Villa Rufolo Ravello (1880/​2012)

         “Klingsors Zaubergarten ist gefunden!”

Richard Wagner hat zu (fast) allen seinen Werken eine soge­nannte “Inspirations-​Legende” erfunden, die in den unzäh­ligen Briefen, Tagebuch-​Einträgen und in seiner diktierten Auto-​Biografie fest­ge­halten worden sind.
Der Haken daran ist der,  dass man, wenn man so eine Legende in die Welt gesetzt hat, auch bei der Variante bleiben muss, weil man sonst als Lügner entlarvt wird, bzw. sich selbst entlarvt.

Wagners
“Inspirations-​Legenden” beruhen meis­tens auf einer soge­nannte “zeit­ver­setzten Überraschungssemantik”.
Dieses bedeutet, dass der Schöpfer des Werkes den Moment der Idee einfach an einen anderen Ort oder an einen anderen Zeitpunkt verlegt, als er wirk­lich war und dies mit einem Überraschungseffekt.

In dem Moment hatte ich die Idee…”, wer will das Gegenteil beweisen (?)
Nur ist durch oftma­liges genaues Prüfen heraus­ge­kommen, dass Wagner es verstand, das Ganze geschickt zu verla­gern, um einen größeren, schlag­kräf­tigen Effekte zu erzielen, es also zum Mythos oder zur Legende zu erheben.
Bei einzelnen dieser Legenden hat Wagner sogar in späteren Jahren selbst zuge­geben, dass er sich entweder geirrt (?) oder es erfunden habe.

Fast jede dieser Legenden hat auch einen Namen, das Assunta-​Erlebnis, die Erleuchtung von Biebrich, die Rheingold-​Legende von La Spezia, die Karfreitags-​Legende usw.
Soweit eine kurze Erläuterung des Begriffes “Inspirations-​Legende”.

Doch nicht alles war erfunden, es gibt auch einzelne fest­ge­hal­tene Momente, die nach­weis­lich unver­fälscht wirk­lich statt­ge­funden haben und der Wahrheit entspre­chen.

Und einer handelt am Golf von Salerno unter­halb von Neapel, und zwar im Garten der…

…Villa Rufolo in Ravello.

Zur kurzen Erläuterung.
Die Villa Rufolo ist eine aus dem 13. Jahrhundert stam­mende prunk­volle Wohnanlage der einst wohl­ha­benden und einfluss­rei­chen aus Rom stam­menden Familie Rufolo, die diesem Palastkomplex den Namen gab.
Die Villa sollte damals mehr Zimmer gehabt haben, als es Tage im Jahr gibt (so die Geschichtsbücher).
Die Architektur ist im maurisch, arabi­schen Stil gehalten.
Davon ist aller­dings nicht soviel übrig geblieben.

…durch Natur eroberte eins­tige Macht

Einem schot­ti­schen Industriellen ist es zu verdanken, dass heute über­haupt noch etwas zu sehen ist, denn er nahm eine grund­le­gende Umgestaltung Mitte des 18. Jahrhundert vor, die dem heutigen Zustand nahe kommt, von den 365 Zimmern ist aller­dings nicht viel zu erkennen.

Der ganze Komplex ist durch ein spitz­bo­gen­ar­tiges Tor eines massiven Turmes (Torre d’ingresso) zu betreten.

Torre d’ingresso – Eingang in eine andere Welt (Foto : Alinari-​Archiv Florenz)

Der etagen­lose Turm diente schon in frühen Jahre nur als Schmuck-​Element und hatte keine Verteidigungsfunktion, er symbo­li­siert einen prunk­vollen Eingang in eine andere Welt, die einen jeden Besucher verzau­bern soll.
Für einen heutigen Besucher ist dies auch zu erkennen, weil man durch diesen goti­schen Turm in ein wahres Paradies kommt.

