“Selbstzeugnisse”
Ein Tagebuch ist eine Stätte, wohin man sich zurückzieht, wenn die Schlacht des Tages geschlagen ist.
Also quasi ein unbestechliches fälschungssicheres Protokoll des Lebens mit den Emotionen und der Gefühlswelt des Autors.
Man kann natürlich den Rahmen eines Tagebuch erweitern…
…eine Beschreibung der Begierden, des inneren Gewissens, der eigenen Seele und inneren Gefühle – also sehr Intimes, was andere eigentlich gar nichts angeht.
Deshalb sind die Tagebücher bekannter Persönlichkeiten aus der Politik, Kultur etc. oftmals schon hochinteressant, weil man dann die andere Seite des Menschen sieht, als wie man ihn kennt oder ihn zu kennen meint.
In frühen Jahren vor der Erfindung von Film, Fernsehen und Internet gab es ja neben Briefen als Kommunikationsmedium auch das Tagebuch …dieses allerdings erst nach dem Tod des Verfassers.
Wenn eine bedeutende Person nun von uns schied, zogen Biografen hauptsächlich den Briefverkehr und das Tagebuch für Ihre Forschungen heran.
In Biografien wird somit viel auf die Schriften in Form von Tagebücher und Briefen zurückgegriffen, um die Biografie glaubwürdig zu gestalten.
Nur ist kritisch anzumerken, dass Biografien immer die Meinung des Autors widerspiegeln und niemals neutral sein können.
Auch Auto-Biografien stellen nur das Leben hin, wie man es gern gesehen hätte und nicht, wie es wirklich war.
Demgemäß kann man ja jede Person, vor allem, wenn sie umstritten ist, in ein positives oder negatives Licht stellen – jeder hat gute und schlechte Seiten.
Wenn man jetzt den Tätigkeiten dieser Person ablehnend gegenüber steht, zieht man eher das Negative heran (und braucht so nicht lügen) und anders herum wird von einem Verehrten nur das Positive berichtet, um ihn in ein gutes Licht zu stellen.
Das klingt schon fast wie Journalismus, der eher niedrigsten Stufe der Literatur.
In der Zeitgeschichte gibt es ja nun eine Person, der wie kaum ein anderen Unmengen hinzugedichtet bekommen hat, angeblich waren ja auch von einem Star-Journalist seine Tagebücher entdeckt worden, nur dass diese gar nicht von Ihm waren, sondern eine Fälschung, was wiederum zeigt, was Journalismus ist.
Dies soll aber nicht das Thema dieses Beitrages sein.

Der Italien‑, Belcanto- und Rossinifreund MARIE-HENRI BEYLE (1783–1842) war ja ein fleißiger Verfasser und Autor zum Teil sehr umfangreicher Literatur, sodass er sogar noch heute eine gewisse Verehrerschaft hat.
Seine Tagebücher nehmen einen großen Teil seines Schaffens ein und umfassen den Zeitraum zwischen 1801 bis 1821, demgemäß war er im blühenden Alter von gerade mal 18, als er seine Eindrücke und Erlebnisse schriftlich festhielt.
Sie umfassen über 1.200 Seiten, was von Ausgabe zu Ausgabe variieren kann.
Diese gehen auch weit über den Rahmen von reinen normalen Einträgen zum Tagesablauf hinaus.
Eine Art autobiografischer Novelle (“Das Leben des Henry Brulard”) zeigen auch tagebuchähnliche Züge, allerdings beendete er sie 1836 (unvollendet), als er beruflich als Konsul in der italienischen Küstenstadt Civitavecchia oberhalb von Rom seinen Dienst antrat.
Seine Zeit dort beschreibt er auch in anderen Texten als sehr öde, wodurch seine Feder eher ruhte.
Stendhal zweifelte stark am Interesse des Publikum an diesem Werk, welches auch seine eher triste Kindheit und viele Enttäuschungen beschreibt.
Heute gilt es als Meisterwerk autobiografischer Literatur und ironischer Selbstreflexion.
Aber dies ist ja oftmals der Fall, dass die Werke von Schöpfern erst nach deren Ableben des Autors veröffentlicht.
Man kann die umfangreichen Tagebücher schon als Ergänzung dieser Eigen-Darstellungen sehen.
Viele Darstellungen von Besuchen bei kulturellen Veranstaltungen und Aufführungen sind sicher für viele sehr interessant, sie werden aber leider bei vielen Ausgaben in der heutigen Zeit weggelassen, weil man der Meinung ist, dass sie zu speziell auf einen eher kleineren Leserkreis zugeschnitten sind.
Im Jahre 1806 verfasst Stendhal einen interessanten Eintrag, den ich hier zitiere :
“Die Leidenschaften enthüllen eine Unzahl Wahrheiten über uns, sie werden Wahrheiten für uns im Augenblick, da wir sie sehen, meist aber sind sie sehr weit entfernt davon, wirklich wahr zu sein”
Sehr gut erkannt Herr Stendhal, bzw. Herr Brulard…nein..Herr Beyle.
Die Wahrheit ist etwas was nur hingestellt wird, was allerdings mit der wahren Wahrheit oftmals nichts zu tun hat.

Die geheimen Tagebücher von Herrn R...
Meine durchgehend Tagebücher beginnen in einer Zeit des Umbruchs im Jahre 2004 bis heute (2026).
Wie bei Herrn Beyle wurden Sie in den letzten Jahren etwas spärlicher, da die aktiven Jahre leicht zurückgegangen sind und größere Reisen nicht mehr realisiert werden können.
Es ist natürlich für einen selbst höchst interessant Einträge aus frühen längst vergangenen Jahren zu lesen, wenn man ja heute einen ganz anderen Blick darauf hat.
Denn a posteriori sehen viele Dinge ganz anders aus, als es damals aussahen.
Es ist schon interessant, wie man sich selbst im Laufe der Jahre verändert, bzw. sich alles um einen herum verändert hat, bzw. beides.
Ist natürlich die Frage, ob sie nach meinem Ableben überhaupt jemand liest (?)



