Drachenschlucht bei Eisenach

Wandrer schreite ruhig und still,
weil der Drachen nicht geweckt sein will!”

Wer hat sich als Kind nicht für Drachen, Hexen, Geister und Ungeheuer inter­es­siert, der stehe jetzt auf (?).
Es bleiben alle sitzen, was zeigt, dass die Jugend in jedem noch lange Jahre später schlum­mert.
Ich habe mich eher für Burgen begeis­tert, aber da kann es ja auch Geister geben. 

Aber nicht jeder, der nicht aufge­standen ist, weiß, dass es doch noch Orte gibt, an denen Drachen leben oder gelebt haben – sie dürfen aller­dings nicht geweckt werden.

Und einer dieser Ort ist … 

…die Drachenschlucht bei Eisenach

Denn unter­halb der Wartburg, leicht südlich, liegt ein “Naturwunder”, was man in unseren Gefilden nicht so häufig zu sehen bekommt. 

Der Weg zur Drachenschlucht

Wenn man von der Wartburg Richtung Süden in das Tal hinab­steigt, kommt man als erstes zu der soge­nannten “Sängerwiese”.
Hier sollen in frühen Jahren die Sänger um die Hand der Frauen in einer Art Kampf und Streit geworben haben – heute ist dies hier nicht mehr der Fall, denn dieses findet etwas weiter oben alljähr­lich im Festsaal der Wartburg statt.

Ein Tipp für den schlei­chenden Wanderer sei noch ausge­spro­chen – hier gibt es nämlich Waldmeisterbrause und dies findet man auch nicht so häufig – ich nehme mir einen großen Krug zur Brust. 

“Wohl bekomms…”

Schon im Mittelalter soll die Schlucht erwähnt worden sein, als Begegnungsort mit der Natur für Jäger, Sammler und Wanderer.
Die Erschließung der Schlucht sollte nun nutzbar gemacht werden, heute würde man sagen, für die Öffentlichkeit zugäng­lich.
Allerdings gab es in dama­ligen Jahren noch nicht so viele, die sich dort hin trauten, viel­leicht hatte man das Bildnis eines Drachen vor Augen…
…wie dies ?

Der Drachentöter

Wenn man durch die Altstadt von Eisenach bummelt, erkennt man unschwer auf dem Marktplatz den Georgsbrunnen, in der Mitte leicht erhöht, sieht man den Eisenacher Stadtpatron “Der heilige Georg” am Werk, und dieses Werk ist die Tötung eines Drachen.
Dieser Drachen sieht aller­dings eher aus wie ein Wurm, aber ein Wurm ist ja für so eine enge Schlucht wie die Drachenschlucht eher geeignet, als ein großer Drachen.
Aber schon oftmals haben sich ja Würmer in Drachen verwan­delt, um erst einmal den Herannahenden zu täuschen.
Verwandlungen sind ja in Sagen und Märchen sehr beliebt, um die Spannung zu erhöhen.

Der Öffentlichkeit zugänglich

Mit zuneh­mender Zeit erkannte man schnell, dass hier mehr draus zu machen sei.
Wege wurden sogar ange­legt und Bohlen und Eisengestänge gelegt, um die Schlucht begehbar zu machen und unter einem fließt der Quellbach.

Wecket mir den Drachen nicht !

Wenn man durch die Enge der oftmals über einem zusam­men­ge­henden Felsen kriecht, wird einem schon Angst und Bange, zudem hört man tröp­felndes Wasser, sieht moos­über­wu­cherte Felspartie, umge­stürzte Bäume und kleine Wasserfälle.
Worte können dies nur schwer fest­halten, auch Bilder nicht, denn vor Ort wirkt es natür­lich auf jeden anders.

Wirkt bedroh­lich eng

Jeden” bedeutet, dass man hier eher auf weitere Menschen(mengen) stoßen kann, als auf Drachen, die schlum­mern ja, der Zulauf der Besucher aber nicht.
Da kann es schon einmal sehr eng werden, wenn einem jemand entgegen kommt. 

Moosüberwuchert

Wenn man sich die anderen Menschen einmal wegdenkt und die Sache mit dem Drachen verdrängt, werden hier viele Sinne ange­spro­chen, die Geräusche des Quellbachs, das Grün der moos­über­wach­senen Wände und der Duft der Natur. 

Der Duft der Natur

Die eigent­liche Drachenschlucht hat eine unge­fähre Länge von ca. 200 Metern, auch wenn man dies bei dem verschlun­genen Weg nicht genau sagen kann.

Schwer zu berechnen

Nach ca. 200 bis 300 Metern soll sie sich wieder auflösen und in einen normalen Wanderweg über­gehen, soll… – …Sie haben richtig gelesen, denn bis dorthin bin ich nämlich bei meinen 3 oder 4 Besuchen der Drachenschlucht noch nicht gekommen, nicht unbe­dingt aus Angst vor dem Drachen, sondern eher, weil es mich in das leicht unter­halb im Mariental liegende kroa­ti­sche Restaurant zog, wenn der Drachen schon seinen Hunger nicht stillen kann, so brauche ich zu mindes­tens etwas Essbares nach so einem beein­dru­ckenden Erlebnis.

*sh. meine Fotos Drachenschlucht
*sh. meine Fotos Eisenach

(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

Impressum

Villa Wagner – Biebrich a. Rhein (Mai 2019)

Die Erleuchtung von Biebrich”

Gibt es über­haupt noch Punkte auf der Wagner-​Europakarte, wo ich noch nicht war ?
Ja, es gibt sie, denn kaum einer schafft es an alle Stätten zu kommen, wo Richard Wagner geschaffen und gelebt hat, seine Ideen hatte oder vorge­geben hat, diese gehabt zu haben. 

Und so ein (jetzt geschlos­sener) Punkt ist die…

Villa Wagner in Biebrich am Rhein 

Die eins­tige “Villa Annica” liegt damals wie heute in der Rheingaustr. 137 direkt an der Promenade am Rhein nahe dem Biebricher Schloss.

Wiesbaden – Biebrich

Zur Geschichte dieser mondänen Villa, die jeden Vorbeischreitenden stoppen lässt, sei folgendes gesagt.

Dieses Anwesen wurde 1862 von einem Architekten mit dem Namen Wilhelm Frickhofen fertig­ge­stellt.
Diese impo­sante Villa weist auf der Südseite zum Rhein hin drei Risalite (Fassadengliedernde hervor­sprin­gender Gebäudeteil in ganzer Höhe des Gebäudes zur Fassadengestaltung) auf – dieser archi­tek­to­ni­sche Trick gibt der Villa etwas Verspieltes.
Zudem wird die Fassade durch rote Backsteinbänder geglie­dert.
Architektur war schon immer eine Kunst auch fürs Auge.
Nun wurde das Gebäude nebst einem umfang­rei­chen Garten an einen türki­schen Gesandten mit dem Namen Aristarchi Bey und dessen Frau Anna verkauft und bekam den Namen “Villa Annika”.

