Die Umrundung des Trasimenischen Sees (Aug. 2015)

  “Kategorie Gewaltmarsch und Rekord bei der 2. Etappe”


UMBRIEN
ist eines der wenigen Länder Italiens, die nicht am Meer liegen, dies ist Faktum – stimmt aber nicht ganz.

Denn in Umbrien ist der größte italie­ni­sche See unter­halb der Seen-​Platte Ober-​Italiens, nämlich der…

                                             LAGO TRASIMENO

mit einem Umfang von ca. 55 km.
Umbrien ist auch von touris­ti­schen Massenüberflutungen verschont, die  Städte liegen auch meist aus (früheren) stra­te­gi­schen Gründen auf Bergen und Erhöhungen, man muss quasi immer, wenn man in die jewei­lige Stadt will, erst einmal einen Aufstieg auf sich nehmen.
So auch seine Hauptstadt PERUGIA, wo ich im August 2015 ein güns­tiges Quartier gefunden hatte.

Das Ziel hieß, die Umrundung des dritt­größten Sees Italiens und dieser hat den Vorteil, dass er halt rund ist, es bietet sich also ein Ausgangspunkt an, der auch gleich­zeitig der Endpunkt ist, und dieser heißt          MAGIONE.
Der See liegt in einer Senke und alles umlie­gende ist von frühen Jahren geprägt und da die Menschen sich ja nun mal nicht vertragen können, und zwar seit es Menschen gibt, gibt es hier viele Orte, die nach Kastellen benannt sind, wo teil­weise oder auch ganz noch die alten Kastelle zu sehen sind.
Man muss sich nunmal, damals wie heute, immer vor anderen vertei­digen (?).
Dies haben die Römer im Frühjahr 217 v. Chr. während des 2. Punischen Krieges auch gespürt, als Hannibal das römi­sche Heer am Nordufer  in den frühen Morgenstunden vernich­tend schlug – angeb­lich bei dichtem Nebel heisst es, wahr­schein­lich (wieder) eine geschichts­fäl­schende Verschönerung, um die Niederlage der Römer zu entschul­digen.
Ob mit Nebel oder ohne, schlug Hannibal hier zu und die Römer gingen in eine tödliche Falle.
Auch wenn Hannibal einer der größten Feldherrn der Antike war, war er feige.
Warum ?
Er nahm sich nämlich das Leben, und zwar 183 v.Chr. mit Gift, um einer Gefangennahme zu entkommen.
Tja wie sich die Geschichte doch wieder­holt, das haben ja schon einige der größten Feldherren getan – erst  unbe­siegbar und dann feige die “Kurve kratzen”.
 
In den frühen Morgenstunden schlug nicht nur Hannibal zu, sondern auch HerrRoth.
Der Startpunkt  war wie gesagt der Bahnhof von MAGIONE.
Alles perfekt vorbe­reitet und druch­struk­tu­riert – wie immer bei mir.
Schrittzähler dabei, Kohletabletten, Aspirin, Zahnbürste zum Zusammenklappen, Wecker …
Nur habe ich oft fest­stellen müssen, dass die Praxis von meinen Planungen abwei­chen kann, so auch hier…

Die 1. Etappe ging zum kleinen Dorf SAN SAVINO mit dem Abstieg Richtung See nach SANTARCANGELO am südli­chen Ufer des Lago Trasimeno.
Jetzt zeigte sich nach den ersten 2–3 schönen Stunden die Praxis, nicht so bitter, wie für die Römer, aber trotzdem.
Die Wanderwege meiner Kompass-​Wanderkarte, die schon lange Zeit bei mir im Schrank auf ihren Einsatz gewartet hatte, zeigten sich wiederum als Theorie, die Wege waren in so schlechtem Zustand, dass ich das südliche und west­liche  Ufer bis zum ersten Stopp in CASTIGLIONE del LAGO fast ausschließ­lich über die Straße nehmen musste.
Als es dann auf mitt­lerer Strecke auch noch an zu regnen fing, war meine Stimmung doch ziem­lich unten – nicht so unten, wie bei den Römern, aber trotzdem …
25 km stellen als solches (für mich) kein Problem dar, es kommt natür­lich immer drauf an – gesund­heit­liche Verfassung, Wege, Wetter – ich halte fast immer meine 5 km in der Stunde ein.
Mein digi­taler Schrittzähler am Gürtel hält alles fest.
Doch waren diese 25 km durch die äußeren Gegebenheiten nicht so einfach, sodass ich ziem­lich durchnäßt in CASTIGLIONE ankam.

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Castiglione del Lago

Ein schöner und sauberer Ort auf einer Landzunge im See.
Das Wetter hatte sich wieder leicht stabi­li­siert, als ich mir abends das Castell, was dem Ort den Namen gab, ansah.
Dabei muss ich sagen, dass ich schon immer auf Burgen und Kastelle stand, dass liegt wohl daran, dass ich als Kind eine Ritterburg hatte, sodass ich überall, wo ich bin, mir die Burgen als erstes ansehe, wenn es welche gibt.

