Vāgnera Zāle Riga (Juni 2008)

                             ”…can I have a look?”

Richard Wagner führte ein sehr unstetes Leben, meist war er auf der Flucht, vor allem, wenn es ums Geld ging und den größten Teil seines Lebens lebte er außer­halb von seinem Heimatland.
Das Angebot einer Kapellmeisterstelle in RIGA war für den damals voll­kommen unbe­kannten und in Geldsorgen steckenden Konzertmeister, ein Hoffnungsschimmer und so siedelte er mit seiner ersten Frau 1837 in die letti­sche Hauptstadt.

Das kleine Theater in der heutigen Richard-​Wagner-​Str. 4 (Riharda Vagnera iela 4) war schon vor Wagners Erscheinen ein Zentrum kultu­rellen Lebens.
Fast ein Jahrhundert war dieses Theater, das Schauspiel-, Opern- und Ballett-​Truppe hatte, Zentrum der Kultur Rigas.
Bedeutende Musiker und Komponisten hatten hier ihre Wirkungsstätte, darunter
Franz Liszt, Hector Berlioz, Robert Schumann und Anton Rubinstein.

Stätte großer Schöpfer

Von 1837 bis 1839 war Richard Wagner hier als erster Kapellmeister tätig und studierte über 20 Opern ein und diri­gierte zahl­reiche sympho­ni­sche Konzerte – durch die Leistung des damals 25jährigen Wagners etablierte sich die Stadt zu einer aufblü­henden Kunstmetropole.
Es bedeu­tete eine Stärkung des Ansehens der Kunstgattung Oper, vor allen Dingen nach der Renovierung des Theaters Anfang der 30er-​Jahre des 19. Jh.

Außerdem arbei­tete Wagner an dem Werk, von dem er sich die Hoffnung machte, dass es ihm zum Durchbruch verhalf, nämlich der großen Tragischen Oper Rienzi, der letzte der Tribunen”.
Den Roman des engli­schen Schriftstellers Edward Bulwer-​Lytton hatte er gelesen (ich auch und zwar dreimal) und er wollte durch sein Werk alles in den Schatten stellen, was es bis dato gab (und das hat er auch geschafft!).

Genauso ist zum Inspirationsimpuls zu sagen, dass der “Meister” hier folk­lo­ris­ti­sche Bräuche der Menschen studierte und Anregungen bekam, sich auf mytho­lo­gi­sche Themen zu fixieren.
Bei den Wagnerschen “Inspirationslegenden” muss man vom Wahrheitsgehalt immer vorsichtig sein, trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Besonderheit des dama­ligen Theaterbaus Wagner auch für die beson­dere Architektur des von ihm mit entwor­fenen späteren Festspielhauses ange­regt haben muss.
Anstieg des Parketts in Form eines Amphitheaters, Abdunkelung im Saal während der Vorstellungen und der Orchestergraben. Dies alles waren Neuigkeiten in dama­ligen Opernhäusern.

1839 kam aller­dings die Stunde, in der der wieder hoch­ver­schul­dete Wagner flucht­artig die Stadt verlassen musste, mit seiner ersten Frau und seiner “Rienzi”-Partitur im Gepäck.
Auf der aben­teu­er­li­chen “Reise” über die Ostsee Richtung London kamen, durch das in Seenot gera­tenen Schiff, erste Ideen zum “Fliegenden Holländer” auf.

1863 (also 24 Jahre nach Wagners Zeit) zog die Theater-​Truppe in andere Räumlichkeiten und der heute so titu­lierte “Wagner-​Saal” stand leer, bzw. er wurde nur noch als Lager oder Bibliothek genutzt.
Es folgten mehrere Umbauten und die oben liegenden Räumlichkeiten wurden in den 80er Jahren des letzten Jahrhundert zu Konzerten genutzt.
Ab dem Jahr 2007 wurde aller­dings alles gestoppt, weil die finan­zi­ellen Mittel sich auf andere Projekte fixierten. Der Zustand des Gebäudes verschlech­terte sich zuse­hens.
Das Gebäude steht nun, trotz seiner musik-​geschichtlichen Bedeutung, seitdem leer und verlassen.
Wieder einmal hapert alles am Geld, denn die staat­li­chen Mittel sind sehr begrenzt.
Soviel zur Vorgeschichte.

Fast 170 Jahre später erscheint im Sommer 2008 der Wagner-​Enthusiast HerrRoth aus Deutschland, genauso mittellos wie einst Wagner, vor dem Gebäude …

Wie das…?

Jedes Jahr findet im Opernhaus der Stadt (Latvijas Nacionala Opera) ein Opernfestival statt, das soge­nannte ROF (Rigas Operas Festivals).
In dem besagten Jahr (2008) lief Wagners “Siegfried” (auf lettisch “Zigfrids”).

