Jardin Majorelle – Marrakesch (Dez. 2016)

Majorelle-​Blau – Chagall-​Blau – Yves-​Klein-​Blau – Urnen-​Blau”

Bei den zauber­haften Gärten, die Marrakesch besitzt, stechen zwei heraus. Der eine, den keiner kennt, und der andere, den jeder kennt.

Kaum einer kennt den Jardin Secret und es war ja auch eher Zufall, als ich im 27° Grad warmen Marrakesch in der Weihnachtszeit im Jahre 2016 durch die Gassen schlich und diesen fand.
Und dadurch, dass ihn kaum einer kennt, hatte er im Nachhinein gesehen noch mehr Reiz, als der, den jeder kennt, doch ohne den wäre ein Marrakesch-Besuch sinnlos…

…und zwar der  Jardin Majorelle. 


Ich stand schon immer auf die Farbe Blau, und das in allen Schattierungen – von Tauben-​Blau über Enzian-​Blau, Azur-​Blau bis Königs-​Blau…

Majorelle-​Blau

Bei der Vor-​Recherche zu meinem Marokko-Aufenthalt, fiel mir gleich auf, dass dieser “Garten” doch von einem beson­deren Blau-​Ton geprägt ist, und zwar dem Majorelle-​Blau.

Aus frühen Jahren kannte ich den Performance-​Künstler YVES KLEIN (1928–62), dessen Blau-​Ton-​Bilder und Schwamm-​Reliefs mich damals immer begeis­tert haben.
Und dieser Blauton blieb mir im Gedächtnis.
Und dieser noch mehr, als das Chagall-​Blau des Franzosen MARC CHAGALL (1887–1985).

Als ich Mitte der 80er-​Jahre einmal mit meinem Vater die süd-​französische Cote d’Azur abge­fahren bin, sagte er : “Jetzt siehst du endlich mal, wo Chagall die Ideen zu seinen Blau-​Tönen her hatte…!”
Die Farb-​Schattierungen des Wassers der Cote d’Azur ließen dann mein Herz höher schlagen, sodass mein Vater dann als “Krönung” noch mit mir zu Chagalls Grab nach Saint Paul-​de-​Vence west­lich von Nizza fuhr, wo wir damals statio­nierten.

Da sieht man im Nachhinein, was man seinem Vater alles zu verdanken hat…
Als mein Vater im Jahre 2004 starb, habe ich ihm beim Bestattungs-​Institut eine Urne in tiefem Enzian-​Blau ausge­sucht mit einer weißen Rose drauf.

Soviel zur Farbe Blau, meinem Vater und zu seiner Urne.

…fast wie eine Urne

Im hekti­schen Marrakesch bietet sich der Jardin Mojorelle gera­dezu für eine mindes­tens zwei­stün­dige Ruhepause an, auch wenn er außer­halb der Medina liegt, nämlich leicht ‘gen Norden im Stadtteil Guéliz.

Der Garten ist fast ausschließ­lich in Kobalt-​Blau gehalten, die Teiche, Mauern, die Beeteinfassungen, Blumentöpfe und die Außenwände des pavil­lion­ar­tigen kleinen Museums mit isla­mi­scher Kunst, Malerei und Volkskunde.

 

 

 

 


Der ehema­lige Schöpfer des Gartens ist der fran­zö­si­sche Maler Jacques Majorelle (1886–1962), der Anfang der 20er-​Jahre dieses Kleinod ange­legt hat – man sieht, dass Schöpfer und Künstler immer wieder auf roman­tisch ange­legte Gärten für ihre Inspirationen zurück­greifen – ob nun Claude Monet oder Paul Cezanne, somit auch Majorelle, der diesem “Garten” auch seinen Namen gab.

Licht, Schatten und Stacheln

Hier fusio­niert sich für den foto­be­geis­terten Besucher einiges, was die Kameras aus aller Welt um die Wette knipsen lassen.

Herr R. und sein Schatten

Der immer auftau­chende Blau-​Ton, die kleinen Teiche und die mehr als 300 exoti­schen Pflanzenarten aus allen Kontinenten der Welt, erzeugen eine gelun­gene Kulisse.
Das Mikroklima Marokkos, der kühlende Schatten und die ange­legten kleinen Wasserläufe, lassen die unzäh­ligen Pflanzen wie in einem Paradies erscheinen.

Dies gibt eine herr­liche Fusion aus Licht-​Schatten, Natur, Sonnenstrahlen (und die scheint ja hier unauf­hör­lich) und Farb-​Effekten des kräf­tigen Kobalt-​Blau.

Kakteen-​Bäume

Die Palmen und oftmals sehr hohen Kakteen, die natur­über­wach­senen kleinen Wege und die kleinen Kanäle, bieten einen guten Gegensatz zum hekti­schen Treiben in den glut­roten stau­bigen Mauern der Medina.

Aus der Froschperspektive

Fast mittig zentriert liegt ein Springbrunnen mit kobalt­blau einge­fasstem Becken.

Nun ist es so, dass der fran­zö­si­sche Modeschöpfer Yves Saint Laurent diesen “Garten Eden” im Jahre 1980 aufkaufte und durch seine Renovierungsarbeiten  den heutigen Zustand verlieh.
Wieder ein Schöpfer (Mode-​Schöpfer), der sich als Ideen-​Quelle einen Paradies-​Garten erschuf.
Und dem nicht genug, denn Saint-​Laurent ließ sich nach seinem Tode im Jahre 2008 als Asche im Beisein von Mitarbeitern und Freunden im Rosengarten verstreuen.
Dem Mode-​Zaren ist heute ein Gedenkstein gewidmet.

Asche zu Asche

Der Jardin Majorelle bot für mich doch eine Ergänzung zum schon leicht meta­phy­sisch ange­hauchten Ruhe- und Geheimnisgarten Jardin Secret in der Medina, auch wenn im Majorelle doch wesent­lich mehr Menschen flanieren und nicht nur Pflanzen aus aller Welt erscheinen, sondern auch Menschen aus aller Welt.

…aus aller Welt

Der Jardin Majorelle ist eben bekannter, und dies zieht natür­lich den Reisenden eher an.
Der Jardin Secret ist eher unbe­kannt, dadurch findet man ihn, wenn man ihn gar nicht sucht und dies ist eben geheim­nis­voller…

Was lernen wir daraus :

         “Ein Geheimnis lüften, nimmt ihm seine Kraft”

 

* sh. auch meinen Beitrag über den Jardin Secret  

* Yves Klein-​Archiv (www.yveskleinarchives.org)
* Jardin Majorelle Marrakesch (www.jardinmajorelle.com/​)


(HerrRothBesucht)

                                              Impressum

Castell’ Arquato (Aug. 2011)

Weh uns, wir sind geschlagen
und flüchtig vor dem Feind !
Schon tobt er vor den Mauern
und droht mit Untergang!”

 (Richard Wagner, Die Feen)

              “Wer bedroht hier eigent­lich wen?”

Seit es Menschen gibt, gibt es Kriege, sodass man sich manchmal fragt, warum sich Menschen nicht vertragen können (?).
Anstatt Hand in Hand zu arbeiten, kämpft einer gegen den anderen.
Vom Wunsch, dass die Menschen in Frieden zusammen leben, ist man noch sehr weit entfernt.
So ist das heute und so war das schon immer und wird es auch immer sein, aus… basta…

Demgemäß sind stra­te­gisch güns­tige Punkte oftmals hart umkämpft und wandern von Hand zu Hand, und zwar immer in die Hand des Siegers, der sich  dann wiederum vor den Angreifenden vertei­digen muss.

Einer dieser stra­te­gisch wich­tigen Punkte im mittel­al­ter­li­chen Ober-​Italien ist…

…das  Castell’ Arquato in der Emilia Romagna.

An einer der Landstraßen (SP4), die von der Po-​Ebene zum Apennin führen, liegt dieses mittel­al­ter­liche Kleinod zwischen Parma und Piacenza, ca. 30 km süd-​östlich von Piacenza.

Leicht erhöht über dem Fluss Arda ist es schon von weit her erkennbar.
Das eins­tige mittel­al­ter­liche Kastell ist noch voll erhalten – Castell’ Arquato ist aber auch eine kleine Gemeinde mit 4.800 Einwohnern in der Provinz Piacenza.

…von weit her sichtbar

Die private Vereinigung der “Schönsten Orte Italiens(“I borghi più belli d’Italia”) hat Castell’ Arquato in seine Liste aufge­nommen, die im Jahre 2016 285 Orte aus Italien beher­bergte.
Diese hat sich seit 2001 zur Aufgabe gestellt, leicht abge­le­gene, histo­risch und bautech­nisch wert­volle Ortschaften zu fördern, die außer­halb der großen Touristen-​Zentren liegen.
Damit soll dem Verfall und der Entvölkerung und der damit verbun­denen Verwahrlosung entgegen gear­beitet werden.
Es sollen somit Orte geför­dert werden, die weniger bekannt sind und nicht zu Touristen-​Hochburgen zählen, wo also nicht der Rubel konti­nu­ier­lich rollt und keine Menschenmassen sich Tag für Tag durch die Gassen drängen.
Eine gute Idee, vor allem in einem Land, wo es unzäh­lige klei­nere Ortschaften gibt, die kaum ein Reisender kennt und die oftmals abseits der Touristen-​Pfade liegen.
Andererseits sollen die Orte durch die Förderung auch bekannter werden, und somit Reisende anziehen, denn Italien ist nun mal ein Land, wo der Tourismus viel Geld einbringt.

Mittelalterliche Embleme

Das Castell’ Arquato wird bereits im 8. Jahrhundert erwähnt und die Namensnennung erscheint erst­mals im Jahre 1220 – die reichen auswär­tigen Familien der Visconti, der Farnese und der Sforza hinter­ließen hier auch ihre Spuren und bauten den Ort zu einer Festungsstadt und als mili­tä­ri­schen Stützpunkt aus.
So wurden Teile der Apennin und die Ebene um Piacenza kontrol­liert.

Die  antiken Wohnbauten sind aus Ton und Sandstein gefer­tigt und die Architektur ist von zahl­rei­chen Gewölben und Rampen gekenn­zeichnet – genau wie in Bologna und Ferrara fallen einem hier wieder die zinnen­ge­krönten Türme und Mauern auf, eine Architektur, die dem Besucher einen Geschmack des mittel­al­ter­li­chen Ober-​Italiens vermit­teln, den man unwill­kür­lich mit nach Hause nimmt.

Torrione Farnesiano – Castell’ Arquato

Die Unterstadt erscheint wie eine Ansiedlung derer, die im eigent­li­chen Kastell keinen Platz mehr fanden – wie man sich aller­dings denken kann, hat die Zeit auch vor Castell’ Arquato nicht Stopp gemacht und neuere Ansiedlungen sind nur unter­halb der eigent­li­chen Festung möglich.

Der Aufstieg von einem im Tal liegenden Busbahnhof, der zeigt, dass auch hier die Zivilisation Einzug gehalten hat, zieht sich durch enge Gassen von mittel­al­ter­lich erschei­nenden Häusern bis zu dem Eingangstor eines wuch­tigen Festungsturmes (Torrione Farnesiano) aus dem 16. Jahrhundert.
Dieser ist ein Teil des Castello Stradivari.

Castello Stradivari


Von hier aus steigt man den Burgberg hinauf…

Aufstieg über unver­wüst­liche Wege

Interessant sind die aufstei­genden Wege, die durch Tuffstein, Ziegel und Kiesel unver­wüstbar erscheinen – was in frühen Jahren erbaut wurde, erscheint dem Besucher auch in Bologna noch stand­hafter, obwohl es zu dama­liger Bauzeit nicht die tech­ni­schen Möglichkeiten der heutigen Zeit gab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Der Piazza del Municipio ist umgeben von einem Ensemble mittel­al­ter­liche Bauwerke, die von eins­tiger Macht zeugen.

Palazzo del Podesta

Der Palazzo del Podesta 1239 (ich hoffe, es stimmt) begonnen, erhielt aller­dings erst später eine Freitreppe und eine Loggia hinzu.

Collegiata di S. Maria

Die Kirche Collegiata di S. Maria ist das älteste Gebäude am P.za del Municipio aus dem Jahre 1120 (ich hoffe wiederum, dass es stimmt), und weist drei halb­kreis­för­mige “Apsiden” auf … das Wort kannte ich bis vor kurzem auch nicht, aber man lernt ja immer dazu.
“Apsiden” sind halb­kreis­för­mige, poly­go­nale Raumteile, die an einem Haupthaus anschließen und meist von einer Halbkugel über­wölbt sind.
Da bekommt man einen rich­tigen Grundkurs für mittel­al­ter­liche Architektur und Bauweise, was man hier vor Ort bestaunen kann.

Rocca Viscontea – Castell’ Arquato

Über allem thront die zinnen­be­wehrte (es gibt schon Worte!) Rocca Viscontea, die auf den Namen der Macht-​Familie Visconti zurück­zu­führen ist.
Diese Burg mit einem kleinen Burggarten, war einst mit einem doppelten Mauerring mit tiefen Gräben umgeben.
Der ärgste Feind des Menschen ist der Mensch selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Wehrturm zeigt wieder die typi­sche Zinnenkrönung und ist besteigbar.
Castell’Arquato ist abschlie­ßend zu sagen eine Mischung aus Kultur, Geschichte, Naturlandschaft, mittel­al­ter­liche Architektur und Museum, aber auch Gastronomie und Hotellerie.

Der Ausblick lässt auch den Burgenfreund HerrnRoth verweilen, auch wenn ein anstren­gender Rückweg nach Fiorenzuola d’Arda noch bevor­stand.

