Neapel I. (Aug. 2009)


Warum man sich bei seinem ersten Aufenthalt in Neapel verliebt.”

Mein erster Aufenthalt in NEAPEL im Jahre 2009 zählt bis heute zu den fünf besten Reisen, die ich bisher gemacht habe.
Vielleicht bin ich zu melan­cho­lisch, aber jedesmal, wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen in die Augen.

Aber was macht den Reiz dieser Stadt aus ?

Nicht umsonst heißt es ja : “Neapel sehen und sterben…
Dies soll bedeuten, dass es im Himmel nicht schöner sein kann, als in  Neapel. Ob es nun im Himmel schön ist oder nicht, dies war mir im August 2009 egal… 

Wenn man vom Flughafen (mit der Taxe) Richtung Stadt fährt, dann denkt man, dass man durch ein afri­ka­ni­sches Ghetto fährt, alte Bretterbuden, ausge­brannte Autos, Müll ohne Ende.                                                                                                                               Hiervon sollte man sich nicht abschre­cken lassen (viel­leicht besteht der Himmel ja aus Bretterbuden). 
Müllproblem” sind als solches nur in den Randbezirken zu beob­achten, viel­leicht auch an den Randzonen des Himmels.
Um so näher man dem histo­ri­schen Kern kommt, um so inter­es­santer  wird alles, um so näher kommt man also dem Himmel.

 

                                                Neapel-​Geruch  

Das erste, was ich bemerkte, als ich beim ersten Besuch vor meinem Hotel in der Via Tribunali in der Altstadt (San Lorenzo) aus dem Taxi stieg, war gar nicht das, was ich sah, auch nicht das, was ich hörte, sondern das, was ich roch.
Der berühmte “Neapel-​Geruch” ist schwer zu defi­nieren, er ist aber in meinem emotio­nalen Gedächtnis so tief einge­prägt, dass, wenn ich etwas gleich­ar­tiges rieche, sofort an NEAPEL denke.
Ein Geruch ist natür­lich schwer zu beschreiben, höchs­tens als positiv oder negativ.
Der Neapel-​Geruch löst ein Sehensuchtsgefühl aus, eine Mischung aus dunklem Holz und wein­roten mehr­fach geschich­teten Samtgardinen.
Wenn man es sach­lich sieht, hat NEAPEL eine unge­heure Bevölkerungsdichte, vor allem in der Altstadt,  wo extreme Platzprobleme herr­schen.
Die Temperaturen müssen aller­dings über 30° Grad sein, dann bekommt man den Geruch nicht mehr aus der Nase, vor allem in den engen Gassen, die einem wie Schluchten vorkommen. 
Oftmals sind die Gebäude so dicht beiein­ander, dass man aus dem Fenster mit der Hand an die Wand des gegen­über­lie­genden Gebäudes fassen kann.

Im Rausch der Gassen

Die meist 5 bis 6stöckigen Palazzos und Häuser haben vor den mit Holzschlagläden besetzten Fenstern meist einen kleinen balkon­ähn­li­chen Vorbau.
Man kann also, vor allem in der Altstadt, morgens auf dieses Balkönchen nach dem Aufstehen treten und dem Nachbarn auf der anderen Seite der “Straße” die Hand geben…
Wünsche gut geruht zu haben, Herr Nachbar…”
Durch diese Enge und Dichte kommt bei dieser Hitze, die ja nachts kaum zurück­geht, dieser prägnante Geruch zustande, aber wie gesagt, nur, wenn es über 30° Grad ist.
Als ich nämlich 3 Jahre später wieder in dem selben Hotel war, riss ich sofort das Fenster auf und hielt meine Nase heraus, aber … es war kaum etwas zu riechen.
Die Temperaturen lagen Ende September 2012 nämlich wesent­lich tiefer, sodass der Geruch nicht auftrat.

 

                                             Umbaute Schätze

Ein weiteres Phänomen, was ich in keiner anderen Stadt erlebt habe, ist das “Umbauen”.
Was es damit auf sich hat, kann man auf der einen Seite sehen und auf der anderen Seite nur erahnen.
Als Goethe nämlich im Jahre 1787 auf seiner “Italienischen Reise” zweimal in Neapel weilte, sah die  Stadt noch anders aus, die Gebäude, Kirchen und Palazzos müssen noch frei gestanden haben, sodass man um das jewei­lige Gebäude herum­gehen konnte.
Heute sind besagte Gebäude nicht zuge­baut, sondern umbaut, das heisst, dass z.B. Kirchen von Wohnhäusern umbaut sind – der Bewohner liegt quasi in der Badewanne und unter ihm ist der Altar.

