bellini nennens­wert und sicher ein Vorbild für Wagner gewesen.
Sie sind bei Bellini öfter als Verbindungsglied von einer Scene in die andere benutzt worden (Brücken‐​Effekt).

Der Chor (“I Capuleti e i Montecchi”) wird als “Antwortender Chor” verwendet und von Bellini in den Dialog der Darsteller inte­griert (1. Act, 1. Bild), was wiederum Parallelen zu den Chören im “Lohengrin” erkennen lässt.
Als Resümee kann man sagen, dass Wagner das Bellinische Belcanto über­windet und seine eigene Gesangsart (Wagner‐​Gesang) entwi­ckelt, ohne Gesang, Arien etc., nur mit Dialogen und ohne Monologe.
Der vormals erwähnte “Antwortende Chor” und der Chor als Bindeglied in Bellinis Werken hat aller­dings ohne Zweifel Wagner Fantasie seiner choralen Konstruktion ange­regt.

*Zu den sehr umfang­rei­chen Schriften Wagners ist zu sagen, dass sie keinen Schlüssel zum Verständnis des Werkes darstellen, sondern die Werke eher ein Schlüssel zum Verständnis der Schriften.
Dadurch ist ein Heranziehen der Gesammelten Schriften schwierig und sie sollen hier im Hintergrund bleiben.


“Musik ist nicht die Darstellung einer Idee,
Musik ist die Idee selbst

(Richard Wagner)


*sh. auch Teil 1 und Teil 3
*sh. auch meinen Beitrag “Liebethaler Grund Sachsen


*zur Anschauung und Anhörung hier das Vorspiel zum 3. Act des
“Lohengrin” mit dem Brautzug


*Literatur :
“Wagner und keine Ende
Betrachtungen und Studien
Atlantis Musikbuch Verlag 1996


(Sonstiges)

Impressum

Bewegte und antwortende Chöre

Die Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners und der grie­chi­schen Tragödie anhand von exem­pla­ri­schen Beispielen

Teil 1

Vorwort

Der Chor an sich war schon immer ein wirkungs­volles “Instrument” für Einleitungen, Überbrückungen, Interludes in einem kompo­si­to­ri­schen Werk.
Aber nicht nur Komponisten haben sich über dieses Symptom Gedanken gemacht, neben Philosophen gibt es auch Schriftsteller, für die das Symptom des Chores von Interesse war/​ist.
Neben Fr. Schiller, allen voran natür­lich Fr. Nietzsche, der in einem seiner frühen Werke den Chor sogar als Auslöser der grie­chi­schen Tragödie hinstellt.
Wenn man sich nun dem Werk Wagners nähert, wird man als Uneingeweihter nicht annehmen, welche immense Rolle die Chöre im Gesamtkunstwerk Wagners haben.
Hierbei geht es neben den mensch­li­chen Stimmen und Stimmvolumen schon um einen Teil der Gesamtkomposition und der Choreografie durch die geschickte Platzierung, Bewegung und Dichte.
Hier sei neben soviel Theorie die Praxis anhand der alljähr­lich statt­fin­denden halb‐​szenischen Inszenierung von Wagners Tannhäuser” im Festsaal der Wartburg bei Eisenach als exem­pla­ri­sches Beispiel zu betrachten.
Denn diese Inszenierung bringt neben der hervor­ra­genden Akustik, vieles, was eine normale Opernaufführung nicht erreicht und errei­chen kann. Daher wird diese von mir als Musterbeispiel in Teil 3 verwendet.


Struktur : Vorwort
(*) Chorale Scenen in den Werken Richard Wagners
(**) Voranstellung
A.) Bedeutung des Chores in der grie­chi­schen Tragödie
B.) Bedeutung des Chores in den Werken Richard Wagners
C.) Chöre Wagner - Bellini
D.) Chorale Scenen in Wagners Tannhäuser” (5 Beispiele)
E.) Umsetzung choraler Scenen in der halbsze­ni­schen
Inszenierung im Festsaal der Wartburg Eisenach
(***) Resümee


(*) Chorale Scenen in den Werken Richard Wagners (8 Beispiele):

a) Rienzi der letzte der Tribunen : Chor der Friedensboten (2. Act)
b) Der Fliegende Holländer : Chor der Seeleute (1./3. Act)
c) Tannhäuser : Pilgerchor (1./3. Act)
d) Lohengrin : Brautzug (3. Act)
e) Tristan und Isolde : Chor der Seeleute (1. Act)
f) Die Meistersinger von Nürnberg : Aufzug der Zünfte Festwiese (3. Act)
g) Götterdämmerung : Chor der Gibichungen‐​Mannen (2. Act)
h) Parsifal : Chor der Knappen und Gralsritter (1. Act)


(**) Voranstellung

Im Vorfeld sei gesagt, dass in (fast) jedem Werk Richard Wagners chorale Scenen auftau­chen, sich plat­zieren und in die Handlung eintreten.
Hierbei handelt es sich aller­dings nicht um fest stehende Chöre als Einzelteil, sondern um geschickt plat­zierte und kompo­si­to­risch verwen­dete chorale Scenen.
Der Vollständigkeit halber seien hier einige genannt.

