Wagner in Verona (1876 /​ 2017)

                  “…plötz­lich steht Wagner vor mir”

Die Prunkmeile Veronas, die Via Mazzini ist immer gut für illustre
Begegnungen.
Sie ist mit weißem und rosa­far­benem Marmor gefliest – ich hatte vorher noch keine Gasse in einer italie­ni­schen Stadt gesehen, die mit Marmor belegt ist.
An diesem Oktobertag strömten wie immer die Menschenmassen über den schon stark belas­teten Marmorboden an den über­la­denen Schaufenstern dahin und ich schaute oft ‘gen Himmel, der leicht bedeckt erschien.

Weißer italie­ni­scher Marmor

Im schon etwas abge­kühlten Verona ließen mich die prunk­vollen und über­la­denen Schaufenster und Parfümerie-​Geschäfte mit schon leicht aufdring­li­cher Werbung eher kalt.

Visione di Verona

Ein Geschäft reiht sich an das andere und alle glei­chen sich, wie ein Ei dem anderen.
Als sich die Prunkmeile dem Ende näherte und auf die Via Cappello stieß, machte ich kehrt.
Schon fuhren an diesem späten Nachmittag die Poliermaschinen über die glän­zende Marmorschicht, die man sich noch nicht einmal im Wohnzimmer vorstellen kann und hier liegt sie quasi auf der Straße, manchmal aller­dings schon leicht lädiert.

Stark genutzter roter Marmor


… plötz­lich steht Wagner vor mir

Der Rückweg Richtung Arena ist genauso, wie der Hinweg, aber eben nur anders­herum.
Wenn man bedenkt, wer hier schon prunk­voll resi­diert hat in den langen zurück­lie­genden Jahrzehnten und dann auf diesem Boden…
Leicht wech­selte mein Blick zwischen unten und oben.
Die Menschen schossen an mir vorbei, wie das Wasser eines Flusses,
doch plötz­lich blieb ich wie ange­wur­zelt stehen…

…zwischen den von vorne heran­na­henden Menschen kam mir plötz­lich
Richard Wagner entgegen.

Seine Körpergröße von 1,66 Meter ging fast im Strom der anderen unter.
Er stoppte genau wie ich, so wie man kurz stehen bleibt, wenn
einem ein anderer Fußgänger entgegen kommt und man nicht auswei­chen kann.

Diesmal machte ich nicht den Fehler, den ich schon oft gemacht habe – ich ging nicht einfach weiter und dachte, dass ich mich getäuscht habe, sondern blieb sofort vor ihm stehen.

Herr Wagner, dass ich Sie hier treffe???”

Er reagierte sofort, was mir zeigte, dass ich mich nicht geirrt hatte und antwor­tete auch umge­hend.

Ich habe Sie schon öfter gesehen, Sie verfolgen mich durch ganz Europa, meine Frau machte mich schon oft darauf aufmerksam…”

Wo ist denn Ihre Familie, ist sie auch in Verona?”, fragte ich etwas verlegen und immer noch leicht nervös, aber mit der Gewissheit, dass ich mich nicht getäuscht hatte.

Wir sind auf der Reise nach Süd-​Italien, meine Frau und die Kinder sind noch ein paar Tage in Deutschland geblieben und kommen nach…”

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, doch dann schoss es aus mir
heraus.

Ich möchte Sie auf einen Kaffee einladen, werter Meister, tun Sie mir den Gefallen und erfüllen Sie mir den Wunsch…!”
“Am Anfang der Gasse ist ein hervor­ra­gendes Café, ganz nobel, richtig in Ihrem Stil.”

Er schaute mich fragend an.
“Woher wollen Sie meinen Stil kennen?”

Na ja”, sagte ich, “es war schon immer etwas teurer nobel zu leben.”
“Aber ich lade Sie ja ein.”

Er willigte ein und wir gingen durch den mit Säulen gesäumten Eingang des Cafès.
Ich strebte sofort in das erste Geschoss des schmalen Gebäudes, wo ich hoffte, mehr Ruhe für ein Gespräch zu finden.

Als wir in einer ruhigen Ecke Platz genommen hatten, fragte ich, wo er denn sein Quartier in Verona habe.