Villa Wagner – einst Villa Annika

Allerdings hielt sich dieser Name nicht lange, denn kurz nach der Fertigstellung zog hier im Jahre 1862 eine (heute) wesent­lich bedeu­ten­dere Persönlichkeit ein.

RICHARD WAGNER mietete nämlich zwei Zimmer, nachdem er die vertrag­li­chen Verpflichtungen gegen­über dem Mainzer Verleger Franz Schott über­nommen hatte, um hier seine “Meistersinger von Nürnberg” zu kompo­nieren.
Die Lage der Villa war für Wagner ideal, weil er die Theater von Wiesbaden und Mainz gut errei­chen konnte, genau wie die unmit­tel­bare Nachbarschaft zum Biebricher Schloss, dessen reizender Park zu erqui­ckenden Spaziergängen damals, wie heute einlädt. 

Unmittelbare Nachbarschaft

Allerdings muss man der Vollständigkeit halber sagen, dass hier, wie so oft nur Teile der “Meistersinger” voll­endet wurden.
Die Versdichtung und Teile der Komposition wurden hier realisiert.

Und um das ganze zu heroi­sieren erfand Wagner, wie fast zu jedem Werk auch hier eine Inspirationslegende, nämlich die soge­nannte
Erleuchtung von Biebrich”.

Das pompöse und majes­tä­ti­sche Vorspiel des Werkes war, wie man heute weiß, schon lange vorher in Wagners Kopf entstanden, was er auch in seiner Autobiographie “Mein Leben” zugibt.

Ideal zur Legendenbildung

Dieses ist es Wert von der heroi­sie­renden Struktur her, einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Aber zuvor möchte ich Wagner (als Schriftsteller) selber zu Wort kommen lassen.

“Beim Herannahmen der schönen Jahreszeit kam mir unter derart­higen gemüth­li­chen Eindrücken, zu denen die häufigen Promenaden in dem schönen Parke des Biebrichen Schlosses das Ihrige beitrugen, endlich auch die Arbeitslaune wieder an.
Bei einem schönen Sonnenuntergange, welcher mich von dem Balkon meiner Wohnung aus dem pracht­vollen Anblick des “goldenen” Mainz mit dem vor ihm dahin­strö­menden majes­tä­ti­schen Rhein in verklä­render Beleuchtung betrachten ließ, trat auch plötz­lich das Vorspiel zu meinen “Meistersingern”, wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte, nahe und deut­lich wieder vor die Seele.
Ich ging daran, das Vorspiel aufzu­zeichnen, und zwar ganz so, wie es heute in der Partitur steht, demnach die Hauptmotive des ganzen Dramas mit größter Bestimmtheit in sich fassend.”
(Mein Leben Seite 924)

Richard Wagner – Mein Leben

Soweit der kurze Ausschnitt in Wagners (diktierter) Auto-​Biografie.

Dieses ist ein exem­pla­ri­sches Beispiel einer Legendenbildung mit zeit­ver­setzter Überraschungssemantik. Wieso ?

Wagner gibt in diesen Zeilen selber zu, dass das Vorspiel schon längst vorher von ihm geschrieben worden ist (“…wie ich es einst aus trüber Stimmung als fernes Luftbild vor mir gesehen hatte…”).
Sehr geschickt – denn Wagner setzt die vorhe­rige Schaffung dieses sympho­ni­schen Vorspiels stark abwer­tend herunter, es war also (angeb­lich) in trüber Stimmung nur als Luftbild ihm erschienen, also voll­kommen unbe­deu­tend und noch kaum Form habend.
(sh. hierzu mein Beitrag “Das Assunta-​Erlebnis von Venedig”)

Reizende Lage – reiz­volle Stimmung – reiz­volles Schaffen

Dass dieses Prachtstück einer Künstler-​Residenz mit so einer Lage und so einem Ausblick jeden begeis­tert, kann man nicht leugnen, auch wenn man wie ich bei Traumwetter Ende Mai nur auf der darun­ter­lie­genden Promenade wandelt.
Wie mag erst der Blick vom Balkon sein und dann in abend­li­cher Stunde… (?), dachte ich, insge­heim immer mit dem Blicke hoch zum Balkon.

Und hier zeigt Wagner sein Geschick, etwas in ein anderes Licht (im wahrsten Sinne des Wortes) zu stellen, um es höher und bedeu­tender zu machen.
Denn diese Art “Erleuchtung” kam ja nicht am Tage, sondern bei einem schönen Sonnenuntergange… und damit nicht genug, denn alles war in verklärter (?) Beleuchtung.
Beleuchtungstechnisch ist kaum noch eine Steigerung möglich.

Aber Wagner hebt die ganze Szenerie noch höher, denn sein Blick rich­tete sich (wie er vorgibt) zum goldenen (!) Mainz und dem davor majes­tä­tisch (!) dahin­strö­menden Rhein, und alles noch in einem pracht­vollen Anblick…
…und dann kommt die Überraschung, denn plötz­lich trat das Vorspiel wieder klar und deut­lich vor seine Seele.
Also nicht vor die Augen, sondern vor die Seele (!)
Die verwen­deten symbol­haften Worte zeigen den Fluss der Musik an.

Eine geniale zeit­ver­setze Überraschungssemantik, wie ich immer zu sagen pflege.

Und als Beweis heißt es weiter, dass es (das Vorspiel) genauso war, wie es heute in der Partitur steht, da gibt es nichts dran zu rütteln und zu zwei­feln, aus basta…!

…in diesem Hause

Wenn man nun die Wirkung des Vorspiels des “Meistersinger” kennt, was ja schon ein bombas­ti­sches sympho­ni­sches Werk ist und auch für Konzerte als Einzelstück mit einem kompo­nierten Abschluss vom Schöpfer auto­ri­siert ist, merkt man, wie geschickt Wagner es versteht, die musi­ka­li­schen Themen so bild­haft darzu­stellen, als wären sie durch den opti­schen Eindruck entstanden.
Also eine Inspirationsquelle für ein Umsetzung in Töne, wie sie nicht besser sein kann.

Soweit Wagners schrift­stel­le­ri­sche Geschicktheit, seine Ideen auch durch Worte noch besser plas­tisch in Scene zu setzen, um alles noch stärker ins Göttliche zu erheben. 

