Palazzo Giustiniani Venedig (1858/​2013)

            “Hier wird der Tristan vollendet – 
                                  allem Wüthen der Welt zum Trotz…”
                       
      (Richard Wagner an Mathilde Wesendonk, 3. Sept. 1858)

Nach seiner Flucht aus der Schweiz bezieht Richard Wagner am 29./30. August 1858 den Palazzo Giustiniani  (Giustinian dalle Zogie) auf der linken Kanalseite (von Osten kommend) im ersten “Knie” des Canale Grande in Venedig.

Am ersten Knie des Canale Grandes links­seitig (sh. schwarzer Pfeil)

Hier genoss Wagner die “wohl­tu­ende Einsamkeit” der laut­losen Stadt und kompo­nierte in der linken Palasthälfte (vom Wasser aus gesehen!), die auch unter dem Namen Palazzo Brandolini bekannt ist, in einem
Piano Nobile (Etage eines vene­zia­ni­schen Palazzos mit Balkon) den 2. Act des schönsten Liebesdramas der Weltmusikgeschichte, seinen “Tristan und Isolde”.
Der goti­sche Palast aus dem 15. Jahrhundert ist zu finden im Stadtteil Dorsoduro 3228.
Die beiden Palasthälften waren früher getrennt, heute sind sie archi­tek­to­nisch verbunden.

Pal. Giustiniani Anfang 18. Jahrhunderts (alte Zeichnung)

Das, was mich die Musik so unsäg­lich lieben läßt, ist, dass sie alles
verschweigt, während sie das Undenklichste sagt…”
                              (Brief an Fürstin Wittgenstein, 1858)

Diese Fakten hören sich noch einfach an, doch auf Grund der Tatsache, dass Venedig ja die unwahr­schein­lichste aller Städte ist, kommt vor Ort die Realität.

Wenn man von hinten “davor” steht, ist es die rechte Palasthälfte, die rich­tige Bezeichnung ist aber die linke Palasthälfte, d.h. die linke Palasthälfte vom Wasser aus gesehen.
Dieses muss man immer im Kopfe haben, wenn es um rechts oder links in Venedig geht.

Welche Räume es wirk­lich waren, die Wagner bezog , kann man in einem Brief an Mathilde Wesendonck erkennen :
“Ich bewohne in der ersten Etage das Zimmer mit dem heraus­ste­henden Erker und den beiden Fenstern links davon…” (Brief an M.Wesendonck 1858)
Wenn man sich ein Foto des Palazzos von der anderen Seite der Canale Grandes anschaut, sieht man, dass links neben dem Erker (wie Wagner schreibt) noch Platz für zwei Fenster ist, d.h. sich noch ein oder zwei Räume befinden.
Ob der mittig zu sehende Erker mit 4 Fenster zu den Räumlichkeiten gehört (oder halb gehört) kann man nur mit Gewissheit sagen, wenn man drin wäre.
Die genaue Aufteilung der Räumlichkeiten sind von außen nicht klar zu erkennen, hierzu müßte man die Räume selber von innen aufsu­chen können.

Canale Grande (29.08.2013)


“Es ist der Gipfel meiner bishe­rigen Kunst…”
                       
(Brief an Mathilde Wesendonk, 10. März 1859) 

Bei der Fixierung der Räume ist mir ein inter­es­santes Foto aus dem “Großen Saal”  des Palazzos in die Hände geraten, was als Wagners
“Arbeitszimmer” anzu­sehen ist, mittig muss (damals) noch sein Érard-​Flügel gestanden haben.

Großer Saal Pal. Giustiniani (Mitte des 18. Jh.)

Hier entstand die Komposition des “Großen Nachtgesangs” von Tristan und Isolde im 2. Act des Werkes.
Die Komposition des Actes wurde 18. März 1859 vollendet.