Hotel Colomba d’Oro, in der Nähe der Arena, was besseres war nicht mehr frei!”, antwor­tete er.

Als ich vorher daheim mir ein Hotel in Verona aussuchte, sprengte das Colomba meine finan­zi­elle Schmerzgrenze und hätte mich pleite gemacht.
Mein etwas beschei­de­neres Quartier lag aber nicht weit entfernt.

Mein beschei­denes Quartier

Als wir Platz genommen hatten, bestellte ich zwei Cappuccino und zeigte sofort mit Stolz meine große Verehrung für sein Werk.

Sie können sich nicht vorstellen, was Ihr Werk für mich bedeutet, es hat mich mein ganzen bishe­riges Leben begleitet, es hat mir die Türen zu ganz anderen Welten geöffnet, ich habe ganze Passagen aus Ihren Werke auswendig gelernt und oftmals wache ich nachts auf mit einem Motiv aus einer Ihrer Werke im Ohr…”

Als ich immer begeis­terter in einen Monolog verfiel, unter­brach er mich.

Was machen Sie denn in Verona, wo meine Frau Sie ja schon in südli­cher gele­genen Städten Italiens gesehen hat…?”
“Oder wollen Sie nur einmal die Arena sehen…?”
, sagte er lachend.

Ich über­ging die Frage einfach und wegen der knappen Zeit kam ich sofort auf den Kern der Sache zu spre­chen.

Wie ich hörte, planen Sie ein neues Werk – etwas Religiöses, was wird es sein, wie…, wann…, warum?”, sagte ich schon leicht stot­ternd.

Ach diese Italiener, mein dama­liges Treffen mit Rossini in Paris hat mir wieder gezeigt, wie über­heb­lich sie alle sind.”
“Was bringt die Arena Jahr für Jahr, immer nur Verdi, Verdi, Verdi…”
“Ich schaffe etwas Neues, was es bisher noch nie gegeben hat…!”

Ich zuckte zusammen, weil er endlich auf meine Frage einging.

Schon immer wollte ich ein buddhis­ti­sches Werk schaffen, ein Entwurf liegt ja schon lange in der Schublade, doch habe ich noch nicht weiter
daran gear­beitet.”
“Ich werde es wahr­schein­lich ganz auflösen.”

Aber warum das, Sie können es doch nicht ganz fallen lassen!”, sagte ich leicht enttäuscht.

Ich habe auch nicht vor, es fallen zu lassen, ich will es nur umformen”, sagte er in klärenden Ton.

Bitte erzählen Sie mir mehr davon”, sagte ich schon leicht weiner­lich und von Erwartung erfüllt.

Ich werde mit dem Werk die Kluft zwischen Kunst und Religion über­winden, denn nur die Kunst ist dazu auser­sehen, den Kern der Religion zu retten.”

Langsam geriet ich in einen tran­ce­ar­tigen Zustand und konnte nicht fassen, dass der Meister hier in Verona in einem Café vor mir saß und mich in seine Pläne einweihte.
Etwas, was viel­leicht außer den engen Freunden, noch kaum einer
wusste.

Aber die Religion gehört doch in die Kirche”, sagte ich etwas verlegen.

Nein, dass sehen Sie wie viele andere falsch”, konterte er.
“Denn als einst die Kunst am Ende, begann die Religion, als dann die Religion schwieg, ergriff die Kunst wieder das Wort!”
“Lesen Sie erst einmal meine Schrift ‘Kunst und Religion’, bevor Sie
glauben sich ein Urteil erlauben zu können!”

Ein biss­chen war ich über seinen Ton doch erschro­cken, ließ aber nicht locker.
“Und wie soll diese Kluft über­wunden werden?”
, fragte ich ganz dreist auch auf die Gefahr hin, dass er mich abwies.

Ich will das Werk in den litur­gi­schen Universalzusammenhang mit den Religionen der Welt setzen, es soll keine Verneigung vor dem Kreuz sein, wie Freund Nietzsche meint, sondern eine Erlösung der Religion durch die Kunst!”

Langsam kam bei mir doch leichtes Unverständnis auf.

Nach dem Untergang in der ‘Götterdämmerung’ soll es eine Wiederauferstehung werden und wird einzig auf einen Tag plat­ziert und zwar Karfreitag!”

