Die Rhone hoch (Okt. 2014)

                         “Operation AV

Wie ich schon vormals erwähnte, steht als Wagner-​Purist das Werk Richard Wagner im Zentrum meiner geis­tigen Welt.
Dadurch bin ich schon – immer auf den Spuren des “Meisters” – durch ganz Europa gereist, an die Orte, wo Wagner gewirkt hat oder die Ideen seiner genialen Werke hatte.

                               O  R  A  N  G  E

besitzt, wie viele andere Städte in der Provence ein gut erhal­tenes Amphitheater.
Man war ja in frühen Jahren in vielem der heutigen Zeit weit über­legen – die Sitzanordnung ist die beste von allen, da die opti­male Optik mit dem Blick auf die Bühne und die opti­male Akustik gewähr­leistet ist – warum man Opernhäuser heute nicht nach diesem Prinzip baut, ist unver­ständ­lich (?).
Wagner tat es in seinem mit Gottfried Semper selbst entwor­fenen  Festspielhaus.
In dem Amphitheater in ORANGE findet jähr­lich ein Opernfest statt (Chorégies d’Orange) und das seit  Urzeiten.
Als die Welt noch in Ordnung war, nämlich 1973, wurde dort auch das opus  metha­phy­sicum, nämlich WagnersTristan und Isolde”  mit Birgit Nilsson als IsoldeJon Vickers als Tristan aufge­führt – wie heißt es : 

Wer Tristan verstanden, ist zum wagne­ria­ne­ri­schen Glauben bekehrt!”

Als ich dann Isoldes Schlussgesang im Finale, den soge­nannten Verklärungs-​Schluss (Tristan-​Schluss) im Internet von 1973 sah, wusste ich …  “… da muss ich hin !
Da nun Birgit Nilsson und Jon Vickers schon längst tot sind, so lebt natür­lich eins, und das für alle Ewigkeit, und zwar das Werk Richard Wagners.
Trotzdem hat eins die ganzen Jahrhunderte über­standen und zwar das 

                       Théâtre antique d’Orange

Bis 2014 war mir die PROVENCE nur vom Namen her bekannt, wogende Lavendelfelder, traum­hafte Orte, schmale Gassen, VanGogh .…

AVIGNON ist eine Stadt, wie aus dem Bilderbuch, alte Baudenkmäler, Altstadtgassen, lauschige Plätze unter Platanen und vor allen Dingen, Kunstschätze für erschwing­li­ches Eintrittsgeld.
Der erste Eindruck, den ich nach dem Verlassen des Bahnhofs an dem sonnigen Oktobertag von Avignon hatte, war über­wäl­ti­gend. Die Stadtmauer ist komplett erhalten, zwischen 2 Wehrtürmen führt schnur­ge­rade die Hauptmeile Rue de la République von Platanen gesäumt zum Herz der alten Papststadt, dem Place de l´Horloge und von hier aus gehen die Gassen der Altstadt wie Adern Richtung Papstpalast (Palais des Papes).
Ausserdem ist Avignon die Stadt der Theater, da sie über 30 Theater beher­bergt, manche nur so groß wie eine Garage.

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Stadt der Theater

Der erste Eindruck zählt, somit stürzte ich mich im Hotel ange­kommen sofort unter die Dusche und dann sofort in die Gassen der Altstadt.
Die Atmosphäre einer Stadt ist für mich immer das Wichtigste.

Da bei mir jede Reise einen Namen bekommt, lief das ganze unter dem Decknamen “Operation AV”.  
Dieses sollte nicht nur einen Besuch von Avignon zum Inhalt haben, sondern noch einiges mehr.
Die 17stündige Hin- und Rückfahrt vom Hbf. in Dortmund sollte man aller­dings  ausklam­mern, war auch nur ein Versuch.
Ein weiterer Teil war…

                                   VILLENEUVE-​les-​AVIGNON

…der Nobel-​Stadtteil auf der anderen Seite der Rhone mit dem Kastell Fort Saint-​André, dem Sommersitz der Päpste.
Nun war es bereits Oktober, trotzdem ließen mich die Gassen von Villeneuve bei 27° C an meine Aufenthalte auf Capri erin­nern.

