Goethehaus am Frauenplan Weimar (Juni 2018)

Soll ich von Smaragden reden,
die dein Finger nied­lich zeigt,
manchmal ist ein Wort vonnöten,
Oft ists besser, wenn man schweigt.”
(Goethe – “West-​östlicher Divan”)


Die Kunst des tönenden Schweigens”
 

J.W.v.Goethe ist ja nicht nur der größte deut­sche Dichter, poli­ti­sche am Hofe Herzogs Carl August von Sachsen-​Weimar und Eisenach in der dama­ligen Zeit aktiv, Gesteins- und Flora-​Forscher und hat nebenbei mal eben Jura studiert – er hat sich auch tiefer­grei­fend mit Newtons Farbenlehre beschäf­tigt und hat seine eigene Farbenlehre erstellt.

Und dieses Gefühl für Farben und Farbkontrasten erkennt man unschwer in der Einrichtung und Gestaltung der Wohnräume seiner Häuser in Weimar.
Die Wohnung ist ein Spiegel des inneren Ichs und man kann nicht nur den Charakter und das Ich des Bewohners darin erkennen, sondern auch seinen Intellekt.

Zeigt mir wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist…

Genauso hat ein anderes Genie zu seiner bahn­bre­chenden und revo­lu­tio­nären Tristan-Komposition den schlauen Spruch entworfen :

              “Große Dichter erkennt man daran, was sie uns verschweigen
                                 und nicht, was sie uns mitteilen”

Damit meinte Wagner natür­lich seinen Kompositions-​Stil des tönenden Schweigens, der “Tristan und Isolde” unsterb­lich gemacht hat.
Denn, was der Dichter verschweigt, bringt der Musiker zum vollen Erklingen.
Tja…, da sieht man, wenn Genies aufein­ander treffen, was hätte Goethe wohl zum Genie Wagners gesagt, wenn er in derselben Epoche gelebt hätte.
Bilder spre­chen immer mehr als 1000 Worte.
Das trifft jedoch auf Goethe nicht zu, denn der hat ja viel geschrieben und wenig verschwiegen.

Der Dichterfürst diktiert

Der Dichterfürst hat aller­dings eher mehr diktiert, als selbst geschrieben, sonst hätte er ja nicht so viel schreiben können.

Trotz der vielen Worte soll im Folgenden zwar nicht das Schweigen im Mittelpunkt stehen, aber doch eher die Bilder.
Und zwar die Bilder der Farbkontraste, der natür­li­chen Rahmen, der Plastiken, des Vorder-​Hintergrund-​Effektes und der Dreidimensionalität von Licht uns Schatten geprägt.
Man kann sich nur annä­hernd ein Bild machen, mit welchem Geschick Goethe es verstand, sein eignes Ich hier zu mani­fes­tieren.
Das Haus am Frauenplan war ja ab einem gewissen Zeitpunkt sein Eigentum, und er konnte es gestalten, wie er wollte und als Krönung “ergießt” sich nach hinten ein Garten, der eine Pflanzenpracht hat, dass man vor Staunen stumm wird, auch ohne Flora-​Forscher zu sein.

Bei meinem ersten Besuch des Goethe-​Hauses am Frauenplan in Weimar habe ich von den Innenräumen keine Fotos gemacht, nicht machen können, denn ich war vor Staunen stumm Mitte Mai des Jahres 2003, ich schwieg…
Doch jetzt Mitte Juni 2018 konnte ich endlich loslegen und Goethes raum­ge­stal­te­ri­sches Talent foto­gra­fisch fest­halten.
Dadurch sagen nun die Bilder doch mehr als 1000 Worte.

Seid gegrüßt…

Bis zu seinem Tode im Jahre 1832 lebte Goethe in seinem Haus am Frauenplan in Weimar.
Das im baro­cken Stil erbaute Wohnhaus bewohnte Goethe erst als Mieter nach seinem Einzug im Jahre 1782.
1792 kaufte es Herzog Carl August von Sachsen-​Weimar und schenkte es 1794 dem Staatsminister Goethe, der mitt­ler­weile in den Adelsstand aufge­stiegen war.

Nun konnte Goethe als Eigentümer 1794 erste Pläne zur Umgestaltung der Innenräume angehen.
Es entstanden neue Raumfolgen und Wegeführungen, Licht- und Farbwirkungen.
Ausschließlich nach seinen Entwürfen nahten sich die raum­ge­stal­te­ri­schen Ideen immer mehr seinen (Kunst-)Vorstellungen mit Farbe der Skulptur-​Kunst mehr Ausdruckskraft zu verleihen und somit eine gewisse Einheit von Mensch, Werk und Leben zu errei­chen.

Neu gestal­tete Treppenanlage

Das ganze Haus war in den 50 Jahren, in denen Goethe hier wohnte, immer wieder Veränderungen unter­worfen.
Erste Veränderungen brachte eine nach italie­ni­schen Vorbild geschaf­fene Treppenanlage mit in die Wände einge­las­sene Skulpturnischen, die mit Büsten altgrie­chi­schen Charakters und antiken Abgüssen bestattet sind.
Dies bringt schon den fast genial wirkenden Effekt, dass diese Büsten quasi gar keine Platz wegnehmen, aber ohne auf die Wände gemalt zu sein, doch drei­di­men­sional exis­tieren und durch die dunkel gestal­tete Nische sich gut hervor­heben.

