Keramikkunst in Sevilla

Eingedenk .….….….….……”

Immer wieder passiert es einem reisenden Menschen in gewissen Städten an Häusern soge­nannte “Erinnerungstafeln” zu erbli­cken.
Natürlich nur, wenn man ein Auge dafür hat…
Dieses bedeutet, dass in diesem Haus einmal vor langer Zeit eine bekannte Persönlichkeit gewohnt oder gewirkt haben muss.

Oftmals wird auch der Name einer “Berühmtheit” aus kommer­zi­ellen Gründen benutzt, um z.B. ein Hotel heraus­zu­heben aus der Menge aller anderer Hotels in der jewei­ligen Stadt.
Denn in diesem Hotel, weilte ja einmal in grauer Vorzeit diese berühmte Person und nicht in einem anderen…

“Ruskins House” – Venedig 1850/​2019

Bei meinem 5. Venedig-Aufenthalt im Juli weilte ich auch in so einem Hotel.
Welches ist eigent­lich egal – aber hier hatte um 1850 der briti­sche Schriftsteller John Ruskin geweilt und vor allem, gewirkt.
Auch ein Venedig-Begeisterter (wer ist das nicht?), der sich aber auch Gedanken um den Erhalt der Stadt im stei­genden Meer machte.
Er verfasste nach seinen Eindrücken ein mehr­tei­liges sehr umfang­rei­ches Werk (“The stones of venice”).
Dieses ist meines Wissens (fast) nur auf Englisch erschienen, eine Ausnahme bildet eine 3 bändige Taschenbuchausgabe von 1994 (Harenberg‐​Verlag), die man in Deutsch genießen kann.

Inwieweit Ruskin nun wirk­lich in diesem Hotel weilte und vor allem, wie lange, bleibt dahin­ge­stellt. Hierbei geht es natür­lich nur darum, das Hotel durch den Namen des eher unbe­kannten Autors (ich kannte ihn bis zu dem Zeitpunkt auch nicht) herauszuheben…warum nicht ?

Modiglianis Haus (Venedig 2019)

Nicht weit entfernt im südli­chen Stadtteil Venedigs Dorsoduro traf ich in einer Seitengasse der Zattere auf eine weitere “Berühmtheit” und ein Mensch mit einer kultu­rellen Bildung wie ich, erkannte diese Person sogar an seiner Handschrift.
Und zwar ist dies der italie­ni­sche Maler Amedeo Modigliani, der aus der Toskana stammt.
Aus früheren Jahren meiner inten­si­veren künst­le­ri­schen Aktivitäten hatte ich aller­dings Modiglianis Werke nicht unbe­dingt als bewun­derns­wert in Erinnerung.
Wie man erfahren kann, hatte er ein eher trau­riges Leben mit Krankheiten, Drogen und frühem Tod.
Auch bitterarm soll er gewesen sein, aber dann ein Haus in Venedig (?), wider­spricht sich aber gewaltig.
Dass er hier in Venedig ein Haus hatte, war mir neu und ich erfuhr es auch erst durch Recherchen nach meiner Rückkehr aus Venedig.

…auch Peter Tschaikowski war hier (Florenz 2014)

Nun hat eine weitere Stadt, die auch in der Toskana liegt, einiges an großen Geistern ange­zogen.
Im südli­chen Stadtteil Santo Spirito von Florenz trifft man auch auf einige Tafeln mit den Namen berühmter Persönlichkeiten, bekann­tere oder auch unbe­kann­tere.
Wie man dem obigen Foto entnehmen kann, weilte in diesem Haus der russi­sche Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski (Pëtr Il’ič Čajkovskij).

…eher unbe­kannt (Florenz 2014)

Genau wie der aus Florenz stam­mende Bildhauer Pasquale Romanelli,
der ja eher unbe­kannt ist (auch mir), hier Tage seines Daseins verbracht haben muss.

