Grab Schröder-​Devrient Dresden (Sept. 2005)

            “Am Grab der großen Schröder-​Devrient”

Es gibt aus unserer Generation niemanden, der nicht die CALLAS (1923–1977) kennt.
Die größte Operndiva des 20. Jahrhunderts.
Leonard Bernstein bezeich­nete sie als die größte Künstlerin der Welt (besser gesagt, der dama­ligen Welt).

Nur kennt die große Masse die Callas der zweiten Bühne, nämlich als Glitzerstar, Idealbild einer Frau mit 195 Kleidern und mit Affären und Skandalen.

Das Interessante für die Musikgeschichte ist aller­dings nur die Callas auf der ersten Bühne, nämlich als hervor­ra­gende Belcanto-​Sängerin und vor allem als Darstellerin von über 40 Rollen mit ihrer Paraderolle der Norma in Bellinis Werk “Norma”.
Die Callas-​Norma ist bis heute nicht annä­hernd von einer anderen Darstellerin erreicht und ohne ernst­zu­neh­mende Alternativen geblieben.

Wenn man jetzt 100 Jahre in der Musikgeschichte zurück­geht, gibt es eine andere Opern-​Diva, die Musikgeschichte geschrieben hat…

…nämlich die große Wilhelmine Schröder-​Devrient (1804–1860).

schröder-devrient
Zeichnung von Kietz, Lithographie von Hanfstaengel


Bei ihren über 90 Rollen (nach eigenen Angaben) stach sie mit ihrer Paraderolle des Romeo in BellinisRomeo und Julia ” (“I Capuleti e i Montecchi”) hervor, die kaum eine andere Darstellerin in der dama­ligen Zeit so darge­stellt hat, wie sie.
Ich sage extra “darge­stellt” - denn die Schröder-​Devrient war keine normale Sängerin, sondern die erste drama­ti­sche Darstellerin der Opernbühne, was in der dama­ligen Zeit eine Neuheit war.

Als Richard Wagner sie das erste Mal auf einem Gastspiel 1834 in Leipzig sah, beschrieb er den Auftritt lange Jahre später in seinen Memoiren :

Wenn ich auf mein ganzes Leben zurück­blicke, finde ich kaum ein Ereignis, welches ich diesem einen im Betreff seiner Einwirkung auf mich an die Seite stellen könnte…” (“Mein Leben”, S. 49).

(Wagner hat immer wieder behauptet, die Schröder-​Devrient im Jahre 1829 als Leonore in Beethovens “Fidelio”  auf der Bühne gesehen zu haben, was aller­dings nicht stimmt, da keine Aufführung zu diesem Zeitpunkt auf der Leipziger Bühne nach­zu­weisen ist. Es wird eher der Wahrheit entspre­chen, dass Wagner sie als Romeo in Bellini Werk gesehen hat).

Dies zeigt das Ziel von Wagners Schaffen, er suchte keine normalen Sänger für seine Werke, sondern Darsteller, singende Darsteller, um genau zu sein.
Hierbei geht es um eine Verkörperung einer Rolle, wobei die Gestik und Mimik im Vordergrund stehen – hierbei geht es um Deklamation und die Deklamations-​Schiene hat Vorrang, noch vor der Komposition und der Dichtung.
Ausdruckskraft, Emphase, Gestik und Mimik sind Basiselemente der Darstellungskunst.

Wer nun Wagners Kompositionsstil kennt (und verstanden hat), der weiß, dass das Ganze natür­lich nicht so einfach ist, manchmal sogar schon schwierig ist in Worte zu fassen.

Es geht um eine Kongruenz von drei Ebenen, und zwar die Deklamationsebene, die Dichtung (Libretto) und die Kompositionsebene (Partitur).
Diese drei Ebenen müssen sich gegen­seitig verknüpfen, stützen, ergänzen und erwei­tern und oftmals auch zu einer Synergetik (gegen­sei­tige Steigerung) führen.
Trotz allem blieb für Wagner die Deklamation immer im Vordergrund (durch das Ungenügen der Sprache) und eine Basis für eine gelun­gene Darstellung der jewei­ligen Rollen.
Wagner war immer auf der Suche nach den rich­tigen, geeig­neten Darstellern für seine Werke.
Als er die Schröder-​Devrient zum ersten Mal sah, war es für ihn eine Art Schlüsselerlebnis, er sah in ihr das Idealbild einer Darstellerin der weib­li­chen Hauptrollen seiner Werke.