Der Bus fährt nämlich nur zweimal am Tag und war schon lange fort, als ich wieder in der Unterstadt ange­langt war.
Also ist vom Mittelalter hier doch etwas übrig geblieben.

Was lernen wir daraus :

   “Der ärgste Feind des Menschen ist der Mensch selbst”

Club zum Erhalt der schönsten Orte Italiens
(http://borghipiubelliditalia.it/​)


Zur Ergänzung und Erweiterung steht mein Beitrag über meine Wanderung zum Castell’ Arquato im Jahre 2011 (Emilia Romagna 2011).
Überschneidungen zu diesem Beitrag ließen sich nicht vermeiden.

 

(HerrRothBesucht)

 Impressum

Palermo bei Nacht (Dez. 2008)

                       “Mafia in der Nacht”

PALERMO galt schon immer als die Hochburg der Mafia in frühen Jahren, wie auch heute.
Dieses sollte man sich bei einem Besuch in Sizilien aller­dings nicht vor Augen halte, warum…?
Ganz einfach, weil man es (als Tourist) nicht merkt !
Als ich nach meinem Weihnachtsaufenthalt im Jahre 2008 in Palermo ins heimi­sche Deutschland zurück­kehrte, bekam ich durch Zufall einen Stadtplan in die Hand, auf dem die Einzugsbereiche der verfein­deten Mafia-​Familien einge­zeichnet waren, und das milli­me­ter­genau.
Mein sehr luxu­riöses Hotel, was schon einem byzan­ti­ni­schen Palast glich, lag nahe am Quattro Canti, dem Schnittpunkt der beiden Hauptachsen der 3.000 Jahre alten Altstadt, der Corso Vittorio Emanuele und der Via Marqueda.

Hauptachse

Und genau hier verlief eine Grenze zwischen zwei Konkurrenten fast genau durch meine Hotel.
Oh, Mann…”, dachte ich, “…da hasse ma wieder Glück gehabt!”


Dieses ist aller­dings ein Fehldenken vieler Reisender, denn seit dem Jahre 2012 gibt es in Italien flächen­de­ckend eine soge­nannte “Bettensteuer”.
Dieses bedeutet, dass man pro Nacht einen gewissen Betrag zu der normalen Rechnung zahlen muss, der sich nach den Sternen des Hotels und nach der Lage (und der jewei­ligen Stadt) berechnet.
Er wird bei der Abreise bar vor Ort begli­chen.
Dass heißt, dass Städte wie Verona, Florenz und Venedig natür­lich eine wesent­lich höhere “Bettensteuer” haben, als klei­nere Städte oder eher unbe­kannte Orte.

Dieses muss man sich dahin­ge­hend durch den Kopf gehen lassen, dass man dann als Tourist quasi “geschützt” ist, das hört sich komisch an, aber man weiß, dass man bei einem Aufenthalt unter dem “Schutz” der Mafia steht, aber nicht nur vor ihr selbst, sondern auch vor diebi­schen Zugriffen Einheimischer.
Bei einem Überfall (oder Diebstahl) eines Einheimischen gegen­über einem Besucher, würde dieser sich sein eigenes Grab schau­feln, weil er damit ja einen “Kunden” der Mafia verscheucht.
Es hört sich makaber an, aber es lohnt sich schon den geringen Betrag zu opfern und damit eher geschützt zu sein, als bedroht.

Karte (Wikipedia) ohne Mafia-​Grenzen

Diese “Bettensteuer” gibt es wie gesagt seit 2012 und mein Aufenthalt in der (angeb­li­chen) Hochburg der italie­ni­schen Mafia war ja im Jahre 2008
Ich hatte also doch Glück gehabt…
Allerdings lasse ich mir eines in keiner Stadt nehmen, und das sind die Nacht-​Eindrücke, ob nun mit oder ohne Mafia…
 
Die Nächte sind im weih­nacht­li­chen Sizilien eher frisch und manchmal nass und neblig, für einen reinen Weihnachts-​Flucht-​Aufenthalt (der bei mir öfter ansteht) sollte man hier nicht mit strah­lenden Sonnenschein im Dezember rechnen, da muss man schon etwas tiefen nach Marrakesch reisen, wo ich im Jahre 2016 gewisse Parallelen zu Palermo sah, auch wenn beide Städte auf verschie­denen Kontinenten liegen.
Marrakesch weist aller­dings Weihnachten weit über 20° C auf und man kann dort in der Sonne liegen.

Trotz gewisser verschlech­terter Lichtverhältnisse und wetter­be­dingter Einschränkungen, zog HerrRoth wieder einmal mit Kamera und Stativ “bewaffnet” durch die Gassen, Corsos und Plätze und die Ergebnisse wirken schon oftmals surreal.

Porta Nuova

Palermo besitzt aus frühen Jahren mehrere alte “Stadttore”, wobei man immer bedenken muss, dass die Literatur schnell täuschen kann, denn von vielen “Baudenkmälern” sind eher nur noch “Ruinenmäler” geblieben, in dieser durch Armut und Mafia gezeich­neten Stadt.
Wenn man am noch relativ gut erhal­tenen Stadttor Porta Felice am Hafen La Cala im Osten steht, schaut man schnur­ge­rade durch die Via Vittorio Emanuele zum im Westen liegenden Porta Nuova.

Porta Felice

Man merkt doch, dass die Straßen ange­legt worden sind, als es noch keine Autos gab und die Pferde-​Kutschen Vorfahrt hatten (Goethe war ja auch nicht mit dem Auto hier) – bei dem großen Verkehrsaufkommen ist ein Durchkommen (mit dem Auto) eher unwahr­schein­lich.

Bei nächt­li­chen Exkursen sollte man als erstes natür­li­chen den Dom von Palermo (Catte­drale Maria Santissima Assunta) vor die Linse nehmen.


Hierbei hat man ein immenses Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert vor sich, was der Zerstörung des Menschen entgangen zu sein scheint.

Cattedrale Maria Santissima Assunta

Am Heiligen Abend, es war ein Mittwoch, bewun­derte ich sogar den Sarkophag des Stauferkönigs Friedrich II., der sich in seinen Regierungsjahren haupt­säch­lich in Italien aufhielt.
Wie das Klima in den Dezemberwochen vor dem Jahreswechsel zu dama­liger Zeit aussah, ist schwer nach­zu­voll­ziehen.


Als ich dann am 1. Weihnachts-​Feiertag 2008 abends noch einmal zur Kathedrale, die nicht weit vom Quattro Canti und meinem Hotel lag, zwecks Fotos gehen wollte, kam eine gewisse “Erleuchtung”, weil der ganze Komplex um das riesige Gebäude mit einem geschlos­senen Zaun abge­rie­gelt war.
“…ich muss doch besser wieder in die Kirche eintreten im heimi­schen Deutschland”, dachte ich ; ob ich zu weiteren Fotos dann aller­dings noch einmal an den Dom heran­ge­kommen wäre, ist frag­lich.

Fast schon eine Erleuchtung

Neben den kaum noch erhal­tenen “Stadttoren” und dem Dom, gibt es ein weiteren Objekt für das nächt­liche Begehren.

Wie man wissen sollte, ist Italien ja das Mutterland der Oper (da ist es ja verständ­lich, dass Richard Wagner mit seine revo­lu­tio­nären Ideen es in Italien nicht einfach hatte) – dadurch darf in keiner Stadt ein Bauwerk fehlen, und das ist das Opernhaus oder Theater.
Und ein Weiterer darf ja auch nicht fehlen, und dies in keiner Stadt Italiens, und das ist Giuseppe Verdi, der in Italien schon wie ein Heiliger und Volksheld verehrt wird und nicht wie ein Komponist.
Die Büste des Komponisten thront schmun­zelnd vor dem Teatro Massimo.

Überall thront Verdi

Wie das ganze Bauwerk in abend­li­cher Stunde zur Weihnachtzeit wirkt, geben die Fotos nur zum Teil wieder.

Fast wie ein grie­chi­scher Tempel

Abgesperrt war auch dieses prunk­volle Gebäude, was schon einem grie­chi­schen Tempel gleicht.

Teatro Massimo

Ein Symptom, was mir in ganz Italien immer wieder aufge­fallen ist - egal wo man ist, merkt man, dass den Italienern ihre Opernhäuser doch heilig sind.
Denn man kommt als touris­ti­scher Besucher in so gut wie kein Haus (zu einer Führung) herein, sie sind so gut wie alle nur den Besuchern der Aufführungen am jewei­ligen Abend geöffnet.

Vor verschlos­sener Tür

Man steht also fast überall vor verschlos­sener Tür.
Für den normalen Durchschnitts-​Touristen sind dieses Gebäude ja auch eher unge­eignet (wenn ich einmal leicht über­heb­lich sagen darf), aber für wirk­lich Interessierte sollte man ein Auge zukneifen.
Die archi­tek­to­ni­sche Konstruktion ist ja für die Optik und Akustik von großer Bedeutung und dahin­ge­hend auch für HerrnRoth als Wagner-​Verehrer inter­es­sant.
Aber wahr­schein­lich hätte man mich dann doch raus­ge­schmissen, wenn ich den Namen des einst unge­liebten Deutschen hier genannt hätte.

Fontana Pretoria Palermo

Zu guter (Vor)Letzt gibt es ein weiteres “Bauwerk”, was im nebligen Weihnachts–Palermo sich meiner Linse eher trüb erscheinen ließ, und das ist der unbe­liebte Brunnen Fontana Pretoria.
Aber warum ist der Brunnen unbe­liebt ?
Der Brunnen, bzw. Brunnen-​Komplex war vormals erst für Florenz gedacht und entworfen worden.
Der Auftraggeber verstarb noch vor der Fertigstellung und sein Sohn verkaufte den Brunnen einfach ans sizi­lia­ni­sche Palermo, wo extra ein Platz (Piazza Pretoria) vor dem Rathaus (Comune Di Palermo) einge­ebnet wurde.

Der unbe­liebte Brunnen

Das Unbeliebte des Brunnens hat aller­dings eine anderen Grund.
Wenn man nämlich den zur Weihnachtszeit auch abge­rie­gelten Brunnen-​Komplex, näher betrachtet, merkt man etwas, was eine in der heutigen Zeit eigent­lich gar nicht mehr stören sollte.
Die Statuen der Flussgötter und Nymphen sind zum größten Teil nackt, …na und…?
Es zeigt sich wieder eine gewisse Doppelmoral bei den Menschen, denn in der heutigen Zeit (!) wurden immer wieder Teile von den Skulpturen abge­schlagen (welche bloß?), was schon an Vandalismus grenzt und nichts mehr mit Moral zu tun hat.
Am Tag einen auf Moralisch machen und des Nachts die Geschlechtsteile von armen Fluss-​Göttern abschlagen…
Deshalb war er wahr­schein­lich auch abge­sperrt, sonst hätte ich noch irgendein Teil einer dieser Skulpturen abge­schlagen, ins nahe liegende Hotel geschafft und mit in die Heimat genommen, aber ob es in Deutschland mit der Doppelmoral besser steht, als in Italien, sollte man hier besser offen lassen.

Quattro Canti Palermo

Zu guter Letzt (der Brunnen war ja Vorletzt) sollte man sich auch in nächt­li­cher Stunde, einem Platz zuwenden, der keiner ist.
Es ist der soge­nannte QUATTRO CANTI (Quattro Canti di città), was soviel wie “vier Ecken” heißt.
Es ist als solches gesehen gar kein Platz, sondern der Schnittpunkt der Eingangs erwähnten beiden Hauptachsen Corso Vittorio Emanuele und der Via Maqueda, die die Altstadt von Palermo schnur­ge­rade durch­schneiden, vom östlich liegenden Hafenbecken Richtung Westen zur Kathedrale und vom nörd­lich gele­genen Teatro Massimo vorbei am unge­liebten Brunnen Richtung Haupt-​Bahnhof (Palermo Centrale) im Süden.

Hier zeigt sich, wie man aus einem Kreis ein Gebilde mit 4 Ecken macht, auch nicht ganz unin­ter­es­sant.
Wenn man bei den Tatsachen bleibt, ist der Quattro Canti eine Straßenkreuzung, die an vier “Ecken” von baro­cker Architektur einge­rahmte Fassaden ehema­liger Palazzos besitzt.
Einer der vier Teil-​Fassaden liegt immer in der Sonne, was “Teatro del Sole”  als Namen besser erscheinen ließe.
Die Fassaden der einst vier Paläste sind konkav geschwungen, drei­ge­teilt und mit Statuen und antiken Säulen verziert.
Ohne ins Detail zu gehe über die histo­ri­schen Herkunft, ist es schon fast wie eine opti­sche Täuschung, wenn man zu nächt­li­cher Stunde bei geschrumpften Autoverkehr, sich einmal in die Mitte der Kreuzung stellt und mit geschlos­senen Augen um sich selbst herum­dreht.
Die auf den ersten Blick (fast) gleich erschei­nenden Fassaden, weisen doch leichte Abweichungen in der baro­cken Architektur auf, aber wenn man wieder die Augen öffnet, hat man schon immense Schwierigkeiten den rich­tigen Teil der rich­tigen Himmelsrichtung zuzu­ordnen.

Um abschlie­ßend noch einmal zum Thema “Doppelmoral” zurück­zu­kommen, zeigen sich auch am Quattro Canti  gewisse eroti­sche Tendenzen, und zwar an allen den Platz umge­benen Laternenpfählen, die ja untrennbar zur Architektur dieses unge­wöhn­li­chen “Platzes” gehören.