Für alle Ewigkeit manifestiert

Von der Kompositions-​Struktur her setzt dieses Vorspiel (was noch die Form eine Ouvertüre hat) strah­lend ein, was den Stolz der Zunft der Meistersinger symbo­li­siert.
Festlich bewegt und majes­tä­tisch dahin­schrei­tend, löst es sich zöger­lich und weich auf, die Trompeten schmet­tern dann eine Art wuch­tigen Marsch, was den finalen Aufzug der Meistersinger auf der Festwiese symbo­li­sieren und anti­zi­pieren soll (?).
Ausdrucksvoll, fast sehn­süchtig, so hat es Wagner selbst gefor­dert.
Eine weiter­ge­hende Analyse dieses oft bespro­chenen Vorspiels will ich mir sparen – es ist, und das lässt sich nicht leugnen, ein poly­phones (mehr­stim­miges) Kunststück ersten Ranges.
Im Anhang ein Hörbeispiel dieses Wunderwerkes der Musik.

Und welche Szenerie hätte als Inspirationsquelle besser gepasst, als der Blick von dem Balkon dieses “Zukunftsschlösschens” in abend­li­cher Stunde bei einem Sonnenuntergang mit dem Blick über den Rhein…(?)

Zukunfts-​Schlösschen

Geschichtlich ging es dann 1889 nach Wagners Tod so weiter, dass ein Zementforscher mit dem Namen Rudolf Dyckerhoff die Villa erwarb und sich hier mit Familie nieder­ließ.
Der nach Osten sich stre­ckende Garten ist noch so erhalten, wie er damals war, der sich nach Westen stre­ckende Teil des Gartens wurde aller­dings nach für nach in den letzten Jahren mit Villen bebaut.
Man kann somit die ganze Pracht des Anwesens, wie es bei Wagners Aufenthalt dort ausge­sehen haben muss, nur erahnen.
Man sieht, dass Künstler und Schöpfer immer eine geeig­nete Kulisse brau­chen, um ihre Werke richtig niederzulegen.

Nach Osten hin erhalten – nach Westen zuge­baut (Google-​Maps)

An diesem lauwarmen Nachmittag Ende Mai diesen Jahres, ging ich wie verklärt die unter der Villa her führende Promenade auf und ab und hatte immer die Motive des berühmten und majes­tä­ti­schen Vorspiels im Ohr.
Der Weg zurück ins würde­volle Wiesbaden führte an blühenden Rosenhecken und pracht­vollen Villen vorbei.
Wieder im Hotel ange­kommen, setzte ich mich sofort an eine Tisch und wie urplötz­lich kam es aus mir heraus – ich verfasste diesen Beitrag wie ich ihn in trüben Tagen schon vor meinem geis­tigen Auge hatte und zwar so, wie Sie ihn jetzt in diesen holden Zeilen auf meinen Blog lesen können und zwar für immer und für alle Ewigkeit … Amen.

Verachtet mir die Meister nicht
und ehret mir die Kunst
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reich­lich Euch zur Gunst!”
(3. Act, 5. Scene)


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*zum Thema Inspirationslegenden-​Bildung sh. auch meine Beiträge
“Villa Rufolo Ravello”
Assunta-​Erlebnis Venedig

*sh. Fotos Wiesbaden/​Biebrich

Literatur :
Markus Kiesel
“Wandrer heißt mich die Welt“
Auf Richard Wagners Spuren durch Europa
ISBN : 9783940768803 Deutsch 2019


*Zur akus­ti­schen Darstellung hier das berühmte Vorspiel unter dem
Dirigat von Christian Thielemann :

https://www.youtube.com/watch?v=ZVO5s9zAqAQ


(Sonstiges/​HerrRothBesucht)


Impressum

Friedrich Nietzsche in Weimar

Der Gekreuzigte”

Als die Sommermonate in diesem Jahr nahten, machte ich mich auf den Weg zum Musensitz Weimar, die Stadt mit der langen Tradition, die die Kultur unzäh­liger Jahre geprägt hat.
Doch es gab auch etwas eher Trauriges hier in Weimar.

Leicht ober­halb des Alten Friedhofes stellte ich den Wagen am Anfang der Humboldt-​Straße ab – denn zu bedeu­tenden Orten hinauf­zu­gehen ist immer besser, als hinaufzufahren.

Villa Silberblick

Die Temperaturen konnte man schon als leichte Hitze bezeichnen und nach einer Viertelstunde zeigte sich von der Straße her auf der rechten Seite ein Zaun.
Wenn man näher heran­kommt, kann man vorher schon erahnen, dass hier etwas Überraschendes kommen wird.

Ich hatte im Vorfeld gelesen, dass dieses Villa “Villa Silberblick” genannt wird. Man kann also vermuten oder erahnen, dass hier ein guter Blick über Weimar zu genießen ist.
Und den wollte ich erst einmal erblicken.

…die Villa ist herr­schaft­lich und archaisch 

Die Villa ist herr­schaft­lich und archa­isch, ganz im Stil einer Künstlervilla, die man oft bei bedeu­tenden Personen aus der Kultur und bei Schöpfern anfindet.

…herr­schaft­liche Künstlervilla 

Somit ging ich über den mit Kieselsteinen belegten Vorhof herein und umrun­dete seit­lich die Villa und kam in eine leicht am Hang liegende Gartenanlage.
Ein Gärtner war bei der Arbeit und mähte den Rasen.
Ich sagte zu ihm, dass schon das Umfeld zu der Villa wirk­lich sehens­wert sei, aber er reagierte nicht.

Sinn für Natur

Einen Sinn für Natur musste die Herrin des Hauses schon haben.
Ich wusste, dass der Philosoph nach seinem geis­tigen Zusammenbruch durch seine Schwester gepflegt wurde, mehr nicht.

…ich hatte alles von Nietzsche gelesen

Ich hatte alles von Nietzsche gelesen, manches bis zu viermal.
Meine eins­tige Begeisterung hatte aller­dings nach­ge­lassen, das Radikale und sich selbst Widersprechende nimmt zu schnell die Überhand und es gibt eine Grundregel : um so mehr Schopenhauer, um so weniger Nietzsche.

Ich winkte dem Gärtner noch einmal kurz zu und kam wieder zu dem kiesel­be­deckten Vorhof.
Die hölzerne mäch­tige Eingangstür löste bei mir Erinnerungen an Jugendstil-​Architektur aus. 


Ein Pfleger kam mir entgegen und ich fragte nach der Herrin des Hauses, doch da stand sie mir schon im Innenbereich gegen­über und ich grüßte mit etwas Verlegenheit.
“Frau Förster-​Nietzsche”, sagte ich, “…meine Hochachtung Sie hier anzutreffen.”

…sie war klein von Statur

Sie war klein von Statur und ich hatte nach­ge­lesen, dass sie schon einiges erlebt hatte und sehr aktiv in der Vergangenheit war.
“Kommen Sie doch herein…”, erwi­derte sie.

