Bahia-​Palast Marrakesch (Dez. 2016)

                  “Der Traum von einem eigenem Harem”

Wie man dem obigen Bild entnehmen kann, ging es Frauen in frühen Jahren nicht immer so gut wie heute.
Die Zeit des Harems in der orien­ta­li­schen Welt ist ja zum größten Teil vorbei.
Doch zieht es viele an die Stätten, wo einst die Lust regierte, dies ist nicht unbe­dingt nur das Topkapi-​Serail in Istanbul, was jedem bei diesem Thema einfällt, sondern auch andere Orte früherer Männer-​Herrschaft.
Und einer davon ist der.…

Palais de la Bahia  in  Marrakesch.

Zur Erläuterung :
Der Palais de la Bahia (قصر الباهية) liegt in südli­chen Teil der Medina am Nordende der Mellah, dem jüdi­schen Viertel, das zum Schutz seiner Bewohner übli­cher­weise in der Nähe der Machthaber lag.

Erbaut wurde diese riesige Anlage ca. von 1859 bis 1873 und wurde um 1900 abge­schlossen.
Den ältesten Gebäude-​Trakt ließ Si Moussa, ein Berater des dama­ligen Sultans, in den 1860er Jahren errichten.
Der zweite Bauabschnitt wurde durch den Sohn Si Moussa Ahmed Ba, Großwesir von Sultan Moulay Abd al-​Aziz (reg. 1894–1908) geführt, was man in die Jahre 1840 bis 1900 legen kann.
Die gesamte Palastanlage wurde erheb­lich erwei­tert, vor allem durch einen traum­haften Garten (Jardin de la Bahia), einen Hamam (Badeanstalt) und einer Moschee.
Hierbei wurden wie oft in der Geschichte, die besten Handwerker, Künstler und Bildhauer des Landes, vor allen Dingen aus Fès geholt.
Materialien für die Dekoration des Palais Bahia kamen aus ganz Nord-​Afrika bis hin zu italie­ni­schen Marmor aus Carrara.

Es gibt im Palast keine archi­tek­to­ni­schen Ordnungsprinzipien und durch­ge­hende Achsen bei diesem schon fast 8 Hektar großen Komplex.
Dies hat wahr­schein­lich den Grund, dass es in verschie­denen Bauphasen erstellt wurde und in der zweiten Bauphase auch durch ummau­erte Gärten, Pavillons und Gebäude, die verschie­dene Maßstäbe hatten, erwei­tert wurde.

Helle Innenhöfe

Die Baukunst des Palastes erin­nert an den andalusisch-​maurischen Stil der Prunkbauten Sevillas und vereint viele Merkmale isla­mi­scher Baukunst.

Unverzichtbar sind bei diesen Palästen die hellen Innenhöfe, die mit Marmor, Keramikkunst und der marok­ka­ni­schen Mosaikkunst Zellig gestaltet sind.
Was einem bei anderen Palästen schon oftmals über­trieben prächtig erscheint, zeigt sich im Marmor-​Innenhof des Bahia-​Palast in Marrakesch (entstanden 1896/​97) schon eher einfach und leer, mit einer in Zellig reich gestal­teten Brunnenanlage aus bunten Fliesen oder Fayence, was soviel bedeutet, wie kunst­hand­werk­lich herge­stellte Keramik (man lernt doch nie aus).
Dieser Begriff leitet sich sogar von dem italie­ni­schen Ort Faenza in der Emilia Romagna ab, der auf halber Strecke zwischen Bologna und Rimini Richtung Adria liegt.
Trotz meiner Italien-​Begeisterung, wusste ich dies bis vor kurzem auch noch nicht.
Aber man merkt, wie sich alles zusam­men­fügt – italie­ni­sche Marmorkunst in Marrakesch, isla­mi­sche Baukunst bis nach Sevilla und Keramik-​Kunst aus der Emilia Romagna in Ober-​Italien.

Kunstwerke aus Marmor, Keramik und Fliesen

Sehr beein­dru­ckend ist der 50 x 30 Meter messende, von Holzkolonnaden umringte Ehrenhof, von dem die weit­läu­figen Räumlichkeiten und Zimmerfluchten abführen.
Zur Erläuterung für die, die kein kleines Latinum haben :
Eine Kolonnade ist ein Säulengang (latei­nisch columna – Säule), der im Unterschied zur Arkade ein gerades Gebälk besitzt.
Somit sieht man a poste­riori, dass sich die Qualen des Lateinunterrichtes in der Sekundarstufe I. doch gelohnt haben.