Schon im krie­ge­ri­schen Frühwerk “Rienzi, der letzte der Tribunen” wird der soge­nannte Chor der Friedensboten im 2. Act noch einzeln hinge­stellt, während in den Folge‐​Werken eine Einzelstellung selten wird.
Der Chor der Seeleute im “Fliegenden Holländer” im 1. und 3. Act symbo­li­siert das Tosen des Ozeans und die Verfluchtheit des Meeres, wobei einem der Wind schon ins Gesicht bläst und dieses im Chor auf seine Weise erscheint.
Im Problem‐ und Umbruchswerk “Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg” wird das weihe‐ und würde­volle im Pilgerchor gezeigt, der immer in Bewegung (!) in verschie­denen Acten auftritt.
Der “Lohengrin” zeigt gebün­delt, wie ein Chor als einzelner Statist von Wagner geschickt einge­setzt wird, aber dem nicht genug, die beson­deren Chöre in diesem frühen Werk agieren immer reaktiv und reagie­rend, sie treten antwor­tend ein, es wird eine Frage gestellt und der Chor antwortet und wird, wenn man es ernst nimmt, der Rolle eines Chores enthoben.
In “Tristan und Isolde” ist der Chor der Seeleute im 1. Act auch als einzelner mitspie­lender Statist zu sehen, es dreht sich alles um die Hauptfiguren (Tristan und Isolde) , aber die Außergewöhnlichkeit des Tristan ist, dass die Handlung in den Hintergrund tritt und der Hauptstatist auf der Bühne das Orchester wird.
Es wird die Beziehung kompo­si­to­ri­scher Elemente zu außer­mu­si­ka­li­schen Verhältnissen von Wagner auf die Spitze getrieben.
Somit passt der Chor des 1. Actes auch sehr gut in die Gesamt‐​Struktur, da er ja ein Teil der Komposition ist, aber gleich­zeitig als Handelnder auf der Bühne erscheint.
Die “Meistersinger von Nürnberg” ist das Werk, bei dem die meisten Statisten auf der Bühne sind, somit ist der Chor oftmals präsent, vor allem im Finale wo Hans Sachs die deut­sche Kunst preist (“Huldigungsgesang”) und dem Aufzug der Zünfte in der Mitte des 3. Actes.
Die Bandbreite eines Genies zeigt sich ja immer durch Überraschungen und Gegensätze gegen­über den eigenen Regeln.
Denn die “Meistersinger” sind die einzige “Komische Oper” Wagners.
Komischerweise präsen­tiert der komplette “Ring des Nibelungen” mit seinen vier Werken und insge­samt über 16 Stunden reine Laufzeit, nur eine (!) chorale Scene, und die ist der “Chor der Gibichungenmannen” unter Hagen im 2. Act der “Götterdämmerung”.
Hier wächst der Chor inner­halb dieser choralen Stelle und nimmt an Personen ständig zu, sodass er immer mehr Volumen und (männ­liche) Macht symbo­li­siert.
Das dies die einzige Chor‐​Stelle ist, kann man darauf schieben, dass Wagner in der “Götterdämmerung” noch einmal mit dem gesamten kompo­si­to­ri­schen Material, was sich in den 3 voran­ge­henden Werken ange­sam­melt hat, arbeitet und sogar eine Terzett‐​Stelle (“Rache‐​Terzett” im 2. Act) einsetzt, was außer­ge­wöhn­lich ist – es ist die einzige Terzett‐​Stelle in allen Werk (ausge­nommen der Frühwerke).
Aber woran es wirk­lich liegen mag, weiß nur der Schöpfer selbst – es ist halt künst­le­ri­sche Freiheit, die die Logik außer Kraft setzt.
Abschließend symbo­li­siert sich im Weltüberwindungswerk “Parsifal” das Weihevolle und Liturgische im Chor der Knappen und Gralsritter, der im Werk, vor allem in der Scenerie inner­halb des Gralstempels, fast immer zugegen ist.
Hier werden sogar junge Frauen einge­setzt, um die “Jungheit” der Knappen besser akus­tisch darzu­stellen.
Soweit ein kurzer Querschnitt choraler Scenen in Wagners Werken, der sicher noch weit ausbaubar ist.


(A.) Bedeutung des Chores in der grie­chi­schen Tragödie

Die Geschichte des antiken Griechenlands, das die Entwicklung der euro­päi­schen Zivilisation maßgeb­lich mitge­prägt hat, umfasst etwa den Zeitraum vom 16. Jahrhundert v. Chr. bis 146 v. Chr.
Die unzäh­ligen Reste und Ruinen von grie­chi­schen Amphitheatern zeigen, dass in früher Vorzeit hier das geis­tige Leben gespielt haben muss (im wahrsten Sinne des Wortes).
Durch fehlende Instrumente, die zu dieser Zeit noch nicht erfunden waren, gab es nur ein Instrument, nämlich die mensch­liche Stimme, das Ur‐​Instrument des Menschen.
Eine Fusion im Volk und im Geist ließ auch eine Fusion aller Stimmen ans Tageslicht treten, was die urei­genste Geburt des klas­si­schen Chores als gebün­delte mensch­liche Stimme war.
Auch wenn diese (meine) Hypothese etwas gewagt klingen mag, zeigt sie aller­dings, ohne viel Fachwissen, eine logi­sche Erklärung der Erkennung der Wirkung eines Chores mit mehr Stimmvolumen.
Eine weitere These (die aller­dings bewiesen ist) ist ja die Frage, warum gerade in einer (damals) so blühenden Hochkultur eher (oftmals trau­rige) Tragödien aufge­führt wurden (?), die sich bis heute (!) als Kunstform gehalten haben.
Der Grund ist psycho­lo­gi­schen Charakters (oder auch massen‐​suggestiven), denn man wollte dem Volk (durch diese Werke) zeigen, wie gut es Ihnen noch geht im Vergleich mit den Menschen anderer Kulturen oder anderer Zeiten.
Eine gute Idee, die heute auch Anwendung finden könnte.