Ich stellte mich kurz und anständig vor und sagte ihr, dass ich sehr viel von ihrem Bruder gelesen habe, meine kriti­schen Anmerkungen ließ ich aller­dings zur Seite.

Dafür, dass sich ihr Mann in einer Siedlungskolonie in Paraguay das Leben genommen hatte und sie hier die Arbeit mit dem hilfs­be­dürf­tigen Bruder erle­digen musste, machte sie einen durchaus stabilen und reso­luten Eindruck.
Ich musste zurück­denken, einige sehr reso­lute Frauen haben schon viel bewegen können, und da gehört Frau Förster-​Nietzsche dazu.

…ich wollte nicht in Komplimente ausufern

Ich wollte nicht in Komplimente ausufern, sprach ihr aber meine Hochachtung für ihre Mühen bei der Vollzeit-​Pflege an ihrem Bruder aus – Ehre wem Ehre gebührt. 

N wie Nietzsche

Nun kam ich zum eigent­li­chen Grund meines Besuches…

…kann ich ihn sehen ?

… kann ich ihn sehen?”

Sie sagte, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte, was öfter vorkommen würde und sie habe mit dem Blick zum Garten eine Art Wintergarten einrichten lassen, wo er sich nach­mit­tags befinden würde.

Nun kam mir ins Gedächtnis, dass dieses herr­schaft­liche Gebäude eigent­lich gar keine Künstlervilla im herkömm­li­chen Sinne ist, wo ein Künstler seiner Tätigkeit nach­geht, sondern eher die “Pflegestation” eines Krankenhauses.

So wie ich wusste, hatte man Nietzsche nach einer Anzahl von wirren Briefen und nach einem Zusammenbruch in Turin in eine Irrenanstalt nach Basel verwiesen.
Sämtliche Heilungsversuche schei­terten, sodass man ihn erst zu seiner Mutter nach Naumburg brachte.
Da müssen, wie schon oft, die Mütter wieder einspringen. 

Die Schwester machte sich damals auf den Weg nach Deutschland und nahm der bereits betagten Mutter die Arbeit ab … lobens­wert.
Allerdings wusste ich auch, dass sie die Kontrolle seiner Werke in Form einer Gesamt-​Ausgabe hatte, bzw. immer mehr in ihrer Hand vereinte.
Dieses ließ ich aber bei der Fortführung der Unterhaltung weg. 

…sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer

Sie führte mich durch wahr­lich stil­voll einge­rich­tete Zimmer und sagte mir sehr offen, dass sie vor habe, hier eine Art Archiv der Werke ihres Bruders einzu­richten, sie wollte es “Nietzsche-​Archiv” nennen und es solle das Werk der Nachwelt erhalten.
Ich wurde schon leicht stumm und war begeis­tert von der Idee.

In einer Ecke stand eine große, bestimmt fast 1,50 Meter hohe Büste aus einem Block weißem Marmor ange­fer­tigt, die am oberen Ende das Haupt Nietzsches zeigte.

Massiv-​Marmor

Noch mit einiger Ehrfurcht blieb ich davor stehen, sehr beein­druckt, egal wie man dem Werk gegen­über­stehen mag.
“Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle”, zitierte ich mich mal wieder selbst.
Sie lachte und sagte, dass ein guter Freund es sich nicht hätte nehmen lassen, schon vor dem Tod ihres Bruders ihn in Marmor zu verewigen.
“Passt aber sehr gut zum Ambiente…”, erwi­derte ich.

…es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt

Es waren teil­weise schon einige Schaukästen erstellt, in denen man Dokumente aus dem Leben ihres Bruders sehen konnte – ich hatte das Gefühl, dass er schon lange tot sei.
Da dieses ja nicht der Fall war, drängte ich leicht auf einen persön­li­chen Anblick Nietzsches.

Platz im Wintergarten

Der Wintergarten mit dem Blick in den traum­haft schönen Garten, war fast leer. 

…in einem Lehnstuhl saß Nietzsche

In einen Lehnstuhl saß Nietzsche mit einer Wolldecke umwi­ckelt.
Er zeigte keinerlei Regung, als ob er unser Hereinkommen gar nicht gemerkt hätte.

“Schau mal Fritzchen, du hast wieder Besuch…!”, sagte die Herrin.
Ich neigte mich leicht herunter, um Nietzsche ins Gesicht sehen zu können. Er reagierte über­haupt nicht und ich hatte das Gefühl, dass ihm auch gewisse Lähmungen zu schaffen machten. 

In dem Moment dachte ich, was aus so einem großen Geist doch werden kann und dass der Geist und der Körper doch zwei voll­kommen unter­schied­liche Dinge sind.

…Nietzsche versuchte seine Hand zu heben 

Nietzsche versuchte seine Hand zu heben, ich gab ihm kurz die Hand, seine schien gar keine Kraft mehr zu haben. 

Er ist ziem­lich geschwächt…”, sagte die Schwester.
“Es ist immer eine ziem­liche Tortur, bis wir ihn aus dem Schlafzimmer im ersten Stock hier herunter geschafft haben…
“Ja, das glaube ich…”, sagte ich zustim­mend.
“Es ist ja schon einmal gut, dass sie gewisse Helfer und Unterstützer haben…”

…ich hatte mich leicht von Nietzsche abgewandt

Ich hatte mich leicht von Nietzsche abge­wandt und schaute durch die Fenster in den Garten.
Tja…”, dachte ich, “…Leben ist Leiden – nur die einen trifft es mehr, die anderen weniger.” 

Frau Förster-​Nietzsche meinte, dass es besser wäre, wenn wir ihn nicht weiter anstrengen sollten, da Gesprächsversuche immer für ihn sehr kräf­te­rau­bend seien. 

Man kam einfach nicht herum bei der Einrichtung der Räume und den Utensilien, die Nietzsches Lebensweg symbo­li­sierten, zu erahnen, dass hier einmal eine rich­tige Begegnungsstätte und ein zentrales Archiv aller Nietzsche-Verehrer entstehen sollte.
Aber noch lebte er ja.

Als wir uns wieder in den Ess-​Saal begeben hatten, brannte mir eine Frage auf der Zunge, die ich der reso­luten Dame noch stellen wollte.
“Ihr Bruder ist ja in seinen Werken gegen manches ganz schön ange­gangen, man denke da nur an seine Haltung zur Kirche”, sagte ich und zeigte gewisse Fachkenntnisse.

“Aber, was wird denn nun aus dem umfang­rei­chen Nachlass und allge­mein aus seinen Schriften, wie wollen Sie das ganze archi­vieren und publizieren?”

