Das Sein und das Nichts (1980/​2009)

Einst hielt ich Paris für die schönste Stadt,
doch dann sah ich Neapel…”
        (herr­ro­thwan­dert­wieder)                

Als am 15. April 1980 Jean-​Paul Sartre in Paris starb, fuhr ich mit der Bahn nach Gare du Nord, nahm mir mein schon mehr­fach genutztes Quartier direkt unter­halb der Sacre Couer im 18. Arr. , stieg in die nächste Metro und fuhr schnur-​stracks ‘gen Süden zum Cimetiere Montparnasse, um das frische Grab Sartres zu sehen, der 4 Tage vorher beer­digt worden war.

Hört sich eher an, wie ein Wunschdenken oder eine Erfindung.
Ist es aber nicht, nur ist die ganze Sache ja 39 Jahre her und ich war damals 20 Jahre alt.
Leider hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht so viel Affinität zur Fotografie und besaß demgemäß auch keine Kamera, mit der ich alles hätte fest­halten können, wie ich es in späteren Jahren tat.
Die Erinnerungen an die dama­ligen mehr­fa­chen Paris-Aufenthalte sind heute auch eher verschwommen und somit ist es zwar im Langzeit-​Gedächtnis bei mir hängen­ge­blieben, aber mein emotio­nales Reisegedächtnis war halt noch nicht so ausge­prägt und es kommt mir a poste­riori etwas lücken­haft und verne­belt vor.

Trotzdem weiß ich noch, dass ich mir auf dem eher kleinen Friedhof im Süden (14. Arr.) nicht so viel Mühe beim Suchen von Sartres Grab machen brauchte, wie anderswo.
Nachdem ich einen Bediensteten gefragt hatte, zeigte er mir das Grab (gut, wenn man Englisch spre­chen kann).
Wie es nun wirk­lich aussah, ist mit entfallen, da ich es (leider) foto­gra­fisch nicht fest­ge­halten habe – wie halt ein frisches Grab von einer Beerdigung ein paar Tage vorher aussieht…

Ganz in der Nähe liegt Charles Baudelaire – auch ein Philosoph, der mir damals nur von Namen her bekannt war, heute a poste­riori (gut, wenn man Latein hatte) sieht das natür­lich anders aus…
Denn Baudelaire war damals großer Wagnerianer und hat versucht, das Werk Wagners in Frankreich zu etablieren und den Franzosen zugäng­lich zu machen.
Ob ich nun damals wusste, wer Wagner ist, weiß ich auch nicht mehr, ich schwebte eher in anderen musi­ka­li­schen Mode-​Erscheinungen.

Soweit meine heute leicht verne­belte Erinnerung an fast 40 Jahre Vergangenem.

…das Sein und das Nichts


“Das Sein und das Nichts
” – Sartres Hauptwerk hatte schon damals für mich einen inter­es­santen Titel – es ist nun aller­dings fast ein Witz, dass ich es bis heute noch nicht gelesen habe.
Aber irgendwie hatte mir damals Sartres Art und Weise des Protestes es angetan und so ergab sich aus der Kombination mit diesem Titel doch mein näheres Interesse.

Damals hielt ich Paris für die schönste Stadt…

Nur, dass ich zu dem Zeitpunkt niemals daran gedacht hätte, in eine andere Stadt zu kommen, die für mich Paris im Hintergrund unter­gehen ließ … und das ist Neapel

… doch dann sah ich Neapel.

Eine ganz andere Epoche, damals ein bis zwei Jahre nach der Pubertät und dann als 49jähriger im Rausch der Gassen von Neapel bei meinem ersten Aufenthalt im Jahre 2009. 

Wahn oder Wirklichkeit

Da erkennt man erst einmal, wie man sich verän­dert, aber man verän­dert sich ja nicht nur, sondern um einen herum verän­dert sich ja auch alles – jeder ist quasi eine Veränderung in der Veränderung…
Jetzt wird es wieder leicht philo­so­phisch…

Nur “Das Sein und das Nicht” passt aus der heutigen Sicht auch sehr gut zu der unver­gleich­li­chen Metropole Neapel und meinem ersten Aufenthalt dort.
Die Erinnerungen an den ersten Aufenthalt in Neapel 2009 und an den zweiten Aufenthalt 3 Jahre später, sind ja wesent­lich frischer, als an
Paris in frühen Jahren.

Neapel – gut gewürzt

Die Metropole Neapel ist so viel­seitig, dass man zehnmal hinfahren kann und man hat immer noch nicht alles gesehen, von den starken Unterschieden zwischen Arm und Reich ganz zu schweigen, herr­schen hier starke Verschiedenheiten.
Wenn ich jetzt an Neapel denke, so denke ich als erstes an die Altstadt – an San Lorenzo.

Piazza Dante

Es geht die Via Toledo hoch vom Hafen Richtung Norden bis zum Piazza Dante, und dann direkt nach Osten in die Gassen der Altstadt und weiter zur Via Tribunali, wo ich schon zweimal dasselbe Quartier hatte.

Quartier in der Via Tribunali

Heute kenne ich mich in Neapel besser aus, als in manchen umlie­genden Städten im Ruhrpott, da in Neapel eine Orientierung auch ohne viel Können, sehr einfach ist.
Dieses gilt aller­dings nicht für den Altstadt-​Kern San Lorenzo, wo das Labyrinth der Gassen seinen Höhepunkt hat.

