Blutwunder Neapel (Sept. 2012)

                                “Wahn oder Wahrheit”

  “Die Zeit ist vorbei, wo die Kirche das Monopol des Nachdenkens besaß…”
                                (Fr. Nietzsche, “Die Fröhliche Wissenschaft”)

Es gibt zwei Dinge, die immer wieder die Geister der Menschen anregt, und das sind Legenden und Aberglaube (als Gegenpol zum Glaube).

Friedrich Nietzsche
war ja nun ein ziem­lich strikter Gegner der Kirche und des Christentums – in seinem “Der Antichrist” geht dieses schon in Beschimpfungen über, die sogar denje­nigen erschre­cken, der kein Christ ist.

Somit wollte man ihn nach seinem Tode im Jahr 1900 in Weimar von Seiten der Kirche nicht kirch­lich bestatten…

Die Villa Silberblick, wo Nietzsche in geis­tiger Umnachtung (Progressive Paralyse) in den pfle­genden Händen seiner Schwester am 25. August 1900 starb, ist schon einen Besuch wert.

Nietzsche-​Archiv Weimar (2003)

Als ich im Jahr 2007 in dem kleinen Dorf Röcken bei Lützen unter­halb von Leipzig im dichten Schneetreiben an seinem Grab stand, dachte ich, “…na, was hat das alles gebracht?”
So viel Flucherei auf die Kirche und dann doch noch bestattet…

In den “Die Fröhliche Wissenschaft” aus dem Jahre 1882  widmet Nietzsche jemand anderem das “4. Buch”

…und das ist der heiligen  SANCTUS JANUARIUS  (San Gennaro).

…der Märtyrer, der im Jahre 305 n.Chr. in Pozzuoli west­lich von Neapel enthauptet wurde.
Klingt nicht ganz unge­wöhn­lich, das hat es in der Geschichte ja schon oft gegeben – nur hierbei soll eine Frau das Blut des Heiligen direkt nach seinem Tode in einer, bzw. zwei Ampullen aufge­fangen haben, die heute in den Katakomben (Barock-​Kapelle) des Domes von Neapel ruhen (und zwar in getrock­neter Form).
Im Jahre 313 sollen die Gebeine und die Ampullen nach Neapel gebracht worden sein. 
Klingt auch noch ganz verständ­lich…

Nun gibt es jedes Jahr am 1. Mai und vor allem am 19. September ein Ereignis, was nicht so ganz gewöhn­lich ist, denn an diesen Tagen wird das getrock­nete Blut des Heiligen aus den Katakomben durch den Erz-​Bischof vor den Zuschauern und “Gläubigen” in den Dom geholt und langsam werden die, in einer ring­för­migen Halterung befind­li­chen fest verschlos­senen Ampullen, hin- und her bewegt.
Klingt wiederum nicht unge­wöhn­lich…

Neapel 25
Das Blut des Heiligen (Postkarte)

Doch dann passiert etwas, was sehr unge­wöhn­lich ist…
…das Blut verflüs­sigt sich (oder nicht).

Der neben dem Bischof stehende Laienbeobachter schwenkt bei erfolg­rei­cher Verflüssigung sein Taschentuch, als Zeichen für die bangende Menschenmenge, dass alles gut ist.
Die Glocken des Domes läuten und die Menge atmet bei dieser feier­li­chen Prozession auf vor Erleichterung und der Applaus dröhnt los.

Und das alles hat einen Namen, nämlich das…

                                 Blutwunder von Neapel

Bei erfolg­rei­cher Verflüssigung geht alles in Neapel seinen gewohnten Gang weiter, doch wenn es hart bleibt und nicht flüssig wird, dann kommt eine große Katastrophe auf die Stadt zu.
Und dieses “Blutwunder” ist seit dem Jahr 1389 bezeugt und wird an den beiden besagten Tagen in einer Art Stadtfest wieder­holt.
Die Protokollführung des “Blutwunders” ab dem Jahre 1649 zeigt immer wieder Verflüssigung auch außer­halb der beiden Tage.

Jetzt ist natür­lich die Frage, hat es sich eigent­lich schon einmal nicht verflüs­sigt (?).
Ja,…denn im Jahre 1980 war dies vor den betrübten Augen der gespannten Zuschauer der Fall, und in diesem Jahr traf Neapel ein schweres Erdbeben.