…ohne die Erotik geht es nicht

Aber da schaut man besser drüber hinweg, denn ein Abschlagen oder Abbrechen bestimmter Teile wäre hier etwas schwie­riger, als am “unge­liebten” Brunnen.

             “Palermo…, warum eigent­lich Palermo?”
“Ist doch klar, Lärm unter Palmen…,
…deshalb Palärmo!”

 

(HerrRothInDerNacht)


Die in diesem Beitrag verwen­deten Fotos wurden nicht am
Bildschirm
nach­be­ar­beitet.

Wer Gefallen an meinen Fotos hat, kann eine größere Anzahl sehen auf Facebook (herr­ro­thwan­dert­wieder).

Impressum

Fano Adria (Mai 2014)

                                   “Perle an der Adria”

Bei den Vorbereitungen meiner Wanderung unter­halb von Rimini begin­nend, die Adria herunter im Mai 2014, fiel mir bei vorhe­riger Recherche auf, dass der Ort Fano oftmals zweimal verzeichnet ist.
Einmal mit einem ganz normalen O geschrieben und einmal mit einem durch­ge­stri­chenen Ø.
Das zweite erin­nert an etwas Skandinavisches und so ist es auch, Fanø ist nämlich eine kleine däni­sche Insel in der Nordsee, was man überall nach­lesen kann.

Aber den besagten Ort FANO (mit normalen O) kennt nicht jeder.
Er sollte der Endpunkt der Strecke zwischen Cattolica über Persaro nach Fano sein.

In Cattolica beginnt das eher weniger bekannte italie­ni­sche Land MARKEN, aus dem immerhin zwei bedeu­tende italie­ni­sche Komponisten herstammen, nämlich Gaspare Spontini und Gioachino Rossini.

Rossini in Pesaro


Die Vorbereitungen hatten mir schon gezeigt, dass Fano ein Ort sein muss, der den Charme früherer Städte an der Adria behalten hat und dem heutigen Strand-​Massen-​Tourismus Paroli bietet.

Die letzten 10 km zwischen Pesaro, der Heimatstadt Rossinis und Fano legte ich direkt am Strand zurück, dies ging aller­dings nur, weil in den frühen Mai-​Tagen noch keine Saison war.

Wie bei allen anderen Adria-​Städten, sollte man auch in Fano die Strand-​Gegend meiden – hier wird alles geprägt durch Strand-​Tourismus mit seinen bunker­ar­tigen Hotels, Tennisplätzen und unend­lich langen Sonnenschirm-​Reihen für die sonnen­hung­rigen Strand-​Touristen, und dies schon seit den frühen 50er-​Jahren.
Dieses ist ja eher abschre­ckend, aber es scheint ja noch zu funk­tio­nieren, denn sonst gebe es ja dieses “Strand-​Idyll” nicht mehr.

Fano gibt es ja schon seit der Römerzeit, damals hieß es Fanum Fortunae.
“Fanum”
bedeutet soviel wie “Tempel”, denn hier soll in der Römerzeit der Tempel der Göttin Fortuna gestanden haben.

Augustus mit erho­bener Hand

Es thront noch vor dem Eingangstor (Arco d’Augusto)  derje­nige, der das Ganze hier erschaffen haben soll, und das ist Gaius Octavianus Augustus, besser bekannt als Kaiser Augustus.
Wenn er irgendwo auftaucht (Capri, Orange-​Provence…), erscheint er immer mit Rüstung und erho­bener rechter Hand – ob er aller­dings beim Bau der Stadt selbst mit Hand ange­legt hat, ist natür­lich frag­würdig…
…aber es muss ja immer unter dem Namen eines Herrschers laufen, sonst ist es zeit­lich schwer einzu­ordnen.

Arco d’Augusto Fano

Wenn man durch das prunk­volle Eingangstor schreitet, so fällt einem sofort auf, dass Fano eine sehr gut erhal­tene zusam­men­hän­gende (!) Altstadt mit traum­haften Fassaden besitzt (restau­riert im Jahre 2003).
Die Gassen und Straßen sollen laut der Literatur noch den Verlauf der alten Römerstraßen haben.

Gassen-​Flair

Es lässt das Herz eines jeden Fotofreundes höher schlagen.
Die schmalen Gassen, abzwei­gend von der Hauptachse Via Arco d’Augusto, zeigen wieder den Flair italie­ni­scher “Hinterhöfedie alles andere als Hinterhöfe sind.

Hinterhöfe

Das Herz der Altstadt ist aller­dings, wie in den meisten italie­ni­schen Städten, ein Platz.
Der Piazza XX Settembre ist wiederum fixiert auf einen Brunnen (Fontana della Fortuna)   und das gesamte umlie­gende Panorama des Platzes lässt jeden Italienfreund an die Kulisse von Verona denken.

Fontana della Fortuna

Brunnen sind auch so eine Art Symbole für Leben, ob nun pflanz­li­ches oder mensch­li­ches Leben, denn ohne Wasser, wäre alles schnell am Ende, also eine Art “Lebens-​Elixier”.

Lebens-​Elixier Wasser

In abend­li­cher Stunde lässt sich der Platz, an dem auch das Theater der Stadt (Fondazione Teatro Della Fortuna) im Palazzo del Podesta liegt, am besten genießen, vor allem bei lauen Temperaturen, die an den frühen Maitagen hier herr­schen.

Könnte in Verona sein

Bei meinen immer wieder auftre­tenden Essensproblemen, gibt es einen guten Trick, etwas Essbares zu finden, den ich auch wieder in Fano anwen­dete.
Und jetzt aufge­passt ihr Junggesellen, die ihr nie Kochen gelernt habt.
Man geht einfach in die Gegenrichtung von den mit Plastiktüten tragenden Bewohnern, also dahin, wo diese gerade herkommen, denn dann ist man an der Quelle, nämlich an einem Supermarkt (Punto Simply).
Klingt ganz simpel, doch jetzt kommt der Haken, denn als ich es endlich geschafft hatte, diesen “einfa­chen Punkt” zu finden, hatte dieser gerade geschlossen, denn über die Mittagszeit ist hier alles dicht.

Grünes Licht

Da muss man schon Platz nehmen unter den Bäumen der kleinen park­ähn­li­chen Anlagen, die in relativ großer Anzahl vorhanden sind.

Einzelne Kirchen lockern die sehr gut erhal­tene Fassade auf, denn Kirchen dürfen in italie­ni­schen Städten ja nicht fehlen.


Die mittel­al­ter­liche Festungsanlage ist teil­weise noch erhalten und weist auch auf die lange Geschichte der Stadt hin.

Mittelalterliche Festungsmauer

Nord-​westlich der besser zu meidenden Strandgegend, besitzt Fano auch einen kleinen Jacht- und Fischerei-​Hafen.
Von Nord-​Westen kommend, hat ein seit­li­ches “Einschreiten” in den Ort den Vorteil, dass sich einem beim ersten Eindruck ein Fano zeigt, was nicht vom Strand-​Tourismus geprägt ist.

Bild von einst

Jetzt besitzt Fano noch etwas, was nicht jeder weiß, auch der bewan­derte Italien-​Freund HerrRoth zu dem Zeitpunkt nicht.
Wenn man nämlich die beiden Worte Italien und Karneval in den Mund nimmt, dann denkt natür­lich jeder an den Carnevale di Venezia.

Nur, dass dieses kleine Fano einen eigenen Karneval hat, der als der älteste Karneval in Italien gilt.
Dies würde kaum ein Besucher der Stadt vermuten.
Denn im Februar wird einge­denk der Tradition gefeiert, was das Zeug hält.

Semel in anno licet insa­nire’, ‘einmal im Jahr darf man verrückt sein’.
Dieses römi­sche Sprichwort hat in Fano Fuß gefasst.
Denn laut der Legende sollen bereits im Mittelalter karne­val­ähn­liche Feiern statt­ge­funden haben, und dies, weil sich (angeb­lich) zwei einst verfein­dete Familien (die Del Cassero und die Da Carignano) versöhnten, und das musste natür­lich passend gefeiert werden.
Denn Feiern ist natür­lich besser, als bekriegen…
Dann geht die Energie wenigs­tens nicht in Richtung Zerstörung, sondern in Richtung Heiterkeit.


Abschließend sei zu sagen :

         “Wanderer durch­schreite dieses Tor und lass das Heute heute sein,
denn werfe deinen Blick in längst vergan­gene Zeiten,
denn ohne die, könnt das Heut nicht heute sein!”


* sh. auch meinen Beitrag über die Wanderung die Adria herunter.
Überschneidungen ließen sich nicht vermeiden.

* Carnevale di Fano (http://www.carnevaledifano.com/)


(HerrRothBesucht)


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                                                     Impressum

Le Jardin Secret – Marrakesch (Dez. 2016)

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Das Leben entflieht, drum zeig dich nicht so wähle­risch gegen das Glück,
das sich bietet, genieße es schnell.”
(Stendhal, Die Kartause von Parma, 1839)


Das Chaos und die Hektik in der Medina von Marrakesch lässt gewisse Ruhestätten notwendig werden – und diese Ruhestätten sind in der marok­ka­ni­schen Handelsmetropole nicht unbe­dingt die unzäh­ligen Museen und Paläste, sondern geschickt ange­legte “Gärten”.

Der bekann­teste “Garten” dieser Art ist der Jardin Majorelle im Norden, außer­halb der Medina gelegen, der 1980 vom fran­zö­si­schen Modedesigner Yves Saint Laurent aufge­kauft wurde und dessen Asche nach seinem Tode hier verstreut wurde (!)
Der Reiz des Jardin Majorelle ist für jeden Fotografen die Fusion der in Kobalt-​Blau gehal­tenen Mauern und Beet-​Begrenzungen mit dem Licht-​Schatten der unzäh­ligen exoti­schen Pflanzen.

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Licht-​Schatten und Kobalt-​Blau

Im Jardin Majorelle ist der touris­ti­sche Andrang natür­lich sehr groß, weil er ja der bekann­teste Jardin von Marrakesch ist – das Wandeln in den Gängen, unter Palmen und um geschickt ange­legte Wasserbassins, lässt den eigent­li­chen Sinn des Gartens als Oase der Ruhe nur erahnen, da die Besucher in der Masse einen vom eigent­li­chen Sinn des Gartens ablenken.

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Oase der Ruhe (?)


Allerdings ist der Jardin Majorelle nicht der einzige Garten dieser Art in Marrakesch.
Bei meinem oftmals eher flucht­ar­tigen Bummeln in der Medina  zur Weihnachtszeit 2016, stieß ich auf ein nörd­lich des Jemaa el-​Fna gele­genes “Objekt”, was sich aus mehreren Gründen bei einem Aufenthalt in dieser Stadt lohnt aufzu­su­chen…

…dem Le Jardin Secret.

Wieder leicht auf der Flucht vor heran­na­henden Händler, denen man haupt­säch­lich in der Medina ausge­lie­fert ist, traten in der Rue Mouassine im nörd­li­chen Medina-​Bereich, zwei wie engli­sche Butler geklei­dete Herren mir entgegen und ich glaubte wieder, entwei­chen zu müssen.

Nach dem Entrichten des eher kleinen Obolus, empfing mich hinter den Mauern doch ein Ruhepol und eine Oase der ganz beson­deren Art.

Die Form und Struktur der marok­ka­ni­schen Riads (arabisch “Garten”) sind nicht nur in den “Hotels” zu finden, sondern auch hier – d.h., dass der Jardin von hohen (fens­ter­losen) Mauern umgeben ist – diese archi­tek­to­ni­sche Struktur ist früheren Zeiten entlehnt, als man auf die geniale Idee kam, die para­dies­ar­tigen Innenhöfe mit dicken Stampflehm-​Mauern rötli­chen Farbtons zu umbauen, um der im Sommer herr­schenden Hitze Einhalt zu bieten – und nicht nur im Sommer…
Bei meinem Besuch zur Weihnachtszeit herrschten hier ca. 27° C, wogegen im Innenhof des Riads die Heizapparate liefen.

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Die roten Mauern von Marrakesch

Der Jardin Secret ist eine Fusion aus Garten-​Kunst, Architektur und einem geschickt ange­legten Bewässerungs-​System arabi­scher Herkunft aus der Dynastie der Sultane vor mehr als 400 Jahren.
Die Mehrfach-​Funktionen des Bewässerungs-​Systems der soge­nannten “Hängenden Gärten der Semiramis”,  oder auch die “Hängenden Gärten von Babylon” genannt, eines der sieben Weltwunder der Antike, hat der Menschheit gezeigt, dass Gärten mehr sein können, als nur Anpflanzungen in Beeten.

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Exotischer Garten – Jardin Secret

Der Jardin Secret besteht so gesehen aus zwei Garten-​Komplexen.

Wenn man durch den pavi­lion­ar­tigen Eingangsbereich geht, der durch seine Architektur und Mosaikkunst, wie auch durch hand­ge­fer­tigten Stuck im geome­tri­schen Design, ins Auge fällt, zeigt sich als erster Eindruck hierin ein enormes hand­werk­li­ches Können.
Alles knüpft an die Tradition vornehmer arabisch-​andalusischer und marok­ka­ni­scher Paläste an.

154Der erste Komplex ist der leicht klei­nere Exotische Garten
Pflanzen aus 5 Kontinenten wachsen Seite an Seite, aus Ländern, die klima­tisch den Gegebenheiten von Marrakesch glei­chen.
Schon hier spürt der Besucher die Atmosphäre des Lichtes, der Luft, der Ruhe und des Friedens.
Der größere Komplex auch wie ein Quadrat ange­legt, ist aller­dings der Islamische Garten.
Dieser hat auch die Struktur eines mit hohen Mauern umge­benen Riads und hat vier quadra­tisch ange­legte fast gleich große Beete.


