Torre degli Asinelli Bologna (Aug. 2016)

                          “In Goethes Namen”

BOLOGNA besaß ja im frühen Mittelalter nicht nur ein ausge­klü­geltes, modernes Kanalssystem, was nicht nur zur Fortbewegung, sondern vor allem zur Energiegewinnung zum Antreiben von Mühlen dienten, sondern auch einen “Wald” von Wehrtürmen.

Die Anzahl von ca. 180 Türmen (?) in der Blüte des 13. Jahrhunderts warf und wirft natür­lich die Frage auf, welchen prak­ti­schen Zweck diese Türme gehabt haben (?).
Sie lagen ja zum größten Teil im Inneren der Stadt und nicht an den Wehrringen, was den Grund eines Wehrturmes aufkommen lassen könnte.

Due Torri – Bologna

Als Goethe 1786 Bologna aufsuchte, glaubte er eine logi­sche Erklärung für die Existenz dieser Türme gefunden zu haben.
Ich erlaube mir aus seiner Italienischen Reisezu zitieren :

In den Zeiten der städ­ti­schen Unruhen war jedes große Gebäude zur Festung, aus der jede mäch­tige Familie einen Turm erhob. Nach und nach wurde dies zu einer Lust- und Ehrensache, jeder wollte auch mit einem Turm prangen, und als zuletzt die graden Türme gar zu alltäg­lich waren, so bauten man einen schiefen…” (J.W.v.Goethe “Italienische Reise”, S. 105)

Klingt von unserem Goethe ganz logisch und sogar mensch­lich – jeder will den anderen über­treffen, oder zu mindes­tens gleich­kommen, dies hat Goethe ja gut erkannt.
Außerdem hat es dieses Symptom schon immer gegeben bis in die heutige Zeit hinein.

Von den Fakten her ist der Torre degli Asinelli mit seinen 97 Metern heute der höchste, voll­ständig erhal­tene Turm Bolognas mit einer Neigung von 2,20 Meter.
Der Name “Asinelli”  ist von den Familien geprägt, die den Turm im 12. Jahrhundert bauen ließen.
Der direkt daneben liegende, bzw. stehende Torre dei Garisenda hat heute eine Höhe von 48 Meter mit einer gefähr­li­chen Neigung von 3,20 Meter.
Das Wissen, dass der Turm einst eine größere Höhe hatte und während des Baus teil­weise wieder abge­tragen wurde, lässt darauf schließen, dass er sich schon während des Baus geneigt haben muss.

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Saint Petronius

Als Vergleich bietet sich natür­lich Pisa an – der “Schiefe Turm von Pisa” hat eine Höhe von 55 Meter mit einer Schieflage von 3,90 Meter.
Bei einer Höhe von 97 Metern wäre der Turm von Pisa sicher schon einge­stürzt.

Ein weiteres Faktum aus der heutigen Zeit ist, dass es in Bologna von den aus dem Mittelalter stam­menden Türmen noch ca. 25 Turmreste, die bis zu einer Höhe von 60 Metern reichen, gibt.

Unterlagen und eine Karte ließen mich bei meinem Aufenthalt 2016 auf die Suche nach diesen “Türmen” bzw. eins­tigen Türmen gehen.
Manchmal gehört schon ein biss­chen Fantasie dazu, einen (ehema­ligen) Turm darin zu erkennen oder zu vermuten, in dem, was man heute noch sieht.
Die quadra­ti­schen Sockel sind bei vielen gleich, was darauf hin schließen lässt, dass sich dieses Bauprinzip für die Standhaftigkeit bewehrt hatte.

Die Fakten der noch erhal­tenen Türme oder Turmreste sind umfang­reich und mit unter­schied­li­chen Zahlen und Datierungen behaftet.
Nur zeigt sich an einigen Türmen, die ich aufsuchte, der Lauf der Geschichte.
Geschäfte, Restaurants, Hotels, Tore, Durchgänge – alles Umfunktionierungen, um den früher eher sinn­losen Türmen in der heutigen Zeit noch einen gewissen Sinn zu geben.

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Torresotto di Castiglione

Ich suchte etwa 12–13 “Türme” an diesen heißen Augusttagen auf, die in größerer Anzahl eher in nörd­li­chen Teil der Altstadt ober­halb der Via Ugo Bassi liegen.
Ohne in zu große Faktenaufzählungen abzu­gleiten, möchte ich einige von heutiger Besonderheit sich heraus­he­benden Objekte kurz aufzählen.

Der sehr zentral gele­gene Torre Azzoguidi (61 Meter) in der Via Altabella ist neben dem Asinelli der höchste der noch stehen geblie­benen Türme.
Er erschien mir als ein perfekt vertikal stehender Turm – durch eine schwere Holztür und einem Fenster, hatte ich den Eindruck, dass er bewohnt ist, was aller­dings nicht genau zu defi­nieren ist (ist aber doch keine schlechte Idee).
In einem Wehrturm zu wohnen hat sicher­lich für jüngere (und ältere) Kinder seinen Reiz.