Zu der Zeit gab es ja noch keinerlei Tondokumente, deshalb sind ja auch nur Augenzeugenberichte erhalten.
Wie die Schröder-​Devrient die Hosenrolle (!) des Romeo bei der “Todestrank-​Scene”  in Bellinis “I Capuleti e i Montecchi” plas­tisch und mit Emphase darge­stellt haben muss, muss schon in physi­scher Hinsicht ein Meisterstück der Kunst gewesen sein.

Wagner rannte nach der Aufführung in Leipzig sofort mit einem Brief in ihr Hotel und sprach darin seine Bewunderung aus.

Die Schröder-​Devrient war keine normale Sängerin und dieses wollte Wagner auch gar nicht – denn es geht nicht um Singen, sondern um Rezitativ (Sprechgesang).
Also singendes Sprechen und spre­chendes Singen.

Oftmals hatte die Schröder-​Devrient Schwierigkeiten hohe Töne zu singen, sodass sie sie einfach sprach, was eine noch größere Wirkung hatte.
Einzelne entschei­dende Worte wurden mitten im Gesang heraus von ihr gespro­chen und in Kombination mit perfekter Körpersprache im rich­tigen Augenblick derart über­zeu­gend präsen­tiert, dass es für den geübten Rezipienten über­wäl­ti­gend wirkte und zwar gerade weil sie nicht  sang oder nur teil­weise sang (!).
Denn viele Passagen (z.B. Schreie, Entsetzen, Sterbescenen…) können gar nicht gesungen werden, weil der Kern des Ganzen in diesem Fall durch Gesang verloren ginge – die Lösung ist eine klang­liche Annäherung an den reinen Sprach-​Akzent.
Erst war das Publikum etwas verwirrt, weil man es nicht gewohnt war, dann aber zeigte sich, dass dieser Sprechgesang oftmals bessere Wirkung mit der Fusion einer plas­ti­schen Komposition haben kann.

Wagner hat aber zeit­le­bens den Begriff “Rezitativ” abge­lehnt, zumin­des­tens im herkömm­li­chen Sinne, er wollte mehr, nämlich eine im Vordergrund stehende Gestik und Mimik und Körpersprache (Deklamation) in Verbindung mit einer Art “Rezitativ” – wenn man versucht, es in einem Wort zu fassen, quasi ein “dekla­ma­to­ri­sches Rezitativ wagne­ria­ni­scher Machart”.

Das klingt nicht ganz einfach, war und ist es auch nicht, deshalb kann auch nicht jeder Opernsänger Wagner darstellen.
Bei der Auswahl der Darsteller für seine Werke musste erst jeder das Libretto vorlesen, weil der “Meister” sehen (und hören) wollte, wie die Aussprache desje­nigen ist und wie er sich in diese Rolle einfühlt – genauso wurden die Darsteller oftmals erst ins Museum geschickt, um sich alte grie­chi­sche Skulpturen anzu­sehen und deren Ausdruckskraft zu studieren.

Gestik – Mimik – Gebärde

Bei der Schröder-​Devrient war dies aller­dings nicht notwendig, denn Wagner wusste sofort, dass sie genau die rich­tige für gewisse Rollen seiner Werke ist.
Demgemäß konnte er sie gewinnen, die Rolle des Adriano (“Rienzi”) zu bekleiden und die Rollen der Senta (“Fliegender Holländer”) und  der Venusgöttin (“Tannhäuser”) in deren Ur-​Aufführungen zu über­nehmen.
Sie stellte somit die erste Senta und die erste Venusgöttin (keine einfa­chen Rollen) dar.
Viele Rollen schrieb Wagner so, dass sie genau auf den darstel­le­ri­schen “Körper” der Schröder-​Devrient passten, sodass sie quasi keine andere Darstellerin singen (darstellen) konnte.

Griechische Tragödie – Germanischer Mythos – Musik

Im Sgraffito-​Bild (Dekorationstechnik für Wandflächen) über dem Eingang der Villa Wahnfried in Bayreuth sind die drei Elemente des Wagnerschen Werkes symbo­lisch wieder­ge­geben : ganz rechts die Musik, in der Mitte der Germanischen Mythos und links die Griechische Tragödie.
Die weib­liche Figur links (Griechische Tragödie) stellt (nach Wagners eigenen Entwurf) die Schröder-​Devrient dar.