Nietzsches Huldigungsschrift auf die Tragödie

Nietzsche stellt im “Tragödien‐​Buch” die These in den Raum, dass die grie­chi­sche Tragödie einst nur Chor war und aus dem Chor hervor­ge­gangen ist.

Diese Überlieferung sagt uns mit voller Entschiedenheit, daß die Tragödie aus tragi­schen Chore entstanden ist und ursprüng­lich nur Chor und nichts als Chor war…” (“Geburt der Tragödie” 1871)

Hiermit stellt Nietzsche (wie schon öfter) eine gewagte These auf.
Nietzsche bezieht sich in dieser Passage aber eher auf das Publikum, und zwar ein ästhe­ti­sches Publikum, welches sich darüber bewusst ist oder sein sollte, ein Kunstwerk vor sich zu haben und nicht die auf Erfahrung beru­hende Realität.
Somit sollte im antiken Griechenland und in deren Kultur der mitwis­senden Zuschauer geschaffen und geformt werden, der in seiner Anzahl sich im Chore wieder­ent­de­cken sollte.
Nietzsche bezeichnet dieses als höchste und reinste Art des Zuschauers.
Nach dieser These ist Nietzsches Idee, dass erst der Chor da war und dann aus diesem die Tragödie entstanden ist, gar nicht so abwegig und entfernt sich von einer gewagten These zu einer verstan­des­mä­ßigen Erklärung.
Nietzsches Wagnernähe mani­fes­tiert sich in diesem Frühwerk, in dem er unaus­weich­lich Richard Wagner als Neubegründer einer grie­chi­schen vergleich­baren Kunst und Kultur sah, bzw. zu sehen glaubte.
Eine Idee, die er später verwarf.

Das Werk Richard Wagners ist nicht irgendein Werk,
es ist das Werk an sich”


*zur Weiterführung bitte weiter­lesen in Teil 2 und Teil 3

*Fr. Nietzsche – “Die Geburt der Tragödie” (Insel Taschenbuch 2679)


(Sonstiges)

Impressum

Drachenschlucht bei Eisenach

Wandrer schreite ruhig und still,
weil der Drachen nicht geweckt sein will!”

Wer hat sich als Kind nicht für Drachen, Hexen, Geister und Ungeheuer inter­es­siert, der stehe jetzt auf (?).
Es bleiben alle sitzen, was zeigt, dass die Jugend in jedem noch lange Jahre später schlum­mert.
Ich habe mich eher für Burgen begeis­tert, aber da kann es ja auch Geister geben.

Aber nicht jeder, der nicht aufge­standen ist, weiß, dass es doch noch Orte gibt, an denen Drachen leben oder gelebt haben – sie dürfen aller­dings nicht geweckt werden.

Und einer dieser Ort ist …

…die Drachenschlucht bei Eisenach

Denn unter­halb der Wartburg, leicht südlich, liegt ein “Naturwunder”, was man in unseren Gefilden nicht so häufig zu sehen bekommt.

Der Weg zur Drachenschlucht

Wenn man von der Wartburg Richtung Süden in das Tal hinab­steigt, kommt man als erstes zu der soge­nannten “Sängerwiese”.
Hier sollen in frühen Jahren die Sänger um die Hand der Frauen in einer Art Kampf und Streit geworben haben – heute ist dies hier nicht mehr der Fall, denn dieses findet etwas weiter oben alljähr­lich im Festsaal der Wartburg statt.

Ein Tipp für den schlei­chenden Wanderer sei noch ausge­spro­chen – hier gibt es nämlich Waldmeisterbrause und dies findet man auch nicht so häufig – ich nehme mir einen großen Krug zur Brust.

“Wohl bekomms…”

Schon im Mittelalter soll die Schlucht erwähnt worden sein, als Begegnungsort mit der Natur für Jäger, Sammler und Wanderer.
Die Erschließung der Schlucht sollte nun nutzbar gemacht werden, heute würde man sagen, für die Öffentlichkeit zugäng­lich.
Allerdings gab es in dama­ligen Jahren noch nicht so viele, die sich dort hin trauten, viel­leicht hatte man das Bildnis eines Drachen vor Augen…
…wie dies ?