Die im nörd­li­chen Teil der Altstadt liegende Via Piella weist ja gute Einblickspunkte in das ehema­lige Kanalsystem Bologna auf, welches nur noch an wenigen Stellen in der Stadt zu finden ist.
Der Eingang in die Via Piella von der Via Bertiera aus, zeigt sich wie ein massives Wehrtor, doch beim zweiten Hinsehen erkennt man schnell, dass es sich wiederum um einen alten Turm handelt.
Die bei vielen anderen Türmen zu findende Sockelkonstruktion fehlt.
Es handelt sich hierbei um den Torresotto die Piella oder das Porta Govese.
Also ein Turm unter­halb der Via Piella (Torresotto) oder ein Tor in diese Straße hinein (Porta).

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Torresotto dei Piella

Demnach hat dieser (ehema­lige) Turm noch einen prak­ti­schen Sinn als Eingangstor bekommen.

Wenn man von der Via degli Albari in die Via Albiroli geht, kommt es einem wie eine Vision des mittel­al­ter­li­chen “Türmewaldes” vor, da die beiden Türme, der Casatorre Guidozagni  (20 Meter hoch) und der Torre Coronata, auch Torre Prendiparte genannt (60 Meter hoch), nah beiein­ander stehen und man immer nach oben schauend sich ins mittel­al­ter­liche, von Türmen geprägte Bologna zurück versetzt fühlt.

Dieser Torre Prendiparte (an der Piazetta Prendiparte) hat den Beinamen Coronata (ital. Krone), also der “Gekrönte”.
Diese Bezeichnung leitet sich davon ab, dass in einer Höhe von ca. 50 Metern das Mauerwerk in Form einer Krone durch Verringerung des Mauerwerkvolumens abge­setzt ist.

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Torre Prendiparte

Die dama­lige Familie Prendiparte wollte durch den Bau die Uneinnehmbarkeit und ihre Macht demons­trieren.
Er beher­bergt heute ein kleines B&B-Hotel, was ihm mit einer Dachterrasse auf ca. 60 Meter Höhe viel Reiz verleiht und als äußerst sinn­volle Weiterführung des ehema­ligen Wehrturmes gelten kann.

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Guter Ausblick

 Eine inter­es­sante Eingliederung eines dama­ligen Turmes in die Infrastruktur der heutigen Zeit, ist der Torre Galluzzi (ca. 30 Meter hoch) in der Corte de Galluzzi.
In einem Innenhof (corte) steht man vor dem Eingang des Turmes – laut Plan ist dieses auch der Hof des dama­ligen festungs­ar­tigen Komplexes der Familie Galluzzi.
Wenn man nun durch die gläserne Tür schaut, erkennt man unschwer, dass sich im Inneren ein Geschäft befindet.
Das Logo an der Glastür (eine Mischung aus A und M) zeigt auch noch ein Schild, dass sich der rich­tige Eingang (in das Geschäft) in der Via D’Azeglio befindet.
Wie ich unschwer beim Betreten des Geschäftes erkennen konnte, handelt es sich um einen Fachhandel für CDs, DVDs, Computerspiele etc. (was sonst?).
Mir fiel sofort linker­hand der einge­baute ehema­lige Wehrturm der damals mäch­tigen Familie auf.
Man kann quasi (von innen) die einst äußere Wand des Turmes mit der Hand berühren.
Außerdem kann man sogar durch einen tunnel­ar­tigen Gang an die gläserne Tür von innen gehen und hinaus­bli­cken, wo ich vormals hinein­ge­blickt hatte.

Diese 5 Beispiele sollen genügen, den Blick in die Vergangenheit zu öffnen und eine sinn­volle Weiterführung in der heutigen Zeit darzu­legen.
Es gibt natür­lich noch eine Anzahl weiterer Turmreste, die ich aller­dings bei meinem dies­jäh­rigen Besuch aus Zeitgründen nicht aufsu­chen konnte, weil es auch immer ein Suchen (mit Fantasie) ist, und das kostet Zeit.

Als Wahrzeichen gelten ja wie oben erwähnt, die beiden schiefen Türme (Torre Asinelli und Torre Garisenda).
Der erstere ist ja der einzig in voller Höhe erhal­tene Turm, der natür­lich zu einem Aufstieg einlädt.

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Also mal hoch…

Die Frage, die sich nicht nur Goethe stellte, ist die, ob die Türme (vor allem der Torre Asinelli)  schief gebaut worden sind, oder durch äußere Umstände schief geworden sind (?).
Jetzt ist es natür­lich die Frage, welchen der beiden Türme Goethe über­haupt bestiegen hat ?
Ich tendiere zum Asinelli (der weniger stark geneigt ist) – dass man den Torre Garisenda besteigen kann, gilt als sicher, trotzdem kann man nicht genau sagen, welchen der beiden Türme Goethe wirk­lich bestiegen hat.

