“Hier wird der Tristan vollendet –
allem Wüthen der Welt zum Trotz…”
(Richard Wagner an Mathilde Wesendonk, 3. Sept. 1858)
Nach seiner Flucht aus der Schweiz bezieht Richard Wagner am 29./30. August 1858 den Palazzo Giustiniani (Giustinian dalle Zogie) auf der linken Kanalseite (von Osten kommend) im ersten “Knie” des Canale Grande in Venedig.

Hier genoss Wagner die “wohltuende Einsamkeit” der lautlosen Stadt und komponierte in der linken Palasthälfte (vom Wasser aus gesehen!), die auch unter dem Namen Palazzo Brandolini bekannt ist, in einem
Piano Nobile (Etage eines venezianischen Palazzos mit Balkon) den 2. Act des schönsten Liebesdramas der Weltmusikgeschichte, seinen “Tristan und Isolde”.
Der gotische Palast aus dem 15. Jahrhundert ist zu finden im Stadtteil Dorsoduro 3228.
Die beiden Palasthälften waren früher getrennt, heute sind sie architektonisch verbunden.

“Das, was mich die Musik so unsäglich lieben läßt, ist, dass sie alles
verschweigt, während sie das Undenklichste sagt…”
(Brief an Fürstin Wittgenstein, 1858)
Diese Fakten hören sich noch einfach an, doch auf Grund der Tatsache, dass Venedig ja die unwahrscheinlichste aller Städte ist, kommt vor Ort die Realität.
Wenn man von hinten “davor” steht, ist es die rechte Palasthälfte, die richtige Bezeichnung ist aber die linke Palasthälfte, d.h. die linke Palasthälfte vom Wasser aus gesehen.
Dieses muss man immer im Kopfe haben, wenn es um rechts oder links in Venedig geht.

Welche Räume es wirklich waren, die Wagner bezog , kann man in einem Brief an Mathilde Wesendonck erkennen :
“Ich bewohne in der ersten Etage das Zimmer mit dem herausstehenden Erker und den beiden Fenstern links davon…” (Brief an M.Wesendonck 1858)
Wenn man sich ein Foto des Palazzos von der anderen Seite der Canale Grandes anschaut, sieht man, dass links neben dem Erker (wie Wagner schreibt) noch Platz für zwei Fenster ist, d.h. sich noch ein oder zwei Räume befinden.
Ob der mittig zu sehende Erker mit 4 Fenster zu den Räumlichkeiten gehört (oder halb gehört) kann man nur mit Gewissheit sagen, wenn man drin wäre.
Die genaue Aufteilung der Räumlichkeiten sind von außen nicht klar zu erkennen, hierzu müßte man die Räume selber von innen aufsuchen können.

“Es ist der Gipfel meiner bisherigen Kunst…”
(Brief an Mathilde Wesendonk, 10. März 1859)
Bei der Fixierung der Räume ist mir ein interessantes Foto aus dem “Großen Saal” des Palazzos in die Hände geraten, was als Wagners
“Arbeitszimmer” anzusehen ist, mittig muss (damals) noch sein Érard-Flügel gestanden haben.

Hier entstand die Komposition des “Großen Nachtgesangs” von Tristan und Isolde im 2. Act des Werkes.
Die Komposition des Actes wurde 18. März 1859 vollendet.
“Sie werden einen Traum hören, den ich hier zum Klingen gebracht habe…”
(Brief an Mathilde Wesendonk, 1858)
Im großen Jahr 2013 (200er Geburtstag Wagners) habe ich versucht, den richtigen Eingang (3228) von hinten (!) zu finden, was kein einfaches Unterfangen ist.
Hierbei habe ich neben umfangreicher Literatur auch Satellitenbilder, Briefe und Karten zu Rate gezogen.
Die “Haus-Nummer” 3228 habe ich in meiner Literatur nur in einer Biografie gefunden (und bei C.F.Glasenapp 3. Teil, Seite 188), die als die beste und zuverlässlichste der letzten 30 Jahre gilt – nur, wenn man bedenkt, dass der eine Autor so schreibt, der andere so, ist als solches gar nichts zuverläßlich.
Trotzdem stellte diese Zahl (3228) schon einen hilfreichen Anhaltspunkt für mich dar.

Was man im Vorfeld zu so einer Recherche wissen muss, ist die Tatsache, dass es in Venedig neun Pal. Giustinian(i) gibt, die mit verschiedenen Doppelnamen aus dem I. und II. Adelsgeschlecht behaftet sind.
Die Schreibweise des Palazzos weicht ab – der hier besprochene Palazzo ist der einzige von den neun, der Giustiniani heißt, die anderen tragen alle den Namen oder Teilnamen Giustinian – .….…., also ohne den Buchstaben i.
Die Gasse schreibt sich allerdings Calle Giustinian.
Die Schreibweise weicht (wenn man darauf achtet) allerdings immer wieder ab, sodass man den Namen eigentlich gar nicht festlegen kann.