Der Drachentöter

Wenn man durch die Altstadt von Eisenach bummelt, erkennt man unschwer auf dem Marktplatz den Georgsbrunnen, in der Mitte leicht erhöht, sieht man den Eisenacher Stadtpatron “Der heilige Georg” am Werk, und dieses Werk ist die Tötung eines Drachen.
Dieser Drachen sieht aller­dings eher aus wie ein Wurm, aber ein Wurm ist ja für so eine enge Schlucht wie die Drachenschlucht eher geeignet, als ein großer Drachen.
Aber schon oftmals haben sich ja Würmer in Drachen verwan­delt, um erst einmal den Herannahenden zu täuschen.
Verwandlungen sind ja in Sagen und Märchen sehr beliebt, um die Spannung zu erhöhen.

Der Öffentlichkeit zugäng­lich

Mit zuneh­mender Zeit erkannte man schnell, dass hier mehr draus zu machen sei.
Wege wurden sogar ange­legt und Bohlen und Eisengestänge gelegt, um die Schlucht begehbar zu machen und unter einem fließt der Quellbach.

Wecket mir den Drachen nicht !

Wenn man durch die Enge der oftmals über einem zusam­men­ge­henden Felsen kriecht, wird einem schon Angst und Bange, zudem hört man tröp­felndes Wasser, sieht moos­über­wu­cherte Felspartie, umge­stürzte Bäume und kleine Wasserfälle.
Worte können dies nur schwer fest­halten, auch Bilder nicht, denn vor Ort wirkt es natür­lich auf jeden anders.

Wirkt bedroh­lich eng

Jeden” bedeutet, dass man hier eher auf weitere Menschen(mengen) stoßen kann, als auf Drachen, die schlum­mern ja, der Zulauf der Besucher aber nicht.
Da kann es schon einmal sehr eng werden, wenn einem jemand entgegen kommt.

Moosüberwuchert

Wenn man sich die anderen Menschen einmal wegdenkt und die Sache mit dem Drachen verdrängt, werden hier viele Sinne ange­spro­chen, die Geräusche des Quellbachs, das Grün der moos­über­wach­senen Wände und der Duft der Natur.

Der Duft der Natur

Die eigent­liche Drachenschlucht hat eine unge­fähre Länge von ca. 200 Metern, auch wenn man dies bei dem verschlun­genen Weg nicht genau sagen kann.

Schwer zu berechnen

Nach ca. 200 bis 300 Metern soll sie sich wieder auflösen und in einen normalen Wanderweg über­gehen, soll… – …Sie haben richtig gelesen, denn bis dorthin bin ich nämlich bei meinen 3 oder 4 Besuchen der Drachenschlucht noch nicht gekommen, nicht unbe­dingt aus Angst vor dem Drachen, sondern eher, weil es mich in das leicht unter­halb im Mariental liegende kroa­ti­sche Restaurant zog, wenn der Drachen schon seinen Hunger nicht stillen kann, so brauche ich zu mindes­tens etwas Essbares nach so einem beein­dru­ckenden Erlebnis.

*sh. meine Fotos Drachenschlucht
*sh. meine Fotos Eisenach

(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

Impressum

Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)

Die Erleuchtung von Biebrich”

Gibt es über­haupt noch Punkte auf der Wagner‐​Europakarte, wo ich noch nicht war ?
Ja, es gibt sie, denn kaum einer schafft es an alle Stätten zu kommen, wo Richard Wagner geschaffen und gelebt hat, seine Ideen hatte oder vorge­geben hat, diese gehabt zu haben.

Und so ein (jetzt geschlos­sener) Punkt ist die…

Villa Wagner in Biebrich am Rhein

Die eins­tige “Villa Annica” liegt damals wie heute in der Rheingaustr. 137 direkt an der Promenade am Rhein nahe dem Biebricher Schloss.

Wiesbaden – Biebrich

Zur Geschichte dieser mondänen Villa, die jeden Vorbeischreitenden stoppen lässt, sei folgendes gesagt.

Dieses Anwesen wurde 1862 von einem Architekten mit dem Namen Wilhelm Frickhofen fertig­ge­stellt.
Diese impo­sante Villa weist auf der Südseite zum Rhein hin drei Risalite (Fassadengliedernde hervor­sprin­gender Gebäudeteil in ganzer Höhe des Gebäudes zur Fassadengestaltung) auf – dieser archi­tek­to­ni­sche Trick gibt der Villa etwas Verspieltes.
Zudem wird die Fassade durch rote Backsteinbänder geglie­dert.
Architektur war schon immer eine Kunst auch fürs Auge.
Nun wurde das Gebäude nebst einem umfang­rei­chen Garten an einen türki­schen Gesandten mit dem Namen Aristarchi Bey und dessen Frau Anna verkauft und bekam den Namen “Villa Annika”.

Villa Wagner – einst Villa Annika

Allerdings hielt sich dieser Name nicht lange, denn kurz nach der Fertigstellung zog hier im Jahre 1862 eine (heute) wesent­lich bedeu­ten­dere Persönlichkeit ein.

RICHARD WAGNER mietete nämlich zwei Zimmer, nachdem er die vertrag­li­chen Verpflichtungen gegen­über dem Mainzer Verleger Franz Schott über­nommen hatte, um hier seine “Meistersinger von Nürnberg” zu kompo­nieren.
Die Lage der Villa war für Wagner ideal, weil er die Theater von Wiesbaden und Mainz gut errei­chen konnte, genau wie die unmit­tel­bare Nachbarschaft zum Biebricher Schloss, dessen reizender Park zu erqui­ckenden Spaziergängen damals, wie heute einlädt.