Wir haben uns bereits zusam­men­ge­setzt”, sagte sie konternd, “und wollen nach Fritzchens Tod eine allge­mein­gül­tige Gesamtausgabe heraus­bringen, ich habe schon andere Versuche des Publikmachens unter­bunden.”
“Es soll alles von hier ausgehen, auch der Nachlass, er soll nicht unter den Tisch fallen, wir wollen ihn in einer größeren Anzahl von Büchern auch zugäng­lich machen.”

…ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen 

Ich habe alle Hauptwerke bis zu viermal gelesen, vor allem das Tragödienbuch und den Zarathustra”, erwi­derte ich schon ein biss­chen mit Stolz.
“Ihr Bruder hat ein breites Spektrum, vor allem für die Jugend geeignet, wenn man noch auf der Suche ist !”, sagte ich mit einem Lächeln.

Wir planen hier ein Zentrum für alt und jung”, meinte sie, “alle sollen hier Zugang zum Werk haben und Erfahrungen austau­schen können, es haben sich schon einige bekannte Freunde und Förderer gefunden…” 

Es war bereits Spätnachmittag und sie führte mich gemäch­lich zurück in den Eingangsbereich.

“Meine Verehrung und Hochachtung vor Ihrer Arbeit…”, sagte ich schon ein biss­chen unter­würfig.
“Ich werde die Werke Ihres Bruders immer in meinem Regal, bzw. in meinem Kopf haben.” 

Seien Sie gespannt auf die neue Gesamt-​Ausgabe, die wir demnächst planen auf den Markt zu bringen”, sagte sie im Abschied begriffen.

Gesamtausgabe

Als ich die Humboldtstraße wieder am lauen Abend herunter Richtung Auto ging, dachte ich, ob so eine Gesamt-​Ausgabe wirk­lich dem entspricht, was Nietzsche geschrieben und gemeint hat (?), aber da sind ja bis heute die Geister geschieden.

Der Mensch ist etwas, was über­wunden werden muss”

(Nietzsche)



*sh. auch die Beiträge “Wagner in Verona” /​ “Schopenhauer in Frankfurt”
Goethe in Weimar”

* sh. Beitrag “Torquato Tasso Sorrent”
* sh. Beitrag “Blutwunder Neapel

* sh. Fotos Weimar

* Weimarer Klassik (Nietzsche-​Archiv)

* Literatur-​Tipp :

“Das Nietzsche-​Archiv in Weimar”
Stiftung Weimarer Klassik bei Hanser
Carl Hanser Verlag München Wien 2000
ISBN : 3–446-19953–5



(HerrRothBesucht /​ Sonstiges)


Impresssum

Schopenhauer in Frankfurt

Eine Pilgerfahrt zu Arthur Schopenhauer nach Frankfurt a. M.”

Wie häufig bin ich schon daran vorbei gefahren auf meiner Strecke nach Mannheim ? Immer habe ich sie links liegen lassen und nur eines kurzen Blickes gewür­digt.
Als ich mich nun wieder auf der Strecke der Skyline von Frankfurt näherte, dachte ich, dass ich die Chance endlich nutzen sollte und ich verließ die Autobahn am Westhafen und fuhr die Gutleutestraße am oberen Mainufer entlang.
Der Name der sich lang hinzie­hende Straße klingt schon gut und hinter der Alten Brücke beginnt die Schöne Aussicht, eine Straße, die ihrem Namen alle Ehre macht, denn der Blick über den Main ist nicht der Schlechteste.

…ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße

Ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße und strebte sofort zur Schönen Aussicht Haus-​Nummer 17.
An der Schelle stand auch der Name und nachdem ich geschellt hatte, öffnete mir eine Magd.
“Ist Herr Schopenhauer zu Hause, ich hätte ihn gerne einmal gespro­chen…” (?), sagte ich etwas verlegen - “…nein, er ist gerade mit dem Hund draußen, aber kommen Sie doch herein – Herr Schopenhauer wird gleich sicher wieder da sein”, sagte die Magd einla­dend.
So viel Gastfreundschaft hatte ich gar nicht erwartet.

…seine Wohnung war spar­ta­nisch eingerichtet

Seine Wohnung war spar­ta­nisch einge­richtet, ein großer Schreibtisch mit allerlei Manuskripten und Büchern, mehrere Regale mit Literatur, ein altes ausge­ses­senes Sofa, ein schon leicht müffig riechender Teppich auf der Erde – aber ein herr­li­cher Blick über den Fluss aus einem großen Fenster nach Norden hin.
“Tja…”, dachte ich, “…die Wohnung als Spiegel des inneren Ichs…”, dies hatte ich auch schon in Goethes Haus am Frauenplan in Weimar erkannt.
Schon leicht angetan stand ich vor dem Panoramafenster und genoss den Blick auf den Main und die Alte Brücke.

…auf einmal hörte ich Schritte

Auf einmal hörte ich Schritte und drehte mich schnell um – der Pudel war am kläffen, als er mich sah.
“Sie wollten mich spre­chen…?”, sagte Schopenhauer, “…was kann ich für Sie tun?”

In dem Moment war ich schon etwas über­rascht und ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell dem großen Philosophen einmal gegen­über stehen würde.
Seine Körpergröße maß aller­dings knapp über 1,60 Meter, aber die Kleinsten haben immer die meiste Energie.

…auf der Durchreise nach Mannheim

Ja…”, sagte ich etwas verlegen und zöger­lich, “…ich bin auf der Durchreise nach Mannheim und ich dachte…”
“Herr Schopenhauer, ich habe alle Ihre Schriften gelesen, Ihr Hauptwerk alleine dreimal…”

…alleine dreimal gelesen

Ja und…”, sagte er schon leicht abwer­tend.
Die Magd brachte uns einen Kaffee und Schopenhauer setzte sich an seinen großen Schreibtisch, ich ließ mich auf dem ausge­ses­senen Sofa nieder.
“Sie haben ja hier einen tollen Blick…”, sagte ich schon leicht ablen­kend, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen. 

Durch viel Ärger mit meinen ehema­ligen Nachbarn, habe ich mich seit einem halben Jahr hier in der Schönen Aussicht nieder­ge­lassen, der Blick bringt auch etwas Anregendes für mein Schaffen!“
Da war das entschei­dende Wort gefallen, was ich irgend­wann hätte anspre­chen müssen.
“Ja, ich habe, wie gesagt, viel von Ihnen gelesen und einiges hat mich so begeis­tert, dass ich es mehr­fach gelesen habe, aber…”

Die Bibel der Weltenverneinung

Aber, was…(?)”, wieder­holte er.
“Tja, es ist alles sehr gut geschrieben, aber eines kann ich einfach nicht verstehen.“
Langsam erhob er sein Haupt.
Nun musste ich endlich zur eigent­li­chen Kernfrage kommen, die ich mir vor dem Besuch auf die Fahne geschrieben hatte.