 “Sie werden einen Traum hören, den ich hier zum Klingen gebracht habe…”
                                   (Brief an Mathilde Wesendonk, 1858)

Im großen Jahr 2013 (200er Geburtstag Wagners) habe ich versucht, den rich­tigen Eingang (3228) von hinten (!) zu finden, was kein einfa­ches Unterfangen ist.
Hierbei habe ich neben umfang­rei­cher Literatur auch Satellitenbilder, Briefe und Karten zu Rate gezogen.

Die “Haus-​Nummer” 3228 habe ich in meiner Literatur nur in einer Biografie gefunden (und bei C.F.Glasenapp 3. Teil, Seite 188), die als die beste und zuver­läss­lichste der letzten 30 Jahre gilt – nur, wenn man bedenkt, dass der eine Autor so schreibt, der andere so, ist als solches gar nichts zuverläßlich.
Trotzdem stellte diese Zahl (3228) schon einen hilf­rei­chen Anhaltspunkt für mich dar.

Calle Giustinian 3228

Was man im Vorfeld zu so einer Recherche wissen muss, ist die Tatsache, dass es in Venedig neun Pal. Giustinian(i)  gibt, die mit verschie­denen Doppelnamen aus dem I. und II. Adelsgeschlecht behaftet sind.

Die Schreibweise des Palazzos weicht ab – der hier bespro­chene Palazzo ist der einzige von den neun, der Giustiniani heißt, die anderen tragen alle den Namen oder Teilnamen Giustinian – .….…., also ohne den Buchstaben i.
Die Gasse schreibt sich aller­dings Calle Giustinian.
Die Schreibweise weicht (wenn man darauf achtet) aller­dings immer wieder ab, sodass man den Namen eigent­lich gar nicht fest­legen kann.

Campiello dei Squelini (entnommen www.artigiani-ve.it)

Man kommt im Stadtteil Dorsoduro, wenn man sich von Westen dem Objekt nähert, erst auf den kleinen Platz Campiello dei Squelini (nicht Squillini) – hiervon geht von Westen aus gesehen rechts die Gasse Calle Beata Eufemia Giustinian (Calle Giustinian) Richtung Canale Grande ab.
Der besagte Eingang 3228 liegt auf der rechten Seite der engen Gasse und ist die erste Tür rechts (mit 6 Schellen und einem Briefkasten).

Man muss bedenken, dass es in Venedig mehrere Gassen mit dem Namen Calle Giustinian gibt, deshalb steht in einer Adresse immer nur der Stadtteil und die Hausnummer aufge­führt (in diesem Fall Dorsoduro 3228), nie die Gasse an sich (sh. Goldene Regeln Venedig).

Bleistift-​Skizze vorher

Im Vorfeld fertigte ich mir noch eine Bleistift-​Skizze an, zur näheren Fixierung vor Ort (die noch fehler­haft war).
Man macht sich kein Bild davon, wie lange ich trotz umfang­rei­cher Studien, gebraucht habe, bis ich den rich­tigen Eingang auf der rechten Seite der Gasse durch die umge­bende dicke Mauer gefunden hatte – denn es gibt sogar noch einen Eingang 3228A (!)
Hinterher habe ich mir daheim eine weitere Bleistift-​Skizze ange­fer­tigt, die die vorge­fun­denen Gegebenheiten vor Ort noch etwas besser darstellt (die aller­dings auch noch nicht ganz stimmt).