Ein weiterer Name ließ wieder im sommer­lich warmen Florenz des Jahres 2014 mein Gedächtnis arbeiten, nämlich Louis Aragon.
Ich brauchte schon eine kurze Zeit, bis mir einfiel, dass dies ein surrea­lis­ti­scher Schriftsteller aus Frankreich war/​ist, der hier im Süden sicher mehr Ruhe fand für seine Arbeit, als im lauten Paris.

…der heiße Hauch des Südens

Im zweiten September‐​Teil diesen Jahres zeigte sich mir das südlich Sevilla eher mit bedeckter Wolkendecke.

Sevilla ist ja nicht nur die Stadt der Opern und des Flamencos, sondern auch die Stadt einer ausge­dehnten Keramik‐​Kunst.

Die Stadt des Keramik

Man kommt an kaum einem Haus vorbei, an dem nicht irgend­etwas (egal was) mit Keramik verziert ist.
Straßenschilder, Türklinken, Hausnummern, Handläufe von Treppen, Arztschilder, Hausklingeln mit Namensschild, Eingangstüren, Fensterrahmungen, und somit auch “Erinnerungs‐​Schilder” an Personen, die einen Bezug zu dieser jewei­ligen Wohnstätte haben.

…sogar gerundet für Säulen

Ob rund, gerade, eckig, um die Ecke, von unten nach oben, von oben nach unten … egal, man hat das Gefühl, dass man versucht diese Kunst überall zu präsen­tieren.

…Erinnerungen an Marokko

Der marok­ka­ni­sche Einzugsbereich erstreckte sich in früheren Jahren (soweit ich weiß) ja bis hoch in spani­sche Gefilde.
Die marok­ka­ni­schen Mosaikkunst Zellig lässt ja jeden Marokko-Besucher vor Staunen stumm werden, da er nicht nur hand­werk­li­ches Geschick aufweist, sondern auch viel Fantasie.

Marokkanisch‐​orientalischer Touch

Somit ist es natür­lich denkbar, dass diese Mosaikkunst hier in der Torero‐​Stadt aus dem afri­ka­ni­schen Marokko stammt und dort seine Wurzeln hat.

Schuster bleib bei deinen Leisten

Um nun zum Ausgangsthema zurück­zu­kehren, gibt es auch hier in Sevilla eine große Anzahl dieser “Erinnerungstafeln” an den Häuserwänden, die von der Aufmachung gleich aussehen, alle recht­eckig mit denselben Maßen und in blauer Schrift auf weißem Hintergrund.

“…hier lebte Armado Gutierrez”

Man hat hierbei sogar noch ein biss­chen mehr Fantasie aufge­bracht, als bei anderen Tafeln.
Denn man gibt dieser recht­eckigen Tafel erst einmal einen schönen Rahmen, der sogar oft heraus­ge­ar­beitet ist.
Des Weiteren erscheint die besagte Person links oben in der Ecke der Tafel mit einem Bild, sogar oftmals bei der Arbeit oder in seiner Berufskleidung.

Torero Antonio Montes

Man erkennt also auf einen Blick, ob es sich um eine Privatperson handelt oder einen Gewerbetreibenden.

…in eheli­cher Verbundenheit

Manchmal erscheint sogar ein Ehepaar – wenn schon immer Zank und Streit war, dann soll man für die Nachwelt wenigs­tens hier fried­lich vereint erscheinen.

Der künst­le­ri­sche Effekt wird noch gestei­gert, indem man das Bild der Person durch Kränze und Rahmungen heraus­hebt, Ehre wem Ehre gebührt, ob es stimmt oder nicht.

…ein strah­lendes Gesicht

Die oben zu sehende Dame zeigt ja mit ihrem strah­lenden Lächeln eine gewisse mütter­liche Ausdruckskraft.
Dieses wird durch einen Rahmen um ihr Gesicht noch hervor­ge­hoben.
Wenn man bei dieser Tafel in die untere Zeile schaut, erkennt man links das Wort “TUS Vecinos” – ob es sich hierbei um einen Fußballverein handelt, ist frag­lich (?)