Den höchsten Schmerzenstag”, ergänzte ich.

An diesem Tag hat nicht nur Christus am Kreuz gelitten und durch seinen Tod die Menschheit erlöst, sondern…”

Langsam fing ich schon an zu zittern.

…sondern?”, warf ich mich Spannung erfüllt ein.

…sondern auch ich will mit diesem Werke das Grauen in der Welt
über­winden!”

Ich musste tief Luft holen und bestellte noch zwei weitere Cappuccino.

Der Mensch ist etwas, was über­wunden werden muss!”, fiel mir da
sofort ein.

Ach lassen Sie die Sprüche von Freund Nietzsche, der versteht es so oder so nicht…!”
In diesem Werk steht die Ethik des Mitleids im Mittelpunkt”
, fuhr er fort.

Mitleid ist Dekadenz”, sagte ich und schluckte verlegen wieder Nietzsche zitiert zu haben.

Plötzlich wurde Wagner doch etwas unge­halten und laut.
Ich schaute im Café herum und hatte Bedenken, dass wir unan­ge­nehm auffielen.
Seine Erregung legte sich aber umge­hend wieder.

Dieses Werk wird in die Weltgeschichte eingehen und ausschließ­lich für mein eigenes Festspielhaus sein. Es darf außer­halb nicht aufge­führt werden!”
“Wie ich sehe, haben Sie ja einige meiner Grund-​Ideen schon verstanden, mal sehen, ob Sie auch mein neues Werk verstehen werden?”

Aber wie soll es denn heißen?”, fragte ich voller begeis­terter Spannung.

Parzifal”, sagte er, “ich werde den Namen aller­dings verän­dern in
‘Parsifal’ .”
“Auch die Ideen Schopenhauers werden einen zentralen Platz bekommen, genau wie die Religionen der Welt, vom Christentum bis zum Buddhismus.”
“Mal sehen, ob es einer versteht”
, sagte er schon leicht unge­duldig auf seinem Stuhl hin und her wackelnd wie ein kleines Kind.

“…mal sehen, junger Mann, ob Sie es verstehen?”

Ich werde es verstehen, so wie ich alle Ihre Werke verstanden habe”,
konterte ich.

Es wird noch eine Menge Arbeit werden, bis ich die Komposition abge­schlossen habe, es wird weihe- und würde­voll werden, anders als alle anderen Werke, die Basis einer Kunst-​Religion, denn nur mein Werk ist dazu auser­sehen, den Kern der Religion zu retten!”

Ich schaute ihn verzau­bert und zustim­mend an.

Jetzt muss ich aber langsam gehen, denn gegen Sechs kommen meine Frau und die Kinder mit der Bahn an und ich muss sie abholen.”

Ich brachte kein Wort mehr heraus und willigte ein.
Schnell beglich ich die Rechnung und beglei­tete ihn zum Ausgang.

Nach einem eher kühlem Abschied verschwand Wagner in dem Strom der Menschen Richtung Arena, ich konnte ihn schon nach kurzer Zeit nicht mehr sehen.
Nur mit einem Bein auf der Via Mazzini und deren Marmorboden, stand ich wie eine zu Stein gewor­dene Säule.
Hinausdrängende Besucher des Cafés schoben mich weiter auf die Straße und ich über­legte, wohin ich eigent­lich gehen musste.

Marmorgefließt

 
Richtung Arena, Richtung Hotel, klar…!”

Zurück im Hotel schlief ich die ganze Nacht keine Minute und grübelte über die Punkte nach, die Wagner mir zu seinem “Weltüberwindungs-​Werk” einwei­hend anver­traut hatte.

Vielleicht gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nur wenige, die in das Werk einge­weiht sind, und ob es die Menschheit verstehen wird, darüber war ich mir bei meinem Abschied von Verona auch nicht klar…und ob es heute alle verstehen, das bezweifle ich auch.

Was lernen wir daraus :

Die Kunst ist dazu auser­sehen,
                             den Kern der Religion zu retten”
                                               (Richard Wagner)

 

* siehe auch meine Bilder-​​Galerie Verona

* sh. auch meinen Beitrag “Grand Hotel des Palmes Palermo”

 

(Sonstiges)

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