Unmittelbare Nachbarschaft

Allerdings muss man der Vollständigkeit halber sagen, dass hier, wie so oft nur Teile der “Meistersinger” voll­endet wurden.
Die Versdichtung und Teile der Komposition wurden hier reali­siert.

Und um das ganze zu heroi­sieren erfand Wagner, wie fast zu jedem Werk auch hier eine Inspirationslegende, nämlich die soge­nannte
Erleuchtung von Biebrich”.

Das pompöse und majes­tä­ti­sche Vorspiel des Werkes war, wie man heute weiß, schon lange vorher in Wagners Kopf entstanden, was er auch in seiner Autobiographie “Mein Leben” zugibt.

Ideal zur Legendenbildung

Dieses ist es Wert von der heroi­sie­renden Struktur her, einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Aber zuvor möchte ich Wagner (als Schriftsteller) selber zu Wort kommen lassen.

“Beim Herannahmen der schönen Jahreszeit kam mir unter derart­higen gemüth­li­chen Eindrücken, zu denen die häufigen Promenaden in dem schönen Parke des Biebrichen Schlosses das Ihrige beitrugen, endlich auch die Arbeitslaune wieder an.
Bei einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des “goldenen” Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklä­render Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.
Ich ging daran, das Vorspiel aufzu­zeichnen, und zwar ganz so, wie es heute in der Partitur steht, demnach die Hauptmotive des ganzen Dramas mit größter Bestimmtheit in sich fassend.”
(Mein Leben Seite 924)

Richard Wagner – Mein Leben

Soweit der kurze Ausschnitt in Wagners (diktierter) Auto‐​Biografie.

Dieses ist ein exem­pla­ri­sches Beispiel einer Legendenbildung mit zeit­ver­setzter Überraschungssemantik. Wieso ?

Wagner gibt in diesen Zeilen selber zu, dass das Vorspiel schon längst vorher von ihm geschrieben worden ist (“…wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte…”).
Sehr geschickt – denn Wagner setzt die vorhe­rige Schaffung dieses sympho­ni­schen Vorspiels stark abwer­tend herunter, es war also (angeb­lich) in trüber Stimmung nur als Luftbild ihm erschienen, also voll­kommen unbe­deu­tend und noch kaum Form habend.
(sh. hierzu mein Beitrag “Das Assunta‐​Erlebnis von Venedig”)

Reizende Lage – reiz­volle Stimmung – reiz­volles Schaffen

Dass dieses Prachtstück einer Künstler‐​Residenz mit so einer Lage und so einem Ausblick jeden begeis­tert, kann man nicht leugnen, auch wenn man wie ich bei Traumwetter Ende Mai nur auf der darun­ter­lie­genden Promenade wandelt.
Wie mag erst der Blick vom Balkon sein und dann in abend­li­cher Stunde… (?), dachte ich, insge­heim immer mit dem Blicke hoch zum Balkon.

Und hier zeigt Wagner sein Geschick, etwas in ein anderes Licht (im wahrsten Sinne des Wortes) zu stellen, um es höher und bedeu­tender zu machen.
Denn diese Art “Erleuchtung” kam ja nicht am Tage, sondern bei einem schönen Sonnenuntergange… und damit nicht genug, denn alles war in verklärter (?) Beleuchtung.
Beleuchtungstechnisch ist kaum noch eine Steigerung möglich.

Aber Wagner hebt die ganze Szenerie noch höher, denn sein Blick rich­tete sich (wie er vorgibt) zum goldenen (!) Mainz und dem davor majes­tä­tisch (!) dahin­strö­menden Rhein, und alles noch in einem pracht­vollen Anblick…
…und dann kommt die Überraschung, denn plötz­lich trat das Vorspiel wieder klar und deut­lich vor seine Seele.
Also nicht vor die Augen, sondern vor die Seele (!)
Die verwen­deten symbol­haften Worte zeigen den Fluss der Musik an.

Eine geniale zeit­ver­setze Überraschungssemantik, wie ich immer zu sagen pflege.

Und als Beweis heißt es weiter, dass es (das Vorspiel) genauso war, wie es heute in der Partitur steht, da gibt es nichts dran zu rütteln und zu zwei­feln, aus basta…!

…in diesem Hause

Wenn man nun die Wirkung des Vorspiels des “Meistersinger” kennt, was ja schon ein bombas­ti­sches sympho­ni­sches Werk ist und auch für Konzerte als Einzelstück mit einem kompo­nierten Abschluss vom Schöpfer auto­ri­siert ist, merkt man, wie geschickt Wagner es versteht, die musi­ka­li­schen Themen so bild­haft darzu­stellen, als wären sie durch den opti­schen Eindruck entstanden.
Also eine Inspirationsquelle für ein Umsetzung in Töne, wie sie nicht besser sein kann.

Soweit Wagners schrift­stel­le­ri­sche Geschicktheit, seine Ideen auch durch Worte noch besser plas­tisch in Scene zu setzen, um alles noch stärker ins Göttliche zu erheben.