Bleistift-​Skizze nachher


Erst kommt wie bereits erwähnt auf der rechten Seite
der Eingang 3228, dann der Eingang 3228A.
Auf Satelliten-​Bildern erkennt man hinter dem linken Palastteil (vom Wasser aus gesehen) einen Innenhof mit Gartenanlage und (vermut­lich) eine Freitreppe, die in die verschie­denen Ebenen führt.
Am Eingang der Tür von 3228 sind 6 Schellen (nur linke Palasthälfte drei Ebenen mit je zwei Wohnbereichen) mit Sprechanlagen und ein Briefkasten.
Wasser-​Etage sei hierbei nicht mitgerechnet.
Bei der Tür 3228A befinden sich keine Schellen (!).
Wenn man nun auf dem Satelliten-​Bild genau schaut, liegt hinter der Tür 3228 der Innenhof durch den man zu der genannten Freitreppe kommen kann.
Hinter der Tür 3228A erkennt man bei genauer Betrachtung eine Art Anbau, der mit dem Rest des Gebäudes verbunden ist und in den die genannte Tür hinein­führt, quasi nicht der Eingang in den Innenhof (und indi­rekt über die Freitreppe in die jewei­ligen Ebenen), sondern in eine Art Anbau (Nutzfläche etc.).
Welchen Nutzen dieser Anbau hat, ist nicht zu ergründen, aller­dings ist logi­scher­weise eine Eingangstür (ohne Schellen) 3228A als Eingang denkbar.
Somit fällt die Tür (3228A) als die gesuchte Eingangstür weg und der defi­nitiv rich­tige Eingang ist alleinig 3228.
Der Innenhof beher­bergt auch einen geschlos­senen Brunnen (die es in Venedig viel­fach gibt), der aus der Luft gesehen noch quadrat­mäßig mit zwei gekreuzten Linien markiert ist.

Calle Giustinian 3228 (Juli 2019)


…Raum- und zeitlos ist der Nachten Herrschaft

Wo nun die Fragen des Räumlichen (auch mit Fragezeichen behaftet) abge­ar­beitet sind, kommen die Fragen des Zeitlichen, was bei Wagner ja oftmals ein Rätselraten ist.

Ich war am 29. August 2013 dort, viele Biografien schreiben den Einzug Wagners auf den 29. August, andere auf den 30. August 1858.

Hierbei würde ich mich nicht auf Biografen (und auf Wagners diktierte Autobiografie) verlassen.
Man vermutet, dass der Mietvertrag mit dem unga­ri­schen Wirt am 30. August begann, der Einzug aller­dings schon am 29. August vonstatten ging, welchem ich aus der Sicht von heute zustimmen würde und was auch logisch erscheint.

Um es klar zu sagen, ich war am 29. August 2013, also genau 155 Jahre später dort, wo der Meister im Liebesrausch den 2. Act seines “Tristan” kompo­nierte und habe meine Hand auf die (rich­tige) Eingangstür gelegt (das ist schon kult­hafte Dramaturgie).

Nach ca. 7 Monaten ist Wagner als poli­ti­scher Flüchtling jedoch am 24.03.1859 aus Venedig ausge­wiesen worden.
Da war der Traum vorbei und die Realität kehrte zurück.
Der 3. Act entstand daraufhin fast komplett in einem Hotelzimmer
in Luzern.

Es bleibt natür­lich die Frage offen, ob derje­nige, der die loka­li­sierten Räumlchkeiten heute bewohnt, über­haupt weiß, was hier entstanden ist ?

Der Meister thront über Venedig


“O sink hernieder, Nacht der Liebe,
gib Vergessen, daß ich lebe ;
nimm mich auf in deinen Schoß,
löse von der Welt mich los!”
(Großer Nachtgesang, 2. Act)

 

Die Literatur ist trotz der großen Bedeutung von Venedig für Richard Wagner
und sein Werk eher dünn gesät :

*Friedrich Dieckmann (“Richard Wagner in Venedig”)
 Reclam, Leipzig (1983), ISBN-​10 : 3379015091, 299 Seiten

 *John W. Barker (Wagner and Venice”)
   University of Rochester Press (31. Dezember 2008)
   (nur in Englisch erschienen)

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* siehe auch meinen Beitrag :

Richard-​Wagner-​Büste Castello (2010/​13)

Fotos Vendig

Venedig (2007/​2010/​2013)

Venedig Nacht (2007/​2010/​2013)

(HerrRothBesucht)

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