Richard-​Wagner-​Büste Castello (2010/​13)

…ernste Stimmung, Größe, Schönheit und Verfall
dicht neben­ein­ander.”

(Richard Wagner an Mathilde Wesendonck, 1858)


Die Bedeutung VENEDIGS für das Schaffen vieler Künstler und Schöpfer ist oftmals schwer einzu­schätzen, aber eins ist klar – es gibt kaum eine “Stadt”, die so viele große Geister zum Schaffen ihrer Werke inspi­riert hat, wie Venedig.

Impression – Inspiration – Faszination

Eine niemals logisch zu sehende Kette, sondern eine rein­mensch­liche.
Große Werke kommen immer aus dem Herzen und nicht aus dem Kopf.

Venedig besitzt einen unge­heuren todes­e­ro­ti­schen Sog (Thomas Mann) und dieser spie­gelt sich in der Verschlungenheit einer versin­kenden Stadt und immensen Reichtümern mit dem Tod.

Bei den sechs Aufenthalten RICHARD WAGNERs in der Lagunenstadt gibt es zwei, die als äußerst bedeu­tend heraus­zu­heben sind, und zwar nicht nur für Wagners Leben und Werk, sondern für viel mehr.

Der im sehn­suchts­vollen Rausch und dem “Tristan-​Fieber”, indem Wagner 1858 im Pal. Giustiniani in Dorsoduro am ersten Knick des Canale Grande den zweiten Tristan–Act kompo­nierte, ist der eine.

Linke Palasthälfte – 2. Piano Nobile (?)

…sie werden einen Traum hören, den ich hier zum Klingen gebracht habe”, schreibt der “Meister” an seine Muse in der Schweiz, der Frau des wohl­ha­benden Industriellen Otto Wesendonck.

Diese viel­fach erforschte “Beziehung” Wagners zu der wesent­lich jüngeren talen­tierten Frau, bringt sich in das Werk “Tristan und Isolde” ein.

“…den Tristan danke ich Ihnen von ganzen Herzen”, so wiederum Wagner an die einzig wahre Liebe seines Lebens.
Den “Tristan” gebe es auch ohne Mathilde, die Rolle der Isolde auch, aber eben nicht so…

Die Verschmelzung von sehn­suchts­voller Liebe, die nie in Erfüllung gehen konnte, und der Todes-​Sehnsucht, löst die musi­ka­li­sche (!) Struktur des “Liebestodes” aus (nicht die Handlung!).
Das heißt, dass der “Liebestod” nur in der Komposition (Tristan-​Akkord) voll­zogen wird – dieses aber auf die Handlung über­schlägt, der “Tod” Isoldes im “Schlussgesang” ist also kein hand­lungs­mäßig reeller Tod, sondern ein ster­bendes Untergehen in den Wogen der Orchesterklänge des Finales.
(Für spätere konzer­tante Aufführungen gedachte Regieanweisungen heißen : “…wie ster­bend sinkt Isolde über dem toten Tristan nieder…”
Wie ster­bend…” heißt noch lange nicht, dass sie tot ist!)

Das Orchester ist in diesem “Ausnahmewerk” der Haupt-​Protagonist, der die gesamte Handlung trägt.
Hierbei wird die Beziehung einer musi­ka­li­schen Struktur auf einen außer­mu­si­ka­li­schen Zusammenhang von Wagner auf die Spitze getrieben.
Die Gattungsbezeichnung dieses Werkes ist demgemäß auch nicht Oper oder Romantische Oper, sondern ganz einfach Handlung.


Das alles bedeutet, dass eine Erfüllung der Liebe nur im gemein­samen Tod gelingt, wozu Venedig natür­lich die passende Kulisse bietet.
Ganze Selbstmordepidemien zog Wagner Werk hinter sich her, was zeigt, wie tief­grei­fend das Werk wirkt und was sehn­suchts­volle Liebe auslösen kann.

So kam nun der letzte und bedeu­tendste Aufenthalt Wagners in Venedig, als der “Meister” nämlich am 13. Februar 1883 um 15:00 Uhr im Pal. Vendramin-​Calergie mit dem Blick auf den Canale Grande (!) starb.
Wagner starb aller­dings im Mezzanin (Mittel-​Etage) des Seitenflügels – er starb also nicht direkt im Palazzo, was heute das Casino beher­bergt, sondern im leicht zurück­lie­genden Seitenflügel, vor dem Platz für einen kleinen Garten zum Wasser hin bleibt.
Unzählige Biographen irren sich bis heute bei dieser wich­tigen Lokalisierung.

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Ein Ort zum Sterben

Wenn man die Bedeutung dieser beiden Aufenthalte in Venedig im Leben Wagners zum Anlass nimmt, kann man sagen, dass Venedig quasi symbol­haft ein Portal des Lebens zum Tode ist.

Diese meine These kann jeder bestä­tigen, der einmal zu verschie­denen Uhrzeiten, des nachts oder im dichten Nebel durch die Gassen der Lagunenstadt geschli­chen ist.

Bei meinem vierten Venedig-Besuch zum Karneval im Februar 2016 lag mein Quartier weit im Norden in Cannaregio, was ja vom nahe­ste­hendsten Orientierungspunkt (RIALTO) weit entfernt liegt.
Aber nicht von der Luftlinie her, die ist sehr nahe, sondern von der Schwierigkeit der Orientierung und dem Gefühl einer gewissen Hilfslosigkeit.
Denn an dem eher düsteren Mittwoch, fing es an zu regnen, und ich bewegte mich kurz vor Sonnenuntergang in der Nähe bzw. am Anfang der ZATTERE, als immer dunk­lere Wolken aufzogen.
Bis Rialto war es noch machbar, doch dann…(?)