Wie man erahnen kann, leben wirk­lich große Opern-​Divas oft ein trau­riges Privatleben, weil sie für eine Ehe oder für eine Familie keine Zeit haben, sie müssen sich irgend­wann entscheiden, lebe ich für die Bühne oder nicht… (?)
Große Operndarsteller(inne) leisten wesent­lich mehr, als Filmschauspieler, sodass sie auch ab einem gewissen Alter nicht mehr diese Aufgabe kräf­te­mäßig erfüllen können.

Im Falle der Schröder-​Devrient hatte sie ein beson­ders trau­riges Privatleben, in der ersten Ehe wurden ihr nach der Trennung die Kinder wegge­nommen, aus Verzweiflung heira­tete sie einen Heiratsschwindler, der sie nur ausbeu­tete und in der dritten Ehe glaubte sie ihren Frieden gefunden zu haben.
Mit 45 Jahren verließ sie die Bühne.

Es gibt über diese wunder­bare Frau wenig Literatur  (sh. Anhang), doch komi­scher­weise ist ein Buch am meisten publi­ziert und zwar “Aus den Memoiren einer Sängerin”  – nur ist es schon lange bewiesen, dass es gefälscht ist – ein “schlauer” Kopf hat die Briefe der Darstellerin kombi­niert mit schon fast porno­gra­fi­schen Erfindungen und das Ganze als ihre “Memoiren” heraus­ge­geben.
Obwohl es auch oftmals erwähnt wird, dass es nur der Schröder-​Devrient zuge­schrieben wird, ist es das meist­ver­kaufte…

Man sieht, wie das Schlechte beim Volk immer gut ankommt, genau wie die 195 Kleider der Callas, auch wenn die Kleider ja nun nicht unbe­dingt schlecht gewesen sein müssen.
Es liegt aber auch eben daran, dass die Literatur über die Schröder-​Devrient so rar gesät ist, was auch mich in Schwierigkeiten brachte, ernst­zu­neh­mende Literatur über die Künstlerin zu finden und keine trau­rigen Privatmärchen oder Fastpornos.

Bei der Callas ist es ja nun so, dass die Literatur vieles über­flutet und man schon sehr selektiv vorgehen muss, weil sie der Star der 60er und frühen 70er Jahre war, da kam kein Fußball-​Spieler mit.

Als ich bei meiner Tour im September 2005 und meinem ersten Dresden-Besuch von meinem Quartier in der Äußeren Neustadt Richtung Elbe pilgerte, hatte ich nur eines im Kopf, nämlich das Grab der großen Schröder-​Devrient zu finden, denn nach meinen Recherchen liegt sie auf dem Trinitatis-​Friedhof unter­halb der Elbe im Stadtteil Johannstadt begraben.

Östlich der Brühlschen Terrassen erreichte ich auf schiefen und krummen Bürgersteigen tanzend nach einigem Suchen den kleinen mit grün über­wach­senen Mauern umge­benen Ruheort, der eher wie ein kleiner Park wirkt.

Jetzt begann wieder das Suchen, was ich von früheren Aufenthalten von Pere Lachaise in Paris kannte…
Auch wenn die Größe des Trinitatis-​Friedhofs mit dem Pere Lachaise nicht mitkommt, gab es gewisse Schwierigkeiten an diesem Nachmittag.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht den letzten Namen der gebo­renen Schröder-​Devrient, also quasi den Hochzeitsnamen zum Zeitpunkt ihres Todes.

Als bedeu­tender Punkt auf meiner “Wagner-​Europa-​Karte” hätte ich den Friedhof nicht verlassen, ohne das Grab der großen Opern-​Diva gefunden zu haben, auch wenn ich selbst dort hätte beer­digt werden müssen.

Das kleine, eher unschein­bare Grab zeigt einmal wieder die Tatsache, dass immer das Werk das Wichtigste ist, was der Menschheit über­lassen wird und nicht große Denkmäler nach dem Tod.
Die meisten Denkmäler sind hohl”, wie man so schön sagt.

Wilhelmine v. Bock geb. Schröder-​​​Devrient

Der Grabstein hat eher die Form eines Sockels für eine Büste, darauf eine Schale mit einer Pflanze.
Wilhelmine v. Bock, mit dem Zusatz darunter Schröder-​Devrient.
Dieser Zusatz hat mich gerettet, da ich ihren letzten Namen nicht wusste.
Sonst hätte ich wahr­schein­lich auf dem Trinitatis-​Friedhof  im Süd-​Osten Dresdens meine letzte Ruhe gefunden…

Ich habe das Grab mehr­fach foto­gra­fiert.