Umbaut und doch zu sehen

Die unge­heuren (von innen) Kunstschätze, Sammlungen und Kirchen sind von außen gar nicht als solche zu erkennen.
Man denkt sich also gar nichts dabei und geht einfach auf gut Glück in ein manchmal schon schäbig  ausse­hendes Gebäude und steht plötz­lich in unge­heuren Kunstschätzen und marmor­prun­kenden Kirchen … man steht also wie aus dem Nichts plötz­lich im Himmel. 
Dazu wieder ein Zitat :
“Die Entdeckung Neapels ist die Entdeckung der Welt”


                                             Wohn-​Hierarchie

Bei den 5 bis 6stöckigen Gebäuden in der Altstadt ist auch eine gewisse Hierarchie zu erkennen.
Die unteren Geschosse sind die soge­nannten “Bassi” – hier wohnen oftmals 4 bis 5köpfige Familien in einem Zimmer, wenn man einen Blick durch die geöff­neten Holzschlagläden wirft,  besteht der Raum aus einem großen Bett, einer Kochnische und einer bade­zim­mer­ähn­li­chen Ecke.
Nun ist es verständ­lich, dass das Leben sich nur in den Gassen unter freiem Himmel abspielt. 

Um so höher man nun in dem jewei­ligen Gebäude kommt, um so nobler (und teuerer) wird das Ganze –  eine Dachgeschosswohnung mit Dachterrasse mit dem Blick zum Vesuv kann durchaus  ein paar Millionen Euro kosten.
Man kann in der Sonne (die hier ja das ganze Jahr über scheint) auf seiner mit Kakteen und Palmen geschmückten Dachterrasse liegen, den Blick genießen und hat mit dem Trubel unter sich nichts zu tun.
Was will der Mensch noch mehr .…sehen und sterben.

Dabei gibt es aller­dings mehrere Haken.
Aufzüge sind hier im histo­ri­schen Kern eine Seltenheit – die Bewohner müssen also alles die  Treppen rauf­schleppen, nicht nur sich selbst.
Da ja nun Not erfin­de­risch macht, ist man auf einen guten Trick gekommen.
An fast jedem der vor den Fenstern liegenden kleinen “Balkone” hängt ein blauer Eimer mit einem Seil.
Beim ersten Betrachten ist man leicht über­rascht, doch nach kurzer Zeit erkennt man den Sinn. 
Wenn nämlich der Mann einge­kauft hat, läßt die Frau von oben den Eimer herunter, die Sachen  werden in den Eimer gelegt und hoch­ge­zogen.
Tja, eine gute Idee ist besser als ein Leben lang Büroarbeit.

Der zweite Haken ist, wenn man in der Altstadt von Neapel wohnt, hat man keine Möglichkeit sein Auto in einer Garage zu plat­zieren, weil es nämlich keine gibt.
Hier ist ja alles enstanden, als es noch keine Autos gab.
Dadurch ist der Vespa-​Roller das Hauptverkehrsmittel.

neapel-79
Auf der Vespa geboren

Kinder werden quasi auf dem Motorroller groß, denn ich habe fahrende Roller gesehen, auf dem nicht nur der Fahrer saß, sondern auch ein Hund zwischen seinen Beinen, ein Kind vor  ihm und ein Kind hinter ihm mit Gepäck in der Hand.
In den schach­brett­ar­tigen Gassen vernimmt man ein stän­diges Hupen dieser Roller, denn man muss ständig um die Ecken rasen, und um vorzu­warnen, bleibt nur die Hupe.
Oftmals mußte ich, vor allem im Spanischen Quartier (Quartieri Spagnoli), immer wieder in die Hauseingänge springen, um mich vor den heran­ra­senden Rollern in Sicherheit zu bringen.