I Luoghi Di Villa Rufolo

Wie man der obrigen Karte entnehmen kann, kann man den ganzen Komplex in einer Art Wander-​Route ergründen und erfor­schen.
Im Innenbereich befindet sich ein durch einen über­wach­senen Kreuzgang gesäumter Hof mit grün umrankten Nischen, Bänke und Pavillions, mit Arabesken und Doppelsäulen fanta­sie­voll gestaltet.

Überwachsene Kreuzgänge

Die Villa besitzt auch eine kleine Kapelle (Santa Maria delle Grazie), die unzäh­lige Reise-​Prospekte ziert.

Santa Maria delle Grazie – leichter Nebel an diesem Vormittag

Neben dem turmar­tigen Eingang (Torre d’Ingresso) gibt es einen weiteren 30 Meter hohen Wohn-​Turm mit 3 Ebenen (La Torre Maggiore).
Dieser ist der älteste Teil des gesamten Komplexes, was auch symbo­lisch die dama­lige Macht der Familie Rufolo darstellt.

La Torre Maggiore
Torre Maggiore – macht­volle Symbolik

Den eigent­li­chen Reiz des gesamten Komplexes machen aber nicht die heute zum größten Teil nur noch in Ruinen erhal­tenen Gebäude und Wohnbereiche aus, sondern die zauber­haft ange­legten Gärten mit Zypressen, Aloen und Rosenhecken.
Alle Sinne werden mal wieder ange­spro­chen, was an die Flora auf dem nicht weit entfernten Capri erin­nert.

Zauberhafte Gartenanlage

Das Prunkstück von allem ist der terras­sen­förmig ange­legte Garten, der wie eine Art Balkon (Belvedere) mit einem zauber­haften Blick über den ganzen Golf von Salerno ragt.
Hierin erkennt man die Wahl des Bauplatzes der wohl­ha­benden Familie, die sich diesen Ausblick zu eigen machte, ob nun mit 365 Zimmern oder ohne.

Blick über den Golf von Salerno

In einigen Innenräumen der Villa finden heute Ausstellungen statt.
Die Villa ist heute auch Sitz des  Centro Universitario Europeo per i Beni Culturali (Universitätszentrum kultu­relles Erbe).

Verfallene eins­tige Pracht

Ohne noch tiefer ins archi­tek­to­ni­sche Detail zu verfallen, zeigt sich hier, wie an vielen anderen Orten in Italien, die reiz­volle Fusion von einstig prunk­voller Macht und der Verfall von heute, alles verein­nahmt durch die umran­kende Natur.
Das ganze scheint nicht ein Werk von Menschen zu sein, sondern mit seiner Verborgenheit und Zauberhaftigkeit von der Natur selbst geschaffen.

…alles über­ra­gende Pinien

Als Abschluss meiner Wanderung 2012 an der Amalfiküste und einer Nacht in Amalfi, fuhr ich mit dem Bus zum hoch über dem Golf liegenden Dorf RAVELLO.

Genau wie auf Capri  herrscht hier ja auch die fanta­sie­volle Kunst der Keramik, von der überall verschie­dene Gebrauchsgegenstände ange­boten werden.

Keramikunst von Ravello

Nun betrat 132 Jahre vor mir noch ein anderer diesen “Zaubergarten”, und durch ihn wurde er eigent­lich erst welt­be­rühmt.

Denn am 26. Mai 1880 fuhr Richard Wagner mit der Familie nach Amalfi und unter­nahm mit der Eselskarre einen Aufritt nach Ravello.
Was er hier im Villen-​Komplex vorfand, kann von dem, was einen heute hier bezau­bert, kaum abwei­chen.

 

  “Die Zeit ist da, schon lockt mein Zauberschloss den Toren…”
                                (Parsifal, 2. Aufzug, 1. Scene)

Als Wagner den Garten betrat, zeigte sich wieder einmal, dass Künstler immer mehr sehen, als andere – denn er glaubte, hier den Zaubergarten für den 2. Act seines “Parsifals” zu erkennen.
Man muss eben das sehen, was andere nicht sehen und dazu gehört schon etwas Fantasie, und diese haben ja meist große Schöpfer.