…was haben Sie gegen Hegel ? 

Was haben Sie eigent­lich gegen Hegel, dem großen deut­schen Philosophen, der hat Ihnen doch gar nichts getan?”

Schopenhauer wurde leicht rot im Gesicht und erschien etwas verkrampft.
“Hegel, Hegel, wie kommen Sie auf Hegel…?”

Na ja, wenn man Ihre Werke ließt, kommt man ja nicht um diesen Namen herum !”, sagte ich schon etwas vorsichtig.
“Sie haben nichts verstanden, Hegel ist ein nichts­nüt­ziger, dreckiger Schmierfink und Scharlatan…”, sagte er stark erregt.

Einen wider­li­chen, geist­losen Scharlatan und beispiel­losen Unsinnschmierer…

Aber Herr Schopenhauer, sie können doch nicht so unan­ständig über diesen großen Philosophen reden!”, sagte ich ziem­lich geschockt. 

Plötzlich sprang Schopenhauer wie von einem Blitz getroffen auf, “…Hegel ist ein Miststück und elender Tintenklekser mit langem Bart, mit einem kastrierten Denken, der nur mit hohlem Wortkram um sich wirft…”,
schrie er stark erregt.
Die Magd kam herein, um zu sehen, was passiert war – verließ uns aber wieder – sie schien derar­tige wutent­brannte Monologe bereits zu kennen.

Schopenhauer rannte zu einem seiner über­füllten Regale und zog ziel­si­cher ein schon stark zerfled­dertes Buch heraus.
Ich kam schon leicht in Verlegenheit, weil ich ja Schopenhauer nur einen fried­li­chen Besuch abstatten wollte. 

…in seiner Hand hielt er das Hauptwerk Hegels

In seiner Hand hielt er das Hauptwerk Hegels, “Die Phänomenologie des Geistes”, und ich war über­rascht, dass er es über­haupt in seiner Wohnung duldete.
Er blät­terte wild darin herum, zitierte ein paar Stellen, “…sehen Sie – alles nur Schmierereien von diesem elenden Gelehrten mit seinem impo­tenten Gehabe.”
“Fichte und Schelling haben der Welt gezeigt, wie man es nicht machen sollte, aber Hegel hat mit seinen Schmierereien die deut­sche Sprache verhunzt, er macht sich daraus ein Gewerbe die Sprache zu demo­lieren und einen verrenkten Jargon daraus zu machen…aber das Schlimmste bei der Sache ist, dass nun eine ganze junge Generation heran­wächst, die dieses Geschmiere ernst nimmt und Hegel als seinen Heiligen kürt”, schrie er völlig unge­halten und schon cholerisch.

…ich wurde immer ruhiger

Ich wurde immer ruhiger, es blieb mir auch nichts anderes übrig.

In wider­wär­tigster Art und Weise schafft dieser Flachkopf seine Adepten in sein sinn­loses Geschmiere hinein­zu­ziehen, Worte, die man nur in Tollhäusern zu hören bekommen hat!” 

Ich kam leicht in Verlegenheit, und hatte nicht gedacht, dass ich so eine Welle der Empörung auslösen konnte.

Aber Herr Schopenhauer…”, sagte ich, um ihn leicht zu beru­higen, “bedenken Sie, dass Richard Wagner Ihre Schriften hoch schätzt und Nietzsche Sie als sein Erzieher huldigt!”
“Und beide haben nichts gegen Hegel…”

Ach lassen Sie diesen Verrückten mit seinen revo­lu­tio­nären Ideen und der andere soll in seiner Klappsmühle bleiben..”, sagte er wutentbrannt. 

…die Magd brachte uns noch einen Kaffee herein

Die Magd brachte uns noch einen Kaffee herein und ich blickte sie schon leicht hilflos an.
Er nahm das Buch Hegels und schleu­derte es in die Ecke, dies hatte er sicher schon mehr­fach damit gemacht, denn so sah es mitt­ler­weile aus.
Der Pudel fing an zu bellen und sprang aus seinem Korb heraus.

…den Pudel immer dabei

Ich musste erst einmal tief Luft holen, wollte aber die Diskussion nicht ganz abbre­chen.
Um etwas abzu­lenken, fragte ich Schopenhauer nach seiner jetzigen Schöpfung und an was er denn zur Zeit arbeite (?).

Gedanken im Alter

Er zeigte mir einen Ausschnitt aus einem Manuskript, an dem er gerade arbeiten würde und was noch ziem­lich wirr aussah, “Senilia – Gedanken im Alter”, so solle es heißen, wie er mich aufklärte und was zur Zeit nur frag­men­ta­risch vorliegen würde. 

…er hatte sich mitt­ler­weile leicht beruhigt 

Er hatte sich mitt­ler­weile leicht beru­higt.
“Aber darin kommt doch sicher auch Hegel vor…” – ich biss mir auf die Zunge, wieder den Namen genannt zu haben.

Dieser frech hinge­schmierte Unsinn dieses Nichtnutzes unter­bindet redli­ches Bemühen um die Wahrheit ehrli­cher Philosophen, und alles von so einem Schmierfinken wie Hegel…da kann man auch nicht herum­kommen!”, sagte er wiederum stark empört.

Mit alle dem haben Sie aber erst aufge­tischt, als Hegel unter der Erde war…”, sagte ich schon leicht gewagt, “…warum haben Sie es ihm nicht zu Lebzeiten ins Gesicht gesagt?” 

…Schopenhauer wurde knallrot

Schopenhauer wurde knallrot, beru­higte sich aber schnell wieder.

“Verzeihen Sie, aber ich wollte Sie nicht angreifen!”, sagte ich verlegen.

“Wenn etwas der deut­schen Sprache und der ganzen Philosophie geschadet hat, dann ist es das dumme Geschwätz eines Hegels, wo nur Strohköpfe ihr Gefallen daran haben, der landauf und landab als die größte Philosophie der Deutschen ange­pran­gert wird, obwohl es nur ein dreckiger, hohler Unfug ist, der im wirren Kopfe eines geis­tes­kranken Heiligen entstanden ist, der die Universität verschandelt.”

…langsam bekam ich Hunger

Langsam bekam ich Hunger, wollte aber nicht einfach Schopenhauers beschei­dendes Quartier so verlassen.
Ich schaute mir noch einzelne schon fertig gestellte Fragmente seines nächsten Werkes an, nachdem ich ihn um Erlaubnis gefragt hatte, denn die Schöpfungen vieler Künstler sind demje­nigen am heiligsten, der sie selbst geschaffen hat.

