Vom Dachboden zum Paradies

“Ein Idyll der Kinderzeit”

Wer kennt aus unserer Generation der 60er‐​Jahre sie nicht – die Mietshäuser der Arbeiterklasse, die grund­sätz­lich einen Dachboden hatten.
Hier wurde die Wäsche zum Trocknen aufge­hängt, die Kartoffeln und die Kohle waren meis­tens im Keller im Dunkeln unter­ge­bracht.
Nur als Kind hatte man meist ein Verbot den Dachboden zu betreten, warum auch immer. Den Schlüssel hatten die Eltern meist gut versteckt.

Und diese Dachböden waren ja oftmals vom Platz her nicht gerade klein – es reizte uns als Kinder immer dort zu spielen, unter dem Dach, wo sich im Sommer die Hitze staute – es herrschte ein leicht muffiger Geruch, der durch das Waschpulver ange­rei­chert wurde.
Fast so gut, wie ein Heuboden auf einem Bauernhof.

Wenn man nun die obere Etage, wo andere glaubten, hier sei Schluss, erreicht hatte, führte noch eine klei­nere Treppe leicht spiral­förmig weiter in die Höhe, was erfor­schungs­wil­lige Kinder ja noch mehr reizt – wo mag das wohl hinführen ?
Wenn man diese spiral­för­mige Treppe auch noch erklommen hatte, stand man meist vor einer verschlos­senen Tür, die nicht gerade einla­dend aussah und die die letzte Hürde zum “Paradies” bedeu­tete.
Wenn nun eine Nachbarin die Wäsche aufge­hangen hatte, konnte es vorkommen, dass sie vergessen hatte, die Tür abzu­schließen – das war die Chance endlich dahin zu gelangen, wo man immer hin wollte, aber nicht durfte…auf den unheim­lich zauber­vollen Dachboden…

Nach dieser einstim­menden Vorbereitung nun zum Eigentlichen.
Mein Hotel in der Altstadt von Sevilla (Santa Cruz) in der Weihnachtszeit des Jahres 2014 zeigte in der Vor‐​Recherche im Internet eine Art Dach‐​Terrasse als ihr Eigen.

Das weiß getünchte Paradies

Nun glaubte ich, dass diese im Winter geschlossen sei, es war auch im Foyer des Hotels kein Schild mit einem Hinweis zu finden, dass auf die Existenz einer Dach‐​Terrasse hinwies.
Noch nicht einmal an den Wänden des in Weinrot gehal­tenen Hotels konnte man einen Hinweis in Form eines Schildes finden.
Als ich durch das Treppenhaus die oberste Etage erreicht hatte, kamen bei mir die oben geschil­derten Erinnerungen an meine Kindheit hoch.
Schon ein biss­chen dreist ging ich die letzten Stufen in die Höhe und stand wie in die Kindheit zurück­ver­setzt vor so einer Tür, die ja fast immer abge­schlossen war.
Nun hielt ich den Atem an und ergriff die Türklinke … und die Tür ging auf …
Als ich durch die Tür nach draußen ging, stand ich wie gebannt in einem “Paradies”, aber diesmal nicht auf dem Dachboden eines Mietshauses der 50er und 60er Jahre in der Heimat, sondern auf einer mit Palmen und Kakteen gezierten Dach‐​Terrasse mit weiß getünchten Wänden, an denen Blumentöpfe hingen, die lange Schatten warfen.

Mit Palmen geschmückter Paradiesgarten

Erst einmal wurde ich stumm, wie immer wenn etwas kommt, wo man nicht mit gerechnet hat und was einem die Sprache verschlägt.
Auf den gefliesten Mauern standen Töpfe mit fanta­sie­vollen Kakteen‐​Sammlungen, kleine Bilder an den Wänden, Kerzen für die Abendstunden auf einer Art Theke, Korbstühle luden zum Hinsetzen ein … ich fiel vor Überwältigung rück­wärts in so einen Stuhl und sah nun die abso­lute Krönung des Ganzen – der Blick zum schon leicht erleuch­teten La Giralda, dem Glockenturm der Catedral de Sevilla, der schon an ein Minarett einer Moschee erin­nert.

Fast wie in einem orien­ta­li­schen Traum

Wie in einem Traum saß ich über eine halbe Stunde ohne mich von der Stelle rühren zu können.
Nun hatte die Dämmerung bereits begonnen und die “Blaue Stunde” neigte sich ihrem Ende und das alles bei 18° Grad Ende Dezember.

Kakteen‐​Zauber

Kein Mensch war außer mir hier oben, viel­leicht war vielen nicht bewusst, welches Juwel das wein­rote Hotel auf seinem Dache beher­bergte.
Gegen 22:00 Uhr erhob ich mich dann doch, denn es war schon empfind­lich abge­kühlt in diesen Wintermonaten, wo man die Kühle erst des Nachts spürte.

Stacheliger Blick

Ich hatte etwas Schwierigkeiten die kleine Tür wieder zu finden und hatte schon Bedenken, dass sie mitt­ler­weile abge­schlossen worden wär, was aller­dings nicht der Fall war.
Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Zimmer im Bett auf und ich wusste nicht, ob ich es geträumt hatte oder ob es Realität war.
Somit machte ich mich vor dem Frühstück erst einmal wieder die Treppe hoch … war es Realität oder Traum ?

Träume in Grün

Die Dachterrasse war in ihrem Zauber noch da, diesmal im strah­lenden Sonnenschein über den Dächern von Sevilla
Ich dachte, dass es besser wäre, erst einmal zu früh­stü­cken, bevor ich mich wieder vom Zauber des “Dach‐​Paradieses” in den Bann reißen lasse. In den Nachmittagsstunden konnte ich dem aller­dings nicht wider­stehen.

Man sieht, wie nah Realität und Traum beiein­ander liegen…
Vielleicht haben die anderen Gäste des Hotels nicht die Zeit der 60er‐​Jahre in Deutschland mit 8 bis 10 Parteien‐​Mietshäuser und ihre Dachböden miter­lebt, sonst wären ja oben auf der Dachterrasse mehr Menschen gewesen außer mir.

Was lernen wir daraus :

Die Eindrücke der Jugend
bestimmen den Geist des Lebens”


*  sh. auch meinen Beitrag “Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte

* sh. auch meine Fotos Sevilla


(Sonstiges)

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