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Blick über den Trasimenischen See

Nach einer geruh­samen Nacht in einem schönen Hotel an der Hauptmeile der Altstadt, begann in den frühen Morgenstunden die 2. Etappe.
Diese ist (zu dem Zeitpunkt) mit 47,21 km mein persön­li­cher Rekord und als Kategorie “Gewaltmarsch” einzu­stufen.
Immer wenn ich die 40 km-​Grenze über­schritten habe, komme ich in eine Art Morphium-​Trance, wo nur noch eins gilt :  Lauf oder stirb…
Dies haben sicher viele der römi­schen Krieger damals auch gedacht, als sie über­rascht von den Truppen Hannibals in den See flüch­teten.
Alles wurde geprägt durch 31 Grad Celsius und das schlimmste ist immer der Durst, hungern bin ich eigent­lich gewohnt, nur ohne Wasser ist man irgend­wann am Ende.
Das obere west­liche Ufer brachte von den Wegen her auch keine Besserung – einzelne Wege, die mich von der Straße wegbringen sollten, hinter­liessen eher verkratze Beine bei mir.
Außerdem gibt es so auch kein Fortkommen, man gewinnt kein Land – also auch schon wieder wie in einem Krieg, aber das Leben ist nun mal ein Kampf – damals wie heute.
Als ich die nord­west­liche Kurve, wo ein kurzes Stück Toskana zu sehen ist, erreichte, wurde das ganze etwas besser.
Auch, was den Durst anging, denn in dem Dorf BORGHETTO gab es einen Kiosk, wo ich etwas Trinkbares kaufen konnte, auch wenn alles wie in einem Mittagsschlaf zu ruhen schien.
Das nörd­liche Ufer weisst eine wesent­lich bessere Struktur der Wege auf, oben Straße und Bahn und parallel dazu unten ein Feldweg, so kann man Land gewinnen, nicht nur eine Schlacht, denn hier waren ja (angeb­lich) damals die römi­schen Truppen zwischen dem Ufer und den angrei­fenden Truppen Hannibals einge­klemmt, sodass viele ins Wasser flohen.
Ich bin jetzt nicht ins Wasser geflohen, trozdem bin ich inter­es­sens­halber einmal einen kurzen Weg Richtung Wasser gegangen, diese Wege enden natür­lich am Wasser.
Dieses bietet zwar einen sehr schönen Blick über den See, aber man kommt nicht weiter…
Der nächste Punkt der 2. Etappe war das soge­nannte CAMPO DEL SOLE, das Sonnenfeld.
Wiederum eine kleine Landzunge in den See mit einer Anzahl von Skulpturen von Künstlern in den 80ger Jahren geschaffen, die zeigen, dass die künst­le­ri­sche Freiheit doch ohne Grenzen ist, denn Fantasie ist immer wich­tiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt...
Der Kurzstopp war drin­gend nötig, vor allem um meine “qual­menden Socken” zu entlüften.

Qualmende Socken

Weiter – lauf oder stirb !
Der nächste Punkt war der sehr schöne Ort  PASSIGNANO DEL LAGO,  wieder nach dem Castell benannt.
Dieses Rocca (Burg) liegt leicht erhöht über dem See und bietet einen traum­haften Ausblick über den See mit seinen drei Inseln, von der eine sogar für Menschen gesperrt ist, das war aller­dings den flüch­tenden Römern damals sicher egal, denn lauf oder stirb …
Der Burgturm als solches war leider geschlossen und so machte ich mich nach einem Kurzstopp an der touris­ten­ge­prägten Promenade weiter – die 31 Grad waren zu spüren …

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Passignano sul Trasimeno

Als krönenden Abschluss hatte ich das CASTELL RIGONE ausge­wählt. Bei SAN VITO kam die Entscheidung – hoch oder nicht hoch, aber 

… der Wille ist die Urkraft im Universum. 