Hierzu schreibt wiederum Goethe:

…ich war nachher oben auf demselben (auf welchem?). Die Backsteinschichten liegen hori­zontal. Mit gutem, bindendem Kitt und eisernen Ankern kann man schon tolles Zeug machen.” (J.W.v.Goethe, Italienische Reise, Seite 105).

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Aufstieg über 497 Stufen – Torre Asinelli (Bild entnommen Wikipedia.org)

Mit Goethes Idee und der Frage der Herkunft der Schrägung des Turmes im Kopf, begann ich kurz vor meiner Abreise im August 2016 den Torre Asinelli zu besteigen.

Die schon ausge­tre­tenen Holzstufen (497 Stück) des Torre Asinelli zeigen, dass nach Goethe hier schon einige Menschen den Turm bestiegen haben müssen.
Ab ca. 10 Meter weist der in Schalentechnik gebaute Turm einen inneren Hohlraum auf, der Platz für die Holztreppen bietet.
Mir ging es ja nicht nur um die Besteigung und den Ausblick von der Spitze (das hatte ich ja 2011 schon gemacht), sondern darum, von innen die Wände zu betrachten.
Ab ca. 60 Meter wird die äußere Mauer des Turmes dünner, was für die Stabilität des Turmes und die dadurch nied­ri­gere Einsturzgefahr zeugt.

Ich bin kein Architekt, aber eine hori­zon­tale Bauweise von über­ein­an­der­lie­genden Schichten, wie Goethe es schreibt, kann ich bestä­tigen.

Es kann sich aber natür­lich auch um eine opti­sche Täuschung handeln, denn bei einer allmäh­li­chen lang­samen Neigung, hätten sich ja auch die Aufgangsstufen und Holzgerüste im Inneren mitge­neigt, wodurch dem Aufsteiger die Bauschichten ja hori­zontal erscheinen müssen. 

Es ist also schwer zu sagen, ob die Schichten schräg gebaut worden sind oder schräg geworden sind.

Ich tendiere zu einem lang­samen Schrägwerden, da der Aufstieg ja heute wie damals über ein mit schräg gewor­denes Stufen-​Holzgerüst erfolgen muss, ob nun bei Goethe oder bei mir, und somit steigt man ja in einem mit schräg gewor­denen Aufstiegsgerüst in einem schräg gewor­denen Turm in die Höhe, und man muss somit die Backsteinschichten hori­zontal sehen (!)
Genauso sind eiserne Anker nicht innen ange­bracht (was Goethe auch nicht direkt sagt), sondern nur von außen zur Stabilisierung zu erkennen.
Der untere Sockel ist ziem­lich stabil und weist sogar Geschäfte auf, mit einem darüber liegenden, kleinen, den Turm umrun­denden Balkon. 

Goethes bauana­ly­ti­sche Studie lässt auch eine konkrete Antwort über das Symptom der Schräglage des Torre Asinelli offen.
Faktum ist aller­dings, dass man damals, ohne das Wissen von heute, einfach drauf los baute, was Bauwerke entstehen ließ, die schon an Wunder grenzen und der Schwerkraft zu trotzen scheinen.

Goethes Beschreibungen lassen den Leser auch eher einen gewissen zyni­schen Humor über die “Torheit” der dama­ligen Zeit erkennen.

Nichtsdestotrotz ist es schon erstaun­lich, dass die meisten gerade Türme in Bologna verschwunden sind oder nur noch einzelne in Restform erhalten sind, aber die beiden schiefen noch stehen, ob sie nun schief gebaut worden sind oder mit der Zeit sich geneigt haben.

Was lernen wir daraus :

                     “Das Unbewährte bewährt sich
                                           oftmals eher als das Bewährte”


* sh. auch meinen Beitrag zum Kanalsystem von Bologna des Mittelalters
* weitere Fotos zu Bologna in meiner Bildergalerie Italien


(HerrRothBesucht)

 

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4 Gedanken zu „Torre degli Asinelli Bologna (Aug. 2016)“

  1. nun bin ich aber auf die übrigen Fotos gespannt, die noch folgen werden. Wie immer ein sehr instruk­tiver Bericht, der Wissen vermit­telt, ohne sich volks­hoch­schul­mäßig zu gerieren.

    Gruss von der Wegsite

    1. Hallo W.E.G.,
      Fotos müssen noch ausge­wertet werden, wird noch ein paar Tage dauern, da ich diesmal ca. 450 Fotos gemacht habe.
      Habe mir eine Anregung aus Ihren “9 Gründe” geholt und werde demnächst auch etwas schreiben über das Für und Wider von Reisen
      und warum man reisen sollte…
      herr­ro­thwan­dert­wieder

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