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Der Nobelvorort von Avignon

Der Kern der “Operation AV” sollte aller­dings eine Wanderung an der Rhone hoch nach ORANGE sein.

Nach zwei rausch­haften Tagen in Avignon und Villeneuve in den frühen Morgenstunden auf der anderen Rhoneseite los, vorbei am Wehrturm Tour Philippe le Bel, der einst geplant war als Endpunkt der berühmten Brücke von Avignon (Pont d’Avignon).
Aber was war nicht schon alles geplant …

In der Nacht hatte es geregnet, was sich aller­dings als positiv heraus­stellte, da dadurch die Tempe­ra­turen leicht gefallen waren.
Genau wie Küsten haben Wanderungen an Flüssen natür­lich den Vorteil, dass man sich um die Orientierung keine Gedanken machen braucht.

Der Strasse entflie­hend, gibt es auf dieser west­li­chen Rhoneseite nur eine Alternative, die Strecke anzu­gehen, und die ist natür­lich der Weg am Fluss entlang … klar, hört sich gut an. 

Der Haken war aber der, dass der deich­ähn­liche Weg mit dicken Kieselsteinen belegt war, damit bei Hochwasser hier nicht alles wegge­schwämmt wird.
Keine Fußsohlenreflex-​Massage hätte besser sein können, als die ersten 20 km auf diesem dickem Kiesel. 
Die Strecke an der Rhone ‘gen Norden bis ROQUEMAURE  war auf der einen Seite wie Sonntags Brötchenholen, flachweg zwischen Fluss und Feldern, ande­rer­seits merkte ich irgend­wann meine Füße nicht mehr.

Die D976 führt über die Rhone und direkt nach ORANGE.
Die Brücke musste erst einmal frei gehalten werden, weil eine große Anzahl von Fahrrädern kam, es muss ein Rennen gewesen sein, aber egal ob zu Fuss oder mit dem Rad, hat hier alles einen großen Charme, ob die Städte oder die Landschaft, was ich ein Jahr später in AIX en PROVENCE noch stärker zu spüren bekam.
Die letzten 5 Kilometer zogen sich in die Länge, auch wenn es bei mir erst ab 40 km inter­es­sant wird…
Das “Objekt der Begierde” war nicht mehr weit, doch sackte ich leicht ab, jeder kennt sich selbst am besten – wie man sagt, eine Tankstelle liess mich zwar fluchen über den hohen Preis des Getränkes, trozdem war es das erste nach vier­ein­halb Stunden, was ich zu Trinken bekam.
So langsam zeigten sich nach einer weiteren halben Stunde die Randbezirke von Orange.
Wieder einmal die Struktur, bei dem das Historische umgeben ist von Neubauten.
Doch so langsam zeigten sich die roman­ti­schen Häuser in türkis oder eierschalenfarben- gelb.

Die Farben der Provence

Seitlich sah ich schon die riesige Mauer des Amphitheaters.  Ich hatte mir im Vorfeld drei Hotels im Altstadtbereich ausge­sucht, eines wollte ich als erstes aufsu­chen, was ich dann auch tat. 

Zuerst natür­lich wieder  “do you have a room  for me and how much did it cost ?
Mit dem “…did it cost ?” ist es in der Provence so, dass die Hotels ziem­lich teuer sind, aller­dings ein Zwei-​Sterne-​Hotel eher als Drei-​Sterne-​Hotel zu bezeichnen ist.
Das traum­hafte kleine Hotel lag direkt neben dem in den Felsen  herein gebauten Theater.