Diese zeigen die stilis­ti­sche Tradition des Mittleren Ostens, erdacht aus einer irdi­schen Paradies-​Reflexion aus dem Koran.
Wenn man nun einen Sinn für Romantik und vor allem für das Metaphysische hat, dann erkennt man hier schon tief­grei­fende Wurzeln aus Himmel und Natur.

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Wasser als Symbol für Leben

Wasser ist ein funda­men­tales Element für die Existenz mensch­li­chen und pflanz­li­chen Lebens.
Genauso ist Wasser ein Symbol und ein Zeichen natu­reller  Kraft und Energie, was mir beim später genos­senen frischen Minze-​Tee auch klar wurde.
Die Natur macht nichts umsonst, denn ohne die beiden Grundelemente Wasser und Licht wäre das Leben auf der Erde bereits erlo­schen.
Was einem Besucher des Jardins auffällt, ist das in beiden Gärten geschickt ange­legte Kanal-​System, was frisches Wasser aus dem Hohen Atlas bringt.

153Die kleinen künst­lich ange­legten Kanäle durch­ziehen beide Komplexe wie Adern und dienen haupt­säch­lich der Bewässerung der ange­legten Beete.
Als Herz des Islamischen Gartens kann man den spru­delnden Brunnen ansehen, der mit marok­ka­ni­scher Mosaikkunst (Zellig) gestaltet ist.
Das Wasser wird aus dem Hohen Atlas durch eine über tausend Jahre alte Technik unter­ir­di­scher Kanäle hierher geleitet.
Das hydrau­li­sche System der Wasserlenkung ist zum Überleben des Gartens nötig.

Die unter­ir­di­sche Drainage versorgt nicht nur die Moscheen und Bäder in Marrakesch, sondern auch die Gärten und Brunnen.

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Das Herz des Islamischen Gartens

Der Jardin Secret hat das Privileg eines eigenen Bewässerungs-​Systems, was ein Zeichen von Wohlstand aus früheren Jahren ist.
Dieses ließ bei mir die Erinnerung an das Kanalsystem in Bologna hoch kommen.

Somit eröffnet sich einem die lange Tradition der alter­tüm­li­chen Riads, die ein kluges Kanal-​System und Wasser-​Bassins mit verknüpften Rohren und Kanälen besaßen.
Diese Art einer Gartenanlage zeigt aller­dings auch die Macht früherer Herrscher, die Besitzer dieser Riads und Komplexe waren.
Im Eingangsbereich ist durch eine Computer-​Simulation das Bewässerungs-​System darge­stellt und gut für den Besucher nach­voll­ziehbar.

Wenn man nach dem Besuch des Jardin Secret, der durch die eher wenigen Besucher auch seinen Namen verdient, wieder in die Hektik des Handelns und geschäft­li­chen Treibens zurück­kehrt, ist es schon wie ein Auftauchen aus einem Paradiesgarten, was der Sinn dieses Gartens auch sein soll.

Was lernen wir daraus :

                       “Die Natur macht nichts umsonst”


* sh. auch meinen Beitrag über den Jardin Majorelle

* Le Jardin Secret Marrakesch (http://www.lejardinsecretmarrakech.com/en/)


(HerrRothBesucht)

                                                         Impressum

Essaouira (Dez. 2016)

                          “Die blauen Türen von Essaouira”

Essaouira gilt ja insge­heim als Kontrapunkt zum hekti­schen Marrakesch und wird von vielen Besuchern der Stadt der roten Mauern besucht.

Die Stadt (Essaouira) liegt auf einer Halbinsel und hat eine teil­weise gut erhal­tene Festungsanlage zum Wasser hin (Scala del la Kasbah), die auf die portu­gie­si­sche Geschichte hinweist – mit dem Bau der Mauer wurde im 16. Jahrhundert begonnen, als die Portugiesen einige Landstriche hier eroberten.
In den Schießscharten stehen heute noch eine Anzahl von Kanonen, die wie zum Abschuss bereit zu stehen scheinen.

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Scala del la Kasbah

Zeitweise war Essaouira der größte Seehafen Marokkos und gelangte durch den Karawanenhandel zu erheb­li­chen Wohlstand.
Aber wie man aus der Geschichte kennt, ist alles ein Auf und Ab, denn im 20. Jahrhundert verlor die Stadt zuneh­mend an Bedeutung, da die Handelsverbindungen unter­bro­chen wurden.

Wieder ins Gedächtnis gerufen wurde die Hafenstadt Ende der 60er-​Jahre als Zentrum der Hippie-​Bewegung, was ja heute schon lange in Vergessenheit geraten ist.

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Intarsien Manufaktur

Genauso ist Essaouira noch heute das Zentrum der hohen Kunst der
INTARSIEN und deren Manufakturen.
Produkte aus dem harten Thuja-​Holz mit fanta­sie­reich einge­legten, minia­tur­großen Mustern aus Zitrusholz.

In einer Manufaktur bewun­derte ich hunderte von Hand ange­fer­tigte Produkte wie Tische, Zigarrenkisten, Buchstützen, Schachbretter, Regalen, bis hin zu größeren Möbelstücken.

Die aus den Berberdörfern zuge­wan­derte Bevölkerung lebt haupt­säch­lich neben dem Tourismus vom Fischfang.

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Port d’Essaouira

Nach Süden erstreckt sich ein ca. 5 km langer Sandstrand – hier wurden für die Besucher alte Stadtpaläste in mondäne Luxushotels umge­wan­delt, denn das ganz­jährig milde Klima zieht viele auch zu einem längeren Aufenthalt in diese einst so mäch­tige Stadt.

Der symme­tri­sche Grundriss der Straßen und Gassen hinter dem zentralen Platz Moulay Hassan ist für eine marok­ka­ni­sche Stadt eher unge­wöhn­lich, wenn man an das Gewirr der Gassen und Souks im Handelszentrum Marrakesch denkt.

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Moulay Hassan Square

Das erste, was mir beim Bummeln durch die Gassen auffiel, ist die große Anzahl von Katzen.
Wenn man die Tagesbesucher abzieht, scheint es hier mehr Katzen zu geben als Einheimische.

Aus vorher studierter Literatur wusste ich, dass Essaouira aus dem Arabischen über­setzt “die Eingeschlossene” heißt.
Eigentlich komisch, denn der Ort liegt ja frei zum Atlantik hin.
Vielleicht stammt das Wort aus früheren kriegs­tech­ni­schen Begebenheiten… (?)

Doch dann kam mir eine eher abwe­gige Idee der Herkunft des Namens.
Denn, was jedem Besucher ins Auge fällt, sind die unzäh­ligen blauen Türen und Tore.

47-fEs ist schon komisch, wie man mit etwas Fantasie den Namensursprung frei inter­pre­tieren kann, auch wenn die Idee des Eingeschlossen-​Seins eher abwegig ist, denn der Blick über das weite Meer und die oftmals hellen Häuser zeigen einem ja eher die Freiheit.

Dieses ließ mich an die berühmten Türschlösser Bolognas
denken, wo es auch inter­es­sant ist, einmal die mäch­tigen, torähn­li­chen Türen dort zu öffnen und hinein­zu­schreiten.

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In Essaouira sind die Türen aber fast ausschließ­lich Eingänge zu den Wohnungen der Einheimischen, wobei sich Türgriffe, Kachelkunst und schmie­de­ei­serne Gitter mit dem jewei­ligen Blauton der Tür oder des Tores vereinen.

 

 

 


Dass sie schon mehr­fach leicht reno­vie­rungs­be­dürftig sind, macht ja eher ihren Reiz aus. Denn man erahnt die Schönheit von einst und sieht den Verfall von heute in dieser Art von Orten häufiger.

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Das Verfallene aus frühen Jahren hat wesent­lich mehr Aussagekraft, als das blitz und blank Herausgeputzte der heutigen Zeit.

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Wenn man bedenkt, dass Essaouira auch viele Künstler ange­zogen haben muss, ist es nicht verwun­der­lich, dass geschickt ange­legte, nur teil­weise reali­sierte Graffitis an den Wänden einzelner Gassen die Perspektive und die Vision der Szenerie erwei­tern.

 

 

 

 

Beim Durchwandeln der schmalen Gassen, glaubt man sich oftmals in einer anderen Welt und es kann auch durchaus sein, dass man die Orientierung dadurch verliert.

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Erweiterung der Vison

Von den blauen Türen foto­gra­fierte ich über 20 Stück, doch irgend­wann wich für den Farbenlehren-​Interessierten der Blauton immer mehr ab. 

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Blau und Rot ergibt Violett

Wie man aus der Schule wissen sollte, sind Blau und Rot Primärfarben im Farbkreis und deren Mischung ergibt die Sekundärfarbe Violett.
Mehr Rot-​Anteile ergibt ein eher rötli­ches Violett.

47-qMan sieht, dass man auch ohne Goethes und Newtons Farbenlehre zu kennen, von einheit­li­chen Blautönen irgend­wann einmal abge­wi­chen ist.

Über der rot-​violetten Tür, die die einzige ist, die ich unter den über 20 blauen Türen in diesem Farbton gefunden habe, stehen die Worte “La Cle de Voute”.

Wenn ich jetzt in der Schule Französisch als zweite Fremdsprache gehabt hätte, und mich nicht mit Latein hätte herum­quälen müssen, hätte ich schon in dem Moment wissen müssen, was ich erst im Nachhinein recher­chierte.

Denn “La Cle de Voute” heißt nämlich allge­mein “Schlussstein” und im über­tra­genen Sinne “Dreh- und Angelpunkt”.

Gut, dass ich es vor Ort nicht gewusst habe, sonst wäre ich wieder ins Philosophische abge­glitten oder hätte einmal die Tür inter­es­sens­halber geöffnet und hinein­ge­schaut.
Trotzdem komisch und frag­würdig, was dort hinter dieser Tür verborgen gewesen sein mag… (?)

Aber ein Geheimnis muss bleiben, was wieder eines meiner Zitate aus der (Intarsien-)Kiste springen lässt…

…denn, was lernen wir daraus :

                 “Faszinierend ist nur das Unergründliche”


(HerrRothBesucht /​ Sonstiges)


Impressum

Bar Cash in Marrakesch (Dez. 2016)

Wo der Dirham rollt”  oder
Chaos am Platz der Gehängten”

Wer einmal in Marrakesch war, der weiß, dass dort nicht nur ein totales Chaos herrscht, sondern auch der Rubel rollt, bzw. der Dirham kullert.

Der Menschenschlag in dieser Gegend ist ja der “Händler”.
Wir Deutschen sind gewöhnt, wenn etwas 10 € kostet, auch 10 € auf den Tisch zu blät­tern – ohne wenn und aber.
In Marrakesch und in der Arabischen Welt gibt es aller­dings keine bzw. nur wenige Festpreise.

Das heißt, wenn man in eines der unzäh­ligen Taxis steigt, geht es erst einmal ans Handeln.
Da die öffent­li­chen Verkehrslinien inner­halb der Stadt eher nicht ratsam sind, sollte man auf die alten Mercedes 220D zurück­greifen, die einen durch das Gewühl des Verkehrs an den gewünschten Ort bringen.
Klingt gut, klar – so soll es ja auch sein…doch läuft das hier ein biss­chen anders, als im heimi­schen Deutschland.
Denn hier wird erst einmal über den Preis der Fahrt gehan­delt und darauf sollte man sich auch einstellen und nicht sofort den genannten Preis hinblät­tern.

…please bring me to…, how much did it cost?”
Fifty Dirham!” -
kurzes Schweigen…
No my friend, that is to much!”
Let us say fourty…”
Nachdenkliches Schweigen, knis­ternde Ruhe.
…no fourty-​five…”
Angespannte Stimmung.
Ok, lets drive…”
Kurze Erleichterung.

Nach dieser 20 minü­tigen Debatte geht es dann endlich los.

Leichte innere Spannung meiner­seits – am Ziel zücke ich einen Fünfziger (zur Info 5,00 €), doch die Debatte geht weiter …

“…ok friend, I also bring you home for seventy Dirham all toge­ther!”
“No, no … never, I only want to drive to here and not back!”
Auge in Auge und wieder leicht erregte Stimmung.
Ok, I give you fifty…, but not Euro, only Dirham!”

Doch eher erleich­tert, steigt man aus dem Mercedes und fragt sich, wie die Karre durch den TÜV kommt (?).

An diesem Beispiel sieht man, dass man es in diesem Landstrich doch mit geschickten Händlern zu tun hat, die sehr clever sind und trotzdem im Rahmen des Legale bleiben, wenn man hier von legal reden kann.

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…wohin des Weges ?

Mein 8tägiger Aufenthalt in einem Riad direkt in der Medina (Altstadt) von Marrakesch hat mir gewisse Tricks vor Augen geführt und gezeigt, wie man dagegen angehen sollte.

Mein Riad hatte noch eine (relativ) güns­tige Lage, denn der “Platz der Gehängten” (Jemaa el-​Fna), einer der größten Garküchen der Arabischen Welt, war zur Fuß (wie sonst?) in ca. 20 Minuten erreichbar, aber nur, wenn man den Weg genau kennt.
Und da fangen die Probleme an.
Ein “Stadtplan” ist hier eher ein unnö­tiges Requisit, denn wenn man mit einem Plan planlos in der Hand herum­irrt, z.B. am ersten Tag, ist dies ein Zeichen für geschickte Einheimische, oftmals Kinder, dass ein Opfer naht.
Die männ­li­chen Jugendlichen sehen alle gleich aus, leicht dunkle Haut, dunkel­braune Augen, Segelohren und kurz gescho­rene Haare – bei einer Identifizierung wäre man aufge­schmissen.