Für alle Ewigkeit mani­fes­tiert

Von der Kompositions‐​Struktur her setzt dieses Vorspiel (was noch die Form eine Ouvertüre hat) strah­lend ein, was den Stolz der Zunft der Meistersinger symbo­li­siert.
Festlich bewegt und majes­tä­tisch dahin­schrei­tend, löst es sich zöger­lich und weich auf, die Trompeten schmet­tern dann eine Art wuch­tigen Marsch, was den finalen Aufzug der Meistersinger auf der Festwiese symbo­li­sieren und anti­zi­pieren soll (?).
Ausdrucksvoll, fast sehn­süchtig, so hat es Wagner selbst gefor­dert.
Eine weiter­ge­hende Analyse dieses oft bespro­chenen Vorspiels will ich mir sparen – es ist, und das lässt sich nicht leugnen, ein poly­phones (mehr­stim­miges) Kunststück ersten Ranges.
Im Anhang ein Hörbeispiel dieses Wunderwerkes der Musik.

Und welche Szenerie hätte als Inspirationsquelle besser gepasst, als der Blick von dem Balkon dieses “Zukunftsschlösschens” in abend­li­cher Stunde bei einem Sonnenuntergang mit dem Blick über den Rhein…(?)

Zukunfts‐​Schlösschen

Geschichtlich ging es dann 1889 nach Wagners Tod so weiter, dass ein Zementforscher mit dem Namen Rudolf Dyckerhoff die Villa erwarb und sich hier mit Familie nieder­ließ.
Der nach Osten sich stre­ckende Garten ist noch so erhalten, wie er damals war, der sich nach Westen stre­ckende Teil des Gartens wurde aller­dings nach für nach in den letzten Jahren mit Villen bebaut.
Man kann somit die ganze Pracht des Anwesens, wie es bei Wagners Aufenthalt dort ausge­sehen haben muss, nur erahnen.
Man sieht, dass Künstler und Schöpfer immer eine geeig­nete Kulisse brau­chen, um ihre Werke richtig nieder­zu­legen.

Nach Osten hin erhalten – nach Westen zuge­baut (Google‐​Maps)

An diesem lauwarmen Nachmittag Ende Mai diesen Jahres, ging ich wie verklärt die unter der Villa her führende Promenade auf und ab und hatte immer die Motive des berühmten und majes­tä­ti­schen Vorspiels im Ohr.
Der Weg zurück ins würde­volle Wiesbaden führte an blühenden Rosenhecken und pracht­vollen Villen vorbei.
Wieder im Hotel ange­kommen, setzte ich mich sofort an eine Tisch und wie urplötz­lich kam es aus mir heraus – ich verfasste diesen Beitrag wie ich ihn in trüben Tagen schon vor meinem geis­tigen Auge hatte und zwar so, wie Sie ihn jetzt in diesen holden Zeilen auf meinen Blog lesen können und zwar für immer und für alle Ewigkeit … Amen.

Verachtet mir die Meister nicht
und ehret mir die Kunst
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reich­lich Euch zur Gunst!”
(3. Act, 5. Scene)


*zum Thema Inspirationslegenden‐​Bildung sh. auch meine Beiträge
“Villa Rufolo Ravello”
Assunta‐​Erlebnis Venedig

*sh. Fotos Wiesbaden/​Biebrich


*Zur akus­ti­schen Darstellung hier das berühmte Vorspiel unter dem
Dirigat von Christian Thielemann :

https://www.youtube.com/watch?v=ZVO5s9zAqAQ


(Sonstiges/​HerrRothBesucht)


Impressum

Friedrich Nietzsche in Weimar

Der Gekreuzigte”

Als die Sommermonate in diesem Jahr nahten, machte ich mich auf den Weg zum Musensitz Weimar, die Stadt mit der langen Tradition, die die Kultur unzäh­liger Jahre geprägt hat.
Doch es gab auch etwas eher Trauriges hier in Weimar.

Leicht ober­halb des Alten Friedhofes stellte ich den Wagen am Anfang der Humboldt‐​Straße ab – denn zu bedeu­tenden Orten hinauf­zu­gehen ist immer besser, als hinauf­zu­fahren.

Villa Silberblick

Die Temperaturen konnte man schon als leichte Hitze bezeichnen und nach einer Viertelstunde zeigte sich von der Straße her auf der rechten Seite ein Zaun.
Wenn man näher heran­kommt, kann man vorher schon erahnen, dass hier etwas Überraschendes kommen wird.

Ich hatte im Vorfeld gelesen, dass dieses Villa “Villa Silberblick” genannt wird. Man kann also vermuten oder erahnen, dass hier ein guter Blick über Weimar zu genießen ist.
Und den wollte ich erst einmal erbli­cken.

…die Villa ist herr­schaft­lich und archa­isch

Die Villa ist herr­schaft­lich und archa­isch, ganz im Stil einer Künstlervilla, die man oft bei bedeu­tenden Personen aus der Kultur und bei Schöpfern anfindet.

…herr­schaft­liche Künstlervilla

Somit ging ich über den mit Kieselsteinen belegten Vorhof herein und umrun­dete seit­lich die Villa und kam in eine leicht am Hang liegende Gartenanlage.
Ein Gärtner war bei der Arbeit und mähte den Rasen.
Ich sagte zu ihm, dass schon das Umfeld zu der Villa wirk­lich sehens­wert sei, aber er reagierte nicht.