Schopenhauer lächelte ein biss­chen und sein Pudel knurrte in seinem Körbchen in der Ecke.

Ich hoffe, dass ich Ihre Fragen zur Genüge beant­wortet habe, junger Mann”, sagte er schon leicht unge­duldig.

Ja, bezie­hungs­weise fast, aber gewisse Fragen müssen immer offen bleiben, sonst verliert alles ja seinen Reiz”, sagte ich schon im Aufbruch befindend. 

Ihre Wohnung ist wirk­lich sehr schön, vor allem der Ausblick…”, sagte ich noch­mals eher ablen­kend, um Schopenhauer in Ruhe zu halten.

Nach einer kurzen Verabschiedung, erreichte ich doch noch leicht erregt und außer Atem meinen Wagen in der Seitenstraße der Schönen Aussicht und ich musste tief Luft holen, bevor ich meine Fahrt Richtung Mannheim fort­setzte.

…dass Schopenhauer gestorben sei

Zwei Wochen später las ich daheim in der Zeitung, dass Schopenhauer gestorben sei und die Magd ihn beim Schreiben an seinem Tisch tot gefunden hätte.
Ich musste schlu­cken, aber bei seinen Aufregungen über Hegel hat wahr­schein­lich das Herz nicht mehr mitgespielt. 

Wenn ich nun jeden Sonntag durch die Uni am Hegel-​Archiv vorbei jogge, denke ich, was man hier wohl sagen würde, wenn man wüsste, dass ich begeis­terter Leser Arthur Schopenhauers bin und ihn sogar noch persön­lich kennen­ge­lernt habe.
Man würde mich wahr­schein­lich heraus­schmeißen und verjagen.

Wenn dann auch noch ein Gewitter aufzieht, merke ich doch, wie Hegel im Himmel schimpft…
…aber die Frage, warum Schopenhauer Hegel so gehasst hat, ist bis heute für mich nicht beant­wortet worden.

“Die Welt hat etwas von mir gelernt,
das sie nicht wieder vergessen wird” 

(Schopenhauer)



*sh. auch meinen Beitrag “Wagner in Verona
*sh. auch meinen Beitrag “Nietzsche in Weimar”
*sh. auch meinen Beitrag “Goethe in Weimar


*Schopenhauer-​Gesellschaft Frankfurt a. Main 


*Zitate und Fotos teil­weise entnommen der folgenden Ausgabe :

Sämtliche Werke nach den Ausgaben letzter Hand”
Haffmans Verlag Zürich bei Zweitausendeins, 2006

1. Auflage der Neuausgabe Herbst 2006
Limitierte Ausgabe in 5 Bänden


(Sonstiges)



Impressum

Vom Dachboden zum Paradies

“Ein Idyll der Kinderzeit”

Wer kennt aus unserer Generation der 60er-​Jahre sie nicht – die Mietshäuser der Arbeiterklasse, die grund­sätz­lich einen Dachboden hatten.
Hier wurde die Wäsche zum Trocknen aufge­hängt, die Kartoffeln und die Kohle waren meis­tens im Keller im Dunkeln unter­ge­bracht.
Nur als Kind hatte man meist ein Verbot den Dachboden zu betreten, warum auch immer. Den Schlüssel hatten die Eltern meist gut versteckt.

Und diese Dachböden waren ja oftmals vom Platz her nicht gerade klein – es reizte uns als Kinder immer dort zu spielen, unter dem Dach, wo sich im Sommer die Hitze staute – es herrschte ein leicht muffiger Geruch, der durch das Waschpulver ange­rei­chert wurde.
Fast so gut, wie ein Heuboden auf einem Bauernhof.

Wenn man nun die obere Etage, wo andere glaubten, hier sei Schluss, erreicht hatte, führte noch eine klei­nere Treppe leicht spiral­förmig weiter in die Höhe, was erfor­schungs­wil­lige Kinder ja noch mehr reizt – wo mag das wohl hinführen ?
Wenn man diese spiral­för­mige Treppe auch noch erklommen hatte, stand man meist vor einer verschlos­senen Tür, die nicht gerade einla­dend aussah und die die letzte Hürde zum “Paradies” bedeu­tete.
Wenn nun eine Nachbarin die Wäsche aufge­hangen hatte, konnte es vorkommen, dass sie vergessen hatte, die Tür abzu­schließen – das war die Chance endlich dahin zu gelangen, wo man immer hin wollte, aber nicht durfte…auf den unheim­lich zauber­vollen Dachboden…

Nach dieser einstim­menden Vorbereitung nun zum Eigentlichen.
Mein Hotel in der Altstadt von Sevilla (Santa Cruz) in der Weihnachtszeit des Jahres 2014 zeigte in der Vor-​Recherche im Internet eine Art Dach-​Terrasse als ihr Eigen.

Das weiß getünchte Paradies

Nun glaubte ich, dass diese im Winter geschlossen sei, es war auch im Foyer des Hotels kein Schild mit einem Hinweis zu finden, dass auf die Existenz einer Dach-​Terrasse hinwies.
Noch nicht einmal an den Wänden des in Weinrot gehal­tenen Hotels konnte man einen Hinweis in Form eines Schildes finden.
Als ich durch das Treppenhaus die oberste Etage erreicht hatte, kamen bei mir die oben geschil­derten Erinnerungen an meine Kindheit hoch.
Schon ein biss­chen dreist ging ich die letzten Stufen in die Höhe und stand wie in die Kindheit zurück­ver­setzt vor so einer Tür, die ja fast immer abge­schlossen war.
Nun hielt ich den Atem an und ergriff die Türklinke … und die Tür ging auf …
Als ich durch die Tür nach draußen ging, stand ich wie gebannt in einem “Paradies”, aber diesmal nicht auf dem Dachboden eines Mietshauses der 50er und 60er Jahre in der Heimat, sondern auf einer mit Palmen und Kakteen gezierten Dach-​Terrasse mit weiß getünchten Wänden, an denen Blumentöpfe hingen, die lange Schatten warfen.

Mit Palmen geschmückter Paradiesgarten

Erst einmal wurde ich stumm, wie immer wenn etwas kommt, wo man nicht mit gerechnet hat und was einem die Sprache verschlägt.
Auf den gefliesten Mauern standen Töpfe mit fanta­sie­vollen Kakteen-​Sammlungen, kleine Bilder an den Wänden, Kerzen für die Abendstunden auf einer Art Theke, Korbstühle luden zum Hinsetzen ein … ich fiel vor Überwältigung rück­wärts in so einen Stuhl und sah nun die abso­lute Krönung des Ganzen – der Blick zum schon leicht erleuch­teten La Giralda, dem Glockenturm der Catedral de Sevilla, der schon an ein Minarett einer Moschee erinnert. 