Man kommt im Stadtteil Dorsoduro, wenn man sich von Westen dem Objekt nähert, erst auf den kleinen Platz Campiello dei Squelini (nicht Squillini) – hiervon geht von Westen aus gesehen rechts die Gasse Calle Beata Eufemia Giustinian (Calle Giustinian) Richtung Canale Grande ab.
Der besagte Eingang 3228 liegt auf der rechten Seite der engen Gasse und ist die erste Tür rechts (mit 6 Schellen und einem Briefkasten).
Man muss bedenken, dass es in Venedig mehrere Gassen mit dem Namen Calle Giustinian gibt, deshalb steht in einer Adresse immer nur der Stadtteil und die Hausnummer aufgeführt (in diesem Fall Dorsoduro 3228), nie die Gasse an sich (sh. Goldene Regeln Venedig).

Im Vorfeld fertigte ich mir noch eine Bleistift-Skizze an, zur näheren Fixierung vor Ort (die noch fehlerhaft war).
Man macht sich kein Bild davon, wie lange ich trotz umfangreicher Studien, gebraucht habe, bis ich den richtigen Eingang auf der rechten Seite der Gasse durch die umgebende dicke Mauer gefunden hatte – denn es gibt sogar noch einen Eingang 3228A (!)
Hinterher habe ich mir daheim eine weitere Bleistift-Skizze angefertigt, die die vorgefundenen Gegebenheiten vor Ort noch etwas besser darstellt (die allerdings auch noch nicht ganz stimmt).

Erst kommt wie bereits erwähnt auf der rechten Seite der Eingang 3228, dann der Eingang 3228A.
Auf Satelliten-Bildern erkennt man hinter dem linken Palastteil (vom Wasser aus gesehen) einen Innenhof mit Gartenanlage und (vermutlich) eine Freitreppe, die in die verschiedenen Ebenen führt.
Am Eingang der Tür von 3228 sind 6 Schellen (nur linke Palasthälfte drei Ebenen mit je zwei Wohnbereichen) mit Sprechanlagen und ein Briefkasten.
Wasser-Etage sei hierbei nicht mitgerechnet.
Bei der Tür 3228A befinden sich keine Schellen (!).
Wenn man nun auf dem Satelliten-Bild genau schaut, liegt hinter der Tür 3228 der Innenhof durch den man zu der genannten Freitreppe kommen kann.
Hinter der Tür 3228A erkennt man bei genauer Betrachtung eine Art Anbau, der mit dem Rest des Gebäudes verbunden ist und in den die genannte Tür hineinführt, quasi nicht der Eingang in den Innenhof (und indirekt über die Freitreppe in die jeweiligen Ebenen), sondern in eine Art Anbau (Nutzfläche etc.).
Welchen Nutzen dieser Anbau hat, ist nicht zu ergründen, allerdings ist logischerweise eine Eingangstür (ohne Schellen) 3228A als Eingang denkbar.
Somit fällt die Tür (3228A) als die gesuchte Eingangstür weg und der definitiv richtige Eingang ist alleinig 3228.
Der Innenhof beherbergt auch einen geschlossenen Brunnen (die es in Venedig vielfach gibt), der aus der Luft gesehen noch quadratmäßig mit zwei gekreuzten Linien markiert ist.

…Raum- und zeitlos ist der Nachten Herrschaft
Wo nun die Fragen des Räumlichen (auch mit Fragezeichen behaftet) abgearbeitet sind, kommen die Fragen des Zeitlichen, was bei Wagner ja oftmals ein Rätselraten ist.
Ich war am 29. August 2013 dort, viele Biografien schreiben den Einzug Wagners auf den 29. August, andere auf den 30. August 1858.
Hierbei würde ich mich nicht auf Biografen (und auf Wagners diktierte Autobiografie) verlassen.
Man vermutet, dass der Mietvertrag mit dem ungarischen Wirt am 30. August begann, der Einzug allerdings schon am 29. August vonstatten ging, welchem ich aus der Sicht von heute zustimmen würde und was auch logisch erscheint.
Um es klar zu sagen, ich war am 29. August 2013, also genau 155 Jahre später dort, wo der Meister im Liebesrausch den 2. Act seines “Tristan” komponierte und habe meine Hand auf die (richtige) Eingangstür gelegt (das ist schon kulthafte Dramaturgie).
Nach ca. 7 Monaten ist Wagner als politischer Flüchtling jedoch am 24.03.1859 aus Venedig ausgewiesen worden.
Da war der Traum vorbei und die Realität kehrte zurück.
Der 3. Act entstand daraufhin fast komplett in einem Hotelzimmer
in Luzern.
Es bleibt natürlich die Frage offen, ob derjenige, der die lokalisierten Räumlchkeiten heute bewohnt, überhaupt weiß, was hier entstanden ist ?

“O sink hernieder, Nacht der Liebe,
gib Vergessen, daß ich lebe ;
nimm mich auf in deinen Schoß,
löse von der Welt mich los!”
(Großer Nachtgesang, 2. Act)
Die Literatur ist trotz der großen Bedeutung von Venedig für Richard Wagner
und sein Werk eher dünn gesät :
*Friedrich Dieckmann (“Richard Wagner in Venedig”)
Reclam, Leipzig (1983), ISBN-10 : 3379015091, 299 Seiten
*John W. Barker (“Wagner and Venice”)
University of Rochester Press (31. Dezember 2008)
(nur in Englisch erschienen)
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* siehe auch meinen Beitrag :
Fotos Vendig