Wagner im hohen Norden

Da ich ja nun HerrRoth bin, muss ich ehrlich sagen, dass die “Inszenierung” eher eine bessere Interpretation war und seit einem gewissen Zeitpunkt kommen keine Interpretationen mehr für mich in Frage und damit hat man es natür­lich nicht einfach.
Das bedeutet, dass man als der, der das Werk verstanden hat, kaum noch irgendwo hinfahren kann, weil es kaum noch vernünf­tige Inszenierungen gibt, sondern nur noch teil­weise minder­wer­tigen Interpretationen.
Ein Thema, was HerrRoth immer sehr in Rage versetzt.

Riga ist der nörd­lichste Punkt auf der Wagner-​Europakarte (und Palermo der südlichste).
Nun weiß ja jeder, der schon einmal in Riga war, was für eine tolle Stadt dies ist.

Jugendstil-​Fassaden ohne Ende

Die unzäh­ligen Jugendstil-​Fassaden, ein künst­lich durch die Altstadt gelegter Kanal mit Grünstreifen (Pilsetas kanals), mehrere Parks, riesige Markthallen (Rigas central­tirgus), Brücken (Vansu tilts) über die Düna, ein sehens­wertes Schloss (Rigas pils), Baudenkmäler ohne Ende, ein Dom (Rigas doms), eine saubere zusam­men­hän­gende Altstadt und eben ein …

… immer mehr verfal­lender WAGNER-​SAAL (Vagnera Zale).

Nach meiner Ankunft in dem an einem Park (Kronvalda parks) liegenden, festungs­ar­tigen Hotel, stürzte ich mit Kamera bewaffnet, sofort Richtung Altstadt zur Riharda Vagnera iela 4 , dessen Name ich vorher auswendig gelernt hatte.

Gewidmet dem Meister

Es gab einmal in Deutschland eine Zeit, als die Hausnummern alle gleich auf einem kleinen blauen Schild an den Häusern ange­bracht waren – dann aller­dings meinte irgend­wann jeder, dass er indi­vi­duell seine eigene Hausnummer haben müsste.
Dieses hatte zur Folge, dass man seitdem in Deutschland kaum noch ein Haus in einer fremden Stadt ohne Navigator finden kann.
Dies bedarf keines Kommentares.
Daran musste ich denken, als ich das Schild mit der Hausnummer 4 betrach­tete.

Informative Hausnummern

Die Schilder mit der Hausnummern in Riga beinhalten sogar noch mehr Informationen, denen ich aller­dings noch nicht ganz auf den Grund gekommen bin.
Aber dies war ja auch gar nicht der Grund meines Erscheinens an diesem lauen Juni-​Nachmittags im Jahre
2008.
Dass das ganze Gebäude leicht rissig und in schlechtem bauli­chen Zustand war, konnte man nicht über­sehen.
Reisegruppen rannten vorüber, ohne einen ernst­haften Blick zu dem leicht einge­zwängt wirkenden Haus zu werfen …
… und ich kniete nieder, wie an vielen Wagnerorten in Europa und betrach­tete das marode wirkende Gebäude.

Na ja…”, dachte ich und schritt mit meiner Kamera im Anschlag durch die mit abge­blät­terter Farbe entstellte Tür…und dann kam das obli­ga­to­ri­sche…

              “…can I have a look in the rooms, where Riharda works?”

Die Dame im Eingangsbereich schaute mich leicht entsetzt an, aber ich ließ nicht locker…

I am a great friend of the work from Riharda Vagnera
and I come from Germany!”

Die kaum ein Wort Englisch spre­chende Dame machte mir gestisch klar, dass alles noch im Umbau sei und ich gefäl­ligst verschwinden solle…

Na ja…”, nach einer weiteren halben Stunde vor der Tür, tat ich dieses auch.
Ein Poster mit dem Abbild Wagners im Fenster konnte über die nackten Tatsachen der bauli­chen Substanz nicht hinweg täuschen.
Hier fehlt mal wieder ein reicher König…”, dachte ich doch leicht enttäuscht, aber davon bin ich weit entfernt.

Vollendet das ewige Werk…” sagt Wotan beim Betrachten der Götterburg Wallhall.

Dieses kann man auch im Fall des Wagner-​Saals von Riga erhoffen, auch wenn Wagner mit dem “ewigen Werk” eher das seinige gemeint haben mag.
Denn dieses ist unsterb­lich, egal ob der Wagner-​Saal nun noch stehen bleibt oder nicht…
Nach meiner Recherche ist der letzte Stand der, dass im Jahre 2014 eine Stiftung (Stiftung Renovierung Richard Wagner-​Theater Riga) ins Leben gerufen worden ist, die sich zum Ziel gesetzt hat, das ehema­lige Stadttheater als Objekt des Kultur-​Tourismus wieder in einen bauli­chen Zustand zu versetzen, der Konzerte und Besuche möglich macht…

Nur fehlt es wie oftmals am Geld, ich hätte gerne etwas gespendet, wenn die Dame mich nach meinem Betreten nicht wieder aus der maroden Tür gescheucht hätte…

Was lernen wir daraus :

                     “Alles, was eine Preis hat, ist nichts wert”


*
Riga Operas Festivals (https://www.opera.lv/en/)

* sh. auch meinen Beitrag (“Grand Hotel des Palmes Palermo”)


(HerrRothBesucht)

 

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