Auch die Wahl der Schriftart weicht von Tafel zu Tafel ab, es ist also jede Tafel einzig­artig, auch wenn sie auf den ersten Blick gleich erscheinen.
Jeder Mensch ist ja auch einzig­artig, dadurch muss ja auch jede Tafel anders sein.

…alles in Versalien

Dem Gesicht dieser strah­lenden Dame ist der ganze linke Teil der Tafel gewidmet, der Text beschränkt sich nur auf den rechten Teil.
Hierbei ist der ganze Text in Versalien (Großbuchstaben) geschrieben, was einen Schriftsetzer wie mich eher abschreckt, da man Fließtext niemals in reinen Großbuchstaben setzen sollte, höchs­tens Überschriften, oder heraus­ge­ho­bene einzelne Worte.
Dies ist aller­dings “Fach‐​Latein”.

…das südliche Triana

Wenn man genau hinge­sehen hat, konnte man fest­stellen, dass auf vielen dieser Platten als Fußzeile vor dem Datum das Wort TRIANA erscheint.
Dieses ist ein südlich vom Kanal (Canal de Alfonso XIII.) gele­gener Stadtteil, der für mich, auch bei einem früheren Besuch dieser Metropole, einen ruhi­geren Eindruck machte.
Nicht so viel Verkehr, klei­nere Geschäfte, schöne Gassen…und eben sehr viele dieser Gedenktafeln.

Das ruhige Triana


Wie man der Fahne entnehmen kann, scheint hier das Wasser nicht weit entfernt zu sein, was auch stimmt, die Anzahl der Fisch‐​Restaurant ist auch auffal­lend hoch.
Die erste Häuserzeile am Kanal genießt sicher einen schönen Ausblick, nicht nur auf den Kanal, sondern auch auf das ober­halb liegende Santa Cruz.

Tanzmeister Manolo Marin

Der Herr auf der oben zu sehenden Tafel scheint die Kunst des Flamenco‐​Tanzes gut beherrscht zu haben, denn er wird hier als “maestro de baile” direkt unter seinem Namen titu­liert.
Wenn man nach­sieht, bedeutet dies soviel wie “Tanzlehrer, Ballettmeister etc. “
Dass er die Musik im Blut hat, zeigt schon die Körperhaltung auf dem Bild. Das Bild braucht gar keine Rahmung, da seine Gestikulation eine Rahmung unnötig macht.

Mutterherzen

Auch die Mütter bekannter Persönlichkeiten kommen nicht zu kurz.
Die oben zu sehende, etwas schlichter gestal­tete Tafel, ist nämlich nicht dem eigent­li­chen “Helden” gewidmet, sondern dessen Mutter (!), wie man sehen kann, handelt es sich hier um die Mutter des Poeten (“madre de los poetas”) Manuel Y Antonio Machado.

Und somit zeigen sich dem Besucher der Stadt nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern auch normale Handwerker, Toreros, Poeten und stadt­be­kannte Personen oder sogar deren Mütter (!).

Abschließend sei zu sagen, dass man diese fanta­sie­volle Keramik‐​Kunst also nicht nur als “Eye‐​Catcher” (wie man heute sagen würde) zum Anlocken von Besuchern und Kunden benutzt, sondern auch eher unkom­mer­ziell benutzen kann.

Als Werbung für meinen Blog würde dies an meinem Hotel in Sevilla sich auch gut machen.

…in Memoriam herr­ro­thwan­dert­wieder


“Wenn alle Toten aufer­stehen, dann werde ich in Nichts vergehen!”
(“Fliegender Holländer”, 1. Act)


*sh. Fotos Sevilla Keramik
*sh. Beitrag “Santo Spirito Florenz”

*sh. John Ruskin in Venedig
*sh. WHO is WHO (Amedeo Modigliani)



(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

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