Fast wie in einem orien­ta­li­schen Traum

Wie in einem Traum saß ich über eine halbe Stunde ohne mich von der Stelle rühren zu können.
Nun hatte die Dämmerung bereits begonnen und die “Blaue Stunde” neigte sich ihrem Ende und das alles bei 18° Grad Ende Dezember.

Kakteen-​Zauber

Kein Mensch war außer mir hier oben, viel­leicht war vielen nicht bewusst, welches Juwel das wein­rote Hotel auf seinem Dache beher­bergte.
Gegen 22:00 Uhr erhob ich mich dann doch, denn es war schon empfind­lich abge­kühlt in diesen Wintermonaten, wo man die Kühle erst des Nachts spürte.

Stacheliger Blick

Ich hatte etwas Schwierigkeiten die kleine Tür wieder zu finden und hatte schon Bedenken, dass sie mitt­ler­weile abge­schlossen worden wär, was aller­dings nicht der Fall war.
Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Zimmer im Bett auf und ich wusste nicht, ob ich es geträumt hatte oder ob es Realität war.
Somit machte ich mich vor dem Frühstück erst einmal wieder die Treppe hoch … war es Realität oder Traum ? 

Träume in Grün

Die Dachterrasse war in ihrem Zauber noch da, diesmal im strah­lenden Sonnenschein über den Dächern von Sevilla
Ich dachte, dass es besser wäre, erst einmal zu früh­stü­cken, bevor ich mich wieder vom Zauber des “Dach-​Paradieses” in den Bann reißen lasse. In den Nachmittagsstunden konnte ich dem aller­dings nicht wider­stehen.

Man sieht, wie nah Realität und Traum beiein­ander liegen…
Vielleicht haben die anderen Gäste des Hotels nicht die Zeit der 60er-​Jahre in Deutschland mit 8 bis 10 Parteien-​Mietshäuser und ihre Dachböden miter­lebt, sonst wären ja oben auf der Dachterrasse mehr Menschen gewesen außer mir.

Was lernen wir daraus :

Die Eindrücke der Jugend
bestimmen den Geist des Lebens”


*  sh. auch meinen Beitrag “Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte

* sh. auch meine Fotos Sevilla


(Sonstiges)

Impressum

Wandeln unter Wäscheleinen

Tipps und Trick der Wäsche-Trocknung
in hitze­ge­plagten Städten”

Wer einmal im Mutterland des schönen und warmen Wetters durch die Gassen einer Stadt gebum­melt ist, dem ist aufge­fallen, dass hier über­mäßig viel Waschpulver verbraucht wird. Dieses erkennt man haupt­säch­lich am Geruch.

In vielen italie­ni­schen Städten geht einem  ab 30° C ein beson­derer Geruch in die Nase, wobei Neapel als erstes zu nennen ist, und  dieser Geruch hat immer einen gewissen Anteil Waschpulver.

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Der Fluch des Eros (2006–18)

Willkommen, unge­treuer Mann…” 

Über die Gestik und Mimik bei der Rückkehr-​Scene der
Venusgöttin im 3. Act von Richard Wagners “Tannhäuser”

(Festsaal Wartburg Eisenach)

Die Aufhebung des Zuschauers in die Rolle des mitwis­senden Statisten.

Dies war und ist eine der Grundideen, die Richard Wagner vorschwebte, um seine Werke dem Rezipienten näher zu bringen.
Man soll das Werk also nicht von weit her betrachten, sondern man soll mit im Werk inte­griert und impli­ziert sein, also körper­lich und geistig.

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Fürstengruft Weimar (2003/​04)

           “Über den Verbleib von Schillers Schädel”
                                Eine Tragödie in 4 Akten

In der Geschichte der Menschheit gab es schon immer unge­löste Rätsel, die zu viel Nachdenken, Rätseln, zu Legenden und Mythen geführt haben.
Das verschwun­dene Bernsteinzimmer, die verschol­lene Original-​Partitur von Richard Wagners Frühwerk “Rienzi” nach 1945, die Frage nach der Echtheit des Blutes in den beiden Ampullen des Stadtpatrons Neapels San Gennaro , das angeb­lich im Alatsee bei Füssen versenkte Nazi-​Gold und vieles mehr.

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Park an der Ilm Weimar (2003/​2018)

                            “Die grüne Lunge Weimars”

Der Park an der Ilm mit seinen 48 Hektar Größe zieht sich kilo­me­ter­lang als eine Art Landschaftspark am Rand der Altstadt von Weimar entlang dem Flüsschen Ilm.  
Er erstreckt sich im Süden von Oberweimar bis hin zum Stadt-​Schloss und zur Anna-​Amalia-​Bibliothek Richtung Norden leicht östlich zur Weimarer Altstadt.
Bei dem Park loka­li­siert man den Zeitraum der Entstehung in die Epoche zwischen 1778 bis 1828.
Soweit schon einmal ein paar Zahlen und Fakten.
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Das Sein und das Nichts (1980/​2009)

Einst hielt ich Paris für die schönste Stadt,
doch dann sah ich Neapel…”
        (herr­ro­thwan­dert­wieder)                

Als am 15. April 1980 Jean-​Paul Sartre in Paris starb, fuhr ich mit der Bahn nach Gare du Nord, nahm mir mein schon mehr­fach genutztes Quartier direkt unter­halb der Sacre Couer im 18. Arr. , stieg in die nächste Metro und fuhr schnur-​stracks ‘gen Süden zum Cimetiere Montparnasse, um das frische Grab Sartres zu sehen, der 4 Tage vorher beer­digt worden war.

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Igor Mitoraj in Bamberg (Juni 2003)

                  “Die Kunst des Weglassens”

Die Rückfahrt von Bayern Richtung Fulda im Juni 2003 ließ mich im
histo­ri­schen Bamberg einen Stopp machen.
Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht in Venedig gewesen, doch zeigte sich, warum Bamberg oft das “Klein-​Venedig” genannt wird.

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Beleuchtung ist alles

                        “Wenn einem ein Licht aufgeht”

Jetzt fragt man sich, wie kommen manche Leute dazu, Straßenlaternen zu fotografieren ?

Tja, foto­gra­fieren kann man natür­lich alles, aber was macht den Reiz aus, eine Straßenlaterne zu fotografieren ?
Bei Türen kann man das ja noch verstehen, denn eine Tür ist ja ein Ursymbol des Lebens, Ein- und Ausgänge, drin – draußen, Verbindungen von draußen nach drinnen…
Straßenlaternen dienen ja eher der Beleuchtung, damit man im Dunkeln den Weg findet.
Tja, das ist aber nur die ober­fläch­liche Bedeutung… Beleuchtung ist alles weiterlesen