Jetzt sagen die einen, alles Quatsch und die anderen schwören darauf.
Faktum ist, dass ein Chemie-​Kurs der Mittelstufe eines Gymnasiums ohne Schwierigkeiten eine Mixtur aus Naturprodukten wie Eierschalenkalk, etwas Staub und roter Flüssigkeit herstellen kann, was in einem gelee­för­migen Zustand bei Stillstand verfällt und bei Bewegung (oder Wärmezufuhr) sich verflüs­sigt.
Und diese Stoffe waren schon zum Zeitpunkt des Todes des Heiligen bekannt und vorhanden.
Die Aufforderungen von Kriminalbiologen, die Ampullen zu öffnen, werden bis heute dras­tisch abge­lehnt, aus Rücksicht und Pietät vor dem Heiligen.

Dies alles klingt als Gegenpol zu dem kirch­li­chen Glauben nicht schlecht, vor allem für so einen Christenhasser wie Nietzsche, denn Aberglaube ist besser, als gar kein Glaube.

Hier sei wiederum Nietzsche zitiert :

Die hohen Menschen unter­scheiden sich von den niederen dadurch, dass sie unsäg­lich mehr sehen und hören und denkend sehen und hören – und eben dies unter­scheidet den Menschen vom Tiere und die oberen Tiere von den unteren. Die Welt wird für den immer voller, welcher in die Höhe der Menschlichkeit hinauf­wächst…” 
                               (“Die Fröhliche Wissenschaft”, 4. Buch)

Es ist natür­lich die Frage, was Nietzsche unter “Menschlichkeit” versteht und ob die Kirche (und das Christentum) wirk­lich so unmensch­lich ist (wie er meinte).
Darüber kann man natür­lich streiten…

Das könnte man dadurch inter­pre­tieren, indem ich mich einmal wieder selbst zitieren :
Man muss das sehen, was andere nicht sehen, …denn die wahre Welt fängt da an, wo man aufhört sie zu sehen…”
Klingt schon leicht meta­phy­sisch.

Nun habe ich irgend­wann, nachdem ich alle Hauptwerke Nietzsches bis zu viermal gelesen hatte, mich von seinem radi­kalen Denken, was oftmals schon wirr ist und sich selbst wider­spricht, leicht abge­wandt.
Dies hat aber auch den Grund der ca. 7.000 Seiten eines anderen, der bei mir im innersten Zirkel steht, und das ist Arthur Schopenhauer.
Denn um so mehr Schopenhauer, um so weniger
Nietzsche.

Trotz aller Philosophie hatte ich im Jahre 2012 meinen zweiten Aufenthalt in Neapel so gelegt, dass der 19. September mit seinem “Blutwunder” in diese Zeit fiel.
Zurückgekehrt von der Wanderung an der Amalfiküste, schritt ich am kommenden Morgen gespannt und schon leicht inner­lich erregt von meinem Hotel in der Altstadt Richtung Dom (Santa Maria Assunta).

Stadtfest zu Ehren des San Gennaro (2012)

Das Stadtfest zu Ehren des Stadtpatrons San Gennaro (Sanctus Januarius) war schon seit den frühen Morgenstunden in vollem Gange.
Die Via Duomo war für den Autoverkehr gesperrt und alles war über­füllt mit Verkaufsständen mit Süßigkeiten, Maiskolben und Utensilien des Heiligen Gennaro in einer Art volks­fest­ar­tigem Ritual.

…na ja, das hilft dem Enthaupteten auch nicht mehr…”, dachte ich beim Betrachten des ganzen Spektakels.

Schnellen Schrittes hatte ich eigent­lich nur ein Ziel, und zwar einen guten Platz im Dom zu ergat­tern.
Es waren noch einige wenige Stühle im über­füllten Dom im Seitenbereich frei, sodass ich wenigs­tens erst einmal sitzen konnte.
Die Bandscheibe macht mir seit einigen Jahren doch schwere Probleme, da ist das Sitzen auch keine gute Lösung, aber trotzdem…
Von den Gebeten in eksta­ti­scher Form von Frauen in den ersten Reihen begleitet, kam langsam Spannung auf.
Und da viele der Menschen vor mir aufstanden und sich reckten, stand ich natür­lich auch auf, in der Hoffnung etwas zu sehen, auch wenn sich das Ganze noch mindes­tens eine halbe Stunde hinzog.