Dies ist ausnahms­weise einmal nicht von mir, sondern von Arthur Schopenhauer, und da Schopenhauer bei mir im innersten Zirkel meiner geis­tigen Welt steht, könnte es auch von mir sein, denn ohne den Willen hätte ich einige Wanderungen nicht über­standen.
Das “letzte Gefecht”  begann, bzw. das vorletzte, denn die Rückkehr zum Ausgangs-​Bahnhof von MAGIONE stand noch bevor.
Der Aufstieg von 5 km als solches, stellt kein Problem dar, nur hatte ich schon 30 km hinter mir und das Getränk war mal wieder verbraucht.
Es war zwar als Krönung gedacht, aber mal wieder nur in der Theorie im heimi­schen Deutschland.
Vielleicht kennt dies jeder, der einmal gewisse Strecken im Sommer hinter sich gebracht hat, ob nun in Deutschland, in der West-​Sahara oder in Italien : fünf Meter laufen und dann mehr­fach tief durch­atmen und dann wieder fünf Meter … lauf oder stirb…
Als ich CASTELL RIGONE, wieder ein kleiner Ort, der nach einem dama­ligen Kastell benannt worden ist, erreichte, muss es auf die 18.00 Uhr zuge­gangen sein, soweit ich mich noch erin­nere…
Doch eines konnte ich nicht fassen, ich entdeckte einen kleinen Biergarten …
One Cola with ice...” und tatsäch­lich gab die Dame mehrere Eiswürfel ins Glas.
Jetzt nur langsam trinken…”, das lernt man von Mama, nie alles herun­ter­schlingen.
So langsam habe ich wohl noch nie eine (eisge­kühlte) Cola getrunken und danach habe ich die Eiswürfel noch gegessen …
Dies bedarf keines Kommentares, doch wenn man an die Grenzen seiner Kraft kommt, sieht das alles anders aus.

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Gute Perspektive

Es muss erst der Überlebenstrieb kommen, dann erkennt man den Wert des Lebens…
Wieder etwas, was viele der Römer damals gedacht haben müssen.
Im Innenhof des dama­ligen Kastells steht ein Denkmal eines kämp­fenden Generals und man fragt sich wieder, warum Mensche sich nicht vertragen können.
Der Weg ist das Ziel” wie Sokrates zu sagen pflegte, und dieses Denkmal war mein Ziel und es war erreicht, tja der Wille …
Das ganze hat nur einen Haken, es war noch lange nicht die Rettung, nämlich die Rückkehr zum Ausgangs-​Bahnhof MAGIONE – die Temperaturen waren gesunken, die letzten 8 km standen bevor.
Die leere Straße war abschüssig, was das Ganze etwas erleich­terte und die Dunkelheit setzte ein.
Jetzt gab es nur noch ein Ziel und zwar der rettende Bahnhof – wenn es damals schon die Bahn gegeben hätte, wären viele Römer doch mit dem Leben davon gekommen.
Die letzte Bahn nach Perugia ging kurz vor 22.00 Uhr, das hatte ich mir notiert und zwar auf einen Zettel, denn ich gehöre zu den wenigen Menschen, die kein Handy haben.
Noch ein biss­chen durch­ge­fragt und nach einigem Suchen im Dunkeln stand ich wieder vor dem rettenden Bahnhof, von dem man gar nicht annehmen würde, dass es ein Bahnhof im herkömm­li­chen Sinne ist, es sieht eher aus, wie ein normales Wohnhaus.
Hier schaute ich auf meinen Schrittzähler… 

47.21 km, 568 Minuten und ca. 66.000 Schritte

…kaum zu glauben, eine Strecke von Dortmund nach Soest.
Ein biss­chen stolz war ich dann doch auf mich, aber die Tat ist alles, der Ruhm nicht, wie Goethe zu schreiben pflegte.

Es ist schon inter­es­sant, was italie­ni­sche Bahnhöfe von deut­schen unter­scheidet :
auf deut­schen ist man ja oftmals froh, wenn man davon weg ist, doch hier ist es bis in die späten Abendstunden ein Treffpunkt für die älteren Bewohner des Ortes, die hier auf dem Bahnsteig Karten spielen.
Nach Karten spielen war den römi­schen Truppen sicher nicht zumute, denn sie hatten ihre Karten schon verspielt.
Nach der Rückfahrt nach Perugia, war ich noch nicht im Hotel, ich erwähnte es ja schon, dass die Städte, so auch Perugia, auf dem Berg liegen.
Wenn man den Bahnhof verläßt, denkt man erst, man wäre in Hagen-​Haspe.
Eine halbe Stunde brauchte ich noch, bis ich im histo­ri­schen Zentrum Perugias war.
Ich weiss gar nicht mehr, wie schnell ich meine Wanderschuhe im Hotel ausge­zogen habe, um unter die Dusche zu stürzen und dann ins Bett zu fallen, dass hätten die Römer damals sicher auch gerne getan…
Aber, der Wille ist die Urkraft im Universum, wenn sich aller­dings die Mensch nur bekämpfen…
tja, durch Eintracht wachsen die kleinsten Dinge, durch Zwietracht zerfallen die größten
Mit diesen Gedanken im Kopf, endete meine Umrundung des Trasimenischen Sees mit dem Weitenrekord bei der zweiten Etappe.

Was lernen wir daraus : 

             “Der Wille ist die Urkraft im Universum”                                                                  (Schopenhauer)


* weitere Fotos zum Trasimenischen See in meiner Bildergalerie Italien


(HerrRothWandert)

 


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