Farblich dezent gestal­tete Holzkolonnaden

Der wahre Reiz der marok­ka­ni­schen Baukunst liegt im Detail.
Die Farbenspiele des Glases der Fenster erin­nert schon an die Chagall-​Fenster der Kathedrale Saint-​Étienne in Metz, die ich an der Seite meines Vaters in frühen Jahren bei Frankreich-​Touren bewun­dert habe.
Der Blick durch die bunten Fenster des Bahia-​Palastes in die Gartenanlage hinaus, lässt schon krea­tive Phantasien aufkommen.

Erinnerungen an Chagall

Um die farbig bemalten Holzportale, die detail­liert geschnitzten Zedernholzdecken, die phan­ta­sie­vollen Mosaike und aufwen­digen Stuck-​Verzierungen, auf sich wirken zu lassen, braucht man Zeit, die ich mir im weih­nacht­li­chen Marrakesch auch nahm.
Die deko­ra­tiven Motive, Materialien und Arabesken zeigen einen hohen Stand der Handwerkskunst dama­liger Jahre.

Geschnitzte Zedernholzdecken

Die zur Besichtigung heute frei­ge­ge­benen Räume sind alle unmö­bliert, was dadurch in meinem emotio­nalen Reisegedächtnis wenig Erinnerung hinter­ließ.
Trotzdem kann man sich bei der Bedeutung des Ortes in der Geschichte leicht vor Augen halten, wie hier einst Gesandte empfangen wurden, Feste gefeiert und Pläne geschmiedet wurden.

Gärten, die das Paradies symbo­li­sieren

Was eher haften bleibt, ist der bezau­bernde Garten mit Bananenstauden, Palmen, Jasmin, Springbrunnen und üppiger Natur.

Jardin de la Bahia

Dieser nimmt einen großen Teil der insge­samt 80.000 Quadratmeter umfas­senden Anlage ein und erin­nert an die anderen sehens­werten Gärten in Marrakesch, wie zum Beispiel der Jardin Majorelle oder der Jardin de Secret.

Zaubergarten

Er ist nicht nur vom Duft der Orangen und Zypressen erfüllt, sondern strahlt auch eine gewisse Ruhe im hekti­schen Treiben der Stadt aus.

Rosen in Marrakesch

Als nun die Stunde kam und der Großwesirs Bou Ahmed verschied, wurde der Komplex während der Protektoratszeit zum Sitz der fran­zö­si­schen Protektoratsverwaltung. 

Heute befindet sich der Bahia-​Palast im Eigentum des Königs.
Ein Großteil der rund 160 Zimmer kann besich­tigt werden, viele sind in ihrer orien­ta­li­schen Pracht kaum zu über­bieten.
Ein Teil des Palastes ist vom marok­ka­ni­schen Kulturministerium belegt.
Trotzdem herr­schen heute natür­lich hier nicht die Machthaber früherer Jahre, sondern die Touristen, die im sonst trubel­haften Marrakesch diesen Platz der Ruhe gerne aufsu­chen.

…wo ist denn hier das Harem ?

Um zum Anfangs erwähnten Thema des “Harems in der orien­ta­li­schen Welt” zurück­zu­kommen, sei zu sagen, dass es auch der Großwesirs Bou Ahmed war, der seinen männ­li­chen Geschlechtstrieb nicht unter­drü­cken konnte, denn der Palast soll (angeb­lich) nach seiner Lieblingsfrau benannt sein – Bahia heißt soviel wie “Die Glanzvolle” oder die “Die Strahlende”.
Keine schlechte Idee, seiner großen Liebe einen Palast zu widmen.
Allerdings soll Bou Ahmed hier mit vier Frauen und bis zu 80 Konkubinen (lat. concu­bi­natus – klingt schon fast wie coitus inter­ruptus) gelebt haben.
Da muss es ja in dama­liger Zeit im Palast schon heiß herge­gangen sein.
Eine Ausnahme für das Verbot außer­ehe­li­chen Geschlechtsverkehres bei Muslimen gewährt der Koran.
Eine sexu­elle Beziehung mit einer Sklavin, die sich im festen Besitz des Mannes befindet, ist nämlich erlaubt (nach meinem Wissen).
Das waren doch noch schöne Zeiten…

Als sich für mich nach mehr als zwei­ein­halb­stün­diger Besichtigung des Palast-​Komplexes dann doch kein Harem öffnete, zog ich wieder in den Trubel der hekti­schen Medina von dannen…
Ich sollte nächstes Jahr doch besser nach Thailand fliegen…


* Palais de la Bahia

  N° 52, Jemaa El Fna. Marrakech, Maroc
  contact@palais-bahia.com


* Chagall-​Fenster Metz

  http://www.art-perfect.de/marc_chagall_fenster.htm

 

sh. auch meine Bildergalerie Marrakesch


(HerrRothBesucht)

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