Nischen für Büsten


Farbenlehre…

Laut Zeitzeugen war Goethe auf die Ergebnisse seiner in Buchform fest­ge­hal­tenen Farbenlehre stolzer, als auf sein dich­te­ri­sches Werk, obwohl er gegen­über Newton im Nachhinein gesehen bei gewissen Einzelteilen irrte.

Manchmal können große Geister sich auch irren, was ich gerne Goethe bei meinem Besuch persön­lich mitge­teilt hätte, wenn ich ihn ange­troffen hätte, denn seine Einschätzung der beiden schiefen Türme von Bologna habe ich ja wider­legt.
Nur wäre Goethe garan­tiert nicht begeis­tert gewesen, dass ich gezeigt habe, dass er in seiner Größe und bei seinem Genie auch nicht in allem Recht hatte.

Antike Vorbilder

Des Weiteren bringen Stuckfriesen im hellem Türkis gehal­tenen Aufgang und schwarze Skulpturen auf weißem Marmor stehend, die Antiken Vorbilder zum Klingen.
Hier zeigt sich Goethes Hang zum klas­si­zis­ti­schen Kunstideal schon bereits im Treppenhaus, der der erste Teil der vorge­nom­menen Veränderungen darstellt.

 

 

 

Tauben-​BlauOcker-​GelbTürkis-​Grün

Blick in den Treppenaufgang

Die Hauptfarben der Wandgestaltung sind die Mischfarben Tauben-​BlauOcker-​Gelb, helles Türkis-​Grün und Rosa-​Rot. Also alles helle Farbtöne, die Plastisches noch stärker zur Geltung kommen lassen und eine harmo­ni­schen Farbgebung erzeugen.
Komischerweise sind, abge­sehen von Rosa-​Rot, die Wände meiner Wohnung auch in diesen Farbtönen gestaltet, was Parallelen zu Goethes Farb-​Empfinden aufweist.

Gestaltungs-​Elemente

Die zu sehenden Foto eines der Wohnräume sind ein gutes Beispiel, wie geschickt Goethe seine Räumlichkeiten durch die Farben, Stuckarbeiten und Mobiliar zu gestalten wusste.
Vor allem die Wohn- und Gesellschaftsräume sollen eine gewisse Geselligkeit ausstrahlen und einla­dend wirken, auch wenn sie oft schlicht und einfach einge­richtet sind.
Man kann sich denken, dass dies das Denken eines Denkers hebt.

Sitznische Wohnzimmer

Eine kleine Veränderung des Standpunktes gibt dem Ambiente schon einen anderen Ausdruck.

…von leicht erhöhtem Standpunkt

Genau wie im Park an der Ilm, an dessen Gestaltung Goethe ja auch maßgeb­lich betei­ligt war, gibt es in der Anlage des Hauses gewisse “Sicht-​Achsen”.

Den rich­tigen Durchblick

Im Gegensatz zu den “Sichtachsen” im Park unter freiem Himmel, verbindet Goethe die Räume, sodass man von gewissen Standpunkten aus, durch mehrere Räume schauen kann, also quasi den rich­tigen “Durchblick” hat.

Sichtachsen durch das Junozimmer

Im soge­nannten Juno-​Zimmer zeigt sich die Kollosalbüste der Göttin Juno, die Goethe als das „Symbol grie­chi­scher Kunst schlechthin” ansah.

Göttin Juno

Die mit kleinen Ausnahmen weiß gehal­tenen Skulpturen und Büsten, sind meis­tens in den Ecken oder an den Wänden plat­ziert.
Es gibt eine Ausnahme, denn im soge­nannten kappe­len­haften Brücken-​Zimmer des Wohn-, Gesellschafts- und Sammlungbereiches steht eine antike Skulptur (Knaben-​Torso) auf einem Marmor-​Sockel mitten im Raum, der an die Funde von Herculaneum und Pompeji erin­nert.
Diese ist eine Geschenk an Goethe gewesen und da ist natür­lich ein reprä­sen­ta­tiver Präsentationsplatz vonnöten.

Präsentations-​Plätze im Brückenzimmer

Auch darf natür­lich der bereits 1805 gestor­bene Friedrich Schiller hier mit einer ansehn­li­chen Büste nicht fehlen, der wie so oft, Schiller mit einer Art Umhang zeigt, wiederum in einer Ecke neben einer Tür plat­ziert.

Freund Schiller

Im zur Stadt hin ausge­rich­teten Haus-​Teil findet man die reprä­sen­ta­tiven Wohn-, Gesellschafts- und Sammlungszimmer, während der Arbeitsbereich an den Garten grenzt.
Das Vorder- und Hinterhaus sind durch Übergänge im oberen Geschoss verbunden.

Goethes Kutsche

In einer Art Innenhof ist Platz für Goethes Kutsche, ohne die er seine Reise durch Italien nicht hätte reali­sieren können.
Da hätte mir auf meinen Italienreisen aber auch etwas gefehlt, bei den vielen Punkten, an denen ich schon war, wo Goethe damals geweilt hat.