 

                                             Neapel-​Verkehr

Wenn etwas in Neapel für einen Deutschen inter­es­sant ist, dann ist es der Verkehr. Den sollte man sich als “diszi­pli­nierter” Deutscher nicht entgehen lassen. Ratsam ist es, sich in den späten Nachmittagstunden an einen großen Corso zu setzen und den Verkehr einmal eine halbe Stunde zu beob­achten.
Es ist ein sich selbst regu­lie­rendes Chaos – bestehend aus Autos, Busse, Motorroller, Fussgänger, Fahrräder …
Durch die Verkehrsdichte ist die Höhe der Geschwindigkeit auf nied­rige Maße beschränkt.
Dieses Chaos ist in stetiger Bewegung und kommt nie zum Stillstand, da es kaum Ampel gibt. 
Sämtliche Verkehrsregeln, ohne die in Deutschland alles zusam­men­bre­chen würde, gibt es hier entweder nicht oder es hält sich keiner dran.
Ampeln blockieren den Verkehr – in Deutschland vergeht kein Tag ohne Staus, hier, wo ein  wesent­lich höheres Verkehrsaufkommen ist, kann es durch die stete Bewegung gar keinen Stau geben.
Es ist halt nur die Kunst in Neapel lebend über die Straße zu kommen.
 

                                     Orientierungsprobleme

Obwohl ich bisher nur zweimal in Neapel war, muss ich sagen, dass ich mich in Neapel besser auskenne, als in den umlie­genden Städte um meinen Heimatort.
Das liegt nicht nur daran, dass mir viele Städte in heimat­li­chen Gefilden eher unsym­pa­thisch sind, sondern daran, dass man in Neapel orien­tie­rungs­mäßig kaum Probleme  bekommen kann.
Von Norden herunter Richtung Hafen hat Neapel ein konti­nu­ier­li­ches leichtes Gefälle, man kann sich also auf einer Hauptachse wie der Via Toledo in eine Seifenkiste setzen und herun­ter­rollen lassen bis zum Hafen (Mole Beverello).

Hauptachse Richtung Hafen

Wenn man seinen Blick Richtung Osten wirft, kann man den Vesuv nicht über­sehen und Richtung Westen fällt der Blick zum Vomerohügel mit dem Castell Sant Elmo.
Als solches ist ein Stadtplan in Neapel kaum nötig.
Mein Hotel lag bei beiden Aufenthalten wie gesagt in der Via Tribunali, die von Piazza Dante an der Hauptachse Via Toledo liegend Richtung Osten durch die Altstadt führt.

                                                  Neapolis

Einst gab es ja den Fischerort Santa Lucia im Stadtteil San Ferdinando am heutigen Hafengebiet. 
Dann wollte man wie immer etwas Neues schaffen, also eine Neue Stadt, da “Polis” ja nun Stadt heisst, sollte das ganze Neustadt heißen – also Neapolis.
Und diese dama­lige Neustadt ist heute die Altstadt.

HerrRoths Fotografischer Blick

Als ich im besagten August 2009 im Rausch der Gassen durch die Altstadt schwebte, glaubte ich, dass ich ca. 10 cm über dem Boden war, quasi wie in Phase 1 einer Liebe.
Bei jedem Bummel durch die Altstadt kommt man, auch bei einem ersten Besuch, unwill­kür­lich auf die Hauptachse Via Toledo, die von Norden bis in Hafennähe führt.

 

                                          Jugenderinnerungen

So auch ich … dann kam eine kleine Anekdote, die ich nicht vergessen werde.
Seit meinem 15. Lebensjahr benutzte ich dasselbe AfterShave in Musk mit der einpräg­samen türkis­grünen Verpackung mit einem Herrn im Jeanshemd darauf.
Es muss so im Jahre 2005 gewesen sein, als ich mir die Hacken wund gelaufen habe, weil es nirgendwo mehr zu kaufen war.
Ziemlich enttäuscht benutzte ich dann einige Jahre ein ähnli­ches, absolut nicht so gutes, vor allem ohne den Herren im Jeanshemd drauf.
Als ich ziem­lich berauscht beim ersten Besuch die Via Toledo herun­ter­bum­melte, sah ich auf einmal in einem Schaukasten den türkis­far­benen Karton mit dem Herrn im Jeanshemd.
In dem Moment konnte ich es gar nicht fassen, doch hinterher sah ich, dass es von einer Parfümfabrik bei Mailand produ­ziert wird und es deshalb nur noch in Italien frei zu kaufen ist. 
Die Preise für dieses Kleinod sind im Internet bis zu viermal so hoch, wie in Italien.
Mit dem AfterShave in der Hand begann dann mein erster Aufenthalt in Neapel.

Was lernen wir daraus :

           “Alles, was man woan­ders sucht und nicht findet,
das findet man in Neapel” 


…siehe auch Neapel II.
 (2012)                                                    

* weitere Fotos zu Neapel in meiner Bildergalerie Italien


(HerrRothInNeapel)

 

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