Wenn nämlich diese jungen Geschöpfe merken, dass man etwas sucht, kommen sie sofort näher und versu­chen als erstes heraus­zu­be­kommen, welche Sprache man spricht oder woher man kommt – sie beherr­schen Englisch, Französisch und teil­weise auch Deutsch, und dies gar nicht so schlecht.
Sie bieten sich als “Führer” an und am Anfang glaubt man dies auch noch – nur wollen sie einen nicht an das gewünschte Ziel führen, sondern “arbeiten” mit anderen zusammen, die irgend­etwas in der Nähe betreiben – Gastronomie, Shops oder ähnli­ches, die auf Touristen ange­wiesen sind.

Das heißt, man will geschickt sein Opfer hier hinein­lo­cken, und nicht zu dem von ihm gewünschten Ziel, ganz schön clever und dreist.

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Medina von Marrakesch

Dies ist aller­dings nicht alles, was einem in dieser leben­digen Metropole passieren kann.
Wenn man verzwei­felt (in den Abendstunden) den Weg zu seinem rettenden Riad sucht, hat man immer die “Blagen” hinter sich, die versu­chen zu erfragen, in welchem Riad man wohnt.
Wenn man es dann unter deren Führung mit klop­fendem Herzen erreicht hat, will man natür­lich Geld dafür…

Was eine noch geschick­tere Variante ist, ist das “Dazwischenschummeln”.
Wenn man sich vom Hotel zu einem nahe liegenden Abfahrplatz für Sammeltaxis begibt, um eine externe Sehenswürdigkeit aufzu­su­chen, wird man schnell ange­spro­chen, wo man denn hinwolle und dann tut derje­nige so, als wenn er der Fahrer des Taxis wäre und dass er die Aufgabe habe, einen abzu­holen und zum Sammeltaxi zu bringen.
Am Platz zeigt sich schnell, dass derje­nige gar nichts mit dem Sammeltaxi oder dem Betreiber zu tun hat, sondern sich nur dafür ausge­geben hat, und dreist die Hand aufhält.

Der Jemaa el-​Fna (“Platz der Gehängten”) ist das Handels- und Chaos-​Zentrum Marrakeschs.
Es wimmelt nur so von Händlern, Schlangenbeschwörer, Wahrsager, Schuhputzer, Zauberkünstler, Akrobaten und unzäh­ligen mehr.

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Nun versucht man einen Trick, der auch meis­tens bei Touristen klappt. Man hängt zum Beispiel dem Opfer einfach eine Schlange um den Hals, ohne dass man dieses gewünscht hat, und will ihn (mit seinem Apparat) als schöne Erinnerung foto­gra­fieren.
Wenn das geschehen, dann geht es ans Bezahlen – man steht leicht geschockt da, weil man ja gar nichts von der eigenen Seite wollte, sondern einem die Schlange einfach um den Hals gelegt worden ist.

 

Aus Anstand (oder Verzweiflung) drückt man denje­nigen den gewünschten Geldschein in die Hand und zieht erleich­tert von dannen.

Genauso ist es mit den als Wasserverkäufern getarnten bunt geklei­deten Herren mit großen Hüten.
Wenn sich z.B. ein Ehepaar nähert, setzt einer der nichts­ah­nenden Frau seinen Riese-​Hut auf und die anderen stellen sich schön für ein Foto in Pose neben die Dame.
Ist ja für ein Erinnerungsfoto noch ganz lustig, doch dann kommt natür­lich für das Aufsetzen des Hutes die “Rechnung”…
Der Trick ist also der, dass man etwas bekommt, ohne dass man es wollte und dafür bezahlen muss, was die meisten auch tun.

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Das Zentrum des Handelns

Die oftmals recht traurig rein­bli­ckenden kleinen Jungens mit einem Tablett voll Plätzchen in der Hand, lassen das Herz einer jeden älteren Dame weich werden, die dann auch ein Plätzchen kauft.
Hierbei werden natür­lich die Plätzchen nicht aus Spaß verkauft, sondern man ist darauf ange­wiesen.
Tut einen ja auch Leid, aber wenn man hier jedem helfen will, steht man schnell selber hier und verkauft Plätzchen.

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Berber-​Viagra

Der Trubel in den Souks ist kaum beschreibbar.
Hier wird (fast) alles ange­boten, nur ist es kaum möglich stehen zu bleiben, ohne dass man die Gefahr eingeht, in den jewei­ligen Shop hinein­ge­lockt zu werden und dies schon oftmals sehr aufdring­lich.

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Dieses trübt ein wenig den Aufenthalt, denn wir als Deutsche sind es ja gewöhnt, zu bummeln und sich alles in Ruhe anzu­sehen.

Davon sollte man sich aller­dings einen Aufenthalt in der Stadt der roten Mauern nicht verderben lassen – gut ist eben nur, dies vorher zu wissen, um nicht darauf herein­zu­fallen.

Da kann man nur eins sagen :

                                     “Salem aleikum”

* Besuch des Festungsorts Essaouira (sh. Blaue Türen von Essaouira”).
* Besuch Jardin Secret Marrakesch (sh.Jardin Secret”)
.
* Besuch Jardin Majorelle Marrakesch (sh. Jardin Majorelle”)


(Sonstiges /​ Tipps)


 Impressum

Torquato Tasso Sorrent (Sept. 2012)

Tasso – Goethe – Wagner – Nietzsche
“Das Sorrent-​Schock-​Erlebnis”

Es gibt Städte, in denen sich mehrere großen Namen vereinen, obwohl diese Städte oftmals kaum eine größere Bedeutung haben und man vermutet auf den ersten Blick gar nicht die tiefere Bedeutung dieses Ortes.

Und so eine Stadt ist SORRENT am Golf von Neapel.

Eine mittel­große Stadt – eher ein Ort mit tief herab­stür­zenden Tuffstein-​Felswänden zum Meer hin.
Wenn man sich von Neapel mit dem Schiff Sorrent nähert, sieht man 40 Meter hohe Steilwände mit Luxus-​Hotels, die über dem Abgrund zu hängen scheinen.

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Über den Klippen

Wenn man die Fähre im Hafen (Porto di Sorrento) verlässt, fragt man sich unwill­kür­lich, wo eigent­lich Sorrent ist (?)

Sorrent war der Startpunkt meiner Amalfiküsten-​Wanderung im September 2012.
Bei den Vorarbeiten war mir auf Fotos von Sorrent aufge­fallen, dass es stark aufstei­gende Straßen gibt, die wie durch eine tiefe Schlucht nach oben führen, wo es kaum die Möglichkeit gibt, zu Fuß entlang zu gehen.

Denn, was man norma­ler­weise von Sorrent kennt, ist die Altstadt mit obli­ga­to­ri­schen Gassen und Souvenirläden,  einer stark befah­renen Verkehrskreuzung, ocker­far­bene Häuser, eine mittel­große (besser mittel­kleine) Kathedrale und dauer­haftes mensch­li­ches Treiben.
Doch um in den “Genuss” dessen zu kommen, muss man erst einmal einen gewissen Aufstieg über schluch­ten­ar­tige Haarnadel-​Kurven bewäl­tigen, bei dem man immer nur nach oben schaut, aller­dings muss man besser aufpassen, dass man heil oben ankommt, weil diese Straße keinen Bürgersteig hat.

Wenn man dann oben ist, empfängt einen doch ein eher gross­stadt­ähn­li­ches Treiben mit hupenden Autos, kreuz und quer laufenden Passanten und Politessen, die an der sehr befah­renen Kreuzung den Verkehr zu lenken versu­chen.
Die Halbinsel ist ja nach Sorrent benannt, nämlich Sorrento Peninsula, und dies hat auch einen Grund.

Sorrent (oder auch Sorrento) ist durch seine güns­tige Lage neben Neapel die Haupt-​Hafenstadt am Golf von Neapel und für den Golf von Salerno.
Von hier aus ist die Märcheninsel Capri gut zu errei­chen und genauso bietet Sorrent den Übergang zur berühmten
Amalfiküste.

Zu abend­li­cher Stunde muss hier ein herr­li­cher Ausblick auf den Golf von Neapel und auf die entfernt liegenden Inseln Ischia und Procida herr­schen.
Da weiß man auch, warum sich die Luxus-​Hotels direkt ober­halb der Steilklippen ange­sie­delt haben.

Neben dem touris­ti­schen Treiben, wird alles auch durch ein starkes Verkehrsaufkommen geprägt, was sich am Piazza Tasso bündelt.
Und dieser Name steht für den großen Sohn der Stadt, einem der eingangs erwähnten bedeu­tenden Namen, die Sorrent hervor­ge­bracht hat…

…nämlich TORQUATO TASSO.

TORQUATO TASSO (1544–1595), in Sorrent geboren, ist ein Dichter der Gegenreformation, der mit seinem Werk “La Gerusalemme libe­rata” (eigentl. “Das befreite Jerusalem”) bekannt geworden ist, an dem er 15 Jahre gear­beitet hat und das er 1574 veröf­fent­lichte.
Tasso litt den größten Teil seines Lebens an einer Geisteskrankheit, die man aus heutiger Sicht als Schizophrenie einstufen würde, die ihn aller­dings körper­lich nicht krank erscheinen ließ.
Es zog ihn ein Leben lang an den Hof nach Ferrara , wo eine Beziehung zur jungen Prinzessin von Este, der Schwester des Herzogs, vermutet wird.
Zum Liebling des Volkes wurde Tasso eher durch sein trau­riges Leben der Geistesgestörtheit, des Exils, der Gefängnishaft, der Armut und der immer wieder sich zerschla­genden Hoffnungen.
Hier in seiner Vaterstadt Sorrent ist dem Dichter nicht nur ein Platz (P.za Tasso), sondern auch ein Denkmal gewidmet.

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Tasso-​Denkmal Sorrent


Jetzt kommt aller­dings unwill­kür­lich ein weiterer großer Name ins Spiel,

der die Person des Torquato Tasso für ein Werk adap­tiert hat, und dies ist kein gerin­gerer…

…als Johann Wolfgang v. Goethe.

Unser Goethe (wie man so schön sagt) nahm sich dieses Themas an und veröf­fent­lichte seinenTorquato Tasso” (Ein Schauspiel) im Jahre 1790, welches dann im Februar 1807 in Weimar urauf­ge­führt wurde.
Es spielt ja auf dem Lustschloss des Este, Schloss Belriguardo, in Voghiera 16 km unter­halb von Ferrara.

Bei Interpretationsansätzen (die einen an den Deutschunterricht in der Oberstufe auf dem Gymnasium erin­nern), kann man erahnen (oder hinein inter­pre­tieren), dass Goethe die Figur des Tassos reizte, weil er in der Liebschaft Tassos mit der Prinzessin des Hofes in Ferrara, auch seine Beziehung zu Frau v. Stein am Hofe in Weimar zu erkennen glaubte (?).
Hineininterpretieren kann man natür­lich vieles (im Deutsch-​Unterricht war ich eigent­lich immer gut), aber es liegt ja auf der Hand.
Außerdem erwähnt Goethe in einem Tischgespräch am 6. Mai 1829:

Ich hatte das Leben des Tasso, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunder­liche Figuren mit ihren Eigenheiten zusam­men­warf, entstand mir das Bild des Tasso, dem ich als prosai­schen Contrast den Antonio entge­gen­stellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiteren Hof-, Lebens- und Liebes-​Verhältnisse waren übri­gens in Weimar wie in Ferrara.”

Dieses kann ja eindeu­tiger nicht sein…er fusio­niert sich selbst mit der Person des Tasso.
Seine Liebesverhältnisse gibt Goethe wenigs­tens zu und verschweigt sie nicht.

Die Frage ist natür­lich, warum Goethe bei seiner Reise durch Italien 1786–88 Sorrent (meines Wissens) nicht aufge­sucht hat ?
Weder auf seiner Hinfahrt nach Sizilien von Neapel aus, noch auf seiner Rückfahrt.

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Goethe in Neapel

Im Mai 1787 auf seiner Rückfahrt nach Neapel, geriet das Schiff ja in Seenot, so dass er wahr­schein­lich froh war, als er wieder lebend in Neapel ankam.
Aber er besuchte Sorrent auch nicht bei seiner Hinfahrt, wo er das nicht weit entfernte Pompeji aufsuchte :

Wir fanden gute, muntere neapo­li­ta­ni­sche Gesellschaft daselbst. Die Menschen sind durchaus natür­lich und leicht gesinnt. Wir aßen zu Torre dell’ Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und köst­lich. Die Gesellschaft fühlte sich so recht an ihrem Wohnplatz, einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meeres doch gar nicht zu leben sein…”
(Italienische Reise”, 13. März 1787)

Goethes “Tasso” erschien 1790 und der Aufenthalt am Golf von Neapel war 1787.

Klar, war ja vorher…das Werk erschien (!) 1790, das sagt aber gar nichts, denn Goethe schreibt unter dem Datum des 30. März 1787:

Die zwei ersten Akte des Tassos, in poeti­scher Prosa geschrieben, hatte ich von allen Papieren allein mit über See genommen…”

Dieser Eintrag in der “Italienischen Reise” zeigt, dass Goethe am Werk aktiv arbei­tete, als er am Golf weilte.
Warum er dann die Geburtsstadt Torquato Tassos nicht aufsuchte, ist natür­lich komisch.
Der Name Sorrent kommt auch in der “Italienischen Reise” nur 5 oder 6 mal vor, dieses aller­dings immer nur aus Distanz, also in weiter Ferne zu sehen…

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Residenzschloss der Este

Außerdem erwähnt er am 16. Oktober 1786 bei dem kurzen Aufenthalt in Ferrara bei dem ehema­ligen Residenzschloss der Este, zum ersten Mal die histo­ri­sche Figur des Tasso.
Hier hat Goethe versucht, Spuren des histo­ri­schen Torquato Tasso nach­zu­gehen, die Tasso im Herrschaftsbereich hinter­lassen hatte, was er (Goethe) aller­dings schnell aufgab.