Sinn für Natur

Einen Sinn für Natur musste die Herrin des Hauses schon haben.
Ich wusste, dass der Philosoph nach seinem geis­tigen Zusammenbruch durch seine Schwester gepflegt wurde, mehr nicht.

…ich hatte alles von Nietzsche gelesen

Ich hatte alles von Nietzsche gelesen, manches bis zu viermal.
Meine eins­tige Begeisterung hatte aller­dings nach­ge­lassen, das Radikale und sich selbst Widersprechende nimmt zu schnell die Überhand und es gibt eine Grundregel : um so mehr Schopenhauer, um so weniger Nietzsche.

Ich winkte dem Gärtner noch einmal kurz zu und kam wieder zu dem kiesel­be­deckten Vorhof.
Die hölzerne mäch­tige Eingangstür löste bei mir Erinnerungen an Jugendstil‐​Architektur aus.


Ein Pfleger kam mir entgegen und ich fragte nach der Herrin des Hauses, doch da stand sie mir schon im Innenbereich gegen­über und ich grüßte mit etwas Verlegenheit.
“Frau Förster‐​Nietzsche”, sagte ich, “…meine Hochachtung Sie hier anzu­treffen.”

…sie war klein von Statur

Sie war klein von Statur und ich hatte nach­ge­lesen, dass sie schon einiges erlebt hatte und sehr aktiv in der Vergangenheit war.
“Kommen Sie doch herein…”, erwi­derte sie.

Ich stellte mich kurz und anständig vor und sagte ihr, dass ich sehr viel von ihrem Bruder gelesen habe, meine kriti­schen Anmerkungen ließ ich aller­dings zur Seite.

Dafür, dass sich ihr Mann in einer Siedlungskolonie in Paraguay das Leben genommen hatte und sie hier die Arbeit mit dem hilfs­be­dürf­tigen Bruder erle­digen musste, machte sie einen durchaus stabilen und reso­luten Eindruck.
Ich musste zurück­denken, einige sehr reso­lute Frauen haben schon viel bewegen können, und da gehört Frau Förster‐​Nietzsche dazu.

…ich wollte nicht in Komplimente ausufern

Ich wollte nicht in Komplimente ausufern, sprach ihr aber meine Hochachtung für ihre Mühen bei der Vollzeit‐​Pflege an ihrem Bruder aus – Ehre wem Ehre gebührt.

N wie Nietzsche

Nun kam ich zum eigent­li­chen Grund meines Besuches…

…kann ich ihn sehen ?

… kann ich ihn sehen?”

Sie sagte, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte, was öfter vorkommen würde und sie habe mit dem Blick zum Garten eine Art Wintergarten einrichten lassen, wo er sich nach­mit­tags befinden würde.

Nun kam mir ins Gedächtnis, dass dieses herr­schaft­liche Gebäude eigent­lich gar keine Künstlervilla im herkömm­li­chen Sinne ist, wo ein Künstler seiner Tätigkeit nach­geht, sondern eher die “Pflegestation” eines Krankenhauses.

So wie ich wusste, hatte man Nietzsche nach einer Anzahl von wirren Briefen und nach einem Zusammenbruch in Turin in eine Irrenanstalt nach Basel verwiesen.
Sämtliche Heilungsversuche schei­terten, sodass man ihn erst zu seiner Mutter nach Naumburg brachte.
Da müssen, wie schon oft, die Mütter wieder einspringen.

Die Schwester machte sich damals auf den Weg nach Deutschland und nahm der bereits betagten Mutter die Arbeit ab … lobens­wert.
Allerdings wusste ich auch, dass sie die Kontrolle seiner Werke in Form einer Gesamt‐​Ausgabe hatte, bzw. immer mehr in ihrer Hand vereinte.
Dieses ließ ich aber bei der Fortführung der Unterhaltung weg.

…sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer

Sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer und sagte mir sehr offen, dass sie vor habe, hier eine Art Archiv der Werke ihres Bruders einzu­richten, sie wollte es “Nietzsche‐​Archiv” nennen und es solle das Werk der Nachwelt erhalten.
Ich wurde schon leicht stumm und war begeis­tert von der Idee.

In einer Ecke stand eine große, bestimmt fast 1,50 Meter hohe Büste aus einem Block weißem Marmor ange­fer­tigt, die am oberen Ende das Haupt Nietzsches zeigte.

Massiv‐​Marmor

Noch mit einiger Ehrfurcht blieb ich davor stehen, sehr beein­druckt, egal wie man dem Werk gegen­über­stehen mag.
“Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle”, zitierte ich mich mal wieder selbst.
Sie lachte und sagte, dass ein guter Freund es sich nicht hätte nehmen lassen, schon vor dem Tod ihres Bruders ihn in Marmor zu verewigen.
“Passt aber sehr gut zum Ambiente…”, erwi­derte ich.

…es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt

Es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt, in denen man Dokumente aus dem Leben ihres Bruders sehen konnte – ich hatte das Gefühl, dass er schon lange tot sei.
Da dieses ja nicht der Fall war, drängte ich leicht auf einen persön­li­chen Anblick Nietzsches.

Platz im Wintergarten

Der Wintergarten mit dem Blick in den traum­haft schönen Garten, war fast leer.