Ich brauche diesen Rückweg zum Hotel bei Dauerregen im Dunkeln kaum zu schil­dern, weil man es nicht schil­dern kann – man merkt aller­dings eins, wie nah der Tod sein kann und wie hilflos der Mensch dagegen ist.
Es war anstren­gender als manche exzes­sive Wanderung.

Die Wagner-Büste im Giardini pubb­lici im Stadtteil CASTELLO im Osten, worum es hier eigent­lich gehen soll, war mir im Jahre 2007 bei meinem ersten Aufenthalt in Venedig bei den rausch­haften Ergüssen des “ersten Mals” entgangen.

Blick über Venedig

Beim zweiten Besuch im Jahre 2010 zum Karneval sollte sich diese Lücke füllen,
Ich hatte es sogar geschafft am Todestag (13. Februar) dort zu sein, der in das Abschlusswochenende des Karnevals in diesem Jahr (2010) fiel.
Zufall oder Verheißung ?

Stolz schaut der “Meister” über die Stadt, der er so viel zu verdanken hat, sogar seinen Tod.

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…mit Nase

Somit war dieses geschafft, aber bei diesem Aufenthalt stand ja der Karneval im Mittelpunkt, von dem ich mit 600 Fotos von dannen zog.

Der dritte Venedig-Aufenthalt stand ganz im Zeichen des “Tristan” und des 200. Geburtstags Richard Wagners.
Denn in diesem Jahr rezi­pierte ich ein Jahr lang das Ausnahmewerk, den “Tristan” und suchte auch den Entstehungsort des 2. Actes in Dorosduro auf,  was ein nicht ganz einfa­ches Unterfangen war.

Am 30. August 1858 (bis vor kurzem tendierte ich noch auf den 29. August) zog Wagner damals in den Palazzo am Canale Grande ein und somit musste ich meinen Aufenthalt in diese Woche fallen lassen.

Um es klar zu sagen, ich stand genau 155 Jahre später vor dem Eingang Dorsoduro 3228 des Palazzo Giustiniani  (linke Palasthälfte vom Wasser aus und rechte Palasthälfte von hinten gesehen!), wo der “Meister” im 2. Piano Nobili (?) im Liebesrausch den 2. Act des schönsten Liebesdramas der Weltmusik-​Geschichte kompo­niert hat.
Ein indi­vi­du­eller Erguss, der anderen kaum verständ­lich erscheint … das ist eben Religion.

Dorsoduro 3228 (hinter dem Campiello dei Squelini)

Das Wetter war lau in diesem August und so hatte ich mir vorge­nommen, noch einmal zur Wagner-Büste nach Castello zu pilgern, um sie bei Sonnenuntergang Richtung Westen zu foto­gra­fieren.
Das Ganze war wie immer genau durch­kal­ku­liert, im Westen geht die Sonne unter und demgemäß ist der Blick Wagners bei unter­ge­hender Sonne wie für einen Fotografen geschaffen.

Somit machte ich mich mit Stativ auf den Schultern die Riva degli Schiavoni in San Marco nach­mit­tags entlang Richtung Castello.
Als ich mich dann dem Giardini des Biennale-​Geländes weit im Osten Castellos näherte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen – die Büste war zwar noch da, aber …
… man hatte Wagner die Nase abge­schlagen (!?)

…ohne Nase

Von dem Schock musste ich mich erst einmal erholen und nahm Platz auf einer nahe­ste­henden Bank.
“…nah, das hat er ja nun nicht verdient.”
Trotz allem erin­nerte ich mich dem eigent­li­chen Grund meines Erscheinens.

Es war ja noch später Nachmittag und ich musste mich mit einem Sonnenuntergang noch etwas gedulden.
Immer wieder schoben sich Wolkendecken vor die “kämp­fende” Sonne, was ich mir als gutes Motiv nicht entgehen lassen wollte.

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Wolken-​Strukturen

Nun wollte ich natür­lich die Gesichtsstrukturen im Schattenriss ohne Wolken haben.
Und wenn ich mir etwas vorge­nommen habe, dann …
Die Ergebnisse, nach über einer Stunde des Wartens, haben mich dann bei der Auswertung der Fotos daheim nur teil­weise befrie­digt, schon alleine aus dem Grund, dass Wagner ja die Nase fehlte, was einer Gesichts-​Struktur zu wider läuft.

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Gesichts-​Strukturen

Als ich dann nach über 2 Stunden meinen Weg Richtung San Marco einschlagen wollte, kam bei einem Zurückblicken ein zweiter “Schock” … der nahe­ste­henden Büste Giuseppe Verdis, der ich bisher keine Beachtung geschenkt hatte, war auch die Nase abge­schlagen worden (!?)

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…auch ohne Nase

Es musste also ein gezielt geplantes Attentat gegen die beiden Antipoden des Musiktheaters gewesen sein, sonst hätten ja nicht beide (!) ihre Nase opfern müssen.
Auch wenn sich Wagner und Verdi nie persön­lich begegnet sind, sind sie hier im Tode fried­lich vereint, aller­dings beide ohne Nase…

Da muss man schon einen feinen Geruchssinn haben, um heraus­zu­finden, was dies zu bedeuten hat … (?)

Was lernen wir daraus :

       “Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende”
                                                   (Nietzsche)


* Weitere Fotos Venedig auf meiner Bildergalerie Venedig

 

 (HerrRothBesucht)

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