Wohnung oder Museum ?

Wenn man die 18 zu besich­ti­genden Zimmer durch­schreitet, fragt man sich, ob das hier ein Wohnhaus ist oder ein Museum (?)

Wie in einem Museum

Gut ausge­leuchtet, gut plat­ziert und farb­lich kontrast­reich gestaltet, über­trifft Goethes Haus am Frauenplan aller­dings viele Museen an Ausdruckskraft, denn normale Museen sind ja nicht bewohnt. 

Deckenzimmer…mal ausnahms­weise in Rosa-​Rot

Die Ecken werden “gefüllt” durch Büsten, die wie große grie­chi­sche Philosophen oder römi­schen Feldherren anmuten. 

 Feldherren und Philosophen

Manche der unzäh­ligen Skulpturen kommen einem, wenn man davor steht, schon über­le­bens­groß vor, was sich aber immer noch in den großen Räumen einpassen lässt.

Monumentalkunst

Jetzt fragt man sich, wenn man über knar­renden und quiet­schenden Paneelen schreitet, ob Goethe in diesen oftmals rein reprä­sen­ta­tiven Räumen alleine gewohnt hat (?)
Die Antwort ist nein !
Goethe lebte hier zeit­weise nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit Bediensteten und mit Hausgenossen (was man darunter verstehen mag?) und mit seinem Freund, Helfer und Maler Johann Heinrich Meyer, der an der Gestaltung aktiv betei­ligt war.
Außerdem gab es immer wieder Anlässe zu Versammlungen, Treffen mit Freunden oder kleine Feiern und gemüt­li­chen Beisammensein.
Da wäre meine Wohnung doch etwas klein für.

Arbeitszimmer – In Goethes Spiegel erkennt man des Beitrags Schöpfer

Neben den unzäh­liger Büsten und Skulpturen beinhalten die Räume Handzeichnungen, Gemälde, Bronzen und Majoliken, Münzen und origi­nale Möbel. Diese Kunst- und Naturaliensammlung ist bis auf den heutigen Tag in seinem Umfang noch erhalten.                                                          Alles zeigt Goethes Liebe zu persön­li­chen Erinnerungsgegenständen und Objekten aus verschie­denen Sammlungsbereichen. 

Holz-​Einlegearbeit

Was wären große Schöpfer ohne ihre Gärten?

Genauso der Naturfreund Goethe, denn ohne den angren­zenden Garten, wäre das Goethehaus am Frauenplan in Weimar nicht denkbar.
Der groß anmu­tende Garten ist von außen durch umge­bende Mauern nicht einsehbar.
Die Rückseite des Hinterhauses hat einen über­dachten Gartenausgang aus dem soge­nannten Gartenzimmer heraus.

Ausgang in den Garten


Ohne Garten nicht denkbar…

Der Garten diente zu Goethes Zeit eher der Versorgung des Haushaltes mit frischem Gemüse und Obst, war also Nutzgarten.

…ohne Garten nicht vorstellbar

Goethes Talent zeigt sich auch hier, da er im Jahre 1794 zeit­weise bota­ni­sche Studien und Versuche durch­führte.

Gut für bota­ni­sche Studien

Eine Erweiterung des Garten im Jahre 1817 brachte weiteren Platz.        Der Zustand, in dem der Besucher den Garten heute sieht, entspricht weitest­ge­hend dem Zustand um 1820, auch wenn vieles sicher rekon­stru­iert worden ist.                                                                                                  Beim Bummeln über die Kieswege dieses bunten Gartens, erkennt man aller­dings, dass früherer Gemüsebeete durch größere Rasenflächen ersetzt wurden.

Größere Rasenflächen

Auch wenn der Garten zum Teil nur Rekonstruktion ist, bietet er schon einen gelun­genen Schritt aus dem Wohnhaus in die Natur, bei der Vielfalt von Pflanzen, die einem Besucher hier ins Auge springen.

Pflanzenvielfalt

Abschließend sei zu sagen, dass das Wohnhaus J.W.v.Goethe in Weimar am Frauenplan weit mehr ist, als nur ein Wohnhaus oder ein Museum.
Es ist ein Ort der Welterkenntnis  und spie­gelt 50 Jahre aus Goethes Leben wieder.
Eine Art  Museum von Kunst und Natur und ein stiller Ort einer anderen Zeit, die Zeit eines Mannes, der Deutschland verän­derte, zu einem Land der Denker mit erfri­schenden Impressionen und geis­tiger Größe. 


Der Verfasser diese Beitrags ist sich aber bewusst, dass die Zeit nicht stehen bleibt, auch bei Goethe nicht. 

Goethe und die neuen Medien


Was lernen wir daraus :

Große Dichter erkennt man daran, was sie uns verschweigen,
und nicht, was sie uns mitteilen”


* sh. auch meine Fotos von Weimar

* sh. auch Goethezeit-​Portal
* sh. auch  Stiftung Weimarer Klassik

 

(HerrRothBesucht)

 

                                                          Impressum

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