…in einem Lehnstuhl saß Nietzsche

In einen Lehnstuhl saß Nietzsche mit einer Wolldecke umwi­ckelt.
Er zeigte keinerlei Regung, als ob er unser Hereinkommen gar nicht gemerkt hätte.

“Schau mal Fritzchen, du hast wieder Besuch…!”, sagte die Herrin.
Ich neigte mich leicht herunter, um Nietzsche ins Gesicht sehen zu können. Er reagierte über­haupt nicht und ich hatte das Gefühl, dass ihm auch gewisse Lähmungen zu schaffen machten.

In dem Moment dachte ich, was aus so einem großen Geist doch werden kann und dass der Geist und der Körper doch zwei voll­kommen unter­schied­liche Dinge sind.

…Nietzsche versuchte seine Hand zu heben

Nietzsche versuchte seine Hand zu heben, ich gab ihm kurz die Hand, seine schien gar keine Kraft mehr zu haben.

Er ist ziem­lich geschwächt…”, sagte die Schwester.
“Es ist immer eine ziem­liche Tortur, bis wir ihn aus dem Schlafzimmer im ersten Stock hier herunter geschafft haben…
“Ja, das glaube ich…”, sagte ich zustim­mend.
“Es ist ja schon einmal gut, dass sie gewisse Helfer und Unterstützer haben…”

…ich hatte mich leicht von Nietzsche abge­wandt

Ich hatte mich leicht von Nietzsche abge­wandt und schaute durch die Fenster in den Garten.
Tja…”, dachte ich, “…Leben ist Leiden – nur die einen trifft es mehr, die anderen weniger.”

Frau Förster‐​Nietzsche meinte, dass es besser wäre, wenn wir ihn nicht weiter anstrengen sollten, da Gesprächsversuche immer für ihn sehr kräf­te­rau­bend seien.

Man kam einfach nicht herum bei der Einrichtung der Räume und den Utensilien, die Nietzsches Lebensweg symbo­li­sierten, zu erahnen, dass hier einmal eine rich­tige Begegnungsstätte und ein zentrales Archiv aller Nietzsche-Verehrer entstehen sollte.
Aber noch lebte er ja.

Als wir uns wieder in den Ess‐​Saal begeben hatten, brannte mir eine Frage auf der Zunge, die ich der reso­luten Dame noch stellen wollte.
“Ihr Bruder ist ja in seinen Werken gegen manches ganz schön ange­gangen, man denke da nur an seine Haltung zur Kirche”, sagte ich und zeigte gewisse Fachkenntnisse.

“Aber, was wird denn nun aus dem umfang­rei­chen Nachlass und allge­mein aus seinen Schriften, wie wollen Sie das ganze archi­vieren und publi­zieren?”

Wir haben uns bereits zusam­men­ge­setzt”, sagte sie konternd, “und wollen nach Fritzchens Tod eine allge­mein­gül­tige Gesamtausgabe heraus­bringen, ich habe schon andere Versuche des Publikmachens unter­bunden.”
“Es soll alles von hier ausgehen, auch der Nachlass, er soll nicht unter den Tisch fallen, wir wollen ihn in einer größeren Anzahl von Büchern auch zugäng­lich machen.”

…ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen

Ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen, vor allem das Tragödienbuch und den Zarathustra”, erwi­derte ich schon ein biss­chen mit Stolz.
“Ihr Bruder hat ein breites Spektrum, vor allem für die Jugend geeignet, wenn man noch auf der Suche ist !”, sagte ich mit einem Lächeln.

Wir planen hier ein Zentrum für alt und jung”, meinte sie, “alle sollen hier Zugang zum Werk haben und Erfahrungen austau­schen können, es haben sich schon einige bekannte Freunde und Förderer gefunden…”

Es war bereits Spätnachmittag und sie führte mich gemäch­lich zurück in den Eingangsbereich.

“Meine Verehrung und Hochachtung vor Ihrer Arbeit…”, sagte ich schon ein biss­chen unter­würfig.
“Ich werde die Werke Ihres Bruders immer in meinem Regal, bzw. in meinem Kopf haben.”

Seien Sie gespannt auf die neue Gesamt‐​Ausgabe, die wir demnächst planen auf den Markt zu bringen”, sagte sie im Abschied begriffen.

Gesamtausgabe

Als ich die Humboldtstraße wieder am lauen Abend herunter Richtung Auto ging, dachte ich, ob so eine Gesamt‐​Ausgabe wirk­lich dem entspricht, was Nietzsche geschrieben und gemeint hat (?), aber da sind ja bis heute die Geister geschieden.

Der Mensch ist etwas, was über­wunden werden muss”

(Nietzsche)



*sh. auch die Beiträge “Wagner in Verona” /​ “Schopenhauer in Frankfurt”

* sh. Beitrag “Torquato Tasso Sorrent”
* sh. Beitrag “Blutwunder Neapel

* sh. Fotos Weimar

* Weimarer Klassik (Nietzsche‐​Archiv)

* Literatur‐​Tipp :

“Das Nietzsche‐​Archiv in Weimar”
Stiftung Weimarer Klassik bei Hanser
Carl Hanser Verlag München Wien 2000
ISBN : 3–446-19953–5



(HerrRothBesucht /​ Sonstiges)


Impresssum