Kampanien 2013
(Der leere) Dom von Neapel (entnommen Wikipedia.org)

Als ich mich umdrehte, war auf einmal mein Stuhl verschwunden, eine ältere Dame hatte ihn dreist ergriffen, um es sich gemüt­lich zu machen…
Davon ließ ich aller­dings nicht den eigent­li­chen Grund meines Wartens aus den Augen.

Gegen 13:00 Uhr kam die Stunde der Wahrheit, der Erz-​Kardinal schritt in Begleitung von zwei Priestern in die Katakomben, um das Blut zu holen. Jetzt wurde es ganz ruhig im restlos über­füllten Dom…

Mit einem gekrönten Stab, der im oberen Bereich einen Ring hat, indem die beiden Ampullen hinter Glas sind, schritt er in Richtung Altar.
Nach kurzer Zeit des Hin- und Her-​Bewegens ergriff der neben ihm stehende Priester sein Taschentuch und gab durch Winken das Zeichen, dass das Wunder einge­treten sei.

Alle brachen in Jubel und Applaus aus, die Freude kannte keine Grenzen, es läuteten die Glocken und ein gewisses Aufatmen ging durch die erregte Masse.

…na, Gott sei Dank…!”, dachte ich.

Im Folgenden schritt der Priester hinter einer Absperrung mit dem Stab und den Ampullen vor den Augen der Zuschauer her und zeigte ihnen von Nahem die Verflüssigung.

Als sich alles ein biss­chen aufge­lo­ckert hatte, ging auch ich näher heran und sah mir einen kurzen Moment das wirk­lich flüs­sige Blut an. 
Man konnte die Ampullen jetzt auch noch küssen, was aller­dings (für mich) zu weit geführt hätte.
Der Stab mit den Ampullen bleibt nun mehrere Tage unver­hüllt nahe dem abge­sperrten Altar stehen, wenn draußen weiter gefeiert wird.

Mit leicht klop­fenden Herz, aber doch erleich­tert, stürzte ich mich auch in die Menge vor dem Dom, denn Feiern können die Italiener ja…

Jetzt ist natür­lich die Frage, was passiert wäre, wenn das Blut sich nicht verflüs­sigt hätte …(?), aber dies hatte ich an den Tagen meines zweiten Aufenthaltes in Neapel verdrängt…

Was lernen wir daraus :

         “Die wahre Welt fängt immer da an, wo man
aufhört sie zu sehen”


* Nietzsche-​Archiv Weimar
  (https://www.klassik-stiftung.de/einrichtungen/museen/nietzsche-archiv/)


(HerrRothBesucht)

 

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3 Gedanken zu „Blutwunder Neapel (Sept. 2012)“

  1. ich lese immer wieder gerne solche Berichte, befreit es mich doch davon, das alles selbst zu recher­chieren (warum das Rad immer wieder selbst erfinden, wenn es andere schon getan haben). 

    Das Blutwunder in seiner jähr­li­chen Wiederkehr hat ja so etwas vom legen­dären Groundhog-​Day. Die Menschen brau­chen einfach solche Rituale, scheint es, um sich zu orien­tieren. Das galt früher genau wie heute. 

    In diesem Sinne, knüpfe ich an ein weiteres Ritual und sage : Wanderer, kommst Du bei diesem Blog vorbei, vergiss nicht der http://www.wegsite.net Deine Aufwartung zu machen. wir erzählen eben­falls, jeder halt auf seine Weise,

    1. Besten Dank, der Anlass zu diesem Beitrag war ja der, dass am 19.09. sich wieder das Blut gegen 13:00 h verflüs­sigt hat.
      Bei meinem Besuch 2012 war es schon richtig span­nend…
      Das Ganze ist natür­lich nur dafür da, die Masse suggestiv zu lenken (einmal kritisch gesagt), trotzdem ist es nicht klar, ob es wirk­lich das Blut ist oder nicht.
      2012 war es flüssig, dies kann ich bezeugen, weil ich es aus nächster Nähe gesehen habe.
      Wenn ich demnächst etwas schreibe zum Thema “Gründe zum Reisen” werde ich auf Ihre wegsite (“9 Gründe”) gerne hinweisen.
      herr­ro­thwan­dert­wieder

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