Ariosts Grabmal enthält viel Marmor, schlecht ausge­teilt. Statt Tassos Gefängnis zeigen sie einen Holzstall oder Kohlengewölbe, wo er gewiss nicht aufbe­wahrt worden ist. Auch weiß im Hause kaum jemand mehr, was man will…”
(“Italienischen Reise”, 16. Okt. 1786)

Das Schloss Belriguardo, der Schauplatz seines Werkes, unter­halb von Ferrara, hat er nie besucht, obwohl er ja 1786 in Ferrara war und die 15 km ‘gen Süd-​Osten auch noch hätte auf sich nehmen können.
Stattdessen setzt Goethe seine Route fort, indem er quasi in die Gegenrichtung ‘gen Westen nach Cento fährt und von da nach Bologna.
Den Handlungsort seines Werkes (“Tasso”) lässt er einfach am Weg liegen, obwohl er ja eigent­lich im Mittelpunkt seines Interesses stehen sollte, vor allem, weil er ja an dem Werk arbei­tete.

Manchmal sind die “Wege” großer Schöpfer nur schwer nach­zu­voll­ziehen.

Soweit unser Goethe

 

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Grand Hotel Excelsior Vittoria Sorrento

Doch in SORRENT fand im ersten Hotel der Stadt, dem Grand Hotel Excelsior Vittoria, noch etwas anderes statt, und das weiß nicht jeder – nämlich ein denk­wür­diges Treffen, was in die Geschichte einge­gangen ist…

Denn in diesem Luxus-​Hotel war das letzte Treffen von Richard Wagner mit Friedrich Nietzsche am 2. Nov. 1876 – für Wagnerianer bekannt, als “das letzte Treffen des Meisters mit Nietzsche in Sorrent”.

Das Ende der eins­tigen Sternen-​Freundschaft hat natür­lich wieder viele Legenden bis hin zu Lügen hinter sich herge­zogen.

Dieses wurde durch Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-​Nietzsche kult­haft nach-​inszeniert (und gefälscht), und zwar dahin­ge­hend, dass bei einem abend­li­chen Spaziergang am Allerseelen (2. Nov.) 1876 über den Klippen von Sorrent, Richard Wagner auf das Thema seines noch in Arbeit stehenden “Parsifal” kam (nämlich über einen geistig-​mythischen Universal-​Zusammenhang, in den die Parsifal-Ästhetik gestellt werden sollte) und Nietzsche entsetzt und ableh­nend in der Dunkelheit verschwunden sei (“Sorrent-​Schock-​Erlebnis”).

Dass Nietzsche die Ästhetik des Mitleids (im Parsifal) aus philo­so­phi­scher Sicht ablehnte (“Mitleid ist Dekadenz”), ist bekannt, aber für eine strei­tende Entzweiung nach diesem Spaziergang, liegen keine Beweise vor.
Dies zeigen auch die Tagebücher Cosimas,  die von einem schönen Spaziergang mit Freund Nietzsche schreibt und keinen Anlass hatte, hier Fälschungen vorzu­nehmen.

Hierüber ist viel geschrieben worden, genau wie über den Bezug Wagners und Nietzsches, trotzdem zeigt die (bewie­sene) Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt (vor allem an diesem Abend) es zu keinerlei Auseinandersetzung kam, wieder einmal, wie schnell Legenden und Lügen in die Welt gesetzt werden und in die Geschichte eingehen, als Wahrheiten, die nicht stimmen.
Der eigent­liche Bruch zwischen Wagner und Nietzsche kam dann erst einige Zeit später.
Dies zeigt, dass man Biographen und Meinungsmanipulatoren immer kritisch gegen­über stehen sollte.

Dieses wusste nun auch HerrRoth, als er die Klippen über Haarnadelkurven nach Sorrent hoch stieg, am frühen Morgen Mitte September 2012, also einige Jahre nach dem angeb­li­chen “Sorrent-​Schock-​ErlebnisFriedrich Nietzsches.

Von der in den Felsen hinein geschla­genen Straße sind, wenn man nach oben schaut, seit­liche Räumlichkeiten des Luxus-​Hotels aus der Froschperspektive zu erkennen.

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Luxus-​Hotel aus der Froschperspektive

  
Das erste Ziel meiner Amalfiküsten-​Wanderung war natür­lich das Grand Hotel Excelsior Vittoria, was man schon von der Fähre und vom Hafen aus steil über den Klippen thro­nend sieht.

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Residenz mit Weitblick

Der eigent­liche Eingang des Komplexes dieses geschichts­träch­tigen Hotels ist nicht ganz einfach zu finden, vor allem im Strudel der Menschen und Autos.
Der Eingang ist vom bereits erwähnten Piazza Tasso aus, gekenn­zeichnet durch im Wind flat­ternde Fahnen.

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Eingang ins Paradies

Wenn man davor steht, glaubt man gar nicht, dass das der Zugang zu einem 5 Sterne Hotel ist, wo heute die Nacht zwischen 374€ bis 1.040€ kostet.

Es ist ein Hotel, was ja für den verschwen­dungs­süch­tigen Wagner wie geschaffen war.
Mir blieb aller­dings mein obli­ga­to­ri­sches “…do you have a room for me?” im Halse stecken.

Nachdem ich mich kurz verlaufen hatte, schlug ich dann erst die Hauptstraße (SS145) Richtung Osten ein, um dann über den Bergkamm Richtung Amalfiküste zu kommen – der Blick über die beiden Golfe (Neapel und Salerno) lässt einen auch ohne so viele bedeu­tende Persönlichkeiten zum Dichter werden.

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Blick nach Sorrent


Was lernen wir daraus :

             “Die Größe des Dichters ist danach zu bemessen,
                                was er uns verschweigt”

 

(HerrRothBesucht)

 

* Grand Hotel Excelsior Vittoria (http://www.exvitt.it)
* Goethe Zeitportal (http://www.goethezeitportal.de/home.html)

 

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Impressum

Carnevale di Venezia (2)

                          “Zaubermasken – Maskenzauber”

Es gibt gewisse Tricks, um die jewei­lige Maske ohne störende Touristen zu foto­gra­fieren.

Erst einmal der Trick mit den frühen Morgenstunde (“Morgenstund hat Gold im Mund”).
Hierbei sollte man natür­lich nicht vor großen Hotels warten, sondern einfach spontan durch die Gassen und auch einsam liegende Plätze streifen, um fündig zu werden – denn wer suchet, der findet.

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…schwer zu erkennen und doch gefunden

Wenn die Uhr Richtung Spät-​Nachmittag geht, versam­meln sich die Masken an den Haupt-​Knotenpunkten, nämlich San Marco, Rialto und Arsenale.
Hierbei kann sich ja jeder denken, dass dann ein Fotografieren kaum möglich ist.
Man kann dann nur das Prinzip “von unten gegen den Himmel” anwenden, um die umste­henden Menschen auszu­klam­mern.

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…von unten gegen den Himmel

Denn das Wichtigste bei dieser Art von Fotografie, ist die Folge :

                                     Kulisse  –  Maske  – Pose

Dies bedeutet, dass es das Ziel des Fotografen sein sollte, nicht nur einfach die Maske zu foto­gra­fieren, sondern diese auch in die Kulisse zu inte­grieren, die es ja in Venedig gibt.
Desweiteren sollte die Maske auch in eine gewisse Pose und Gestikulation gehen, das wirkt natür­lich immer besser, als wenn man nur die daste­hende Maske foto­gra­fiert.
Aber dabei stören natür­lich die umste­hende Menschen.

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In Pose

Jetzt kommt der nächste Trick.

Es gibt gewisse Punkte in Venedig, wo man die Masken viel­fach ohne störende Touristen findet, sondern nur mit Fotografen, die diese Punkte kennen.
Dies ist natür­lich wichtig, weil es zum Karneval ja auch viele Profi-​Fotografen zieht.

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Rosa Marmor

Und einer dieser Punkte ist der kleine Platz vor der Kirche Chiesa di San Zaccaria (Campo di San Zaccaria).
Diese Kirche hat einen leicht rötli­chen Marmor, der als Hintergrund für Fotos gut zu verwenden ist.
Dieser Platz liegt leicht versteckt östlich vom Markusplatz in San Marco.

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An der Chiesa di San Zaccaria

Ein weiterer sehr zu empfeh­lender Ort für die Karnevals-​Fotografie, ist im südli­chen Stadtteil Dorsoduro zu finden.

Hier fließt ja der Canale Grande nach Venedig herein und hat dort seine größte Breite.
Um die auf der Spitze liegende Kirche Santa Maria della Salute an der Fondamenta Salute erstreckt sich ein gewisser Platz, den man aber nicht unbe­dingt als Platz (Campo) bezeichnen kann.
Trotzdem ist mir bei meinen Aufenthalten immer wieder aufge­fallen, dass es hier sehr gute Möglichkeiten gibt, die Masken ohne viele Menschen zu foto­gra­fieren.

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Pierrot am flirten

Auch leicht erhöht stehend, können die Masken hier unge­stört in Pose gehen und man kann auch eine gewisse Bilder-​Folge der sich bewe­genden Masken machen.

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…in Bewegung

Generell macht man natür­lich nicht ein Foto von der jewei­ligen Maske, sondern lichtet sie oftmals 10 bis 12 Mal ab, dadurch ist die große Anzahl der Fotos zu erklären.

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Fondamenta Salute (“Eve”)

Es ist oftmals ein rich­tiger Kampf um jedes Foto.
Man merkt schon immer, wenn sich eine inter­es­sant gestal­tete Maske nähert, weil dann scha­ren­weise die Fotografen in diese Richtung strömen.

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Würdevoll

Es ist oftmals sogar inter­es­sant (und auch lustig) einmal Fotos zu machen, von den um die Maske herum liegenden und kämp­fenden Fotografen. Dies habe ich aller­dings bei meinen Aufenthalten vor Ort verpasst.

Die Masken genießen es oftmals richtig, wenn sie im Mittelpunkt des Interesses stehen – ist ja auch richtig so, denn es ist ja schon eine mühe­volle Aufgabe, nicht nur diese Maske zu schnei­dern, sondern auch damit im Gepäck nach Venedig zu reisen, sich im Hotel darin zu kleiden, um durch die Stadt zu streifen, von den damit verbun­denen Kosten ganz zu schweigen.

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Campo di San Zaccaria

Viele Fotografen (beson­ders Profis) ziehen mit gewissen Masken von dannen, um sie in Innenräumen oder Studios vor Ort besser und ruhiger foto­gra­fieren zu können.
Vom Praktischen her gesehen ist es so, dass man in später Abendstunde mit hunderten von Fotos im Hotel tot ins Bett fällt, um am nächsten Morgen wieder in der Frühe loszu­ziehen, um weitere Masken in guter Kulisse (ohne Touristen) zu erwi­schen – also eine ganz schön anstren­gende Arbeit…
Dabei sollte man sich aller­dings keinen Stress machen, dass entschei­denden ist aber immer das Wetter bzw. die Lichtverhältnisse.

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Kerzenhalter

Man fragt sich nun, was die Masken eigent­lich abends machen, wenn es dunkel ist und man selbst erschöpft im Hotelbett liegt…

Zu dem normalen Rahmenprogramm gibt es eine Anzahl von rausch­haften Bällen mit Tanz und Musik in gastro­no­mi­schen Räumlichkeiten und Sälen.
Hierbei sollte man bedenken, dass diese Feiern nur für Masken-​Inhaber sind, und auch Eintrittspreise haben, die für einen normalen Menschen nicht erschwing­lich sind.
Deshalb ist es somit doch besser, wenn man abends erschöpft im Bett liegt, als wenn man Unsummen von Geld für eine Feier ausgibt.

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Händchenhalten

Da ich (bis vor kurzem) analog foto­gra­fierte, ist der Fußboden meines Wohnzimmers, was eine stolze Größe von 22,5 qm hat, immer nach der Entwicklung der Fotos mit hunderten von Fotografien über­säht, die auf die Auswertung warteten.
Aber ohne Fleiß kein Preis…

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Carnevale di Venezia 2016

 

* Besuchen Sie auch Teil 1 .

 

(HerrRothBesucht - Sonstiges)

 

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                                                     Impressum 

Carnevale di Venezia (1)

Wer ist die holde Schöne hinter der erstarrten Maske,
die in Venedig durch die Gassen wandelt?”

Der vene­zia­ni­sche Karneval hat ja eine lange Tradition bis zurück in die Zeit der Serenissima – in dieser Zeit wurde auf eine Art gefeiert, die den Carnevale di Venezia von heute weit in den Schatten stellt.
Darstellungen mit exoti­schen Tieren, Zauberkünstler, Wettkämpfe, Feuerwerke, mensch­liche Pyramiden, Theater-​Aufführungen, das Schlachten von Tieren, Marionetten-​Theater, Astrologen … die Vielfalt kannte keine Grenzen.
Dies sollte dem Volk zeigen, wie gut es ihnen noch geht und sollte sie (genau wie heute) bei guter Laune halten.
Wenn man in die Geschichte zurück­schaut, gab es schon immer ein dauer­haftes Auf und Ab,
es kam und kommt natür­lich auch auf die Geldgeber und die poli­ti­sche Situation an.
Wirtschaftlicher Niedergang und fehlende Gelder, ließen die Begeisterung und die Bombastizität des Karnevals sinken.