Via Tribunali

Wenn man aber einmal in den Gassen der Altstadt Neapels ist, kann es schnell sein, dass man in eine Art “Rausch” verfällt und man denkt, bin ich im Sein oder im Nichts (?)
Die Orientierung ist hier laby­rinthartig schwie­riger, als anderswo in Neapel.

Labyrinthus prä nocturne

In frühen Jahren sah es, wie überall, ja auch in Neapel ganz anders aus.
Die impo­santen Bauten und Kirchen standen alle frei und man konnte um sie herum gehen.
Heute ist alles einge­baut und sogar umbaut.
Die Dichte der Bevölkerung ist enorm und man bekommt eine der dich­test bevöl­kerten Metropolen Europas vor die Augen.

Starke Bevölkerungsdichte

Dies bringt unwill­kür­lich den Reiz mit sich, dass man von außen oft gar nicht erkennen kann, was dahinter steckt, man treibt durch auf den
ersten Blick vergam­melt erschei­nenden Gassen und Gebäuden, weicht dann spora­disch in einen offenen Eingang ab…und steht plötz­lich in einen Paradies.

Kloster Santa Chiara – Paradies aus Majolika-​Fliesen

Die in großer Anzahl vorhan­denen Kunstschätze, Kirchen und Museen sind auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar und man kann auch Schwierigkeiten bekommen, wenn man etwas bestimmtes in der Altstadt San Lorenzo sucht.
Doch, wer suchet, der findet.…
Und so kommt man in prunk­volle Kapellen, Kirchen und Kirchen-​Komplexe, palast­ähn­liche Museen und Palazzos von Kunst-​Mäzene.

Wo nun das Sein ist und wo das Nichts, ist schwer zu sagen.
Das Sein erkennt man aber daran, dass die Frauen hier konti­nu­ier­lich am Waschen sind, was ja bei der drückenden Hitze nicht zu umgehen ist.

Waschtag jeden Tag

Geschickt versteht man die Wäschen an den Leinen durch eine Rolle zu sich zu ziehen, um sie abzu­nehmen oder wieder neu zu bespannen.

Jeden Tag Waschtag

Über den beson­deren Geruch, der hier in der Altstadt von Neapel herrscht, kann man viel rätseln, da ja ein Geruch schwer zu beschreiben ist, für mich drückt er aber einen Art Sehnsucht aus – wenn man es plas­tisch versucht zu beschreiben, ist es wie dunkle Massivholz-​Decken, wein­rote mehr­fach geschich­tete Samt-​Gardinen mit einem biss­chen Waschpulver-​Geruch gewürzt.
Dieser “Neapel-​Geruch” kommt einem aller­dings erst ab 30°C in die Nase, wenn hier die Luft steht und des Nachts die Temperaturen nicht unter 27° C Grad sinken.

Eierschalen-​Farben

Der Bezug zu Eier besteht hier nicht nur durch früher viel­fach abge­bautem Tuffstein, der dann für den Bau oder die Pflasterung der Bürgersteige benutzt wurde, sondern auch in den Farben der Fassaden.


Genauso die unge­wöhn­liche Farb-​Kombination von Weinrot und Maus-​Grau, die auch oftmals an Kirchen zu beob­achten ist.

Weinrot – Mausgrau

Bei meinem zweiten Aufenthalt in Neapel 2012, bin ich extra losge­zogen und habe Motive mit dieser Farbkombination gesucht, die für Fassaden eher unge­wöhn­lich ist.

Chiesa di Sant’Angelo a Nilo

Wenn ich nun heute durch die Gassen Neapels im Internet virtuell wandele, dann höre ich als Untermalung oftmals dazu die “Faust-​Ouvertüre” von Richard Wagner.
Ein früher sympho­ni­scher Versuch, wobei aus einer geplanten ganzen Faust-Symphonie letzt­end­lich nur eine Ouvertüre von Wagner reali­siert wurde.
Hierbei muss man als Hintergrundwissen bedenken, dass diese Ouvertüre in Paris (!) 1840 entstanden ist – und zwar in einem Stadium der Verzweiflung und des Hungers, als Wagner nämlich immer wieder versuchte an der Grand Opera, dem dama­ligen geis­tigen Zentrum der (west­li­chen) Welt, anzu­kommen und immer wieder mit seinen Werken abge­lehnt wurde.
Sie ist eher trüb­sinnig und lässt auch Dr. Faustus Frust des Studierens in Goethes  opus magnum (gut, wenn man Latein hatte) erkennen.
Untermalung der Gassen von Neapel mit den eher trüb­sin­nigen Klängen eines in Paris schwer­mütig entstan­denen Werkes…

Somit schließt sich der Kreis begin­nend bei Sartre über Baudelaire – von Richard Wagner zu Goethe und von Paris in fast verges­sener Vorzeit zum Rausch der Gassen von Neapel.

Was lernen wir daraus :

Nicht Menschen machen Reisen,
sondern Reisen machen Menschen”

 

* Wagners Faust-​Ouvertüre auf YouTube

* sh auch meine Beiträge zu Neapel
* sh auch meinen Beitrag “Wohnraumprobleme Neapel” 

* sh. auch meine Fotos zu Neapel

 

(HerrRothBesucht/​Sonstiges)

                                                 
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