Von allen meinen (noch folgenden) Pilgertouren, war diese eine der erqui­ckendsten.
Zu dem Zeitpunkt (2005) war ich im konti­nu­ier­li­chen Durcharbeiten der Werke Wagners noch im Anfangsstadium, mir war aller­dings die große Bewunderung Wagners für diese Sängerin und Darstellerin, die sein ganzes Leben lang anhielt, bewusst.

Was lernen wird daraus :

                       “Die meisten Denkmäler sind hohl”

 


Literatur (W. Schröder-​Devrient):


* “Erinnerungen an Schröder-​Devrient”
Claire v. Glümer, Philipp Reclam jun., Leipzig 1904 – 3.Aufl., 176 S.
(Antiquar)

“Ein Beitrag zur Geschichte des musi­ka­li­schen Dramas”
Alfred FH v. Wolzogen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1863, 1.Aufl., 351 S.

* “W. Schröder-​Devrient. Der Schicksalsweg einer großen Künstlerin”
Eva v. Baudissin, Drei-​Masken-​Verlag, Berlin 1937, 265 S. (Antiquar)

Deklamation, Sprachvertonung und Gestik in den Werken R. Wagners :

* “Richard Wagner : Ein Leben für die Bühne”
Martin Knust,  Böhlau Köln ; Auflage : 1, 2013, 216 S.

* “Sprachvertonung und Gestik in den Werken Richard Wagners :
Einflüsse zeit­ge­nös­si­scher Deklamations- und Rezitationspraxis”
Martin Knust, Greifswalder Beiträge zur Musikwissenschaft Frank & Timme, Auflage 1, 2007, 528 S.

 

Rollenregister (Schröder-​Devrient):

Auber
(Die Stummen von Portici  /​ Der Schnee /​ Der Maskenball /​ Das eherne Pferd)
Beethoven (Fidelio)
Vincenzo Bellini
(La Straniera /​ Norma /​ I Capuleti e il Montecchi /​ La Sonnambula /​ I Puritani /​ Il Pirata)
Boieldien (Die weiße Dame)
Chelard Macbeth)
Cherubini (Faniska /​ Der Wasserträger /​ Ali Baba /​ Lodoiska)
Donizetti (Anna Bolena /​ Lucrezia Borgia)
Gläser (Des Adlers Horst)
Gluck
(Alceste /​ Iphigenia In Aulis /​ Ipgigenia In Tauris /​ Armide /​ Orpheus)
Gretry (Blaubart)
Halevy (Guido und Ginevra)
Herold (Das Zauberglöckchen /​ Marie /​ Zampa)
Isouard (Ioconde)
Kastrelli (Die Neuvermählten)
Kreutzer (Libussa /​ Cordelia)
Lebrun (Die Wiener in Berlin)
Lwoff (Bianca und Gualtiero)
Marschner (Der Templer und die Jüdin /​ Des Falkners Braut)
Meyerbeer (Robert der Teufel /​ Die Hugenotten /​ Der Kreuzritter in Aegypten)
Miltitz (Saul)
Mozart (Die Zauberflöte /​ Don Juan /​ Die Hochzeit des Figaro /​ Die Entführung aus dem Serail)
Paer (Sargino)
Reißiger (Libella /​ Turandot /​ Adele de Foix)
Ries (Die Räuberbraut)
Rossini (Der Barbier von Sevilla /​ Othello /​ Semiramis)
Spohr (Jessonda /​ Zemire und Azor)
Spontini (Die Vestalin /​ Ferdinand Cortez /​ Olympia)
Wagner (Rienzi /​ Fliegender Holländer /​ Tannhäuser)
Weber (Der Freischütz /​ Preciosa /​ Euryanthe /​ Oberon)
Weigl (Die Schweizerfamilie)
Wolfram (Der Bergmönch /​ Schloss Sandra /​ Die bezau­berte Rose)

70 Opern sind zusam­men­ge­stellt worden von Claire v. Glümer in ihrem oben genannten Buch, laut eigenen Angaben soll die Schröder-​Devrient in 93 Opern mitge­wirkt haben.
Demnach besteht keine Garantie auf Vollständigkeit.


(HerrRothBesucht)

 

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