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Romantisches Hotel

Erst einmal nach der Dusche in die traum­haften Gassen dieses leicht verschla­fenden Nestes in der Provence gestürzt – der erste Eindruck ist immer der wich­tigste, auch wenn ich alles mal wieder lange vorbe­reitet hatte, ist es doch anders, aber diesmal noch besser, als ich es vermutet hatte.
Lauwarmer Abend (Oktober!), kleine Gassen, kleine lauschige Plätze mit Platanen umgeben, alles etwas kleiner und dörf­li­cher als in Avignon.
Ich fragte mich, wo die 9.000 Menschen, die damals Wagners Opus gefolgt sind, die Nacht verbracht haben, denn Orange hat höchs­tens 3–4 kleine Hotels im histo­ri­schen Kern ?

Am nächsten Morgen dann aber endlich ins Amphitheater und als erstes an die Bühne, auf die ich meine Kamera legte, um die Perspektive hinzu­kriegen, die damals Birgit Nilsson im Schlussgesang der Isolde  (“Mild und leise, wie er lächelt .…”) hatte, die soge­nannte Verklärung Isoldes als Finale von Wagners Tristan unter dem Dirigat von Karl Böhm.
Das Foto nannte ich dementspre­chend “Die Bretter, die die Welt bedeuten” .

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Die Bretter, die die Welt bedeuten

Es ist schon beein­dru­ckend  zu sehen, wie man in frühen Jahren Bauwerke ohne die tech­ni­schen Möglichkeiten der heutigen Zeit aus dem Boden gestampft hat.
Die Amphitheater waren ja gar nicht für konzer­tante Aufführungen gedacht, weil es zu der Zeit der Römer noch gar keine Instrumente gab … außer einem Instrument, nämlich der mensch­liche Stimme.
Und somit spielt natür­lich der Chor auch in Wagners Werk eine große Rolle, was von Schiller und von Nietzsche auch erkannt worden ist (“Die Bedeutung des Chores in der grie­chi­schen Tragödie” – “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”).

Orange 46 (©)Das Orchester wird aller­dings in einem Halbkreis vor die Bühne plat­ziert, sodass der Klang gegen die 36 Meter hohe Mauer prallt und von da zurück Richtung Zuschauer.
Wenn man bedenkt, dass die Stufen des Theaters in den Felsen herein­ge­hauen worden sind, dann möchte man nicht wissen, wieviele Menschen hier geschwitzt und geschuftet haben, um das Theater zu bauen. 

 

 

Eines darf nicht fehlen :
Bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung einen Tag später statt”

Tja, die klima­ti­schen Veränderungen machen auch vor Wagner keinen Halt.
Genau, wie man die Inflation nicht leugnen kann, denn 1973 kostete eine Eintrittskarte der teuren Preiskategorie viel­leicht 10 Deutsche Mark, während man heute unter 200 € gar nicht rein­kommt.
Tja, früher war eben alles besser !

Auf einem Luftbild im Internet kann man auch genau erkennen, dass eine Menge der  Plätzen bei heutigen Aufführungen leer sind, während damals über 9.000 Menschen nach den letzten Klängen des wogenden Orchesters unter Karl Böhm in Jubel ausbra­chen.
Der Unterschied ist einfach der, dass so etwas damals ein Ereignis war, während heute alles im niveau­losen Massenkommerz unter­geht.
Mit dem Schlussgesang aus Wagners Tristan und dem wogenden rausch­haften Klängen im Ohr, machte ich mich dann auf den Weg zum leicht ausser­halb der Altstadt liegenden Bahnhof, um meine Rückfahrt nach Avignon anzu­treten, um die “Operation AV  abzu­schliessen, und das bedeu­tete zwei Tage später die 17stündige Rückfahrt Richtung Heimat, die auch Wagners Heimat war.

Was lernen wir daraus

                                 “Früher war alles besser”


* Opernfest Orange (Choregies d’Orange)

* Fotos zum Provence-​Ort Orange in meiner Bildergalerie Frankreich 


(HerrRothWandert)

 

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4 Gedanken zu „Die Rhone hoch (Okt. 2014)“

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