Die Behauptung, Napoleon habe 1797 den Karnevale in Venedig verboten, sollte man nicht so ernst nehmen, dreckige Politik wurde schon immer gemacht…

Als nämlich Richard Wagner Mitte des 19. Jahrhunderts sechsmal in Venedig weilte, erwähnt er in verschie­denen umfang­rei­chen Briefen an seine erste Frau und an seine geliebte Muse in der Schweiz (Mathilde Wesendonk) mehr­fach den Trubel des Karnevals, oftmals aber eher negativ, weil er ja zum Schaffen seiner Werke eher die Ruhe suchte…

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…lautlos

Venedig ist ja die laut­lo­seste Stadt der Welt, aber eben nicht zum Karneval.
Wie dem auch sei, es gibt immer ein Auf und Ab, was ja auch von den Menschen selbst abhängt.
In der heutigen Zeit hat der Karneval aller­dings nicht mehr viel mit dem histo­ri­schen Karneval im früheren Venedig zu tun.

Weil Venedig (und ganz Italien) in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts immer mehr in den Blickwinkel des Massen-​Tourismus kam, kann man ja schon erahnen, dass der Carnevale di Venezia  in der heutigen Zeit ein reines Massen-​Spektakel geworden ist.

Die sehr fanta­sie­reich gestal­teten Kostüme, und vor allem die Masken, wurden zu einem einträg­li­chen Geschäft, da sie nicht nur in Venedig en masse verkauft werden, sondern auch in die ganze Welt gelie­fert werden.

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Maskenzauber – Zaubermasken

Offiziell wird heute der Karneval 10 Tage vor Aschermittwoch in Venedig ange­gangen und mit dem soge­nannten “Engelsflug” eröffnet – hier wird eine junge Frau mit Engelsflügeln als Ritual vom über 90 Meter hohen Campanile herun­ter­ge­lassen.

Wenn man einen Besuch des Carnevale di Venezia angeht, sollte man sich über bestimmte Punkte vorher im Klaren sein.

Neben der “Goldenen Regeln” ist ja in diesen zwei­ein­halb Wochen Venedig ganz in der Hand des Karnevals.
Die Preise für Unterkünfte sind demnach wesent­lich höher, als außer­halb der Karnevals-​Zeit, genau wie die Preise für alles andere höher sind, als sonst.

Dass Venedig in dieser Zeit voll­kommen über­laufen ist, kann sich jeder denken.
Die Hauptflut der Menschenmassen kommt nicht nur bei den Eröffnungstagen (“Engelsflug”), sondern auch beim Abschluss-​Wochenende, wenn noch einmal die Scharen von Menschen über die Alpen strömen, um den Abschluss des Karnevals zu erleben.

Wer plant, mit der Kamera im Anschlag, an diesen Tagen gute Fotos zu schießen, muss bestimmte Dinge vorher über­legen.

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Blue fantasy

Wenn man bedenkt, dass der Fantasienreichtum der Masken gren­zenlos ist, muss man sich bei einem zwei­wö­chigen Aufenthalt darauf einstellen, dass man nicht unter 1.000 Fotos nach Hause geht.
Auch wenn bei meinem dies­jäh­rigen Aufenthalt 2016 das Wetter an den meisten Tagen nicht gut war, habe ich an den 4 Tagen die 400-​Foto-​Grenze über­schritten.
Bei meinem ersten Aufenthalt im Jahre 2010 bin ich mit 600 Fotos von dannen gezogen.

…wer macht die besten Fotos im Land

Das Rahmenprogramm ist im Gegensatz zum histo­ri­schen Karneval, in der heutigen Zeit ja noch recht spär­lich, trotzdem wachte ich 2010 jeden Morgen in meinem Bett im Hotel auf und hatte lauter Konfetti um mich herum liegen.

Die Veranstaltungen bestehen haupt­säch­lich aus musi­ka­li­schen Darbietungen oder Akrobaten, Seiltänzer, Feuerspucker und Feuerwerke.
Da ich bei beiden Aufenthalten nur 4–5 Tage da war, werden sicher noch einige Veranstaltungen dazu gekommen sein.

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Trio massque

Doch nun zum Hauptsächlichen…

Die Masken, bzw. deren lebender “Inhalt”, kommen ja nicht aus Venedig, sondern haupt­säch­lich aus Frankreich, England und auch aus Deutschland.
Was man an Leben sieht, sind ja nur die Augen.
Es kann also durchaus sein, dass morgens ganz jemand anderes in derselben Maske steckt, wie nach­mit­tags.

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Zauberkugel

Da es ja noch andere Karneval-​Veranstaltungen gibt, sieht man auf Fotos auch Masken, die man schon einmal in Venedig gesehen hat.

Es sind oftmals wirk­liche Liebhaber des Ganzen, denn man muss sich einmal verge­gen­wär­tigen, dass die Kostümierung bei vielen fanta­sie­rei­chen Masken, sicher die 5.000€-Grenze über­schreitet.

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Kostbarkeiten

Dadurch wird man bei schlechtem Wetter auch kaum Masken antreffen, höchs­tens den “Inhalt” der Maske, aller­dings ohne Maske, weil die Kostüme zu wert­voll sind, im Regen beschmutzt zu werden.

Außerdem hat jede Maske einen Namen und man kann auch um eine Visitenkarte bitten oder freund­lich fragen.

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Visitenkarten


Der Ablauf ist ja tagtäg­lich fast derselbe.

Die in den normalen Hotels wohnenden Masken (bzw. deren “Inhalt”), verteilen sich vormit­tags langsam über die ganze “Stadt”.
Wenn man also Glück hat und sich ein biss­chen Mühe gibt, kann es durchaus sein, dass man eine Maske an einem ruhigen Ort oder auf einem kleinen Platz (Campiello) alleine trifft.

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Bertilla – alleine erwischt…

Denn das Hauptproblem für alle Fotografen ist natür­lich der über­hand genom­mene Tourismus.
Viele Besucher versu­chen sich mit einer Maske foto­gra­fieren zu lassen.
Man kommt also oftmals gar nicht an die Maske heran, um diese ohne Menschenmassen foto­gra­fieren zu können.

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Ein Schmunzeln auf den Lippen


Jetzt gibt es wie immer gewisse Tricks.…

… und die erfährt man in  Teil 2.

 

(HerrRothBesuchtSonstiges)


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Impressum

Stendhal “Rot und Schwarz”

stendhal
                  “Ein wenig Leidenschaft beflü­gelt den Geist,
                                        zu viel löscht ihn aus”
                                                                (Zitat Stendhal)


Rot und Schwarz” (“Le Rouge et le
Noir”)
 (Anaconda Verlag GmbH Köln 2013, 606 Seiten, ISBN 978–3-7306–0046-7)


Einleitung:

Wer schon einige Berichte auf meinem Blog gelesen hat, der wird merken, dass gewisse Namen von Schöpfern, Schriftstellern und Künstlern immer wieder auftau­chen.
Und einer dieser Namen ist der fran­zö­si­sche Schriftsteller STENDHAL.  

Stendhal alias Marie-​Henri Beyle (1783–1842) war und ist ja nicht nur ein Schriftsteller (Literarischer Realismus) mit sehr viel Fantasie, sondern er hatte auch ein abwechs­lungs­rei­ches Leben, wobei gewisse Worte eine große Rolle spielten :
Karriere, Liebe-​Leidenschaft, Weltoffenheit, fran­zö­si­scher Flair und seine Liebe zur italie­ni­schen Kultur.

Er war zudem Journalist, Kritiker und Essayist und ein Anhänger Napoleons und des weiteren ein begeis­terter Italien-​Reisender.
Er verfasste Biographien, Reiseberichten und kunst­his­to­ri­sche Werke und war ein Verehrer Rossinis.
Diesem widmete er eine Biographie (sh. unten), genau wie er ein Italienbuch verfasste, indem er aller­dings auch über Reisen in bestimmte Teile Italiens berichtet, wo er gar nicht war…
Dazu gehört schon einige Fantasie.
Die beiden bedeu­tendsten Romane von Stendhal sind “Die Kartause von Parma”  und “Rot und Schwarz”.
Der Umfang zwischen 600 und 1.000 Seiten zeigt schon, dass es sich nicht nur um einfache Liebes- oder Abenteuer-​Romane handelt, sondern um große Werke der Literatur.

Im Folgenden sei kurz der Jahrhundert-​Roman “Rot und Schwarz” bespro­chen, den ich in nur 2 Wochen in einem Strich gelesen habe.


Zunächst einmal eine Kurzpräsentation des Autors aus dem Klappentext des Buches entnommen.

Stendhal (alias Marie-​Henri Beyle) kam 1783 in Grenoble zur Welt.
Kaum voll­jährig, verließ er seine Heimat und ging nach Paris.
Statt dort wie geplant zu studieren, trat er 1800 in die napo­leo­ni­sche Armee ein.
Er nahm am Italienfeldzug teil, wo er insbe­son­dere in Mailand seinen Hang zur italie­ni­schen Kunst und Kultur entdeckte.
Stendhal machte Karriere ; er wurde hoher Beamter im besetzten Westphalen und nach dem Russlandfeldzug 1812 wurde ihm die Verwaltung der kaiser­li­chen Besitztümer über­tragen.
Mit Napoleons Abdankung 1814 verlor Stendhal seine Stellung, worauf er für mehrere Jahre nach Mailand über­sie­delte.
Zu jener Zeit legte er bereits Biografien, kunst­his­to­ri­sche Werke und Reiseberichte vor.
Als er in Italien der Verschwörung verdäch­tigt wurde, musste er nach Paris zurück­kehren, wo er sich seinen Lebensunterhalt als Journalist verdiente.
Armance” war sein erster Roman und wurde 1827 veröf­fent­licht.
Drei Jahre darauf, nahm er schließ­lich einen Posten als Konsul in einer kleinen Hafenstadt an.
Im selben Jahr erschien sein berühmtes Werk “Rot und Schwarz”.
Seine Zeitgenossen hatten noch nicht begriffen, wie gesell­schafts­kri­tisch und tref­fend Stendhal sein Jahrhundert in diesem Roman porträ­tiert.

Er zählt heute zur Weltliteratur.
Stendhal starb am 23. März 1842 in Paris.

(entnommen der Ausgabe des Anaconda Verlages 2013)


Rezension :

Rot und Schwarz” ist eines der ganz großen Bücher des 19. Jahrhunderts.
Es ist zwar in die nach-​revolutionäre Gesellschaft Frankreichs veran­kert, passt aber sehr gut in die heutige Zeit und hat uns viel zu sagen…
Gute Bücher sind halt die, die man immer wieder lesen kann und die zeitlos sind, also nicht nur in der Epoche, in dem sein Autor lebte, aktuell sind, sondern immer …
Stendhal veröf­fent­lichte “Rot und Schwarz” 1830.
Der Roman basiert auf tatsäch­liche Ereignisse.

Sein Autor kämpft als solches ein Leben lang gegen die Engstirnigkeit der bürger­li­chen Welt.
Man erkennt also in der Handlung und vor allen Dingen im Protagonisten Julien Sorel den Autor wieder und man sieht die Menschenkenntnis Stendhals, der über ein immenses psycho­lo­gi­sches Wissen verfügte.

Julien Sorel, Zimmermannssohn und aus einfa­chen Verhältnissen stam­mend, hat ein ausge­prägtes Gedächtnis und beherrscht Latein.
Er ist klug, er bewun­dert Napoleon über alles und will ganz nach oben.
Er stammt mittellos aus einem kleinen fran­zö­si­schen Dorf und will diesem Rahmen entfliehen.
Er liest Berge von Büchern über Napoleon und dessen Heldentaten und Tagträume.
Julien schafft aller­dings sein Erhofftes nicht, weil er nicht zum Adel (Rot) zu zählen ist, er versucht den erhofften Aufstieg über den Klerus (Schwarz) und wird von einem älteren Pfarrer im Lateinischen fit gemacht.
Er setzt seine ganze Persönlichkeit skru­pellos ein, über seine geis­tige und seeli­sche Kraft beruf­lich, und auch sonst aufzu­steigen.
Dazu bedient er sich der ihm zuge­tanen weib­li­chen Seelen.
So kann er anfäng­lich und auch später willige Opfer finden.
Bigotterie und Intrigen der dama­ligen Zeit macht er sich zunutze, um einen Aufstieg zu schaffen.
Die geheime Liebe zur Frau des Bürgermeisters Madame de Rênal bringt nicht nur das Glück, sondern findet auch ein rasches und gleichsam tragi­sches Ende.
Nach Aufdeckung der heim­li­chen Liebschaft, muss Julien fliehen. Er begibt sich ins Seminar für weitere Studien und konzen­triert sich weiter auf seine “Karriere”.
Er kommt wiederum durch gute Beziehungen als Sekretär nach Paris.
Der Tochter des Marquis de la Mole soll er zuar­beiten – wieder ist er hin- und herge­rissen in einer Beziehung zu Mathilde de la Mole, die ihn in emotio­nale Irrungen und Wirrungen wirft.
Durch eine Schwangerschaft fliegt die Beziehung auf, sodass Mathilde de la Mole ihren Vater verlässt.
Unglücklicherweise taucht Madame de Rênal  wieder im Geschehen auf und wirft ein schlechtes Licht auf Julien, woraufhin er in blinder Wut an ihr einen Mordversuch verübt, der aller­dings schei­tert.
Madame de Rênal erholt sich von den Verletzungen und söhnt sich mit Julien im Gefängnis aus, wo er zu erkennen glaubt, dass sie die einzige ist, die seine Liebe erwi­dert hat und verachtet Mathilde, die starken Hass und Eifersucht gegen Madame de Rênal empfindet.
Julien will jedoch lieber sterben, als mit der Schmach dessen, was er getan hat, leben zu müssen.
Er lenkt vor Gericht alles so, dass er zum Tode verur­teilt wird.