Nach dem Dialog von Kundry mit dem Zauberer Klingsor erscheint ein Zaubergarten mit holden, verfüh­re­ri­schen Blumenmädchen.
Ich erlaube mir die Regieanweisungen Wagners zu zitieren :

Er (Klingsor) versinkt schnell mit dem ganzen Turme ; zugleich steigt der Zaubergarten auf und erfüllt die Bühne völlig. Tropische Vegetation, üppige Blumenpracht ; nach dem Hintergrunde zu Abgrenzungen durch die Zinne der Burgmauer, an welche sich seit­wärts Vorsprünge des Schloßbaues selbst (arabi­schen reichen Stils) mit Terrassen anlehnen.

Auch wenn Wagners Schreibstil ja manchmal schwer verständ­lich ist, erkennt man ohne viel Fachwissen, dass es sich hier um einen Garten beson­derer Art handeln muss.
Und das ist ja auch in der Villa Rufolo der Fall.

Wie stolz er nun steht auf der Zinne !
Wie lachen ihm die Rosen der Wangen
Da kindisch erstaunt
In den einsamen Garten er blickt!”
(Klingsor, 2. Aufzug)

Genau wie alle Besucher und der Schöpfer des Werkes selbst, blickt auch der Protagonist des Werkes, Parsifal, wie gebannt und erstaunt in diesen Garten. Wen wundert es…

Doch am Ende des zweiten Aufzuges zeigt sich dann, dass unein­ge­schränkte Macht auch schnell am Ende ist.

…in Trauer und Trümmer
Stürz’ er die trügende Pracht!”
(Parsifal, Ende des 2. Aufzugs)

Alles verdorrt zur Einöde und das Schloss versinkt wie durch ein Erdbeben.
Im Garten der Villa Rufolo erkennt man ja die eins­tige Macht, trotzdem  ist ja nicht alles zerstört, sondern ist in einer zauber­vollen Fusion von Einst und Jetzt der Nachwelt erhalten.
Nach diesem Erlebnis trägt Richard Wagner den berühmten Spruch in das Gästebuch der Villa ein.

“Klingsors Zaubergarten ist gefunden!” 26.Mai 1880

Der immer mitrei­sende russi­sche Maler Paul von Joukowsky malte daraufhin die Szenerie des Zaubergartens für das Bühnenbild des zweiten Actes, welches lange Jahre noch in Bayreuth für die Aufführungen verwendet wurde.

In Andenken an den Besuch Richard Wagners findet hier alljähr­lich das Ravello-​Festival mit namhaften Musikern aus aller Welt statt.
Dazu wird eine Orchesterbühne erbaut, die weit über die südliche Mauer hinaus reicht, was den Besucher und Zuschauer den Blick über den Golf noch in erwei­terter Form erscheinen lässt.

Das hätte dem damals schon multi­me­dial talen­tierten Wagner sicher gefallen, denn die wahre Welt fängt immer da an, wo man aufhört sie zu sehen.

Gewidmet dem Meister

Was lernen wir daraus :

   “Wer führt das Schwert des Sieges, 
                            spürt schnell das Schwert des Todes”

 

* Kurze Erläuterung des Zitats :
Die eins­tige Macht der Familie war am Ende und alles verfiel,
genau wie Klingsor im Zauberschloss den Speer hütend die Macht
besitzt, wird seine Macht durch den Speer in der Hand eines anderen
gebro­chen und er (Klingsor) endet im zusam­men­bre­chenden Schloss.


*  sh. auch meine Bilder-​​​Galerie
Italien 
* als Ergänzung sh. meinen Beitrag Der Weg der Götter

* Ravello-​Festival (http://www.ravellofestival.com)
* Villa Rufolo Ravello (http://www.villarufolo.it/history.html)
* Fondatione Ravello (http://fondazioneravello.com/website/)

(die unteren beiden links sind akti­viert)

 

(HerrRothBesucht)

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