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Buchgestaltung : www.katjaholst.de (Anaconda-​Verlag)


Stendhal beschreibt in diesem Roman wiederum ausführ­lich das Hin und Her der Verliebtheit und dieses zu einer Zeit, als es noch wesent­lich gefähr­li­cher war, sich dazu zu bekennen, als heute.

Unbeschreiblich einfühlsam und ganz genau beob­ach­tend, geht Stendhals Schreibstil hier ab.
Der Autor versucht die Leistungen und Wege der mensch­li­chen Seele zu ergründen, und vor allem dies auch noch in die rich­tigen Worte zu kleiden.
Stendhals Stil kommt aus dem Herzen und geht hinein in die seeli­schen Verfassungen von Mann und Frau. So wird dieser Roman auch heute noch zu einem Bildungsroman.

Menschen lassen sich immer wieder in eine vorge­ge­bene Richtung drängen und werden so verun­si­chert, was zeigt, wie weit man auch heute noch vom Erziehungsziel des mensch­li­chen Miteinander durch Profitgier entfernt ist, was in diesem Roman von Stendhal hart ange­gangen wird.

Es werden vom Autor Gegensätze aufge­zeigt (Rot-​Schwarz), aber keine voll­kom­menen Gegensätze, sonst würde der Roman ja “Schwarz-​Weiß” heißen.
Das Werk spie­gelt, vorbild­haft und hervor­ra­genden geschrieben, die Epoche seiner Zeit wider und bleibt trotzdem anwendbar auch auf Danachkommendes.
Der Untertitel “Chronique de 1830″ (Eine Chronik des 19. Jahrh.) steht für sich.
“Rot und Schwarz” ist einer der großen Romane der Weltliteratur und lohnt sich auch zweimal gelesen zu werden.

 

Anhang Carnevale di Venezia 2016 :

…war es nun ein Wink des Schicksals, eher Zufall oder eine innere Eingebung, als ich beim dies­jäh­rigen Carnevale di Venezia Anfang Februar auf eine geschmack­voll und unkit­schig gestal­tete Maske traf, die ganz in den Farben Rot und Schwarz gehalten worden war.

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Carnevale di Venezia – Fondamenta Salute 2016

Nachdem ich um eine Visitenkarte gebeten hatte und diese auch bekam, war ich doch sehr erstaunt, als ich den Namen der Maske las … STENDHAL.
Stendhal und dann in Rot und Schwarz (?).

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Visitenkarte

Zufall oder tiefer­lie­gende Gründe ?
Daheim schrieb ich der Inhaberin der Maske eine kurze Mail, da auf der Visitenkarte die Mail-​Adresse abge­druckt war, in der Hoffnung doch etwas über die Herkunft des Namens und etwaige Verbindungen zum fran­zö­si­schen Schriftsteller Stendhal zu erfahren.
Ich war aller­dings ein wenig enttäuscht, als nur ein paar Worte auf Französisch (?) kamen, die mir entfallen sind…
Über Facebook zeigte sich aller­dings einige Zeit später, dass das “Innenleben” der Maske eine Dame aus einer fran­zö­si­schen Gemeinde östlich von Lyon ist.
Und diese Gemeinde ist ca. 80 km ober­halb von Grenoble, und dort ist Stendhal ja 1783 zur Welt gekommen (!).
Ist ja nun schon ganz inter­es­sant, was man darüber alles raus­kriegen kann, denn vor Ort (Venedig) sind ja von einem lebenden Menschen nur die zwei Augen bei den Masken zu erkennen.
Allerdings hat mich dies nicht weiter­ge­bracht, ob der Maskenname und der Roman Stendhals einen gewissen Zusammenhang haben.

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Stendhals Rot und Schwarz (?)

Es gibt schon Zufälle, vor allem, weil ich den Roman “Rot und Schwarz” schon bestellt hatte, und kurz darauf auch mit Begeisterung las.
Wenn meine Vermutungen stimmen, so zeigt dies aber auch, wie publik der Schriftsteller so lange Zeit nach seinem Tode heute noch ist.

 

Literatur-​Tipps Stendhal :

* “Die Kartause von Parma
(Carl Hanser Verlag München, 2007, 998 Seiten, ISBN 978–3-446–20935-0)

* “Rossinis Leben und Treiben” (Dtsch. Rossini-​Gesellschaft e.V. Band 5)
(Georg Olms Verlag AG, Hildesheim 2003, 535 Seiten, ISBN 3–487-11886–6)

* “Reise in Italien – Rom-​Neapel-​Florenz”
(Eugen Diederichs Verl. München 1996, 443 Seiten, ISBN 3–424-01321–8)

 

(Italienreisende – Sonstige)


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Impressum


Avignon bei Nacht (Okt. 2014)

Sur le pont d’Avignon
 L’on y danse, l’on y danse

 Sur le pont d’Avignon
 L’on y danse tout en rang”
(Die Brücke von Avignon)

Ein jeder kennt das Gefühl, wenn man endlich an dem Ort ist, für den man schon lange gespart hat, lange Vorbereitungen getroffen hat, Terminabsprachen, Urlaubsplanstreitereien mit Kollegen…den Ort, den man bis dato nur aus der Literatur oder von Fotos kennt … dort, wo man schon so lange hin will…
…und dann ist man da !

Wenn ich im jewei­ligen Hotel ange­kommen bin, reiße ich mir im wahrsten Sinne des Wortes die Kleidung vom Körper, springe unter die Dusche (stoße mir meis­tens das Knie dabei), springe danach in die Jeans und renne mit noch nicht zuge­bun­denen Schuhen aus dem Hotel mit meiner Kameratasche um die Schultern.
Draußen binde ich mir meis­tens den rechten Schuh zu, denn dieser geht immer eher auf, als der linke, und stürze mit der Kamera im Anschlag in den Strudel der Gassen, zum Objekt der Begierde, zum lang Ersehnten…

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Das Pflaster von Avignon (Der Schatten des Schöpfers)

Diesen soge­nannten “ersten Eindruck” habe ich meis­tens (foto­gra­fisch) fest­ge­halten und der prägt sich ins emotio­nale Reisegedächtnis ein.
Und dabei habe ich komi­scher­weise auch die besten Fotos gemacht, weil man ja dann nicht nach etwas sucht und sich lange Gedanken macht, sondern einfach seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann.

AVIGNON ist ja nicht nur eine geschichts­träch­tige Stadt mit unge­heuren Kunstschätzen, sondern auch eine Stadt mit einem bilder­buch­mä­ßigen Aufbau.

Den ersten Eindruck, den ich nach dem Verlassen des Bahnhofes an dem sonnigen Oktobertag im Jahre 2014 von Avignon hatte, war beein­dru­ckend.

Wenn man den Bahnhof (und Busbahnhof) verlässt, merkt man sofort, dass Avignon eine alte Stadtmauer hat, die noch voll erhalten ist, denn der Eingang zur Stadt geht zwischen zwei Wehrtürmen durch und führt schnur­ge­rade durch die mit Platanen gesäumte Rue de la République Richtung Hauptplatz, dem Place de l’Horloge, dem Herzen Avignons.

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Es war alles abge­sperrt an dem Oktobertag, wegen eines Marathonlaufes und ich musste mit meiner Tasche mit Rädern drunter den ersten Eindruck zu Fuß machen, was im Nachhinein gesehen auch gut so war.
Es schwitzten nicht nur die Läufer bei den warmen Temperaturen Anfang Oktober, sondern auch ich…

Von dem besagten Place de l’Horloge  aus, gehen die Gassen  wie Adern in Richtung Papst-​Palast (Palais des Papes).

Avignon ist von den Baudenkmälern, Kunstschätzen und der zusam­men­hän­genden Altstadt gut mit dem mittel­ita­lie­ni­schen Bologna vergleichbar.
Trotz allem wird die Stadt von einem beherrscht, früher und heute, und das ist der Papst-​Palast (Palais de Papes) am Place du Palais etwas erhöht, mit einem angren­zenden Garten (Rocher des Doms).

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Palais de Papes Avignon

Wie man in der Quinta oder Quarta auf dem Gymnasium in frühen Jahren gelernt hat, war zwischen 1335 und 1430 Avignon die Residenz der Päpste (“Die Päpste ziehen nach Avignon”) und von einer eher unbe­deu­tenden Provinzstadt in das Zentrum der Weltöffentlichkeit aufge­stiegen.
Der Palais des Papes thront ober­halb der Rhone mit dem Blick nach Villeneuve-​les-​Avignon mit dem Sommersitz der Päpste Fort Saint-​Andre.
Nach außen gleicht der Papst-​Palast eher einer Festung, nach innen einer Art Schloss.
Die Bau- und Umbau-​Aktivitäten machten ihn in dama­liger Zeit zur größten Baustelle des Jahrhunderts.
Soviel dazu, wenn man im Geschichtsunterricht im Gymnasium aufge­passt hat.

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Herrschaftssitz

Schon, wenn man davor­steht und nach oben schaut, ist man über­rascht, was aus Menschenhand alles entstehen kann, wenn diese sinn­voll einge­setzt werden.
Ob es nun so sinn­voll war, ist natür­lich die Frage, trotzdem ist ja dem Besucher von heute etwas geblieben und dies alleine zeigt, dass es in gewisser Weise sinn­voll gewesen sein muss.

Der leicht anstei­gende Place du Palais scheint dem festungs­ar­tigen Gebäude schon vor den Füßen zu liegen und ist neben dem Place de l´Horloge ein Hauptanziehungspunkt am Tag und in der Nacht.
Der Platz ist ja nicht nur höchst geschichts­trächtig, er lädt ja auch, vor allem in abend­li­cher Stunde, zum Bummeln und zum Ausruhen ein und bietet ein nächt­li­ches Panorama des volu­mi­nösen Baus, wie auf einem Postkarten-​Motiv.

Jetzt nahm ich mir einmal die Zeit, von diesem Motiv eine Bildfolge zu foto­gra­fieren, von der Dämmerung über die Blaue Stunde zum Nachtblauen und zur Nacht hin.

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Dämmerung – Blaue Stunde – Nachtblau – Nacht

Auch, wenn mit zuneh­mender Stunde, die Menschenmassen sich zurück­ziehen, bleibt doch ein gewisses Leben auf dem Platz und es bieten sich unzäh­lige Perspektiven des mäch­tigen Komplexes, den ich mir am Tag auch von innen ange­sehen hatte.

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Blick zum Hotel de Ville

Das hat aber den Nachteil, dass man zu dieser fort­ge­schrit­tenen Stunde kaum noch woan­ders in dieser Stadt hinkommt, weil das Panorama des Festungsbaus einen nicht loslässt.

Man kann von einem Platz des Rocher des Domes (angren­zender Park) ein weiteres Bauwerk sehen, was schon zum Wahrzeichen Avignon avan­ciert ist, nämlich die bekannte Brücke von Avignon (Pont Saint-​Bénézet).

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Die Brücke von Avignon

Jetzt geht es im Geschichtsunterricht auf dem Gymnasium weiter…

Diese mit dem Papstpalast verbun­dene Brücke ist heute ja eher eine Ruine, aber mit einer geschichts­träch­tigen Bedeutung, also eine bedeu­tende Ruine (kommt öfter vor!).
Denn im 12. Jahrhundert sollte eine Verbindung vom Papstpalast erst zur in der Rhone liegenden Insel  (Île de la Barthelasse) geschaffen werden, und dann weiter über den zweiten Rhone-Arm zum Wachturm Tour Philippe le Bel – quasi eine Verbindung zum Sommersitz der Päpste im heutigen Nobel-​Vorort Villeneuve.

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Durch Kriege und Hochwasser wurde immer mehr der einst voll­stän­digen Brücke zerstört und das, was stehen­ge­blieben ist, über­spannt etwa zwei drittel des unteren Flussarmes der Rhone.

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…nicht viel stehen­ge­blieben (außer mir)

Von den einst 22 Brücken-​Bögen stehen heute noch vier, die als solches zum touris­ti­schen Ziel geworden sind.

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3 Bögen auf dem Wasser, einer auf dem Land

Trotzdem ist sie neben der geschicht­li­chen Bedeutung, auch durch das Lied “Die Brücke von Avignon” (Sur le pont d’Avignon) erhalten geblieben.

Jetzt ist natür­lich eines ratsam, bevor man wieder von der Brücke unter die Dusche im Hotel kommt, nämlich noch einmal den Blick von den Gemäuern des Papst-​Palastes Richtung Rhone nach Villeneuve zu genießen, was ich dann auch zu später Stunde tat.

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Blick nach Villeneuve

Dieses Avignon bei Nacht bezog sich mal wieder nur auf einen Teil, aber einen bedeu­tenden Teil dieser ehrwür­digen Stadt … das andere kommt nächstes mal dran.

Hast Du auch schon einmal diese wunder­schöne Stadt in der Nacht erlebt (?), so lass uns dies im Kommentarfeld wissen.

Was lernen wir daraus :

                  “Wenn immer alles taghell, verlernt man die Nacht”

 

* Palais de Papes (http://www.palais-des-papes.com/fr)
* Pont d’Avignon (http://www.avignon-pont.com/fr)

 

(HerrRothInDerNacht) 


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